„490 Mal“ – Über die Notwendigkeit der Vergebung

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zu Matthäus 18,21–35

Es ist so weit. Es wird passieren. Bereits in den kommenden Tagen. Sicher in der nächsten Woche. Spätestens bis Ende Monat. Dann wird es passieren.

Ich zähle nämlich. Seit meine Kinder auf der Welt sind, mache ich jedes Mal, wenn ich ihnen vergebe — das umgeschüttete Glas, den Filzstift an der frisch gestrichenen Wand —, innerlich einen Strich. Und mein Kontingent ist fast aufgebraucht. Nächste Woche, spätestens Ende Monat, ist Schluss: Dann habe ich meinen Kindern zum letzten Mal vergeben, weil ich ihnen dann haargenau 490 Mal vergeben habe. Ab dann gilt: selber schuld.

Wer jetzt lacht und denkt, das kann nicht sein, hat natürlich recht. Und der bibelfeste Leser weiss natürlich, auf welche Zahl ich mich hier beziehe. In Mt 18 fragt Petrus Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Bis zu sieben Mal?“ Er meint es grosszügig; sieben Mal ist schon viel. Und Jesus sprengt die Zahl: nicht sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal. So übersetzen die meisten. Luther war das wohl zu wenig, sodass er mit „siebzigmal siebenmal“ übersetzt. Ob nun 77 oder 490 — beide Lesarten zielen auf dasselbe: auf eine Zahl, die sich dem Zählen entzieht. Und das ist dann mein Kontingent, das angeblich fast aufgebraucht ist — 490 Mal. Die Pointe meines Beispiels: Wer zählt, hat schon verloren bzw. nicht erfasst, worum es eigentlich beim Thema Vergebung geht. Die Zahl ist so gross, dass wir irgendwann aufhören mitzuschreiben. „Siebzig mal sieben Mal“ heisst nichts anderes als: immer wieder, ohne Ende.

Aber warum? Warum soll ich ohne Ende vergeben? Dieser Frage will ich in den folgenden Zeilen nachgehen. Doch bevor wir das tun, lohnt sich ein Blick darauf, was Vergebung überhaupt bedeutet. Lasst uns einen zentralen Aspekt der Vergebung betrachten, welchen den einen oder die andere überraschen wird.

Der erste Schritt: das Unrecht beim Namen nennen

Auf die Frage von Petrus erzählt Jesus eine Geschichte. Ein Bürger schuldet dem König 10’000 Talente. Der König erlässt ihm diese — nachdem er um Vergebung winselt. Frisch erlöst von seiner Schuld, fordert er direkt und unverblümt von seinem Mitbürger ausserhalb des Palastes 100 Denar. Als der König davon erfährt, macht er kurzen Prozess — lässt den undankbaren Bürger wegsperren und für seine Schuld zahlen. Etwas Merkwürdiges fällt bei dieser Geschichte auf: Sie ist voller Anklage. Der König will abrechnen, er fordert die Schuld ein. Und der Knecht, kaum selber begnadigt, packt seinen Mitknecht am Hals: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ Beide sagen dasselbe: Du schuldest mir etwas.

Und hier liegt ein zentraler und überraschender Aspekt von Vergebung: Vergebung fängt nicht mit Beschönigen an, sondern mit Benennen. Der König sagt nicht „ist schon nicht so schlimm“. Er stellt fest: Da ist eine Schuld. Und was für eine — zehntausend Talente.

Viele Menschen haben Mühe mit einem richtenden Gott. Und wie oft wird das Gottesbild des Richters gegen den gnädigen Gott ausgespielt? Doch hier zeigt sich: Gnade und Gericht sind kein Widerspruch. Denn Vergebung beginnt mit Richten — der Anschuldigung der bestehenden Schuld. Denn nur, was ich als wirkliches Unrecht anerkenne, kann ich überhaupt vergeben. Wenn ich sage „du hast es ja nicht besser gewusst“, „war doch nicht so gemeint“, „ist eigentlich gar nicht so schlimm für mich“ — dann vergebe ich nicht, dann rede ich die Dinge weg bzw. schön. Vergebende Menschen sind benennende Menschen: „Das tat weh. Das war nicht in Ordnung. Hier bist du an mir schuldig geworden.“ Diese ehrlichen Sätze, die Anschuldigung, m. a. W. das Benennen von Schuld, ist nicht das Gegenteil von Vergebung. Es ist ihr erster Schritt.

Hier zeigt sich, dass Vergebung nicht eine Sache von allzu netten Menschen ist. Denn sie beginnt mit dem herausfordernden Schritt, Missstände gerade auch in zwischenmenschlichen Beziehungen anzusprechen. Fordere ich damit, dass wir jede Verletzung dem andern ins Gesicht sagen? Nein. Manchmal ist das richtig und heilsam — die Klärung, die Aussprache. Manchmal aber ist der andere gar nicht mehr da, oder ein Gespräch würde nur neu verwunden. Dann gibt es ein stilles, ein „väterliches“ Vergeben, wie Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ So ist es aus Liebe heraus manchmal angezeigt, zu vergeben, ohne etwas anzusprechen. Und in anderen Situationen gilt es, das Gespräch zu suchen. Ich kann nicht abschliessend sagen, wann was dran ist. Ob in der Stille oder durch direkte Konfrontation — Vergeben nennt das Unrecht zuerst beim Namen, und sei es nur vor Gott.

Von diesem wichtigen Aspekt aus — dass Vergebung Anklage einschliesst — komme ich nun zur eigentlichen Frage: Warum sollen wir immer wieder aufs Neue vergeben? 

Warum sollen wir immer wieder vergeben? Zwei Gründe

Warum soll ich immer wieder vergeben? Die Antwort ist so einfach wie unbequem: Weil nur, wer vergibt, selber Vergebung empfangen kann. Und das gilt auf zwei Ebenen: einer systemischen und einer psychologischen.

Zuerst zur systemischen.

Schauen wir zuerst, von welcher Summe die Geschichte überhaupt spricht. Den Wert von Talent und Denar kann man auf zwei Arten in heutiges Geld übersetzen: über den Tageslohn oder über den reinen Silberwert. Nehmen wir den Tageslohn. 10’000 Talente sind rund 60 Millionen Tageslöhne — mehrere Milliarden Franken, in 200’000 Jahren nicht abzuarbeiten. Die 100 Denar dagegen sind rund hundert Tageslöhne, je nach Lohn ein paar tausend Franken. Rechnet man über den reinen Silberwert, fallen die Beträge kleiner aus — grob einige hundert Millionen Franken gegenüber wenigen hundert Franken —, doch das Missverhältnis bleibt exakt dasselbe.

Wenn wir uns jetzt in die Situation des verschuldeten Bürgers versetzen: Ihm wurde gerade eine unvorstellbare Summe erlassen, und zugleich — geht man von 100 Tageslöhnen aus — sind ein paar tausend Franken jetzt auch gerade gar kein Geld. Vielleicht hat er sich gedacht: Was für ein Glückstag — meine Schulden bin ich los, und wenn ich jetzt noch zurückerhalte, was mir zusteht, habe ich mit ein paar tausend Franken sogar ein gutes Plus auf meinem Konto. Zentral ist hierbei, dass das Rückfordern der Schuld nichts anderes als gerecht ist. Die 100 Denar stehen ihm zu, und die ganze Rechtslage und das Wirtschaftssystem selbst bauen darauf auf, dass er diese legitim zurückfordern kann. Genau genommen tut der Knecht also nichts Falsches. Eine Schuld muss bezahlt werden; nach dem Mass der Gerechtigkeit ist sein Anspruch berechtigt.

Nur wurde ihm eben gerade vergeben. Er lebt — seit fünf Minuten — von der Gnade seines Schuldners – dem König. Indem er trotzdem auf seinem Recht besteht, wird diese Gnade zu einem Akt der Ungerechtigkeit. Mit seiner Forderung nach Gerechtigkeit macht er die Gnade des Königs nicht nur ungerecht, sondern unmöglich: Wir lesen in der Geschichte, wie Leute dem König berichten, dass der, dem gerade die Schuld vergeben wurde, selbst auf der Rückzahlung des ihm Geschuldeten besteht. Will der König verhindern, dass seine Autorität untergraben wird und sein Reich in Willkür verwildert, muss er selbst Gerechtigkeit walten lassen. Hier zeigt sich: Es gibt zwei Ordnungen, in denen man leben kann. Die erste heisst Gerechtigkeit: Jede Schuld muss bezahlt werden, Gleiches mit Gleichem. Die zweite heisst Gnade: Die Schuld wird erlassen. Der König tritt aus der ersten in die zweite hinüber. Er erlässt die Milliardenschuld. Er wählt die Gnade. Doch die fehlende Bereitschaft des Knechtes, diese Gnade weiterzugeben, zwingt den König zurück ins alte System — und der König tut genau das: Er wechselt zurück in die Ordnung, das System der Gerechtigkeit, und übergibt ihn den Wächtern, bis er alles bezahlt hat.

Die Pointe ist kein grausamer Gott. Sondern: Wir haben die Wahl, in welcher Ordnung wir leben wollen. Aber wir können nicht für uns selbst von der Gnade leben und von den andern zugleich das Recht einfordern. Wer die andern streng nach Recht behandelt, wählt — auch für sich selbst — das strenge Recht. Und das gilt nicht nur für den privaten Bereich unseres Lebens. Als Christenmenschen können und sollen wir Vergebung nicht auf das Private beschränken. Die Ordnung der Gnade ist keine Sonntagskleidung, die wir an der Kirchentür wieder ausziehen, um am Montag am Arbeitsplatz oder in der Politik zurück in die Ordnung des Rechts zu wechseln. Ob und wie auch Institutionen und Staaten Vergebung leben können, ist eine spannende Frage — ich kann und will sie hier nicht beantworten. Aber unser Auftrag ist es, in jedem Lebensbereich nach Wegen zu suchen, in der Ordnung der Vergebung zu leben. Denn jeden Sonntag beten wir: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wir bitten Gott, uns so zu behandeln, wie wir andere behandeln — uns in dem Masse zu vergeben, wie wir anderen vergeben. Dies ist nichts anderes als die Konkretisierung der vorausgehenden Bitte „Dein Reich komme“. Denn das Reich Gottes ist insbesondere eben diese neue Ordnung der Gnade. Diese Ordnung verbreitet sich dort, wo wir aufhören, die Schuld der andern einzufordern. Und zugleich wird dieses Reich Gottes dort zurückgedrängt, wo wir die Begleichung unserer zu Recht gestellten Forderungen einklagen.

Dies zeigt, warum rein systemisch betrachtet die Vergebung Gottes unsere eigene Vergebung bedingt.  Dabei ist zentral, die Gnade ist immer zuerst da. Wir vergeben nicht, um sie zu verdienen — verdienen liesse sie sich ohnehin nie. Aber wer empfangene Gnade nicht weitergibt, verhindert ihre Entfaltung. Der König schenkt zuerst; erst das Festhalten des Knechtes macht das Geschenk wieder zunichte.

Die zweite Antwort: loslassen, um zu empfangen

Das ist die äussere, sehr mathematische Logik. Aber es gibt auch noch einen näheren, seelsorgerlicheren Aspekt — das, was ich zuvor die psychologische Ebene genannt habe. „Vergeben“ heisst wörtlich: loslassen. Aus der Hand geben. Und hier gilt ein merkwürdiges Lebensgesetz: Du bist so frei, wie du andere freilässt. Solange du festhältst, wirst du festgehalten. Denke an eine geballte Faust, die die Schuld des andern umklammert — es ist dieselbe Hand, die sich nicht mehr öffnen, die nichts mehr empfangen kann. Wer empfangen will, muss loslassen. Solange ich mich an der Schuld festhalte — so wie ich mich an einem Pfosten festhalte —, bin ich an die Schuld wie auch an den Pfosten gebunden. Ich kette mich selbst, indem ich nicht bereit bin loszulassen, freizugeben, zu vergeben.

Ähnlich, aber nochmals anders, verdeutlicht folgende Geschichte des Theologen Miroslav Volf, wie unsere Vergebung davon abhängt, dass wir bereit sind, anderen zu vergeben. Er erzählt von einer Freundin — nennen wir sie Esther. Als Esther neun Jahre alt war, wurde sie von ihrer Mutter verlassen. Die Mutter war alkoholkrank, die Familie schwieg. Mit Mitte zwanzig fasst Esther den Entschluss, ihre Mutter wiederzusehen. Sie reist in die kleine Stadt zurück, wo sie sich siebzehn Jahre zuvor von ihrer Mutter verabschiedet hatte, und klopft an die Tür. Ein bewegtes Wiedersehen. Am Abend nimmt Esther all ihren Mut zusammen — und bittet ihre Mutter um Vergebung. Dafür, dass sie sich all die Jahre nicht gemeldet hat. Die Mutter weint: „Natürlich vergebe ich dir, Esther.“ Und dann wartet Esther. Sie wartet darauf, dass nun die Mutter sie um Vergebung bittet — für das Verlassen, für die vielen gebrochenen Versprechen, dafür, dass Esther ohne Mutter aufwachsen musste. Das wäre ihr gutes Recht. Aber es kommt nichts. Stille.

