zu Matthäus 18,21–35
Es ist so weit. Es wird passieren. Bereits in den kommenden Tagen. Sicher in der nächsten Woche. Spätestens bis Ende Monat. Dann wird es passieren.
Ich zähle nämlich. Seit meine Kinder auf der Welt sind, mache ich jedes Mal, wenn ich ihnen vergebe — das umgeschüttete Glas, den Filzstift an der frisch gestrichenen Wand —, innerlich einen Strich. Und mein Kontingent ist fast aufgebraucht. Nächste Woche, spätestens Ende Monat, ist Schluss: Dann habe ich meinen Kindern zum letzten Mal vergeben, weil ich ihnen dann haargenau 490 Mal vergeben habe. Ab dann gilt: selber schuld.
Wer jetzt lacht und denkt, das kann nicht sein, hat natürlich recht. Und der bibelfeste Leser weiss natürlich, auf welche Zahl ich mich hier beziehe. In Mt 18 fragt Petrus Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Bis zu sieben Mal?“ Er meint es grosszügig; sieben Mal ist schon viel. Und Jesus sprengt die Zahl: nicht sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal. So übersetzen die meisten. Luther war das wohl zu wenig, sodass er mit „siebzigmal siebenmal“ übersetzt. Ob nun 77 oder 490 — beide Lesarten zielen auf dasselbe: auf eine Zahl, die sich dem Zählen entzieht. Und das ist dann mein Kontingent, das angeblich fast aufgebraucht ist — 490 Mal. Die Pointe meines Beispiels: Wer zählt, hat schon verloren bzw. nicht erfasst, worum es eigentlich beim Thema Vergebung geht. Die Zahl ist so gross, dass wir irgendwann aufhören mitzuschreiben. „Siebzig mal sieben Mal“ heisst nichts anderes als: immer wieder, ohne Ende.
Aber warum? Warum soll ich ohne Ende vergeben? Dieser Frage will ich in den folgenden Zeilen nachgehen. Doch bevor wir das tun, lohnt sich ein Blick darauf, was Vergebung überhaupt bedeutet. Lasst uns einen zentralen Aspekt der Vergebung betrachten, welchen den einen oder die andere überraschen wird.
Der erste Schritt: das Unrecht beim Namen nennen
Auf die Frage von Petrus erzählt Jesus eine Geschichte. Ein Bürger schuldet dem König 10’000 Talente. Der König erlässt ihm diese — nachdem er um Vergebung winselt. Frisch erlöst von seiner Schuld, fordert er direkt und unverblümt von seinem Mitbürger ausserhalb des Palastes 100 Denar. Als der König davon erfährt, macht er kurzen Prozess — lässt den undankbaren Bürger wegsperren und für seine Schuld zahlen. Etwas Merkwürdiges fällt bei dieser Geschichte auf: Sie ist voller Anklage. Der König will abrechnen, er fordert die Schuld ein. Und der Knecht, kaum selber begnadigt, packt seinen Mitknecht am Hals: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ Beide sagen dasselbe: Du schuldest mir etwas.
Und hier liegt ein zentraler und überraschender Aspekt von Vergebung: Vergebung fängt nicht mit Beschönigen an, sondern mit Benennen. Der König sagt nicht „ist schon nicht so schlimm“. Er stellt fest: Da ist eine Schuld. Und was für eine — zehntausend Talente.
Viele Menschen haben Mühe mit einem richtenden Gott. Und wie oft wird das Gottesbild des Richters gegen den gnädigen Gott ausgespielt? Doch hier zeigt sich: Gnade und Gericht sind kein Widerspruch. Denn Vergebung beginnt mit Richten — der Anschuldigung der bestehenden Schuld. Denn nur, was ich als wirkliches Unrecht anerkenne, kann ich überhaupt vergeben. Wenn ich sage „du hast es ja nicht besser gewusst“, „war doch nicht so gemeint“, „ist eigentlich gar nicht so schlimm für mich“ — dann vergebe ich nicht, dann rede ich die Dinge weg bzw. schön. Vergebende Menschen sind benennende Menschen: „Das tat weh. Das war nicht in Ordnung. Hier bist du an mir schuldig geworden.“ Diese ehrlichen Sätze, die Anschuldigung, m. a. W. das Benennen von Schuld, ist nicht das Gegenteil von Vergebung. Es ist ihr erster Schritt.
