Christsein lässt sich nicht delegieren – Gedanken zur Wichtigkeit des regelmässigen Dialogs mit anderen und Gott über die Frage wie wir leben wollen

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«Du hast doch einen besseren Draht zu Gott als ich. Kannst du ein gutes Wort für das Wetter nächste Woche einlegen?»

Solche Sätze höre ich als Pfarrer immer wieder. Meistens sind sie mit einem Augenzwinkern gemeint. So auch letzten Sonntag.

Ich antwortete ebenfalls mit einem Schmunzeln: «Wir bieten sogar einen direkten Draht zu Gott an. Du bist herzlich eingeladen, ihn selbst zu nutzen.»

Hinter diesem kleinen Wortwechsel steckt für mich eine erstaunlich grosse Frage: Was bedeutet es eigentlich, heute Christin oder Christ zu sein?

Glaube ist mehr als eine Überzeugung

Wenn Menschen vom Glauben sprechen, meinen sie oft eine Meinung über Gott. Man hält die Existenz Gottes für wahrscheinlich oder eben nicht. Glaube erscheint dann wie das Für-wahr-Halten einer Behauptung.

Die Bibel versteht Glauben anders.

An Gott zu glauben bedeutet nicht in erster Linie, einen Satz über die Welt für richtig zu halten. Glaube beschreibt eine Beziehung. Er bedeutet, Gott Vertrauen zu schenken und das eigene Leben im Vertrauen auf ihn zu gestalten.

Zwischen «Ich glaube, dass Gott existiert» und «Ich vertraue Gott» liegt ein grosser Unterschied.

Der erste Satz beschreibt eine Überzeugung. Der zweite eine Beziehung.

Beziehungen kann niemand für mich führen

Das Spannende an Beziehungen ist, dass sie sich nicht delegieren lassen.

Niemand kann meine Freundschaften für mich pflegen. Niemand kann meine Ehe für mich führen. Niemand kann Vater meiner Kinder an meiner Stelle sein.

Beziehungen leben von persönlicher Gegenwart.

Umso erstaunlicher finde ich, wie häufig wir genau das gegenüber Gott versuchen. Wir delegieren unsere Beziehung zum Göttlichen an Menschen, die beruflich oder religiös näher bei Gott zu sein scheinen.

Gerade hier liegt eine der grossen (Wieder-)Entdeckungen der Reformation.

Mit dem Gedanken des allgemeinen Priestertums wurde betont, dass jede Christin und jeder Christ unmittelbar vor Gott steht. Es braucht keinen besonderen Vermittler. Christus selbst ist der Mittler.

Jeder Mensch ist eingeladen, selbst zu beten, selbst zu hören, selbst zu vertrauen und selbst Verantwortung für seine Gottesbeziehung zu übernehmen.

Von Priestern zu Königen?

Zurzeit lese ich Peter Sloterdijks Buch Der Fürst und seine Erben. Darin stellt er eine Frage, die mich nicht mehr loslässt:

Wenn Luther jeden Mann zum Priester und jede Frau zur Priesterin erklären konnte – warum sollte man nicht ebenso jeden Mann zum König und jede Frau zur Königin erklären? (vgl. Seite 80)

Ich finde diese Frage zentral.

Denn tatsächlich könnte man das allgemeine Priestertum missverstehen. So, als würde nun jeder Mensch einfach sein eigenes religiöses Königreich regieren. So als ob, Christsein bedeuten würde die eigene Spiritualität ständig zu optimieren und weiter zu entwickeln. Doch es geht um viel mehr als die blosse Optimierung eines Lebensbereiches. Glaube bedeutet sein ganzes Leben im vertrauen auf Gott zu gestallten und so als von Gott berufene König und Königin die Verantwortung für unser Leben in die Hand zu nehmen.

Doch so wie ich das Evangelium versteht scheint es mir dabei um mehr als unsere kleinen individuellen Königreiche zu gehen.

Das Evangelium schafft nicht Alleinherrscher

Je länger ich mich mit Paulus beschäftige, desto mehr überzeugt mich eine Einsicht, die in der sogenannten neuen Paulusperspektive stark betont wird.

Das Evangelium ist nicht einfach eine individuelle Heilsbotschaft.

Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft.

Eine Gemeinschaft, an der sichtbar wird, wie Leben unter Gottes Herrschaft aussehen kann.

Christsein ereignet sich deshalb nicht dort, wo jeder sein eigenes kleines Königreich möglichst erfolgreich verwaltet. Jede für sich alleine ihre Frömmigkeit steigert. 

Christsein geschieht dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für ihre gemeinsame Lebensform übernehmen und miteinander fragen:

Wie wollen wir leben?
Wie wollen wir arbeiten?
Wie wollen wir vergeben?
Wie wollen wir teilen?
Wie wollen wir Kirche sein?

Diese Fragen lassen sich nie endgültig beantworten und schon gar nicht allein. Sondern gemeinsam – im Gespräch miteinander und mit Gott.

Kirche als Ort der Versöhnung

Darum hat Kirche für mich nichts an Bedeutung verloren.

Im Gegenteil.

Mit den Jahren ist meine Überzeugung eher gewachsen, dass Christsein Kirche braucht.

Bernd Wannenwetsch beschreibt in seinem Buch „Gottesdienst als Lebensform“ den Gottesdienst als einen Ort der Versöhnung (vgl. S. 109ff) Dieser Gedanke spricht mich sehr an.

Im Gottesdienst kommen Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Verschiedene Bildungswege, politische Überzeugungen, soziale Hintergründe, Frömmigkeitsstile, Leitungsverständnisse und Lebenserfahrungen treffen aufeinander.

Was sie verbindet, ist nicht ihre Ähnlichkeit.

Sie stellen gemeinsam Gott in ihre Mitte.

Am deutlichsten geschieht das vielleicht im gemeinsamen Singen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Gott und sprechen ihm die höchste Ehre zu.

Dadurch geschieht etwas Bemerkenswertes.

Nicht unsere politische Überzeugung steht im Zentrum.

Nicht unsere Bildung.

Nicht unsere Herkunft.

Nicht unsere Persönlichkeit.

Nicht einmal unsere Kirche.

Sondern Gott.

Alles andere verliert dadurch nicht seinen Wert.

Aber es verliert den Anspruch, das Wichtigste zu sein.

Wenn niemand mehr um den ersten Platz kämpfen muss

Ich glaube, darin liegt eine grosse gesellschaftliche Kraft.

Was den ersten Platz beansprucht, muss sich gegen alles andere behaupten.

Wenn aber Gott den ersten Platz erhält, müssen wir das nicht mehr.

Dann entsteht Raum, einander zu dienen.

Für mich zeigt sich das besonders in einer Spannung, die jede Gemeinschaft kennt.

Auf der einen Seite steht das Individuum.

Auf der anderen Seite die Gemeinschaft.

Beides gerät ständig miteinander in Konflikt.

Manchmal wird die Einheit der Gruppe so wichtig, dass Individualität keinen Platz mehr hat.

Manchmal wird die Selbstverwirklichung des Einzelnen so wichtig, dass jede Gemeinschaft zerfällt.

Im Gottesdienst geschieht etwas Drittes.

Als Gemeinschaft bekennen wir: Gott ist grösser als wir.

Darum können wir den Einzelnen dienen.

Als Einzelne bekennen wir: Gott ist grösser als ich.

Darum kann ich mich in die Gemeinschaft investieren, ohne mich selbst zu verlieren.

Ich glaube, dieses Muster lässt sich auf viele Spannungen unserer Zeit übertragen – auch auf Fragen von Hierarchie und Mitbestimmung, Leitung und Beteiligung.

Wenn Gott grösser ist als unsere Leitungsmodelle, müssen wir keines davon absolut setzen. Dann können wir gemeinsam danach suchen, welche Form des Leitens einer konkreten Situation dient.

Kirche gemeinsam gestalten

Genau das versuchen wir bei Neopaleo.

Zweimal im Jahr setzen wir uns zusammen und fragen nicht zuerst, was Tradition oder Organisation von uns erwarten.

Wir fragen:

Wie wollen wir im kommenden Semester gemeinsam Kirche leben?

Jede und jeder überlegt dabei auch, welchen Beitrag er oder sie einbringen möchte.