Und in diesem Moment lässt Esther los. Sie steht auf, setzt sich ihrer Mutter zu Füssen, nimmt ihre Hände und sagt: „Mami, ich war als kleines Mädchen so verletzt und so traurig. Aber ich möchte, dass du weisst: Ich vergebe dir. Mein Leben ist trotz allem gut geworden — und ich vergebe dir alles.“

Da bricht es aus der Mutter heraus: „Es tut mir so leid“, sagt sie, wieder und wieder, und wiegt sich hin und her, die Tränen strömen. Und Esther versteht mit einem Mal: Die Scham ihrer Mutter war zu gross, zu hässlich, als dass sie ihre Schuld selber ans Licht hätte holen können. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, von dem Kind geliebt zu werden, das sie verlassen hatte. Erst als sie hörte, dass sie geliebt und vergeben ist — konnte sie bereuen, die Vergebung annehmen und so selbst um Vergebung bitten.

Volf sagt: Vergebung erzwingt die Reue nicht, aber sie macht sie möglich.[1] Das ist ein wichtiger Hinweis. Vergebung ist kein Automatismus, der immer zur Versöhnung führt. Was diese Geschichte zeigt: Esther lässt ihren berechtigten Anspruch los und wird selber frei — und genau dieses Loslassen ist es, das auch die Mutter frei macht. Hier zeigt sich die positive Abhängigkeit von Vergebung, empfangen und weitergeben: Indem uns vergeben wird, können wir anderen vergeben.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Vergeben fällt mir oft schwer — manchmal scheint es mir schlicht unmöglich. Genau deshalb schwingt für mich in der Bitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ noch ein zweites, leiseres Gebet mit: Hilf mir, so zu vergeben, wie du mir vergibst. Denn genau da liegt der Grund, warum Vergebung mir überhaupt möglich wird — weil Gott mir in Christus zuerst vergeben hat.

Warum wir vergeben können: Christus vergibt zuerst

Und hier sind wir am tiefsten Grund der Vergebung. Warum kann ich überhaupt loslassen? Wohin gebe ich das Unrecht? Als Christen haben wir eine Antwort: ans Kreuz.

Dort hängt einer, der selber verletzt, verlassen, unschuldig leidend ist. Und drei Dinge geschehen, wenn ich mein Unrecht dorthin loslasse. Ich begegne einem, der weiss, wie es ist — der selbst gerufen hat: „Warum hast du mich verlassen?“ Mein Schmerz ist verstanden. Ich gebe meinen Anspruch auf Gerechtigkeit aus der Hand — in Gottes Hand. Das Unrecht wird nicht übersehen; es wird dort getragen. Ich muss nicht länger der Richter sein. Und etwas verschiebt sich: Da leidet einer, den ich liebe — und aus dieser Liebe spüre ich: Es reicht. Genug der Rache.

Und genau hier liegt die Kraft, die mein eigenes Vergeben erst möglich macht. Ich muss die Gnade nicht aus mir selbst hervorbringen; ich gebe weiter, was ich zuerst empfangen habe. Miroslav Volf bringt es auf die knappste Formel: „Wir sollen vergeben, wie Gott in Jesus Christus vergeben hat.“[2] Nicht: wie Gott — als wären wir Gott, unerschöpflich und ohne Mass. Sondern: von Gott her, aus seiner Vergebung heraus. Meine Vergebung ist nicht die Quelle. Sie ist das Echo. 

Darum vergeben wir nicht nur 490 Mal, sondern unendlich. Weil Gott auch bei uns nicht zählt. Weil er uns in Christus bereits unendlich vergeben hat. In diese Wirklichkeit der Gnade sind wir gerufen — in ihr dürfen und sollen wir leben.

Amen.


[1]Miroslav Volf, Free of Charge. Giving and Forgiving in a Culture Stripped of Grace, Grand Rapids: Zondervan 2005, S. 185: „Forgiveness does not cause repentance, but it does help make repentance possible.“ (Übers. C. G.)

[2]Ebd., S. 161: „We should forgive as God forgave in Jesus Christ.“ (Übers. C. G.)

Die Gedanken, die These und der Aufbau dieses Textes stammen von mir. Grundlage ist die Predigt vom 13.09.2026 in der Kirche Bühl zum Bibeltext Matthäus 18, 21-35. Für den sprachlichen Feinschliff und die Überarbeitung habe ich ein KI-Sprachmodell als Lektor und Gesprächspartner genutzt — verantwortet ist der Text von mir.

Stille – Sehnsucht oder Flucht?

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Still sein. Sehnsucht oder Flucht? Sicher rares Gut. Still ist es selten in unserer Welt. Laut sehr oft. Ungewohnt sind die Momente, wenn der Lärm um uns – und in uns – leiser wird. Ein neuer Raum entsteht: „Raum, in dem wir uns wieder spüren. Raum, wo Gottes Stimme hörbar wird. Raum, wo wir in Stille uns selbst sein können.“ – wie es so schön auf unserer Homepage neopaleo.ch formuliert ist. EinfachXStill ist der Jahresfokus von unserem Projekt für junge Erwachsene „NeoPaleo“.

Bis Ende Jahr betrachten wir im Rahmen von EinfachXStill Bibelverse, die sich um das Thema Stille drehen. Einer, wenn nicht der berühmteste solcher Verse, ist Psalm 46,11: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“

Zwei Geschichten, ein Zitat – die für mich wertvolle Aspekte dieser Worte entfalten.

Die erste Geschichte ist berühmt. Ein Sonntagsschul-Bestseller. Alttestamentlich. Entsprechend voller Gewalt. Hier ist nicht der Ort, das schwierige Thema der Gewalt im ersten Testament anzugehen. An anderer Stelle habe ich dies bereits getan. Lasst uns die Geschichte hier symbolisch deuten. Als Metapher für unseren Alltag, gerade für die Situationen, wo wir mit dem Rücken zur Wand stehen und nicht wissen, wie es weitergeht. Denn genau in dieser Situation befindet sich das Volk Gottes, stehend vor dem Roten Meer. Der Weg nach vorne versperrt durch die Fluten. Hinter ihnen die heranreitenden Ägypter. Voller Wut und Entschlossenheit, sie wieder zurück in ihre Gefangenschaft zu bringen. In dieser Not beginnen die Israeliten zu klagen. Mit bitteren Vorwürfen überhäufen sie Mose:

„Warum führst du uns hierher? Was hast du uns nur angetan! Warum hast du uns aus Ägypten herausgeholt? Lieber wären wir dort geblieben, als hier in der Wüste umzukommen!“ (vgl. 2. Mose 14,11-12)

Bestimmt und seelsorgerlich entgegnet Mose: „Habt keine Angst! Verliert nicht den Mut! Ihr werdet erleben, wie Gott euch heute rettet.“ (2. Mose 14,13) Und dann folgen die Worte, die praktisch eins zu eins Psalm 46,11 entsprechen: „Gott selbst wird für euch kämpfen, wartet ihr nur ruhig ab!“ Mit den Worten des Psalmisten ausgedrückt: „Seid still und erkennt Gott.“

Aus der jahrtausendealten Geschichte schallt dieser Zuspruch in unsere Lebenswelt. Auch wir dürfen wissen: Gott ist mit uns und für uns. In den Herausforderungen und Sackgassen des Lebens sind wir nicht auf uns allein gestellt. Gerade dort, wo wir nicht mehr weiterwissen, sei uns gesagt: „Gott selbst wird für uns sorgen, wir dürfen still werden und Ruhe finden.“

Und dann folgt ein herber Bruch im Text. So einschneidend, dass es schlicht humorvoll ist. Auf die tiefe, seelsorgerliche Rede von Mose antwortet Gott: „Warum schreist du zu mir um Hilfe? Sag den Israeliten lieber, dass sie aufbrechen sollen!“ (2. Mose 14,15)

Nichts von Ruhe und Abwarten, sondern los, brecht auf. Hier sind wir mitten in einer zentralen Spannung des christlichen Glaubens. Vertrauen und Handeln. Ruhe und Aufbruch. Beides ist wesentlich.

Einerseits ist da die Erfahrung, ans Ende des Machbaren zu kommen. Aufhören, selber nach Lösungen zu suchen. Still werden und wissen, ich bin nicht Gott. Hier komme ich nicht weiter. Ich höre auf zu kämpfen und vertraue darauf, dass die Kraft, die mich übersteigt, die Urkraft selbst, sich meiner annimmt und für mich sorgt.

Und dann gibt es die andere Seite, wo es angesagt ist, aufzustehen. Auch wenn ich keinen Weg sehe, mich zu erheben und weiterzugehen. Mich dem Unmöglichen zu stellen, die Aufgabe, die mir eigentlich zu gross erscheint, anzugehen.

Diese Spannung ist für mich kein Widerspruch. Wie der Schleifpunkt zwischen Gaspedal und Kupplungspedal das Auto zum Anfahren bringt, ist sie eine Schlüsselstelle für ein gelingendes Leben.

Dies zeigt sich für mich in der zweiten Geschichte, die aktuell im Kino läuft: Odyssee von Christopher Nolan. Hauptfigur ist Odysseus. Ein Urtypus eines Machers. Nach zehn Jahren erfolglosem Ansturm auf die Stadt Troja hat er die geniale und zugleich hinterlistige Idee des Trojanischen Pferdes. Sie entscheidet den Krieg. Troja fällt. Endlich können alle nach Hause. Odysseus sehnt sich nach seiner Heimat Ithaka. Doch wie sehr er sich um seine Heimkehr bemüht, sie bleibt ihm verwehrt. Er setzt alles daran, heimzufinden. Betrügt Zyklopen, bezwingt Zauberinnen, entflieht Seeungeheuern, steigt hinab ins Totenreich, und selbst Poseidon kann ihm das Leben nicht entreissen. Doch mit aller List und Kraft findet Odysseus nicht nach Hause. Im Gegenteil, immer klarer erscheint seine innere Zerrissenheit. Will er überhaupt zurückkehren? Er steht sich selbst im Weg. In den Armen von Kalypso gibt er auf. Betäubt sich, vergisst sich selbst und seine Heimat. Er flüchtet in die Stille. Eine Ruhe die kein Frieden ist, sondern Betäubung. Bis er nach Jahren wieder beginnt, sich zu erinnern. Die innere Bereitschaft zur Heimkehr erwacht, und er macht sich ein letztes Mal auf. Doch nun nicht aus eigener Kraft. Der erfahrene Seemann legt sich auf ein Floss. Ohne Steuerruder und Segel übergibt er sich ganz den Wellen. Er überlässt sich einer Stille, die seine tiefste Sehnsucht stillt. Er hört auf zu kämpfen, akzeptiert seine eigenen Grenzen und gibt sich ganz auf. EinfachXStill, ohne zu ringen, liegend in den Fluten, überlässt er sich der Urkraft des Meeres und findet so nach Hause. Aus dieser Stille heraus ergreift Odysseus die Aufgabe der Rückeroberung seines Thrones. Er ist zurück im Handeln. Doch ist dies eine andere Aktivität. Als läge der Weg längst geschrieben vor ihm – ruhend in jedem Schritt, mit tiefer Entschlossenheit holt er sich seinen Thron und so seine Heimat zurück. Es ist ein Handeln, das nicht auf sich selbst vertraut. Sich nicht beweisen muss, nicht hin und her getrieben wird von Zweifeln und Hochmut. Es erwächst aus der Kraft der vorausgegangenen Hingabe, des Vertrauens und der erfahrenen Stille.

„Seid still und wisst, ich bin Gott.“

Dies bringt uns zum abschliessenden Zitat. Es wird meist Ignatius von Loyola zugeschrieben und lautet sinngemäss: Bete, als ob alles von dir abhängt, und handle, als ob alles von Gott abhängt. Nein, das ist kein Verschreiber. Bekannt ist das Zitat in anderer Reihenfolge: Bete, als ob alles von Gott abhängt, und handle, als ob alles von dir abhängt. Wer so denkt, wird bald nicht mehr beten und sich im Machen aus eigener Kraft verlieren. Die zwei Geschichten entsprechen der ursprünglichen Reihenfolge. Sie fordern uns auf, mit all unserer Kraft Gott zu vertrauen, still zu werden und alles daran zu setzen, in diese Ruhe des Vertrauens auf Gott zu finden. Und dann, aus dieser Stille, diesem Vertrauen heraus, erneut ins Handeln zu finden. Dieses Handeln ist nicht unser eigenes. Es ist eine Zusammenarbeit. Ein Wissen, was zu tun ist, nicht aus mir selbst heraus, sondern gegründet auf die Erkenntnis Gottes.

Geschichten und Zitate beschreiben immer ein Ideal. In der Realität, im Alltag, sind wir mit unserem eigenen Scheitern konfrontiert. Entsprechend sind für mich diese Gedanken keine Garantie, dass mir dies immer gelingt. Sie sind mir Zuspruch und Anspruch, in der nächsten Woche einmal mehr aus dem Vertrauen zu Gott herauszuhandeln.

Seid still und erkennt Gott.

Amen.