Hier zeigt sich, dass Vergebung nicht eine Sache von allzu netten Menschen ist. Denn sie beginnt mit dem herausfordernden Schritt, Missstände gerade auch in zwischenmenschlichen Beziehungen anzusprechen. Fordere ich damit, dass wir jede Verletzung dem andern ins Gesicht sagen? Nein. Manchmal ist das richtig und heilsam — die Klärung, die Aussprache. Manchmal aber ist der andere gar nicht mehr da, oder ein Gespräch würde nur neu verwunden. Dann gibt es ein stilles, ein „väterliches“ Vergeben, wie Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ So ist es aus Liebe heraus manchmal angezeigt, zu vergeben, ohne etwas anzusprechen. Und in anderen Situationen gilt es, das Gespräch zu suchen. Ich kann nicht abschliessend sagen, wann was dran ist. Ob in der Stille oder durch direkte Konfrontation — Vergeben nennt das Unrecht zuerst beim Namen, und sei es nur vor Gott.
Von diesem wichtigen Aspekt aus — dass Vergebung Anklage einschliesst — komme ich nun zur eigentlichen Frage: Warum sollen wir immer wieder aufs Neue vergeben?
Warum sollen wir immer wieder vergeben? Zwei Gründe
Warum soll ich immer wieder vergeben? Die Antwort ist so einfach wie unbequem: Weil nur, wer vergibt, selber Vergebung empfangen kann. Und das gilt auf zwei Ebenen: einer systemischen und einer psychologischen.
Zuerst zur systemischen.
Schauen wir zuerst, von welcher Summe die Geschichte überhaupt spricht. Den Wert von Talent und Denar kann man auf zwei Arten in heutiges Geld übersetzen: über den Tageslohn oder über den reinen Silberwert. Nehmen wir den Tageslohn. 10’000 Talente sind rund 60 Millionen Tageslöhne — mehrere Milliarden Franken, in 200’000 Jahren nicht abzuarbeiten. Die 100 Denar dagegen sind rund hundert Tageslöhne, je nach Lohn ein paar tausend Franken. Rechnet man über den reinen Silberwert, fallen die Beträge kleiner aus — grob einige hundert Millionen Franken gegenüber wenigen hundert Franken —, doch das Missverhältnis bleibt exakt dasselbe.
Wenn wir uns jetzt in die Situation des verschuldeten Bürgers versetzen: Ihm wurde gerade eine unvorstellbare Summe erlassen, und zugleich — geht man von 100 Tageslöhnen aus — sind ein paar tausend Franken jetzt auch gerade gar kein Geld. Vielleicht hat er sich gedacht: Was für ein Glückstag — meine Schulden bin ich los, und wenn ich jetzt noch zurückerhalte, was mir zusteht, habe ich mit ein paar tausend Franken sogar ein gutes Plus auf meinem Konto. Zentral ist hierbei, dass das Rückfordern der Schuld nichts anderes als gerecht ist. Die 100 Denar stehen ihm zu, und die ganze Rechtslage und das Wirtschaftssystem selbst bauen darauf auf, dass er diese legitim zurückfordern kann. Genau genommen tut der Knecht also nichts Falsches. Eine Schuld muss bezahlt werden; nach dem Mass der Gerechtigkeit ist sein Anspruch berechtigt.
Nur wurde ihm eben gerade vergeben. Er lebt — seit fünf Minuten — von der Gnade seines Schuldners – dem König. Indem er trotzdem auf seinem Recht besteht, wird diese Gnade zu einem Akt der Ungerechtigkeit. Mit seiner Forderung nach Gerechtigkeit macht er die Gnade des Königs nicht nur ungerecht, sondern unmöglich: Wir lesen in der Geschichte, wie Leute dem König berichten, dass der, dem gerade die Schuld vergeben wurde, selbst auf der Rückzahlung des ihm Geschuldeten besteht. Will der König verhindern, dass seine Autorität untergraben wird und sein Reich in Willkür verwildert, muss er selbst Gerechtigkeit walten lassen. Hier zeigt sich: Es gibt zwei Ordnungen, in denen man leben kann. Die erste heisst Gerechtigkeit: Jede Schuld muss bezahlt werden, Gleiches mit Gleichem. Die zweite heisst Gnade: Die Schuld wird erlassen. Der König tritt aus der ersten in die zweite hinüber. Er erlässt die Milliardenschuld. Er wählt die Gnade. Doch die fehlende Bereitschaft des Knechtes, diese Gnade weiterzugeben, zwingt den König zurück ins alte System — und der König tut genau das: Er wechselt zurück in die Ordnung, das System der Gerechtigkeit, und übergibt ihn den Wächtern, bis er alles bezahlt hat.