Vielleicht besteht genau darin eine zeitgemässe Form des Christseins.

Nicht darin, fertige Antworten zu besitzen. Sondern darin, gemeinsam vor Gott zu treten, ihn anzubeten und aus dieser gemeinsamen Ausrichtung heraus immer wieder neu nach einer gemeinsamen Lebensform zu suchen.

Je länger ich Christ bin, desto weniger glaube ich, dass Christsein allein gelebt werden kann.

Vielleicht wird Kirche gerade dann wieder verständlich für Menschen ausserhalb ihrer Mauern: wenn sie zu einem Ort wird, an dem niemand mehr um seine eigene Grösse kämpfen muss, weil Gott gross genug ist für uns alle.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und danach den Text von einer KI korrigieren und redigieren lassen um ihn abschliessend eigenhändig redaktionell zu finalisieren.

Was, wenn wir im Leben feststecken?

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Stell dir vor, du bist so um die vierzig Jahre alt. Du sitzt an einem Hotelpool irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne scheint. Das Wasser glitzert. Die Menschen um dich herum sind entspannt. Eigentlich solltest du glücklich sein.

Neben dir sitzt deine Partnerin oder dein Partner. Ihr seid seit Jahren zusammen. Ihr streitet selten. Nach aussen wirkt eure Beziehung stabil.

In drei Tagen fliegst du zurück nach Hause. Dort wartet dein Job auf dich. Ein Job, der vernünftig ist. Er entspricht der gängigen Karriere in diesem Bereich. Er bezahlt die Rechnungen. Er bietet Sicherheit. Viele Menschen wären damit zufrieden.

Genauso diese Ferien. Freunde haben dir davon vorgeschwärmt. Hier verbringt man seine Zeit. Es ist ein Urlaub, von dem man erzählen kann. Der andere beeindruckt.

Eigentlich solltest du glücklich sein. Aber du bist es nicht. Denn du realisierst: In dieser Partnerschaft bin ich nur, weil dies von mir erwartet wird. Mein Job war die logische Folge nach dem Studium, das ich gewählt habe, weil dies der Wunsch meiner Eltern war. Und in diesen Ferien bin ich nur, um bei der Arbeit davon zu erzählen.

Und du fragst dich: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Was für ein Leben lebe ich eigentlich? Irgendwie stecke ich fest. An einem Ort, an dem ich eigentlich nicht sein will, in einem Leben, das ich nie so gewählt habe.

Mit solch einem Gefühl bist du nicht allein. Es kann sich dann einstellen, wenn wir zu lange in einer Lebensphase verharren. Das muss nicht so sein. Aber wenn du jetzt eine Lebensanleitung oder ein Rezept erwartest, muss ich dich enttäuschen. Der Weg in ein erfülltes Leben hat mehr mit Hinhören zu tun, als starre Regeln zu befolgen. Was meine ich damit?

Die meisten Menschen stellen sich ihr Leben wie eine gerade Linie vor. Schule, Ausbildung, Beruf, Familie, Karriere, Pensionierung. Schritt für Schritt vorwärts. In der Realität verläuft das Leben selten so geordnet. Manche Menschen werden mit vierzig plötzlich von der Frage eingeholt, ob sie überhaupt ihr eigenes Leben leben. Andere bleiben noch mit sechzig auf der Suche nach sich selbst. Wieder andere haben schon früh Verantwortung übernommen und fragen sich später, ob sie dabei etwas Wesentliches verpasst haben.

Entsprechend berichten uns die Geschichten der Bibel auch nicht von gradlinigen Biographien. Die Bibel arbeitet viel häufiger mit Bildern von Wegen, Scheitern und Lebensphasen, wie etwa Jahreszeiten. Im Hohelied heisst es etwa: „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen.“ Was wäre, wenn wir uns unser Leben in Phasen, in Jahreszeiten vorstellen? Was bedeutet es, im Frühling des Lebens zu sein und aufzubrechen in den Sommer?

Frühling: Die Kunst des Lernens

Der Frühling steht für Wachstum. Alles erwacht zum Leben, spriesst und blüht.