Könige sind keine Lösung, weder früher noch heute. Gedanken über die Versuchung Ungerechtigkeit mit Macht zu begegnen

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„Alter. Zieh dir das mal rein.“ Dazu ein Screenshot: eine Grafik aus dem Wall Street Journal. Das sind SMS, die ich mag. Kurz, prägnant und zugleich inhaltlich brisant. Die Grafik zeigt Trump-Sympathie, aufgeschlüsselt nach Religion. Sechs kleine Kurven, zehn Jahre, auf und ab. Eine sticht heraus: die weissen evangelikalen Protestanten. Weit über dem amerikanischen Durchschnitt ist ihre Unterstützung für Trump Jahr für Jahr konstant hoch.

Diese Trump-Unterstützung evangelikaler Christen beschäftigt mich – persönlich wie theologisch. Meine Frau hat sieben Jahre in den USA, in Kansas, gelebt. Dadurch haben wir amerikanische Freunde, liebe Christen-Menschen, die zweimal Trump gewählt haben. Jedes Mal, wenn sie uns in den letzten Jahren besuchten, suchte ich das Gespräch darüber – freundschaftlich und klar zugleich. Solche Gespräche helfen mir, sie besser zu verstehen. Aus ihrer konservativen Sicht war die demokratische Politik der letzten Jahre schlicht nicht mehr tragbar. Sie erlebten die Obama- wie auch die Biden-Administration als Regierungen, die an ihnen vorbeiregierten. Sie empfanden sich von dieser Administration zunehmend als ungerecht behandelt. Wer so empfindet, sehnt sich nach jemandem, der einen Neustart ermöglicht.

Bei allem Verständnis kann ich ihre Wahl nicht gutheissen. Denn ich glaube nicht, dass Trump einfach für die Rückkehr zu einer konservativen Politik steht. Für mich unterwandert er bewusst und absichtlich das demokratische System selbst – Stück für Stück, in Richtung einer Autokratie. Etwa die Ereignisse des 6. Januar 2021 oder die Tatsache, dass im offiziellen Trump-Shop Kappen mit der Aufschrift „Trump 2028″ erhältlich sind, weisen für mich in diese Richtung. „Trump 2028 – das wird nicht passieren“, beteuern mir meine Freunde. Ich hoffe, sie haben recht. Dass einige Evangelikale in den USA jedoch so weit gehen, in Trump eine Art gesalbten König Kyros zu sehen, und damit zeigen, dass sie sich einen König geradezu wünschen, einen, der als Werkzeug Gottes die USA wieder aufrichtet, lässt mich befürchten, dass gewisse Christinnen und Christen gegenüber einer dritten Amtszeit Trumps gar nicht abgeneigt wären.

Genau hier geht es plötzlich um mehr als um amerikanische Parteipolitik. Es geht um etwas, das alle Christinnen und Christen betrifft – und letztlich unsere gesamte westliche Gesellschaft: Welche Regierungsformen sterben wir an? Und damit verknüpft: von wem und wie erhoffen wir uns Erlösung? Getrieben von diesen Fragen und Sorgen habe ich diesen Sommer Peter Sloterdijks Buch „Der Fürst und sein Erbe“ gelesen. Er warnt vor der Unterwanderung unserer Demokratien und zeigt nüchtern, wie es dazu kommt, dass weltweit wieder vermeintliche Fürsten zurückkehren.

Der biblische Sündenfall politisch gedeutet

Sloterdijk greift die biblische Geschichte vom Sündenfall auf. Sie stellt für ihn einen dreifachen Fall dar. Wir fallen nicht nur aus dem Paradies. Wir fallen zugleich in den Staat. Theologisch gesprochen: Der Bruch geht nicht nur durch mein Verhältnis zu Gott, sondern mitten durch die Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Nicht nur das Paradies ist uns verstellt, auch unser Zusammenleben ist beschädigt. Wir unterdrücken einander, wir schliessen einander aus, wir finden immer wieder zu unheilvollen Formen des Miteinanders.

Mit der Sünde kommt die Sehnsucht nach Erlösung. Dies gilt auch für den Fall in den Staat: Jede Regierung, jede Regierungsform – von der Diktatur bis zur Demokratie – trägt ein Heilsversprechen in sich. Sie verspricht, das misslungene Miteinander zu ordnen und ein gutes Leben möglich zu machen. Keine Herrschaft kommt ohne dieses Heil-Versprechen aus. Für mich zeigt Sloterdijk hier etwas Zentrales: Politik ist nie nur Verwaltung. In ihr steckt immer die Hoffnung auf Heil und damit auch unser Verständnis von Erlösung im Hier und Jetzt.

Schauen wir – sehr vereinfacht – auf den Weg der Herrschaftsformen im Westen, dann führt er vom gotterwählten König zum volksgewählten Politiker. Das Zweite nennen wir Demokratie. Der Schlüssel heisst Volkssouveränität. Nicht mehr der Wille des Königs geschehe, sondern der Wille des Volkes. Souverän, bestimmend, ist das Volk.

Klingt gut. Nur: Was ist der „Wille des Volkes“? Hier beginnt das Problem. Sloterdijk führt es auf Rousseau zurück. Ein Wille, so wusste Rousseau selbst, ist etwas, das eigentlich nur einer einzelnen Person zukommt. Ein Wille im Plural aber, ein gemeinsamer Wille vieler verschiedener Menschen – den gibt es so nicht. Es gibt nicht den einen Willen einer Gruppe, es gibt nur viele Menschen, die vielleicht Ähnliches, aber nie genau das Gleiche wollen. Und genau das ist die eigentliche, die eingebaute Krise der Demokratie: Sie beruft sich auf einen Volkswillen, den es in dieser Einheitlichkeit nie geben kann.

Sloterdijk wird an dieser Stelle sehr scharf. Er nennt den eiligen Sprung vom „Ich“ zum „Wir“ – vom einzelnen Willen zum angeblich einen Willen des Volkes – einen dritten Sündenfall:

„In dem Pseudosingular peuple kondensiert sich eine Operation, die man […] nicht anders als die dritte Erbsünde nennen kann. Sie besteht in dem gewaltträchtigen Versuch, das einzelne Ich zu enteignen, um es in einem Plural zu ertränken.“ (S. 74)

Das einzelne Ich zu enteignen, um es im Wir zu ertränken – ist die Gefahr jeder Gemeinschaft und damit auch jeglicher Regierungsform.

Von der Abbruchkugel zum Thron – der Weg zum demokratisch legitimierten Fürsten

Wie geht die Demokratie mit dieser Krise um? Sie behilft sich, indem die Bürgerinnen und Bürger ihren Willen abgeben und sich vertreten lassen. Wir delegieren unsere politische Verantwortung. Wir wählen Menschen, die für uns regieren sollen. Das ist ein nachvollziehbarer Lösungsansatz, der aber punkto einheitlichem Willen unvollkommen bleibt. Denn auch die kleinere Gruppe der Gewählten einigt sich nie ganz, und was am Ende herauskommt, sieht selten aus wie das, was der einzelne Bürger wollte, geschweige denn einem einheitlichen Volkswillen entspricht.

Je länger sich Bürgerinnen und Bürger dabei weder verstanden noch repräsentiert fühlen, umso stärker wächst ein Ohnmachtsgefühl, das eine gefährliche Versuchung mit sich bringt. Die Versuchung Ungerechtigkeit mit Macht zu begegnen. Das ist die Verlockung der Abrissbirne. „Wir brauchten einfach jemanden, der diese verworrene Regierung, die an uns vorbeiregiert, endlich abreisst. Wir brauchten einen Wrecking Ball – eine Abbruchkugel.“ So begründen meine amerikanischen Freunde ihre Wahl. Auch wenn ich diesen Impuls verstehen kann, finde ich ihn problematisch. Sloterdijk zeigt, wohin dieser Impuls kippen kann. Aus dem Wunsch, endlich möge einer den Volkswillen einheitlich verkörpern, wird die Wahl eines starken Mannes. Und dieser starke Mann tritt auf als die Personifikation des einen Volkswillens: Ich bin der Wille des Volkes. Das ist – wir haben es gesehen – eine Illusion, denn diesen einen Willen gibt es nicht. Aber genau daraus zieht er seine Legitimation. Und wer sich so legitimiert, muss alle Stimmen, die abweichen, zum Schweigen bringen. Sie stören das Bild der Personifizierung des wahren Volkswillens im eigenen Amt. 

So kehrt der König zurück und wir sind wieder beim Alleinherrscher. Ich will nicht behaupten, das geschehe mit Naturgesetzlichkeit; sonst wäre jede Demokratie längst zusammengebrochen. Aber es ist eine latente Versuchung, die durch das ungelöste Problem des Volkswillens Teil jeder Demokratie ist. Wird dieser Versuchung nachgegeben, ist der zurückkehrende Fürst wahrscheinlich schlimmer als der alte. Denn der alte König wusste sich wenigstens von Gott begrenzt, einem Gericht unterstellt, das über ihm stand. Der neue sieht sich als legitimen Vertreter des Volkes – über ihm steht niemand mehr.

Dies ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein theologisches Problem

Gerade als Christ finde ich diese Überlegungen von Sltoerdijk hochproblematisch. Und hier kommen wir zu einer Stelle, die mich seit Wochen nicht loslässt.

Die Reformation hat einen Gedanken in die Welt gesetzt, dessen Sprengkraft wir bis heute nicht ausgeschöpft haben. Luther hat den ganzen kirchlichen Apparat, der sich zwischen Gott und Mensch geschoben hatte, beiseitegeräumt und jeden Menschen zum Priester erklärt. Das Heil lässt sich nicht delegieren. Keine Institution, kein Priester kann meine Beziehung zu Gott für mich führen – so wenig, wie jemand anders meine Ehe für mich führen oder meine Freundschaften für mich pflegen kann. Sloterdijk zieht daraus eine Schlussfolgerung, die in ihrer Konsequenz atemberaubend ist:

„Wenn Luther in einem Akt revolutionärer Spiritualität den sakramentalen und ekklesialen Apparat der römischen Traditionskirche beiseite räumte und jeden Mann zum Priester, jede Frau zur Priesterin erklären konnte, so drängt sich die Frage auf, warum man nicht ebensogut jeden Mann zum König, jede Frau zur Königin erklären sollte. […] Tatsächlich ist jeder Mann König, jede Frau Königin, allerdings werden wir uns davor hüten, es ihnen unverblümt zu sagen.“ (S. 80)

Wenn alle Kinder Gottes sind, sind alle berufen, Königinnen und Könige zu sein. Wir fürchten uns, dies allen Menschen zuzusprechen. Und ich meine: Gerade wir Christinnen und Christen sollten uns nicht davor hüten, es den Menschen zu sagen. Wir sollten ihnen ihr Potenzial und ihre Verantwortung vor Gott zusprechen – und sie darin ausbilden und bestärken, gerade in der Art, wie wir Glauben leben und Kirche gestalten. Nicht-Delegierbarkeit heisst dabei nicht, dass nun jede und jeder sein eigenes kleines religiöses Königreich regiert. Das Evangelium ist keine Privatsache. Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft. Der Punkt ist nicht Vereinzelung, sondern das gemeinsame Ringen mündiger Menschen um die Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen.

Eine unheilvolle Trennung – wenn Jesus gut fürs Privatleben ist, aber zu schwach, um die wirklichen Probleme des Landes anzugehen

Dabei begegnet mir in gewissen kirchlichen Kreisen immer ein Einwand: „Solche Ansätze sind schön und gut fürs kirchliche Miteinander der Gläubigen – aber der Staat und die internationale Politik funktionieren nach anderen Massstäben – hier braucht es Macht und Durchsetzungswillen.“ Dieser Text ist nicht der Ort, um auf das komplexe Verhältnis von Kirche und Staat einzugehen. Sicherlich, das Miteinander unter Christinnen und Christen gestaltet sich anders als im Staat, der unterschiedlichste Weltansichten und Werte vereint. Mir geht es um etwas anderes. 

Ich befürchte, dass sich hier im christlichen Miteinander bis hin zur eigenen Gestaltung des alltäglichen Lebens eine unheilvolle Trennung einschleicht. Wir sperren die ohnmächtige Liebe Jesu ins Private und Kirchliche und greifen im Öffentlichen zur harten Hand. In der Kirche sind wir nett und freundlich und ringen um die Weiterentwicklung unseres christlichen Glaubens – wie andere sich im Gym um ihre persönliche Fitness bemühen. Und im politischen Öffentlichen werden starke Player unterstützt, die mit Macht die Durchsetzung unseres Willens und den Erhalt guter christlicher Werte durchdrücken – ganz egal, ob sie dies nun mit Nächstenliebe und Demut tun.

Dabei steht nicht weniger als unser Gottesbild, unsere Theologie auf dem Spiel. Als Christen beten und leben wir dafür, dass sich Gottes Wille, sein Reich, im Himmel wie auf Erden verwirklichen möge. Gott hat einen Willen. Gott wünscht sich, dass sich sein Reich – seine Version von unserem Zusammenleben – in dieser Welt durchsetzen möge. Dabei ist das höchste Gebot, das Zentrale in Gottes Reich und Willen, die Liebe. Liebe lässt sich nicht verordnen, ohne aufzuhören, Liebe zu sein. Das Wie des Regierens ist Teil dessen, was regiert wird. Gottes Reich lässt sich eben nicht mit Gewalt und Stärke anordnen oder durchsetzen. Gewiss gebraucht Gott auch weltliche Macht – Kyros, den Perserkönig, ebenso wie den Staat, der nach Paulus „das Schwert trägt“, um dem Bösen zu wehren (Röm 13). Doch Macht kann bändigen, ordnen, schützen – ein Herz gewinnen kann sie nicht. Noch nie wurde jemand mit Gewalt in Gottes Reich hineingeliebt. Wer eine starke Regierung, die die eigenen Werte durchdrückt, für das Reich Gottes hält, verwechselt das Schwert, das die Ordnung hält, mit der Liebe, die das Reich ist.