Die Pointe ist kein grausamer Gott. Sondern: Wir haben die Wahl, in welcher Ordnung wir leben wollen. Aber wir können nicht für uns selbst von der Gnade leben und von den andern zugleich das Recht einfordern. Wer die andern streng nach Recht behandelt, wählt — auch für sich selbst — das strenge Recht. Und das gilt nicht nur für den privaten Bereich unseres Lebens. Als Christenmenschen können und sollen wir Vergebung nicht auf das Private beschränken. Die Ordnung der Gnade ist keine Sonntagskleidung, die wir an der Kirchentür wieder ausziehen, um am Montag am Arbeitsplatz oder in der Politik zurück in die Ordnung des Rechts zu wechseln. Ob und wie auch Institutionen und Staaten Vergebung leben können, ist eine spannende Frage — ich kann und will sie hier nicht beantworten. Aber unser Auftrag ist es, in jedem Lebensbereich nach Wegen zu suchen, in der Ordnung der Vergebung zu leben. Denn jeden Sonntag beten wir: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wir bitten Gott, uns so zu behandeln, wie wir andere behandeln — uns in dem Masse zu vergeben, wie wir anderen vergeben. Dies ist nichts anderes als die Konkretisierung der vorausgehenden Bitte „Dein Reich komme“. Denn das Reich Gottes ist insbesondere eben diese neue Ordnung der Gnade. Diese Ordnung verbreitet sich dort, wo wir aufhören, die Schuld der andern einzufordern. Und zugleich wird dieses Reich Gottes dort zurückgedrängt, wo wir die Begleichung unserer zu Recht gestellten Forderungen einklagen.
Dies zeigt, warum rein systemisch betrachtet die Vergebung Gottes unsere eigene Vergebung bedingt. Dabei ist zentral, die Gnade ist immer zuerst da. Wir vergeben nicht, um sie zu verdienen — verdienen liesse sie sich ohnehin nie. Aber wer empfangene Gnade nicht weitergibt, verhindert ihre Entfaltung. Der König schenkt zuerst; erst das Festhalten des Knechtes macht das Geschenk wieder zunichte.
Die zweite Antwort: loslassen, um zu empfangen
Das ist die äussere, sehr mathematische Logik. Aber es gibt auch noch einen näheren, seelsorgerlicheren Aspekt — das, was ich zuvor die psychologische Ebene genannt habe. „Vergeben“ heisst wörtlich: loslassen. Aus der Hand geben. Und hier gilt ein merkwürdiges Lebensgesetz: Du bist so frei, wie du andere freilässt. Solange du festhältst, wirst du festgehalten. Denke an eine geballte Faust, die die Schuld des andern umklammert — es ist dieselbe Hand, die sich nicht mehr öffnen, die nichts mehr empfangen kann. Wer empfangen will, muss loslassen. Solange ich mich an der Schuld festhalte — so wie ich mich an einem Pfosten festhalte —, bin ich an die Schuld wie auch an den Pfosten gebunden. Ich kette mich selbst, indem ich nicht bereit bin loszulassen, freizugeben, zu vergeben.
Ähnlich, aber nochmals anders, verdeutlicht folgende Geschichte des Theologen Miroslav Volf, wie unsere Vergebung davon abhängt, dass wir bereit sind, anderen zu vergeben. Er erzählt von einer Freundin — nennen wir sie Esther. Als Esther neun Jahre alt war, wurde sie von ihrer Mutter verlassen. Die Mutter war alkoholkrank, die Familie schwieg. Mit Mitte zwanzig fasst Esther den Entschluss, ihre Mutter wiederzusehen. Sie reist in die kleine Stadt zurück, wo sie sich siebzehn Jahre zuvor von ihrer Mutter verabschiedet hatte, und klopft an die Tür. Ein bewegtes Wiedersehen. Am Abend nimmt Esther all ihren Mut zusammen — und bittet ihre Mutter um Vergebung. Dafür, dass sie sich all die Jahre nicht gemeldet hat. Die Mutter weint: „Natürlich vergebe ich dir, Esther.“ Und dann wartet Esther. Sie wartet darauf, dass nun die Mutter sie um Vergebung bittet — für das Verlassen, für die vielen gebrochenen Versprechen, dafür, dass Esther ohne Mutter aufwachsen musste. Das wäre ihr gutes Recht. Aber es kommt nichts. Stille.