Als Mensch wachsen wir durch Kopieren. Bei der Sprache und den motorischen Fähigkeiten ist uns dies sehr bewusst. Als Kinder lernen wir Reden und Laufen durch Nachahmung. Doch auch Verhaltensweisen, Werte und Vorstellungen übernehmen wir so von den Menschen um uns herum.

Gerade als Jugendliche orientieren wir uns entsprechend stark an Vorbildern. Wir lernen von den Eltern, Lehrpersonen und immer mehr von Freunden und Influencern, wie man sich in unserer Gesellschaft benimmt. Was braucht es, um dazuzugehören? Wie muss ich mich verhalten, um beliebt und erfolgreich zu sein?

So hilfreich dieses Nachahmen zu Beginn ist, so problematisch wird es, wenn wir diese Phase nie hinter uns lassen. Wer sich immer nur an anderen orientiert, kann mit vierzig unglücklich am Pool enden.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, Erwartungen zu erfüllen. Sie wählen einen Beruf, weil andere ihn für sinnvoll halten. Sie übernehmen politische oder religiöse Überzeugungen, ohne sie jemals zu hinterfragen. Gerade in religiösen Fragen kommen viele nie über diese Phase hinaus. Man ist gläubig oder eben nicht religiös, weil dies dem eigenen Umfeld entspricht.

Im Frühling des Lebens wird Erfolg darüber definiert, was Anerkennung bringt. Von aussen betrachtet kann ein solches Leben sehr erfolgreich aussehen. Doch irgendwann taucht eine unangenehme Frage auf: Lebe ich eigentlich mein eigenes Leben?

Wer dauerhaft im Frühling bleibt, entwickelt zwar Anpassungsfähigkeit, aber keine eigene Stimme. Deshalb gehört zum Erwachsenwerden mehr als Lernen. Irgendwann muss aus Übernahme Eigenverantwortung werden.

Sommer: Die Kunst des Suchens

Der Sommer ist die Zeit der Entfaltung. Alles wächst und trägt seine volle Pracht. Im Leben ist dies die Phase des jungen Erwachsenseins. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Die Welt steht offen. Genau deshalb ist diese Lebensphase so spannend und zugleich so herausfordernd.

Viele Ratschläge unserer Zeit lassen sich auf einen Satz reduzieren: „Du musst einfach deinen eigenen Weg finden.“ In dieser Lebensphase ist dies ein passendes Mantra. Es ist die Zeit der Loslösung – nicht nur vom Elternhaus, sondern von übernommenen Lebensentwürfen. Es geht darum, zu finden, was wirklich dein eigener Weg ist. Dinge zu tun, nicht nur weil sie erwartet werden oder Erfolg versprechen. Sondern weil du spürst: Das muss ich tun, hier führt mein Weg mich durchs Leben.

Das braucht Mut. Und genau dies ist einer der häufigsten Zusprüche Gottes in der Bibel: Sei mutig! Fürchte dich nicht. Die biblische Geschichte zeigt: Gott begleitet dich auf neuen Wegen, auch wenn deine Reise für andere ungewohnt ist.

Dabei verläuft nicht immer alles wie geplant. Fehler sind kein Betriebsunfall. Sie gehören dazu. Viele junge Erwachsene fürchten sich vor Entscheidungen, weil sie denken, sich durch Fehlentscheidungen die Zukunft zu verbauen. Es stimmt nicht, dass man keine Fehler machen darf, wenn man erfolgreich sein will. Im Gegenteil, erfüllte Menschen machen Fehler und lernen daraus.

Falsche Entscheidungen gehören dazu. Sie sind nicht das Ende. Vergebung ist hier eine zentrale christliche Botschaft. Sie ist kein Freibrief für konsequenzloses Handeln, sondern eine Befreiung, sich nicht von Fehlern definieren zu lassen, sondern daraus zu lernen und sie nicht mehr zu machen. Vergebung heisst, dass Fehler nicht die Macht bekommen, unsere Identität zu bestimmen. Diese Haltung schafft Freiheit. Freiheit zu lernen. Freiheit zu wachsen. Freiheit, Neues zu wagen.