Nirgends wird dies so deutlich wie in Tod und Auferstehung Jesu Christi. Seine Jünger erhofften, er würde mit aller Gewalt das römische Regime umstürzen. Stattdessen starb er machtlos am Kreuz. Doch genau dieser Akt ist Christi eigentliche Inthronisation. In dieser absoluten Aufgabe jeglicher Macht steckt die grösste Macht zur Veränderung. Das Kreuz ist nicht Gottes Schwäche-Phase, sondern die endgültige Gestalt seiner Herrschaft. Und dies wird auch nicht anders sein, wenn einmal die Zeit kommt, auf die Christinnen und Christen hoffen und in der Gottes Herrschaft in Christi Wiederkehr vollends errichtet wird. Auch dann wird Gott in Christus ein König sein, der kein König sein will – sondern uns alle einlädt, mitzuregieren, und es nicht zulassen wird, dass wir diese Verantwortung an ihn abdelegieren. Dies zeigt sich etwa in Stellen wie Jeremia 31 – wo die Rede davon ist, dass er seinen Willen in jedes Herz schreiben wird. Da gibt es keine vermittelnde Distanz mehr, keinen König – alle sind zum Mitregieren eingeladen und aufgefordert.

Wir können unsere Regierungsverantwortung nicht abgeben – weder an einen weltlichen König, eine Kirchenleitung noch an Gott selbst. Er selbst weigert sich, der Alleinherrscher zu sein, an den wir uns ausliefern könnten. Das heisst nicht, wir müssten alles allein tragen. Viel mehr sind wir eingeladen mitzugestalten. Gott will die Verantwortung nicht anstelle von uns übernehmen, noch uns gänzlich übertragen, sondern lädt uns ein mitzuregieren. 

Darin besteht für mich das zentrale politische Anliegen des Christentums. Ich glaube nicht, dass es eine christliche Politik gibt. Für rechte wie für linke Positionen, für einen schlanken wie für einen sozialen Staat lassen sich christliche Gründe anführen. Wer behauptet, es gebe die christliche Politik, beendet in Wahrheit jede Politik – denn dann wäre jeder Widerspruch, jeder Diskurs schon Widerrede gegen den göttlichen Willen. Darum halte ich es für richtig und wichtig, dass Christinnen und Christen sich über das ganze politische Spektrum verteilt engagieren, streiten, ringen.

Das eigentlich Politische im Christentum ist für mich die Aufforderung zur gemeinsamen Verantwortung für unser Miteinander. Ich kann die Versuchung dagegen nachvollziehen: Wer Ungerechtigkeit und Ohnmacht erlebt, greift irgendwann nach der Macht – endlich einer, der durchgreift, endlich Gerechtigkeit, mit Macht erzwungen. Doch das Evangelium weist einen anderen Weg: nicht das Schwert, sondern das Kreuz. Jesus hätte durchgreifen können und tat es nicht; gerade in der Ohnmacht des Kreuzes erweist sich die wahre Kraft Gottes, und dort wird seine Gerechtigkeit wirklich – nicht die, die wir erzwingen, sondern die, die er schafft.

Darum ist für mich „unchristlich“, das System auszuhebeln und einen König einzusetzen, der vermeintlich in Gottes Sinn mit Macht durchgreift. Das ging schon mit Saul nicht gut aus, es ging mit Konstantin nicht gut aus, und es wird mit Trump nicht gut ausgehen. Denn hier wird die eigene Verantwortung abgegeben, und Glaube und Ethik werden zum Zwang. Doch Glaube und die Lebensform, die aus ihm folgt, sind Gnade, ein Geschenk – man kann sie so wenig anordnen, wie sich mit dem Schwert die Gerechtigkeit Gottes erzwingen lässt.

Die Herausforderung, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen

Und darum beunruhigt mich die eingangs erwähnte Grafik. Sie zeigt, dass gerade die Gruppe weisser, evangelikaler Christen am meisten mit Trump sympathisiert. Aus meiner Perspektive tun sie dies, weil sie sich erhoffen, dass durch ihn das christliche Amerika wiederhergestellt wird. Die Interpretation zwingt sich auf, dass es bei der Unterstützung für Trump weniger um christliche Anliegen geht als vielmehr um den Erhalt eigener Privilegien. Beweggründe lassen sich aus Statistiken nicht ableiten. Entsprechend ist die These, dass diese Gruppen mit Trump sympathisieren, weil sie sich als ungerecht behandelt sehen und sich daher eine Durchsetzung verlorener Werte und Privilegien erhoffen, eine Interpretation.

Letztlich ist hier nicht der Ort, über Menschen in einem anderen Land zu urteilen. Mein eigenes Anliegen ist es, dass ich mir selbst erhoffe, als Christ im Angesicht von erlebter Ungerechtigkeit und eigener Ohnmacht den Mut und die Kraft zu haben, dem vermeintlich machtlosen Weg Jesu Christi nachzufolgen und gerade dann bereit zu sein, mein eigenes Kreuz auf mich zu nehmen. Meine Überzeugung ist es, dass, wenn wir in solchen Situationen zur Macht greifen, wir das Evangelium selbst verraten. Das Mittel widerspricht der Sache. Und darum fürchte ich, dass die Unterstützung Trumps genau das untergräbt, wofür Christinnen und Christen eigentlich einstehen möchten: die Weitergabe eines Glaubens, den man nur geschenkt bekommen und frei ergreifen kann.

Und nun, was machen wir damit? Auch Sloterdijk fragt sich am Ende seines Buches: „Was also bleibt zu sagen?“ Und er beantwortet seine Frage mit den Worten:

„Wäre die Menschheit als Ganzes katholisch, ihr Papst hätte ein allgemeines Konzil einzuberufen, um wie in letzter Minute die Selbstreform auf den Weg zu bringen. Da sie religionskulturell, konfessionell, ethnisch, politisch und ideologisch zersplittert ist, müssten die zahllosen Kräfte am Ort das Ihre tun, um üble Tendenzen aufzuhalten und lebbare Formen des Miteinanders zu kreieren.“ (S. 170)

Vor Ort lebbare Formen des Miteinanders kreieren. Dies ist für mich die konkrete Alternative zum starken Mann an der Spitze. So möchte ich Glauben leben und Kirche gestalten: Formen kreieren, die dazu einladen und auffordern, miteinander im gemeinsamen Gespräch mit Gott herauszufinden und zu entscheiden, wie wir leben sollen und wollen.

Aus rechtlichen Gründen, teile ich hier nicht die Statistik die ich per SMS erhalten habe sondern eine eigens mit KI erstellten Version davon, die auf den PRRI-Originaldaten basiert.

PRRI, „Trump Favorability Declines Among Republicans, Some Religious Groups“ (Feb. 2026) · PRRI, „Trump Favorability Amid Cracks in the Economy“ (Mai 2025)

Zum Schreibprozess: Gedanken, These und Argumentation sind meine eigenen. Ein KI-Sprachmodell habe ich als Gesprächspartner und Lektor genutzt – für kritisches Feedback zum Aufbau, gezielte Rückfragen, sprachliche Korrektur und einzelne Formulierungsvorschläge, die ich geprüft und überarbeitet habe. 

Eine Stimme verschwebenden Schweigens

Foto von Andraz Lazic auf Unsplash

Erwartet, dann sind sie da
und schon wieder vorbei.  
Ferien. 

Wie geht es dir? Danach.
An diesem Sonntag. Vor dem Montag?
Erfüllt, voller Tatendrang für den Alltag. 
Oder noch leer. Immer noch Bedürfnis nach mehr?

Elia ist auf der Seite Leer. 
Das Herz aus dem Leib gearbeitet.
Ganz Fromm, für Gott.
Gerannt, gekämpft, geliefert.
Und dann, unter einem Strauch,
stönt er: Genug ist genug. 
Kein Heldentod. Keine grosse Geste.
Ohne Publikum legt er sich hin. Und schläft. 

Wer kennt es nicht. Wenn nichts mehr geht.
Die Kraft fehlt, die Tat, das Wort. 
Diese gähnende Leer – die dich verschlingt. 

Und dann sagt der grosse Andere:
Geh raus. Stell dich hin. Ich komm vorbei. 

Ein Sturm kommt. Reisst Berge. Bricht Fels.
In aller Kraft, bleibt der Sturm leer. 
Dann ein Beben. Der Boden kippt.
Alle Erschütterung bringt keine Veränderung.
Es folgt das Feuer. Brand, Hitze, Urkraft.
Doch es entzündet Nichts. 
Dann in der Einsamkeit. 
Ein stille Stille. Eine alles entleerende Leere. 

Die Übersetzer ringen
ein sanftes, leises Säuseln.
Nein: der Ton eines leisen Wehens.
Oder doch: ein ganz leiser Hauch.
das Flüstern eines sanften Windhauches.
eine Stimme verschwebenden Schweigens.

Hörst du, was hier passiert? 
Der Text versucht zu sprechen, 
von was man nicht reden kann.

Sprache steht vor der Realität ihrer Majestät 
und kapituliert.
*qol demama daqah* —
Stammelt hebräisch die Ursprache,
Ein Klang aus Schweigen.
Eine Stimme, der Stille.
Ein Ton, der nicht klingt. 
Im Scheitern der Sprache
redet Gott. 

Wenn das Nichts versagt Nichts zu bleiben. 
Wenn die Stille an sich selbst bricht. 
In diesem Riss im Leeren.
Schreitet aus dem Scheitern das Sein an sich. 

Geht es uns nicht auch so?
Wann merkst du wer du bist?
Nicht, wenn du sprichst.
Sondern wenn dich jemand hört.
Und du daran zerbrichst. 
Ich werde gehört. 
Doch falsch verstanden.
Hier im Frust, wenn das Gespräch reisst. 
Bleibt das Ungesagte, Ungehörte  in dir zurück. 
Und spricht, hier bin ich, dein ich. 
In dieser Stille, diesem Riss, im Scheitern an dir selbst wirst du.

Wer Gott erkennt, findet sich und wer sich erkennt begegnet Gott.

Auch Gott schafft, durch Rückzug.
Fülle in der Absenz. 
Tragender Abgrund. 
Platz im Raum.
Zieht sich zusammen,
um so kleiner Gott ist, um so grösser wirkt Sie.
Lässt Leere — die Raum, die Leben Schaft. 
Contra BigBang. 
Weder im Knall, Sturm, Beben noch Feuer liegt die Schöpfungskraft. 
Nicht der Urknall, sondern die ewige Still, wird bewohnt. 

Ist dem so? Dann finden wir Gott wohl anders wo als oft gedacht. 
Nicht wo wir Raum nehmen, volltönen und pfauig herumstolzieren. 
Sondern wo wir fragend ihm Raum stehen.
Im Verstummen. Im Scheitern. In der Stille Raum geben. 
Wenn Kraft, Tat und Wort fehlen — fängt Gott in uns an.
Hier zieht Elia seinen Mantel übers Gesicht.
Im Verhüllten, im Ungeschützten, spricht die Frage.
Keine Berufung. Keine Lösung.
Eine Frage: Was hast du hier zu tun?
Und schickt ihn mutig zurück ins Leben. 

Die Ferien sind vorbei.
Sonntag vor Montag.
Und vielleicht ist die Leere die du spürst kein Mangel.
Ist sie der Raum, in dem anfängt, was Gott mit dir vorhat. 
Halt sie aus. Lang genug. Dann geh.
Wag es zu versuchen. Zu scheitern. 
Um wieder zu schweigen.  
Auf dass, dir Gott begegnet 
ein stilles Sausen, ein leises Wehen,
verschwebendes Schweigen  zu dir sprechen kann.
Amen. 

Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Die Grundlage für den Text Bildete die Bibelstelle 1. Könige 19, 11 – 13: „Der HERR sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun?

Dieser Slam entstand im Dialog mit einem KI-Werkzeug: Thema, theologische Deutung und die tragenden Gedanken stammen vom Autor; die KI half beim Strukturieren und Ausformulieren eines Entwurfs, den der Autor anschliessend eigenständig überarbeitet und in seine eigene Sprache gebracht hat.

Auffahrt – der Beginn der dunkelsten Zeit im Jahr.

Foto von Josh Eckstein auf Unsplash

Ein Spoken Word zum Feiertag, den ich selbst (noch) nicht mag: 
Auffahrt.

Doch eine Trigger Wahrung zuvor:
der Text spricht über den Schmerz einer Fehlgeburt. 

Kirchenjahr
Abfolge von Feiertagen
Tag die wir feiern im Jahr

Weihnachten –
Ein Kind erkannt als Gott
Gott wird Mensch
im Mensch erblicken wir Gott
Was für ein Moment
Schöpfer und Schöpfung: eins
Gott tritt ins Fleisch
Inkarnation
wie ich das feier!