Und in diesem Moment lässt Esther los. Sie steht auf, setzt sich ihrer Mutter zu Füssen, nimmt ihre Hände und sagt: „Mami, ich war als kleines Mädchen so verletzt und so traurig. Aber ich möchte, dass du weisst: Ich vergebe dir. Mein Leben ist trotz allem gut geworden — und ich vergebe dir alles.“
Da bricht es aus der Mutter heraus: „Es tut mir so leid“, sagt sie, wieder und wieder, und wiegt sich hin und her, die Tränen strömen. Und Esther versteht mit einem Mal: Die Scham ihrer Mutter war zu gross, zu hässlich, als dass sie ihre Schuld selber ans Licht hätte holen können. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, von dem Kind geliebt zu werden, das sie verlassen hatte. Erst als sie hörte, dass sie geliebt und vergeben ist — konnte sie bereuen, die Vergebung annehmen und so selbst um Vergebung bitten.
Volf sagt: Vergebung erzwingt die Reue nicht, aber sie macht sie möglich.[1] Das ist ein wichtiger Hinweis. Vergebung ist kein Automatismus, der immer zur Versöhnung führt. Was diese Geschichte zeigt: Esther lässt ihren berechtigten Anspruch los und wird selber frei — und genau dieses Loslassen ist es, das auch die Mutter frei macht. Hier zeigt sich die positive Abhängigkeit von Vergebung, empfangen und weitergeben: Indem uns vergeben wird, können wir anderen vergeben.
Doch das ist einfacher gesagt als getan. Vergeben fällt mir oft schwer — manchmal scheint es mir schlicht unmöglich. Genau deshalb schwingt für mich in der Bitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ noch ein zweites, leiseres Gebet mit: Hilf mir, so zu vergeben, wie du mir vergibst. Denn genau da liegt der Grund, warum Vergebung mir überhaupt möglich wird — weil Gott mir in Christus zuerst vergeben hat.
Warum wir vergeben können: Christus vergibt zuerst
Und hier sind wir am tiefsten Grund der Vergebung. Warum kann ich überhaupt loslassen? Wohin gebe ich das Unrecht? Als Christen haben wir eine Antwort: ans Kreuz.
Dort hängt einer, der selber verletzt, verlassen, unschuldig leidend ist. Und drei Dinge geschehen, wenn ich mein Unrecht dorthin loslasse. Ich begegne einem, der weiss, wie es ist — der selbst gerufen hat: „Warum hast du mich verlassen?“ Mein Schmerz ist verstanden. Ich gebe meinen Anspruch auf Gerechtigkeit aus der Hand — in Gottes Hand. Das Unrecht wird nicht übersehen; es wird dort getragen. Ich muss nicht länger der Richter sein. Und etwas verschiebt sich: Da leidet einer, den ich liebe — und aus dieser Liebe spüre ich: Es reicht. Genug der Rache.
Und genau hier liegt die Kraft, die mein eigenes Vergeben erst möglich macht. Ich muss die Gnade nicht aus mir selbst hervorbringen; ich gebe weiter, was ich zuerst empfangen habe. Miroslav Volf bringt es auf die knappste Formel: „Wir sollen vergeben, wie Gott in Jesus Christus vergeben hat.“[2] Nicht: wie Gott — als wären wir Gott, unerschöpflich und ohne Mass. Sondern: von Gott her, aus seiner Vergebung heraus. Meine Vergebung ist nicht die Quelle. Sie ist das Echo.
Darum vergeben wir nicht nur 490 Mal, sondern unendlich. Weil Gott auch bei uns nicht zählt. Weil er uns in Christus bereits unendlich vergeben hat. In diese Wirklichkeit der Gnade sind wir gerufen — in ihr dürfen und sollen wir leben.
Amen.
[1]Miroslav Volf, Free of Charge. Giving and Forgiving in a Culture Stripped of Grace, Grand Rapids: Zondervan 2005, S. 185: „Forgiveness does not cause repentance, but it does help make repentance possible.“ (Übers. C. G.)
[2]Ebd., S. 161: „We should forgive as God forgave in Jesus Christ.“ (Übers. C. G.)
Die Gedanken, die These und der Aufbau dieses Textes stammen von mir. Grundlage ist die Predigt vom 13.09.2026 in der Kirche Bühl zum Bibeltext Matthäus 18, 21-35. Für den sprachlichen Feinschliff und die Überarbeitung habe ich ein KI-Sprachmodell als Lektor und Gesprächspartner genutzt — verantwortet ist der Text von mir.