Doch auch der längste Sommer kommt zu seinem Ende. Wer immer nur sucht, findet nie. Manche Menschen verbringen Jahrzehnte damit, sich alle Optionen offen zu halten. Sie springen von Projekt zu Projekt, von Beziehung zu Beziehung oder von Idee zu Idee. Sie wollen sich nicht festlegen, weil jede Entscheidung andere Möglichkeiten ausschliesst. Doch genau darin liegt das Problem. Ein Leben, das immer nur der nächsten Möglichkeit nachjagt, bleibt oft erstaunlich oberflächlich. Die Freunde, die sich mit weit über vierzig noch immer jedes Wochenende abschiessen und auf jeder Party dem nächsten kurzen Rock hinterherspringen, illustrieren dies. Irgendwann braucht Wachstum Wurzeln.

Herbst: Die Kunst der Begrenzung

Den Herbst verbinden viele mit Verlust. Die Blätter fallen. Die Tage werden dunkler. Dabei entsteht gerade im Herbst etwas Entscheidendes. Die Bäume hören auf zu wachsen und konzentrieren ihre Energie auf die Früchte.

Ähnliches geschieht auch im Leben. Mit zunehmender Erfahrung wird klar: Wir können nicht alles gleichzeitig sein. Wir haben nur begrenzt Zeit, begrenzte Energie und begrenzte Aufmerksamkeit.

Hier tritt die Frage „Was könnte ich alles machen?“ in den Hintergrund. Wichtiger wird: „Wofür möchte ich mein Leben einsetzen?“

Wer seine Grenzen akzeptiert, kann beginnen, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Der Schriftsteller Charles Bukowski formulierte es so: „Finde, was du liebst, und lass es dich töten.“ In diesem harschen Zitat steckt die Aufforderung, unser Leben auf eine Sache zu konzentrieren und dafür all unsere Energie aufzuwenden.

Vielleicht ist das einer der grössten Unterschiede zwischen Jugend und Reife. Jugend fragt: Welche Türen stehen mir offen? Reife fragt: Welche Türen sind es wert, dass ich hindurchgehe?

Das gilt für Beziehungen genauso wie für Arbeit, Freundschaften oder Engagement. Eine gute Ehe lebt nicht davon, dass zwei Menschen permanent überlegen, ob es irgendwo noch eine bessere Option gäbe. Sie lebt davon, dass zwei Menschen lernen, füreinander der richtige Partner zu werden.

Dasselbe gilt für Berufungen. Irgendwann geht es weniger darum, den perfekten Platz zu finden, sondern den Platz, an dem man steht, gut zu gestalten, voll und ganz auszufüllen.

Doch auch die Fokussierung, die Konzentration des Herbstes kommt zu ihrem Ende. Beziehungsweise birgt auch diese Lebensphase ihre Gefahr, wenn wir zu lange in ihr verharren. Wer gelernt hat festzuhalten, muss irgendwann wieder lernen loszulassen.

Winter: Die Kunst des Loslassens

Der Winter ist wahrscheinlich die am meisten unterschätzte Jahreszeit.

In unserer Kultur und Gesellschaft sind seine Attribute mehr als negativ behaftet: Stillstand. Verlust. Alter. Schwäche. Ende.

Deshalb versuchen viele Menschen, den Winter möglichst lange hinauszuzögern. Wir leben in einer Zeit, in der alle jugendlich sein wollen. Auch die Alten. Wir kämpfen gegen das Älterwerden. Gegen das unausweichliche Ende, den Tod. Doch gerade darum, um gut sterben zu können, geht es in dieser letzten Lebensphase, dem Winter. Es gilt loszulassen, unsere Rollen, unseren Einfluss und unsere Kontrolle gehen zu lassen. Dies kann Angst auslösen, insbesondere die Angst vor Bedeutungslosigkeit.

Hier hilft uns der Blick in die Natur. Im Winter stirbt nicht einfach alles. Der Winter schafft Raum für Neues. Das alte Blatt muss fallen, damit im Frühling Neues wachsen kann. Darin liegt eine besondere Weisheit und Chance des hohen Alters: zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie unersetzlich man sich macht.