Dann: das Leben
Alltag
Jesus wächst
Das Kind wird Erwachsen
Er findet seinen Ruf
steter Gang
kein Feuerwerk
Schade nur: 
kein Feiertag dafür
Denn Alltag feiern
ist Nachfolgekunst
kein Highlight Konsum

Dann Tod und Auferstehung
Höhepunkt der Geschichte
Jesus begegnet dem Endgegner
dem Tod selbst
er stirbt
und dann:
Sieg
Triumph
Tod, wo ist dein Stachel
Tod, wo ist dein Sieg?
Christus ist auferstanden
Er ist wahrhaft auferstanden
es ist vollbracht
wer ihm vertraut
wird nicht vergehen
sondern ewig leben

Vierzig Tage dauert der Jubel
Er zeigt sich Hunderten zugleich
Die furchtsamen Jünger
finden wieder Mut
Langsam begreifen sie
Er erlöst nicht Israel allein
Er erlöst die ganze Welt.

Und dann? Auffahrt
Jesus wird entrückt
Warum ein Feiertag?
Ich verstehe es nicht
Tot, Auferstehung
und dann doch fort
Er ist weg
und wir sind wieder allein allein
Was ist sie Wert 
die gute Nachricht
die nicht bleibt
Die kommt
den Duft des Lebens zeigt
um dann wieder weiter zu ziehen?

Wie der Feine Teller
Der Kellner kommt 
zu deinem Tisch
geht vorbei
und bedient den Tisch dahinter

oder
Dein Club steht im Finale
ein Tor noch bis zum Sieg
letzte Minute
Der Treffer
Der Jubel
die Halle bebt
Dann der Pfiff
Abseits
Das Tor verfällt
Konter
Tor
Der Sieg
in Sekunden
zerronnen zur Niederlage

Was macht Auffahrt anders?
Kurz da
und wieder fort
Nur geht es um mehr
als um verfehltes Essen
mehr als um vertanen Sieg.

Existenziell
Wie das Paar
das sich ein Kind erseht
und nichts gescheht
Hoffen
Ringen
Monat um Monat
unzählige Gänge zu Ärzten
Leben, Ernährung umgestellt
doch das Leben bleibt fern
Bis endlich nach Jahren
Der Test positiv
Das Kind ist da
die Hoffnung erfüllt.


Und dann: Blut
Nach wenigen Wochen
vierzig Tagen
ist alles wieder fort.

Wer dies durchlebt
ist kinderloser 
als zuvor. 

So frag ich dich
Was ist sie wert
die Erfüllung auf Zeit
Was ist das
für Evangelium
Das kommt
um wieder zu gehen?
So ist für mich diese Zeit
im Kirchenjahr
diese 10 Tage
finster
finsterer als alles
stiller und zerbrochener
als selbst der Karsamstag
Denn der Fall ist tiefer
Die Enttäuschung grösser
und darum die Wunde schwerer

Kein Wunder schweigt man darüber
Nie hörte ich eine Predigt
die Auffahrt wirklich trug
Bis heute bleibt es offen
Seit Jahren ist Auffahrt
Quelle meines Zweifels
Kritik am Glauben
Auferstehung —
durch Auffahrt zerronnen

Sicher,
wie Karfreitag
ist auch Auffahrt nicht Ende
Karfreitag – Ostern
Auffahrt – Pfingsten
Jesus geht – Geist kommt
Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. (Johannes 16, 7)
Ganz ehrlich
mir war das stets
ein billiger Trost
Worin unterscheidet sich
unser Umgang mit Jesus
von dem mit unseren Toten?
Auch sie bleiben
im Geiste
in Erinnerung bei uns
Jedes Jahr gedenken wir
ihres Geburts- und Todestags
und vertrauen und hoffen:
sie seien noch da

Doch dieses Jahr
begann es zu dämmern
Ein Gedanke
noch frisch
noch ungeformt
Entfalten kann ich ihn noch nicht
Noch ist er Skizze
mehr Ahnung als Beweis
Und doch will ich wagen
ihn auszusprechen
ihm Worte zu geben
Darum hört
Auffahrt ist Inthronisation Christi
Er sitzt zur Rechten Gottes
Ihm ist gegeben
alle Macht im Himmel und auf Erden
Keine Gestalt
kein Mensch
kein Amt
keine Organisation
trägt Macht wie Christus
Selbst den Tod
hat er besiegt
Er ist die reinste Macht.

Doch Christus lebte Macht
immer anders
»Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 26 Aber so darf es bei euch nicht sein. Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, 27 und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. 28 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.« (Matthäus 20, 25-28)

So ist es nur folgerichtig
Dass Jesus 
angekommen im Zentrum der Macht
seinen Platz räumt
Die Mitte der Macht
muss leer bleiben
Sonst wird auch sie
zur Unterdrückung
Wenn der Messias nicht stirbt
wenn er den Thron nicht räumt
wird er zum neuen Tyrann
Sieh Dune
Paul Atreides
ist der Messias
der nicht stirbt
Solang Jesus in Person Gegenwärtigt ist 
auf dieser Welt
bleibt Macht gesammelt
zentralisiert
in Person, an einem Ort,
in Raum und Zeit.

Erst wenn er geht
kommt der Geist
und teilt die Macht,
verteilt sie auf alle von uns
19 Ihr sollt erfahren, mit welcher unermesslich großen Kraft Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Ist es doch dieselbe gewaltige Kraft, 20 mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte und ihm in der himmlischen Welt den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab! (Epheser 2, 19 & 20)
Seine Abwesenheit
macht Gegenwart möglich
Die grösste Macht
liegt im Verzicht
Im leeren Thron
Der so zur Quelle wird
Aus welcher 
Wasser des Lebens fliesst
sich ergiesst in uns
Schau herum
in dir und mir in allen von uns
lebt der Geist
wirkt und handelt durch uns
Darum ist angebrochen
die Zeit des neuen Bundes
33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt! (Jeremia 31, 33ff)

Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Wie viel Meinungsfreiheit brauchen wir? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Redefreiheit

Foto von Brian Wangenheim auf Unsplash

Einige sehen die Meinungsfreiheit in Europa in Gefahr. Interessanterweise sind es gerade konservative Kräfte, die sich aktuell eingeschränkt fühlen und manches als ungerechtfertigte Zensur empfinden. Unvergessen bleibt die letztjährige Kritik von J. D. Vance an Europa in puncto Meinungsfreiheit auf der Sicherheitskonferenz in München. Auch gewisse Christinnen und Christen sehen es als ihre fromme Pflicht, gegen die angeblich schwindende Meinungsfreiheit in Europa aufzubegehren. Dass dies aus christlicher Perspektive ein neueres und eigentlich untypisches Anliegen ist, dazu später mehr.

Der Anspruch auf Meinungsfreiheit ist ein Stellvertreterkonflikt

Betrachten wir zuerst den Anspruch auf Meinungsfreiheit. Ich sehe diesen kritisch bzw. als unrealistisch an. Eine absolute Meinungsfreiheit kann es gar nicht geben. Diese müsste auch Reden schützen, die ihre eigene Abschaffung fordern.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist ein vorgeschobenes Argument, welches den eigentlichen Kern des Konflikts verfehlt. Es wird eine Diskussion um Prinzipien angestossen, wobei es eigentlich um Machtkonflikte geht. Denn Redefreiheit wird meist dann eingefordert, wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die Meinungsfreiheit sehe ich daher nicht in Gefahr. Vielmehr haben sich die Grenzen des Sagbaren und Unsagbaren in unserer Gesellschaft verschoben, sodass sich nun neue Gruppen in ihrer Redefreiheit mit Kritik konfrontiert sehen, die es so früher nicht gab.

Solche Veränderungen empfinde ich als normal und gesund. Jede Gesellschaft definiert, was sagbar ist und was nicht gesagt werden darf oder soll. Diese Unterscheidung ist keine Unterbindung der Freiheit, sondern Ausdruck vorherrschender Werte. Sie zeigt, was als schützenswert gilt, wo Verletzungen beginnen und welche historischen Erfahrungen nicht relativiert werden dürfen. Und am wichtigsten: Sie zeigt, wer aktuell über die Macht in einer Gesellschaft verfügt, den Sprachdiskurs zu prägen, und wessen Einfluss hier ins Hintertreffen gerät.

Exemplarisch illustriert dies der schwindende Einfluss des Christentums in der Gesellschaft.

Die Bibel ist keine Verteidigerin von Redefreiheit

Die Bibel selbst ist keine gute Begründung für uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Sie kennt klare Grenzen der Rede. Im Alten Testament gilt Gotteslästerung nicht als legitime Meinungsäusserung, sondern als schwerer Verstoss gegen die Ordnung des Gemeinwesens (Lev 24). Sprache, besonders die Rede über Gott, ist hier keine Privatsache, sondern eine öffentliche Handlung mit Konsequenzen.

Im Neuen Testament verschiebt sich der Akzent, aber nicht das Prinzip. Jesus erklärt, dass nicht das Äussere, sondern das, „was aus dem Mund kommt“, den Menschen verunreinigt (Mt 15,11). Der Jakobusbrief spricht drastisch von der Zunge als einem kleinen Glied mit zerstörerischer Macht. Und Paulus fordert eine Rede, die „aufbaut“ und nicht verletzt (Eph 4,29). Hier wird also keine Meinungsfreiheit propagiert. Im Wissen um die Kraft der Sprache werden Gläubige ermutigt, ihre Rede freiwillig und bewusst zu zensieren: «Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.» (Epheser 4,29)

Die biblische Tradition verteidigt also keine unbeschränkte Rede, sondern verantwortete Rede. Und als die Kirche dies noch konnte, forderte sie dies auch im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein. Dies zeigt der Ursprung des Begriffes der Zensur: Dieser bezeichnet die Kontrolle von Äusserungen und Publikationen, um sie an Normen und Wertevorstellungen auszurichten. Historisch wurde Zensur zunächst von kirchlichen Autoritäten definiert, bevor moderne Staaten Zensur als staatliche Funktion übernahmen.

Die eigentliche Frage: Wer hat die Macht über Sprache?

Damit sind wir beim Kern der Debatte: Zensur ist nicht einfach eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sie ist Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft schützen will – und davon, wer die Macht besitzt, diese Ansprüche durchzusetzen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sondern: Wer definiert die Grenzen des Sagbaren – und auf welcher Grundlage.

Historisch hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg erhebliche Macht über Sprache. Sie definierte, was als gotteslästerlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich galt. Sie entschied, welche Worte gesagt, welche Texte gelesen und welche Gedanken öffentlich geäussert werden durften.

Diese Macht hat die Kirche heute nicht mehr. Auch staatliche Institutionen, Gerichte und staatliche Medien verlieren hier Einfluss. Vermehrt bestimmen soziale und digitale Netzwerke sowie gesellschaftliche Mehrheiten die sprachlichen Spielregeln. Das ist eine tiefgreifende Machtverschiebung, die durchaus schmerzlich und auch problematisch sein kann.

Die unbequeme Frage nach der kirchlichen Glaubwürdigkeit

Umso auffälliger und fragwürdiger ist es, wenn vermeintlich christliche Stimmen heute mit grosser Vehemenz die Meinungsfreiheit verteidigen. Das wirkt nicht selten heuchlerisch.

Wo waren diese Stimmen, als christliche Tabus sprachlich gebrochen wurden? Als satirische oder künstlerische Darstellungen Jesu Proteste auslösten? Als Theaterstücke wie Corpus Christi oder popkulturelle Provokationen als Blasphemie verurteilt wurden? Als Karikaturen, Filme oder Performances kirchliche Empörung hervorriefen und Verbote gefordert wurden?

Versteht mich nicht falsch – ich finde es auch problematisch, wenn etwa Schweizer Politikerinnen unreflektiert auf Jesusfiguren schiessen; ich bin aber auch kein Verfechter uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Vielmehr glaube ich, dass eine gute Zensur wesentlich ist für eine gesunde Gesellschaft. 

Was aus meiner Sicht heuchlerisch ist, ist, sich dann für Meinungsfreiheit einzusetzen, wenn die eigene Meinung zensiert wird. Und genau hier treiben Leute wie Vance ein falsches Spiel. Denn, sobald sie können, setzen sie sich nicht für Meinungsfreiheit ein, sondern treiben die eigene Zensur voran. Oder was genau hat der Golf von Amerika mit Meinungsfreiheit zu tun?!

Eine Einladung zum ehrlichen Diskurs

Darum ist es mir ein Anliegen, dass wir nicht über Meinungsfreiheit streiten, sondern einen Diskurs darüber führen, wer und was unsere Sprache definiert. Ich glaube, hier liegt der eigentliche Kern und die Chance dieses Disputs. Wenn wir erkennen, dass es um die Hoheit über die Sprache geht, können wir die wesentlichen Fragen stellen: Was soll in unserer Gesellschaft unsagbar sein – und warum? Wer entscheidet darüber? Und wie können wir einen transparenten, demokratischen und lernfähigen Diskurs über das Sagbare und Unsagbare führen?