Der Sinn eines Lebens besteht nicht nur darin, alles festzuhalten, sondern zur rechten Zeit die Dinge weiterzugeben. Erfahrungen weiterzugeben. Verantwortung weiterzugeben. Wissen weiterzugeben. Ressourcen weiterzugeben. Liebe weiterzugeben. Das heisst für mich, gut alt zu werden: den Mut zu entwickeln, Platz für andere zu machen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Fruchtbarkeit.

Warum Selbstoptimierung allein nicht reicht

Sicher ist dies eine verkürzte Sicht auf die Vielfältigkeit des Lebens. Das Leben ist komplexer und vielschichtiger und läuft nie genau nach diesen Phasen ab. Was ich trotz dieser Vereinfachung an dieser Perspektive spannend finde, ist Folgendes:

Viele Selfhelp-Ratgeber gehen davon aus, dass das Leben ein Problem ist, das gelöst werden muss. Wenn du nur die richtige Strategie findest, die richtigen Gewohnheiten etablierst oder die richtige Methode anwendest, wirst du erfolgreich und erfüllt leben. Oft begegnet mir dieselbe Einstellung im christlichen Gewand: Die Bibel ist eine Bedienungsanleitung. Du musst sie nur richtig befolgen, und alles funktioniert wie geschmiert.

Das Leben in Jahreszeiten zu betrachten zeigt: Die Realität ist komplizierter. Jede Lebensphase stellt andere Fragen. Die Stärke in der einen Phase kann zugleich zur Herausforderung für den Übergang in die nächste werden. Was im Frühling beim Lernen hilfreich ist, kann später den eigenen Findungsprozess behindern. Nachahmen hilft beim Lernen, muss aber ins eigene Finden übergehen. Der Sommer eröffnet viele Möglichkeiten, kann am Ende jedoch die notwendige Fokussierung erschweren. Die Konzentration des Herbstes bringt Klarheit, macht es aber unter Umständen schwer, später wieder loszulassen. Im Winter wird das Loslassen zur letzten Form der Verantwortung für die Nachfolgenden. Am Ende gilt es, auch diese Verantwortung gehen zu lassen.

Es gibt keine zeitlose Formel für ein gelungenes Leben. Genau deshalb versteht das Christentum Glauben nicht primär als Regelwerk. Die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen begleitet. Nicht mit einem fertigen Drehbuch. Nicht mit einer allgemeinen Betriebsanleitung. Sondern in einer lebendigen Beziehung. Im Buch der Sprüche heisst es: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg.“ Bemerkenswert ist, dass dort nicht steht: Ich gebe dir alle Antworten. Sondern: Ich begleite dich auf dem Weg.

Glaube kann so als Begleitung verstanden werden, die in jeder Phase neu Orientierung gibt, ohne den Weg festzuschreiben. So gesehen könnte Kirche ein Ort sein, an dem unterschiedliche Lebenszeiten Platz haben und Menschen einander auf ihrem je eigenen Lebensweg und in den unterschiedlichsten Lebensphasen unterstützen und voneinander lernen.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am Konf-Gottesdienst vom 31..05.2026 in der Kirche Bühl. Die Konf-Klasse bestimmte für den Gottesdienst das Thema: „Erwachsenwerden – Frühling als Aufbruch in den Sommer des Lebens.“ und wählte folgende Bibelverse als Grundlage für die Predigt aus: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg. Wenn du dich daran hältst, wird kein Hindernis deine Schritte aufhalten; selbst beim Laufen wirst du nicht stolpern.“ (Sprüche 4, 11–12) „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen, die Turteltaube ist zu hören.“ (Hohelied 2, 11–12). Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Auffahrt – der Beginn der dunkelsten Zeit im Jahr.

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Ein Spoken Word zum Feiertag, den ich selbst (noch) nicht mag: 
Auffahrt.

Doch eine Trigger Wahrung zuvor:
der Text spricht über den Schmerz einer Fehlgeburt. 

Kirchenjahr
Abfolge von Feiertagen
Tag die wir feiern im Jahr

Weihnachten –
Ein Kind erkannt als Gott
Gott wird Mensch
im Mensch erblicken wir Gott
Was für ein Moment
Schöpfer und Schöpfung: eins
Gott tritt ins Fleisch
Inkarnation
wie ich das feier!