Dabei scheint mir eines besonders wichtig: Die Frage, wie wir sprechen, ist oft entscheidender als die Frage, was wir sagen. Eine Sprache, die differenziert, respektvoll und dialogfähig bleibt, schützt mehr Freiheit als jede Tabuisierung von Themen oder schrille Berufung auf absolute Freiheitsrechte.

Christlicher Glaube könnte hier einen Beitrag leisten – nicht als moralische Instanz vergangener Macht, sondern als Übung in verantworteter Rede. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Aber alles, was gesagt wird, sollte in Liebe gesagt werden.

Vielleicht beginnt Meinungsfreiheit genau dort: nicht im Recht auf jedes Wort, sondern in der Bereitschaft zum gemeinsamen Ringen um eine Sprache, die Leben ermöglicht und Liebe fördert.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Preacher Slam – Was heisst Christ sii? Als Christin im normale Trott, dür’s Läbe ga mit Gott?

Wihnachtszyt
bereits alti Erinnerig, 
grau u starr.
Scho wieder isch Februar.

Übergang im Chilejahr.
Advent isch verbii
Faste due mer no ni.

Hie, züsche de Fescht,
i dere Zyt im Jahreskreis,
wo dr Alltag reist
frag i üs:

Was heisst das: Christ sii?
Als Christin im normale Trott,
dür’s Läbe ga mit Gott?

I ha zwöi Wort drbi.
Beidi fange si a mit I.
U es dritts 
Stell dir vor; o mit I.
Das würdi gärn ersetze mit K.
Wie Kaki.
Oder Kiwi.

S erschte Wort 
im Früchtechorb:
I wie Intuition.

Die sitzt bekanntlech im Buch.
Öb ä maximali Ranzespanni
hilft intuitiver z sii?
I weiss es ni.
probiers mal us…

Intuition, uf jede Fall
isch ke Magie.
Ke Zauber.
Meh Ä Ahnig.
Für das, wo stimmt.

Entscheide drbi:
dir sälber vertroue.
di dim Buchgfüeu avertroue.
u druf boue,
dass dis Innerste
scho wird wüss, 
wies seu witer ga. 

Darf me da?
Grad als Christin.
unbedingt!

Es isch ä fromme Blödsinn
we du versuechsch dür Gott z ersetze,
was du nid bereit bisch
dir sälber z gä:

Vertroue.

Je nach Prägig cha das überrasche.
„Was söu die unfrommi Masche?“
Mir si doch Sünder.
U Gfüeu si doch chrank,
u sicher nid g’sünder.

Genau. Sünder si mir au.
Doch hoffentlech
isch das i Christus verbii.

No immer mach i Sache falsch.
Aber die gueti Nachricht isch doch die:
i all üsne Fähler,
i mim Versäge,
schafft Christus
ä Uswäg,
ä Heiweg,
zrugg zum Ursprung,
is Hus vo Gott.

U dört hets ä fetti Badewanne.

Wer sech hie regelmässig wischt,
het ke Grund
sech sälber nid z vertroue.
Wer es neus Härz het,
cha tue, was er gspürt.

Wie dr alt Augustinus seit:
„Lieb Gott
u mach, was de wosch.“

De a das darfsch gloube:
dä Gott gloubt a di.
Er rechnet mit dir.

Drum grad als Christ:
isch dis Buchgfüeu ke Mist.
Also Vertrou dir.
Das heisst Intuition.

Denn chunnt s zweite I.
Inspiration.

Hie 
redt Gott –
nid d Seel.

Ganz trenne lat sech das nie.
Aber s si unterschidlichi Bewegige:

Intuition seit: gang los du chasch da.
Inspiration flüstert: la los.

d Sicherheit.
d Kontrolle
La di selber los.

Will Inspiration
chunt nid vo dir.
Es Gschenk vo us.
wo Platz suecht i mir.

Doch wie söll das gaa:
sech la inspiriere?

Üs Schwizer fautt das schwär.
Meh im Norde cheus is besser.
Gloub mers – i rede us Erfahrig:
I läbe ä schwizerdütschi Ehe,
i Schwizer,
si Dütschi.

U mit de Dütsche isch es so:
Die lose nid.

Das darf i so pauschal säge.
De es isch ä Fakt.

Dütschi lose nid.
Deutsche hören.

Das wiederum mache mir Schwizer nid.
wir hören nicht
Mir lose.
U ja, mir ghöre.

Mir ghöre d Muetter schreie,
u lose nid, was si seit.

U will mir Schwizer nid höre,
sondern lose,
merke mir gar nid,
wie tief das Wort ghöre isch.

Ghöre isch zwöidütig.
Wie s Bärli:
das us Gummi zum ässe,
us verknaute am plätze.

Mir ghöre dr Lärm.
U mir ghöre zu Bärn

Also ja zumindes I…
uf jede fall

Ghöre mir dert zue,
wo mir häre lose.

Zum das z’ghör 
sött mir viellech säge:
Mir g-lose dert zue.

Dr glych Deep Shit ligt im Uf-höre.
Wer ufhört,
hört uf sälber mache.
Fat a dr ander z’göre
äbe: uf d’Stimm lose.

O das cheu Schwizer schlecht
hey kes Gspür für Pause.
Numme Schaffe, Schaffe

Doch o du
hör uf, lose-uf.
wird eifachXstill
lose-uf d’schaffe.
u loss uf dä wo di inspiriert

Das si si gsi – die zweu I
Intuition u Inspiration
Was no blibt isch I wie Individum,
was i gern würd wandle zum K wie Kollektiv

Ä Christ isch kes Einzelkind
es geit nie drum,
dass I nur mir vertroue
nur i uf Inspiration boue.

Lass üs zäme nach wäge sueche 
üs gägeseitig z’vertroue,
ä kollektive Intution entwickle.

Dass mir gmeinsam häre los
Dass mir üs nid verlüre im I.
Dass mir üs finde im Mir.

U villech isch genau das Glaube:

Vertrouens voll u unsicher
i allem gmeinsam statt einsam vorwärt ga. 

Amen.


Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Wie ist die Gewalt in der Bibel – besonders im Ersten Testament – mit einem liebenden Gott vereinbar?!

Foto von Marco Bianchetti auf Unsplash

Die konkreten Aufforderungen zur Gewalt bis hin zum Aufruf zum Völkermord in der Bibel sind eine der grössten Anfragen an den christlichen Glauben. Wie sollen solche Texte zu einem liebenden Gott passen?

Sicher: Es ist eine Tatsache, dass der Mensch zur Gewalt gegenüber anderen neigt. Die Bibel ist hier erschreckend realistisch. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Gott selbst fordert an manchen Stellen direkt zur Gewalt auf. Ein drastisches Beispiel findet sich in 1. Samuel 15,3. Dort lesen wir:

„So zieh nun hin und schlage Amalek und vollstrecke den Bann an allem, was sie haben. Schone ihrer nicht, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Schaf, Kamel und Esel.“

Hier ruft Gott selbst zum Genozid auf – zur Tötung von unschuldigen Tieren und hilflosen Kindern und Säuglingen. Das lässt sich nicht einfach überlesen oder spirituell schönreden.

Für mich zeigt sich hier eines der grössten Missbrauchspotenziale von Religion: Gott wird für die eigene Partei oder Position beansprucht. Mit Gott an seiner Seite wird daraus das Recht abgeleitet, anderen Gewalt anzutun. Physisch. Aber auch argumentativ oder psychisch.

Diese Logik ist erschreckend aktuell: Gott ist mit mir – darum gehört dieses Land nun mir.

So wurde und wird Krieg religiös legitimiert. So werden Menschen entrechtet, weil sie „nicht zu Gottes Volk“ gehören. So werden Minderheiten im Namen Gottes ausgegrenzt. Und so wird bis heute spirituelle Autorität missbraucht: Wenn jemand behauptet, Gottes Stimme gehört zu haben, und diese vermeintliche Offenbarung benutzt, um andere zu kontrollieren, einzuschüchtern oder zu manipulieren.

Gerade deshalb müssen wir fragen: Wie sollen – wie können – wir mit solchen Texten umgehen?

Dies vorweg: Eine abschliessende Antwort habe ich nicht. Ich ringe um dieses Thema. Aktuell gibt es fünf Gedanken bzw. Ansätze, die ich bedenkenswert finde, die ich mit euch teilen möchte und die einladen, weiterzudenken.

1. Es geht nicht, das Problem ins „Alte“ Testament abzuschieben

Die Texte können nicht als „alttestamentlich“ abgetan werden. Dies ist eine weit verbreitete Lösung: die Gewalt als ein alttestamentliches Problem darzustellen. Im Neuen Testament, insbesondere durch die Lehre Jesu und seine Betonung der Liebe, sei dieses überwunden: „Früher wusste man es halt nicht besser, aber Jesus hat uns das wahre Wesen Gottes als liebenden Vater gezeigt.“

Diese Argumentation führt dazu, zwischen dem Gott im Ersten Testament und im Zweiten Testament zu unterscheiden. Doch so einfach ist es nicht. Die christliche Tradition hat immer wieder betont, dass der Gott des Neuen Testaments ein und derselbe ist wie im Ersten.

Dazu kommt, dass auch das Neue Testament harte und verstörende Texte kennt – man denke nur an Gerichtsbilder oder die Offenbarung. Und die Kirchengeschichte macht schmerzhaft deutlich: Auch Christen haben Gewalt religiös legitimiert, Kreuzzüge geführt, Kolonialismus betrieben und Menschen im Namen Gottes unterdrückt.

2. Alles hängt an unserem Bibelverständnis

Entscheidend ist, wie wir die Bibel lesen und verstehen. Das ist ein umfassendes Thema, das ich hier nur kurz anreissen kann.

Wichtig ist: Die Bibel erhebt nicht den Anspruch, eins zu eins Gottes Willen wiederzugeben. Sie ist keine Sammlung zeitloser, wörtlicher Aussagen oder gar Anweisungen Gottes, die sich direkt auf heute übertragen liessen. Sie ist auch kein Diktat Gottes – wie dies der Koran beansprucht – bei dem jedes Wort unmittelbare göttliche Selbstoffenbarung wäre.

Die Bibel ist eine komplexe Sammlung unterschiedlichster Texte, verfasst und redigiert über die Jahrhunderte hinweg von etlichen Autoren, die verschiedenste Stilmittel und Textgattungen verwendeten und immer eingebettet in ihre Zeit und Kultur schrieben. So plural ist der Kontext der biblischen Erfahrungsberichte: Menschen erzählen auf ihre Art, wie sie Gott in ihrer Kultur und Zeit erlebt haben – und deuten diese Erfahrungen theologisch. Dabei werden nicht nur positive Beispiele erzählt. Oft berichtet die Bibel schonungslos ehrlich von falschem Umgang mit Gott und unrechter Deutung seines Wesens und seines Willens.

Gerade deshalb ist der Kontext so wichtig. Einzelne Verse oder Erzählungen lassen sich nicht isoliert verstehen. Sie müssen immer im grösseren Zusammenhang gelesen werden – literarisch, historisch und innerhalb der gesamten biblischen Erzählung. Dies trifft auch auf die gewaltvollen Stellen der Bibel zu.

3. Viele Gewalttexte entstehen aus Trauma und Ohnmacht

Betrachten wir den Kontext vieler gewaltsamer Texte, so fällt auf, dass diese nicht aus einer Position der Übermacht, sondern meist aus Verletzung und Schwäche heraus entstanden sind. Die Philister waren militärisch überlegen. Später kamen die Grossmächte der Assyrer und der Babylonier. Jerusalem wurde zerstört, der Tempel niedergebrannt, grosse Teile der Bevölkerung verschleppt.

Insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft, in der Erfahrung von Ohnmacht und Leid, erinnerten sich die Israeliten an die vergangenen Heldentaten von Mose, Samuel und David. Viele der alten Geschichten fanden hier zu neuer Wichtigkeit, wurden verschriftlicht, redigiert und im Schatten der erlebten Katastrophen neu gedeutet.

Sicher, das ist bibelwissenschaftlich stark verkürzt und vereinfacht dargestellt. Doch es macht einen Unterschied, ob Gewaltgeschichten von Siegern erzählt werden – oder von Menschen, die Verlust, Vertreibung und Ohnmacht erlebt haben.

Die drastischen Texte können so als Ausdruck von Schmerz, von der verzweifelten Suche nach Sinn im Angesicht von Leid verstanden werden: Wo war Gott? Warum ist das passiert? Wie können wir trotzdem weiterleben und glauben?

Trauma spricht oft in absoluten Bildern. Angesichts von unfassbarem Leid und Ungerechtigkeit ist es nachvollziehbar, dass man den Feinden, die einem dies angetan haben, im Namen Gottes nur das Schlimmste wünscht. Auch das gehört zur Ehrlichkeit der Bibel.

4. Auffällig ist: Die Gewalt wird Gott überlassen – Gott ist dabei weder parteiisch, noch bejaht er durchgehend die Gewalt. Dies zeigt sich am Ende in Jesus Christus.

So verstörend viele Texte sind: Etwas fasziniert mich zugleich.

Die Bibel legt die Gewalt bewusst in Gottes Hände. Israel nimmt die Rache nicht einfach selbst in Anspruch. Jonathan überlässt es etwa in 1. Samuel 14 Gott selbst, ob er ihm im Kampf gegen die Philister beisteht. Und in den blutrünstigen Psalmen, wie etwa Psalm 137, richtet sich der Verfasser mit seinen rachsüchtigen Vergeltungsfantasien direkt an Gott und überlässt ihm dadurch letztlich die Vergeltung und Gewalt.

Dadurch zeigt die Bibel, dass erfahrene Gewalt kein Freibrief für menschliche Vergeltung ist. Gott wird die Verantwortung als Richter zugesprochen. Das Gottesbild ist für uns heute oft schwer auszuhalten, doch darin wird etwas Entscheidendes im Umgang mit Gewalt deutlich: Der Mensch soll die Rache nicht selbst in die Hand nehmen. Biblisch gesehen liegt die Autorität für Gewalt und Vergeltung in Gottes Hand.

Dabei fällt auf: Gott stellt sich in der Bibel erstaunlich oft nicht auf Israels Seite. Immer wieder verlässt Gott sein eigenes Volk. Er lässt Niederlagen zu. Er kritisiert militärischen Hochmut und Machtmissbrauch. Die Propheten warnen davor, Sicherheit in Waffen zu suchen.

Parallel dazu zieht sich eine starke Kritiklinie gegenüber Gewalt und Krieg durch das Erste Testament: ein grundsätzliches Aufbegehren gegen Krieg, Gewalt und Rache. Visionen, in denen Schwerter zu Pflugscharen werden. Träume von globalem Frieden. Segenszuspruch nicht nur für Israel, sondern für alle Völker – sogar für die Feinde.

Diese Linie ist entscheidend. Sie bildet die Grundlage für das Handeln und die Lehre Jesu. Jesus stellt somit keinen Bruch mit dem Ersten Testament dar. Im Gegenteil: In ihm findet diese Deutung ihre konsequente Fortführung und ihren Höhepunkt. Gerade im Angesicht der römischen Besatzungsmacht verweigert er sich der Logik von Vergeltung. Er geht nicht den Weg der Gewalt. Stattdessen durchbricht er den Kreislauf von Hass und Rache durch seine Hingabe, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung.

5. Eine allegorische Spur: Diese Texte erzählen auch von unseren eigenen Kämpfen

Angesichts dieser Überlegungen dürfen und sollen wir uns mit allen Texten der Bibel – auch den unklaren, schwierigen und gewaltvollen – auseinandersetzen und darin Schätze und Weisheiten für unseren Alltag finden.

Ein Weg – der letztlich in den meisten Predigten gewählt wird – ist, über den historischen und literarischen Kontext hinaus die Texte allegorisch zu deuten. Wir dürfen die Berichte über Kämpfe und Auseinandersetzungen auch symbolisch verstehen und daraus Prinzipien für unsere alltäglichen Herausforderungen und Konflikte ableiten. Nicht jede Schlacht muss äusserlich gedeutet werden. Vieles lässt sich auf innere Prozesse beziehen: Angst, Mut, Versuchung, Vertrauen.

In dieser Perspektive können selbst schwierige Geschichten geistlich fruchtbar werden.

Ein schönes Beispiel ist etwa 1. Samuel 14: Jonathan und sein Waffenträger wagen einen mutigen Schritt, obwohl die Lage aussichtslos scheint. Daraus lässt sich Entscheidendes über echten Mut, Vertrauen und die entscheidende Kraft des zweiten Mannes ableiten.

Das ist jedoch Stoff für einen anderen Blog – hier kannst du nachlesen was wir aus 1. Samuel 14 über echten Mut lernen können.

Dieser Text basiert auf der Predigt vom 25. Januar in der Kirche Bühl. Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wenn Worte scheitern – Über Leid, Gott und Crans-Montana

Foto von Valentin Karisch auf Unsplash

Hugo Stamm hat es wieder einmal getan. Er hat erneut zu einem Rundumschlag gegen etliche religiösen Exponenten der Schweiz ausgeholt. Und wieder kommt er zu seiner altbekannten Schlussfolgerung: Religion schadet, und ihre Verkündiger verursachen nur Leid und Verwirrung.[1] Diese immer gleiche Leier mag ihren Unterhaltungswert haben – doch nun, da sie auf die Tragödie und das Leid von Crans-Montana angewendet wird, ist sie schlicht fehl am Platz.

Scheitern die kritisierten Erklärungsansätze? Ja, grösstenteils. Verfehlen sie es allen Familien, insbesondere religiös Distanzierten, Trost zu spenden? Höchstwahrscheindlich. Doch was ist die Alternative? Auf Stamms Kritik folgt auch dieses Mal kein eigener Lösungsansatz. Kritisieren ist das eine, selbst tätig zu werden das andere. Um Worte zu ringen in einer unaussprechlichen Situation – das ist schwierig und mutig. Und hier gäbe es für Herrn Stamm viel Arbeit zu tun.

Wer Religion kritisiert, soll bitte auch eigene und neue Antworten liefern. Wie kann ohne Glauben mit einer solchen Tragödie umgegangen werden? Wie können die Schuldigen, die in den nächsten Tagen gnadenlos mit den Folgen ihres Fehlverhaltens konfrontiert werden, Vergebung finden? Und auch über das aktuelle Leid hinaus sind Verfechter einer säkularen Gesellschaft mit grossen Fragen konfrontiert, auf die ich selten bis nie Antworten höre – geschweige denn ein Bewusstsein für diese Fragen.

Fragen wie: Mit welchem Narrativ, wenn nicht mit dem christlichen, entwickeln Gesellschaften ein gesundes Wir-Gefühl, ohne dabei ausgrenzend zu werden? Wie lässt sich Menschenwürde als Grundlage der Menschenrechte begründen? Was schenkt dem Menschen Sinn? Und falls es gar keinen Sinn braucht – wie sieht dann ein gutes Leben ohne Sinn aus? Wie lassen sich Moral und Ethik ohne Gott begründen und einfordern?

Auf diese und viele weitere Fragen könnten Kritiker wie Herr Stamm sich um Antworten bemühen. Doch dazu fehlt wohl der Mut. Denn wer dies wagt, wird scheitern – und macht sich angreifbar.

Ich für meinen Teil will nicht bei der Kritik stehen bleiben. Ich reihe mich gern in die Reihe der Menschen ein, die um Worte ringen und mit ihren Antworten scheitern. Denn einfache und richtige Worte gibt es im Angesicht solchen Leides nicht. In vielem gibt es keine Antwort. Meist bleibt nur das Schweigen. Und doch – trotz des Wissens, dass es keine Worte gibt, die dieser Situation gerecht werden – möchte ich es wagen, ein paar Gedanken zu formulieren. Es ist ein Versuch. Ein Ringen um Worte, die in aller Schwäche das Schweigen und damit auch die Einsamkeit zu überwinden versuchen. Denn wenn alles Reden scheitern muss, so schafft es zumindest Nähe.

Dabei schenkt ein Blog nie die Nähe, die Opfer und Angehörige jetzt dringend brauchen. Das ist hier nicht meine Aufgabe und nicht mein Ziel. Ich bin dankbar für die unzähligen Menschen, die in den letzten Tagen den Betroffenen nahegestanden sind und sie in diesem unfassbaren Leid begleiten.

Die nachfolgenden Überlegungen werden der Situation nicht gerecht. Die skizzierten Antworten versuchen das Leid nicht „wegzuerklären“. Sie sind ein Ringen darum, dem Geheimnis näherzukommen, wie wir mit Leid in dieser Welt umgehen können. Vielleicht finden wir darin auch Wege, unserem eigenen Leid zu begegnen – und darüber hinaus andere in ihrem Leid zu begleiten.

Die Frage der Theodizee

Die Frage nach dem Leid und nach Gottes Gerechtigkeit – die sogenannte Theodizeefrage – begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. In der Bibel, in unserer Tradition, aber auch in persönlichen Gesprächen stossen wir auf viele Versuche, dem Rätsel des Leidens beizukommen. Doch selten finden wir eine allumfassende Antwort.

Nachfolgend stelle ich drei mögliche Kategorien von Antworten vor, mit jeweiligen Spielarten. Ich verdanke diese Überlegungen der Theologieprofessorin Veronika Hoffmann, die sie mir in ihrer Dogmatik-Vorlesung zur Theodizee nähergebracht hat. Jede Antwort kann einen Beitrag leisten – zugleich scheitert jede und kann im falschen Kontext mehr Schmerz als Trost verursachen.

1. „Leid hat einen Sinn / eine Funktion“

Ein Ansatz ist, dem Leid in dieser Welt einen Sinn zuzuschreiben. Leid kann so verstanden werden, dass es eine Funktion in unserem Leben hat – ja, dass Gott sich des Leids bedient, um ein grösseres Ziel zu verwirklichen.

a) Unser Handeln hat Konsequenzen (Tun-Ergehen-Zusammenhang)

Die Bibel lehrt uns an vielen Stellen, dass unser Tun Folgen hat. Im Buch der Sprüche lesen wir:

„Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück.“ (Sprüche 26,27)

So wie es Naturgesetze gibt, existieren auch Beziehungsgesetze: Wenn wir lügen, betrügen oder andere verletzen, wirkt sich das früher oder später auf uns selbst aus. Dieser Zusammenhang erklärt manches Leid, das wir durch eigenes Fehlverhalten auslösen.

Auch die Katastrophe von Crans-Montana hat menschliche Ursachen. Barbetreiber und Behörden haben Fehler gemacht, die diese Tragödie mitverschuldet haben.

Gleichzeitig stellt die Bibel diesen Zusammenhang infrage. Das Buch Hiob zeigt uns einen Gerechten, der leidet, obwohl er kein Unrecht getan hat. Jugendlichen die Schuld für ihr Sterben in der Silvesternacht zu unterstellen, zeigt die drastische Grenze dieser Erklärung.

Zugleich: Im Neuen Testament übersteigt Jesu Gnade das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“. Gott sprengt in Jesus Christus die engen Grenzen von Ursache und Wirkung und schafft so die Grundlage zur Vergebung. Gnade durchbricht Karma. Diese Gnade und Vergebung wird für die Schuldigen dieser Katastrophe zentral sein, wenn sie den Weg zurück ins Leben finden wollen.

b) Leid als Strafe Gottes

Eine andere Deutung ist die Vorstellung, Leid sei Gottes Strafe für unsere Sünden. Im Buch Josua heisst es:

„Wenn ihr den Herrn verlasst und fremden Göttern dient, dann wird er sich von euch abwenden, wird Unglück über euch bringen…“ (Josua 24,20)

Religionsgeschichtlich ist diese Sichtweise bedeutsam. Das Volk Israel suchte – anders als viele andere antike Kulturen – die Ursache von Katastrophen nicht bei fremden Göttern oder dämonischen Mächten, sondern bei sich selbst. Sie hielten an ihrem Gott fest, auch in Niederlagen und im Exil. Unglück wurde als Anlass zur Selbstprüfung verstanden, nicht als Beweis für die Schwäche Gottes. Diese Sicht nimmt die Israeliten in eine Selbstverantwortung und spricht ihnen die Möglichkeit zu, ihre Situation selbstbestimmt zu verändern. Sie sind nicht das Opfer ihrer Unterdrücker, sondern können mit Gottes Hilfe ihre leidvolle Situation verändern.

Ist es sinnvoll, durch die Katastrophe das überhebliche Selbstverständnis der Schweiz, alles im Griff zu haben und mit Organisation vermeintliche Sicherheit zu schaffen, zu hinterfragen? Vielleicht.

Doch darf das Leid der Jugendlichen als Strafe Gottes gedeutet werden? Auf keinen Fall.
Hier wird diese Erklärung destruktiv und unmenschlich. Den Hinterbliebenen würde zusätzlich unerträgliche Schuld aufgebürdet. Das Gottesbild des zornigen Strafenden ist seelsorgerlich schädlich und missbräuchlich.

c) Leid als Erziehung

Der Psalmist bekennt: „Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte.“ (Psalm 119,71)

In manchen Biografien führte erfahrenes Leid zu einer Kehrtwende, die viel Positives ermöglichte. Manche sehen darin einen „Weckruf“. Manche Christinnen und Christen erleben, dass sie in Krisen eine neue Tiefe im Glauben finden. Aus Leid zu lernen, ist weise.  Sich aus gegebenem Anlass bewusst auf den neuesten Stand beim Verhalten von Bränden zu bringen, ist sicher eine wichtige Lektion.

Leid pädagogisch zu begründen ist jedoch fehl am Platz. Direktbetroffenen zu sagen, die erfahrene Situation sei eine Chance etwas Wichtiges zu lernen, ist lieblos und verletzend. Die Erkenntnis, aus dem erfahrenen Leid positive Schlüsse zu ziehen, kann nur jede und jeder zu seiner Zeit für sich selbst entdecken. Und wenn das Leid so gross ist wie der Verlust eines eigenen Kindes, ist es menschlich gesehen unmöglich, darin eine lebensfördernde Lektion zu erfahren.

2. „Leid ist nicht vermeidbar“

Die zweite Kategorie von Antworten entspringt philosophischen Überlegungen. Eine Welt, die dem Menschen die Freiheit des eigenen Willens zuspricht, ist nur so konzipierbar, dass Leid in ihr möglich sei

a) Leid als Folge des freien Willens

Menschen fügen einander und sich selbst Leid zu. Um den freien Willen zu achten, verhindert dies Gott nicht. Ohne die Freiheit zur Liebe gäbe es auch nicht die Freiheit zum Bösen – wir wären nur Marionetten. In dieser Sicht ist Leid als Verschuldung der Menschen selbst zu verstehen. Leid entsteht, weil wir unsere Freiheit missbrauchen.

Doch was ist, wenn jemand unschuldig Leid erfährt aufgrund des Fehlverhaltens anderer?
Was ist mit systemischem Unrecht, mit Strukturen, die Leid hervorbringen? Wie lassen sich so Naturkatastrophen erklären, die niemand direkt „verschuldet“ hat? Die Rede vom freien Willen erklärt dieses systemische Leid nicht.

b) Leid durch Naturgesetze

Ein weiterer Gedanke ist, dass Gott eine Welt geschaffen hat, in der verlässliche Naturgesetze herrschen. Diese Verlässlichkeit, wie die der Gravitation, ist nötig für Leben und Freiheit. Wie soll ich mein Leben gestalten, wenn ein Stein mal zu Boden fällt und ein anderes Mal einfach in der Luft hängen bleibt?

Zugleich führen die Naturgesetze zwangsläufig auch zu Erdbeben, Stürmen oder Krankheiten. So gesehen ist das Leid die Folge der verlässlichen Naturgesetze. Manche Theologen argumentieren daher, diese Welt sei „die bestmögliche aller Welten“. Leid wird so als notwendige Kehrseite einer verlässlichen und dadurch freien Welt verstanden.

Doch gerade persönliches und seelisches Leid lässt sich so nicht erklären. Zudem ist diese Sicht im seelsorgerlichen Einzelfall kalt und herzlos. Der verstorbene Partner oder auch die Hunderte von Menschen, die durch eine Naturkatastrophe sterben, werden als Opportunitätskosten für eine verlässliche Welt und die menschliche Freiheit hingenommen.

3. „Es gibt keine Antwort auf das Warum“

Eine dritte Kategorie von Antworten entzieht sich der Frage nach dem Warum von Leid. Diese Antworten versuchen, einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Weg vom begründenden Warum hin zum ermöglichenden Wozu.

a) Gott leidet mit uns – Gott ist da in unserem Leid

Besonders tröstlich ist für mich die Botschaft, dass Gott mit uns mitleidet. Am Kreuz ruft Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

In Jesus wird Gott selbst zum Leidenden, er kennt Verlassenheit, Schmerz und Tod. Das kann uns in unserem Leid auf eine tiefe Weise berühren: In Jesus Christus kennt Gott den Schmerz dieser Welt. Im Leiden ist er uns nahe und spricht uns zu: „Ich weiss, wie es dir geht. Ich leide mit dir.“

Doch manche fragen: „Was hilft es mir, wenn Gott mitleidet, aber mein Leid nicht beendet?“ Mitleiden bietet vielleicht keinen Ausweg aus dem Leid, doch die Erfahrung zeigt: Trost beginnt oft damit, dass uns jemand versteht und mit uns fühlt – und Gott versteht uns wie niemand sonst. Dieser Zuspruch, dass Gott uns im Leid nahe ist und mitleidet, ist für mich zutiefst tröstlich. Christus als der mitleidende Gott ist für mich einer der grössten Schätze des christlichen Glaubens.

b) Leid ist zu bekämpfen – unser Auftrag, Leid zu lindern

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Aufruf, das Leid nicht hinzunehmen, sondern es zu bekämpfen. Eine biblische Vision sagt:
„Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind … Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ (Jesaja 65,25)

Unsere Welt entspricht nicht diesem Bild. So ist die Theodizeefrage eine „Rückfrage“ an Gott: „Warum lässt du das zu? Gott, die Welt ist nicht so, wie du sie versprochen hast!“ – So kann uns das Leid ins Gebet führen, wo wir mit Gott um diese Fragen ringen.

Doch nicht nur im Gebet soll unser Glaube aktiv werden im Protest gegen das Unrecht und das Leid dieser Welt. Wir sind gerufen, selbst aktiv zu werden und diese Welt gerechter und barmherziger zu machen. Das Leid ist nicht da, um es zu verstehen, sondern um es zu bekämpfen. Statt uns in theoretischen Erklärungen zu verlieren, sollten wir das Leid sehen und es lindern, wo immer wir können.

c) Die Unverstehbarkeit Gottes

Letztlich können wir Gott nicht vollständig begreifen. Der Prediger sagt:
„Was Gott tut und auf der Welt geschehen lässt, kann der Mensch nicht vollständig begreifen … So sehr er sich auch anstrengt, alles zu erforschen, er wird es nicht ergründen!“ (Prediger 8,16–17)

Gott bleibt grösser als unser Verstand. Die Unbegreiflichkeit des Leidens ist ein Teil des Geheimnisses Gottes. Karl Rahner betont, dass wir Gott als das „unverfügbare Geheimnis“ annehmen und zugleich das Leid in seiner Unerklärlichkeit stehen lassen müssen. Erst wenn wir dies aushalten, werden wir Gott wirklich als Gott begegnen und nicht als blossen Idee, die wir uns zurechtlegen.

Doch wer Leid zu schnell als unbegreiflich abtut, macht es sich zu einfach. So einsichtig dies sein mag. Erst am Ende allen Redens, Fragens und Betens kann diese Erklärung tröstlich und heilsam sein. Kommt sie zu früh, ist sie verfehlt.

Leid stellt Gott in Frage

Am Ende bleibt für mich das Leid – trotz aller Erklärungsversuche – eine Anfrage an Gott. Das Leid stellt Gott, konkret mein Bild von Gott, in Frage.

Für mich selbst ist das Bild von Gott als allmächtiger Superman im Angesicht von Leid, wie dem von Crans-Montana, nicht haltbar. Gott ist kein Wesen, das getrennt von dieser Welt existiert und stoisch über allem steht, stets bereit, mich mit aller Macht aus Gefahr und Bedrohung zu erlösen.

Nein, ich finde Gott in Jesus Christus, dem gekreuzigten und leidenden Messias. Dies ist ein Gott, der sich mit dieser Welt identifiziert, bis hinein ins grösste Leid, in den Tod selbst. Durch die Jahrhunderte hindurch haben Christinnen und Christen im Gebrochenen, Ausgeschlossenen und Leidenden durch Christus Gott gefunden. So möchte ich mich immer wieder aufs Neue durch das Leid herausfordern lassen, um Gott selbst im Leid, Zerbruch und Unbegreiflichen zu begegnen. So möge uns Gott auch im Leid von Crans-Montana beistehen. 


[1] https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/556360408-crans-montana-troestende-pfarrer-sind-oft-fehl-am-platz

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Weihnachten: Als die Macht den Palast verliess und die Grundlage entstand, in allen Menschen Herrscher ihres eigenen Lebens und Schicksals zu sehen

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Konfirmandenunterricht kurz vor Weihnachten. Wir beschäftigen uns mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas.
„Gibt es Fragen?“

Die Hand einer Konfirmandin schnellt in die Höhe:
„Jesus, von der Jungfrau Maria geboren – das kann nicht sein. Eine menschliche Geburt ohne männliche Zeugung widerspricht allem, was wir über Biologie wissen.“

Was nun?
Soll ich darauf beharren, dass Wunder geschehen und Gott Naturgesetze durchbrechen kann? Sicher: Biblische Geschichten rechnen mit dem Eingreifen Gottes. Die biblische Welt ist – anders als unsere moderne – nicht in sich abgeschlossen. Aber ist das wirklich der Punkt der Geburtsgeschichte Jesu?

Was wollten die biblischen Texte überhaupt sagen?

Ich glaube: Wenn wir die Geburtsgeschichte Jesu als naturwissenschaftlichen Bericht lesen, verfehlen wir ihren Kern. Weder das Matthäus- noch das Lukasevangelium sind medizinische Protokolle. (Im Übrigen sind dies die einzigen beiden Schriften, die überhaupt von einer wundersamen Geburt berichten – die anderen Evangelien und auch die Briefe des Neuen Testaments greifen dieses Motiv nicht auf.)

Die Jungfrauengeburt ist kein biologischer Befund, sondern eine theologische Erzählform.
Sowohl moderne Kritik, die fragt „Wie soll das gegangen sein?“, als auch eine fromme Apologetik, die auf dem Wunder beharrt, verfehlen aus meiner Sicht die eigentliche Intention der Weihnachtsgeschichte.

Denn diese Geschichte stammt aus einer anderen Zeit. Antike Menschen stellten andere Fragen:

  • Wer ist dieser Mensch?
  • Woher kommt seine Autorität?
  • Warum sollte man ihm folgen?

Matthäus sah die Antworten auf diese Fragen darin, dass Jesus der angekündigte Messias war. Jesus seine Legitimation und Autorität lag darin, dass er die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllte. Gerade auch durch die Umstände seiner Geburt. Doch darauf gehe ich hier nicht weiter ein.

Für mich spannend ist – die aussergewöhnliche Zeugung ist ein bekanntes literarisches und religiöses Motiv der damaligen Zeit. Solche Geschichten dienten jedoch nicht primär dazu, ein Wunder zu feiern. Ihr Zweck war politisch – Herrschaft zu legitimieren.

Ein paar Beispiele:

Der römische Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), der zur Zeit der Geburt Jesu herrschte, liess verbreiten, seine Mutter Atia sei im Tempel des Apollo vom Gott Apollo höchstpersönlich geschwängert worden. Augustus sei somit Sohn eines Gottes.

Über Alexander den Grossen (356–323 v. Chr.) erzählte man, Zeus selbst sei sein Vater.

Die Stadt Rom berief sich darauf, dass ihre Gründer göttlicher Abstammung seien: Romulus und Remus stammten laut Überlieferung von der Vestalin Rhea Silvia, einer geweihten Jungfrau, die vom Kriegsgott Mars geschwängert wurde. Rom erhielt so eine göttliche Gründungsurkunde.

Und schon lange vor Rom galten ägyptische Pharaonen als Söhne Gottes. Tempelreliefs zeigen, wie der Gott Amun-Ra die Königin besucht und den zukünftigen Herrscher zeugt.

Mit diesem Hintergrund zeigt sich die Radikalität der Weihnachtsgeschichte.
Hier wird es theologisch brisant.

Christinnen und Christen nahmen den Zeugungsmythos ihrer Zeit auf und beanspruchten: Christus ist der wahre Kaiser, der wahre Pharao, der wahre Herrscher dieser Welt.

Will ich damit sagen, Jesus sei nicht von einer Jungfrau geboren?
Persönlich vertraue ich auf Wunder. Zudem ist die Jungfrauengeburt von tiefer theologischer Bedeutung. Doch, sich für oder gegen diese Frage auszusprechen, verfehlt den eigentlichen Punkt.

Was ich weiss: Das Christentum hat die Machtstrukturen der antiken Welt auf radikalste Weise unterwandert – und damit ein Fundament gelegt für unsere freie westliche Welt, für Demokratie und Menschenrechte.

Antike Herrscher unterdrückten ihr Volk und nahmen dafür göttliche Legitimation in Anspruch.
In Jesus Christus begegnet uns ein Herrscher – ja Gott selbst –, der von seinem Thron steigt, zu den Menschen kommt, um ihnen zu dienen, ihnen zu helfen und für sie da zu sein.

Jesus wird nicht als Sohn eines Gottes präsentiert, der über der Welt thront, sondern als einer, der Teil der Welt ist, ihr dient und sie befreit.

Am deutlichsten zeigt sich mir dies darin, dass diese göttliche Legitimation im Christentum nicht exklusiv bei Jesus Christus stehen bleibt.
In der Antike konnte es immer nur einen Sohn Gottes geben: nur der Kaiser, nur der Pharao war göttlich legitimiert.

Christinnen und Christen erblickten jedoch durch Jesus Christus Gott im Gegenüber. Sie waren überzeugt: Wenn sie einem Menschen helfen, dienen sie Gott selbst.

Besonders deutlich wird das in der Taufe.
Als Pfarrer vollziehe ich bei jeder Taufe – theologisch gesprochen – ein Inthronisationsritual. Was früher nur einzelnen Herrschern vorbehalten war, spreche ich jedem Kind zu. Normale Bürgerinnen und Bürger erkläre ich zu Kindern Gottes – im Vertrauen auf Jesus Christus.

Ich spreche ihnen zu:
Du bist Träger göttlicher Würde.

Das ist keine religiöse Romantik.
Das ist eine radikale Umwertung von Macht.

Darum ist Weihnachten für mich kein harmloses Fest, das von Wundern erzählt, an die nur Kinder glauben können.
Nein – aktueller denn je ist Weihnachten eine Zumutung für jede Form von Herrschaft, die sich über Menschen erhebt. Es ist eine Absage an alle Bewegungen und Ideologien, die Menschen einteilen wollen in höhere und niedrigere, in göttliche und normale.

Denn wenn Gott im Kind in der Krippe erkannt wird,
dann muss Gott auch im Gesicht meines Gegenübers erkannt werden.

Und das verändert alles.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.