Dann: das Leben
Alltag
Jesus wächst
Das Kind wird Erwachsen
Er findet seinen Ruf
steter Gang
kein Feuerwerk
Schade nur: 
kein Feiertag dafür
Denn Alltag feiern
ist Nachfolgekunst
kein Highlight Konsum

Dann Tod und Auferstehung
Höhepunkt der Geschichte
Jesus begegnet dem Endgegner
dem Tod selbst
er stirbt
und dann:
Sieg
Triumph
Tod, wo ist dein Stachel
Tod, wo ist dein Sieg?
Christus ist auferstanden
Er ist wahrhaft auferstanden
es ist vollbracht
wer ihm vertraut
wird nicht vergehen
sondern ewig leben

Vierzig Tage dauert der Jubel
Er zeigt sich Hunderten zugleich
Die furchtsamen Jünger
finden wieder Mut
Langsam begreifen sie
Er erlöst nicht Israel allein
Er erlöst die ganze Welt.

Und dann? Auffahrt
Jesus wird entrückt
Warum ein Feiertag?
Ich verstehe es nicht
Tot, Auferstehung
und dann doch fort
Er ist weg
und wir sind wieder allein allein
Was ist sie Wert 
die gute Nachricht
die nicht bleibt
Die kommt
den Duft des Lebens zeigt
um dann wieder weiter zu ziehen?

Wie der Feine Teller
Der Kellner kommt 
zu deinem Tisch
geht vorbei
und bedient den Tisch dahinter

oder
Dein Club steht im Finale
ein Tor noch bis zum Sieg
letzte Minute
Der Treffer
Der Jubel
die Halle bebt
Dann der Pfiff
Abseits
Das Tor verfällt
Konter
Tor
Der Sieg
in Sekunden
zerronnen zur Niederlage

Was macht Auffahrt anders?
Kurz da
und wieder fort
Nur geht es um mehr
als um verfehltes Essen
mehr als um vertanen Sieg.

Existenziell
Wie das Paar
das sich ein Kind erseht
und nichts gescheht
Hoffen
Ringen
Monat um Monat
unzählige Gänge zu Ärzten
Leben, Ernährung umgestellt
doch das Leben bleibt fern
Bis endlich nach Jahren
Der Test positiv
Das Kind ist da
die Hoffnung erfüllt.


Und dann: Blut
Nach wenigen Wochen
vierzig Tagen
ist alles wieder fort.

Wer dies durchlebt
ist kinderloser 
als zuvor. 

So frag ich dich
Was ist sie wert
die Erfüllung auf Zeit
Was ist das
für Evangelium
Das kommt
um wieder zu gehen?
So ist für mich diese Zeit
im Kirchenjahr
diese 10 Tage
finster
finsterer als alles
stiller und zerbrochener
als selbst der Karsamstag
Denn der Fall ist tiefer
Die Enttäuschung grösser
und darum die Wunde schwerer

Kein Wunder schweigt man darüber
Nie hörte ich eine Predigt
die Auffahrt wirklich trug
Bis heute bleibt es offen
Seit Jahren ist Auffahrt
Quelle meines Zweifels
Kritik am Glauben
Auferstehung —
durch Auffahrt zerronnen

Sicher,
wie Karfreitag
ist auch Auffahrt nicht Ende
Karfreitag – Ostern
Auffahrt – Pfingsten
Jesus geht – Geist kommt
Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. (Johannes 16, 7)
Ganz ehrlich
mir war das stets
ein billiger Trost
Worin unterscheidet sich
unser Umgang mit Jesus
von dem mit unseren Toten?
Auch sie bleiben
im Geiste
in Erinnerung bei uns
Jedes Jahr gedenken wir
ihres Geburts- und Todestags
und vertrauen und hoffen:
sie seien noch da

Doch dieses Jahr
begann es zu dämmern
Ein Gedanke
noch frisch
noch ungeformt
Entfalten kann ich ihn noch nicht
Noch ist er Skizze
mehr Ahnung als Beweis
Und doch will ich wagen
ihn auszusprechen
ihm Worte zu geben
Darum hört
Auffahrt ist Inthronisation Christi
Er sitzt zur Rechten Gottes
Ihm ist gegeben
alle Macht im Himmel und auf Erden
Keine Gestalt
kein Mensch
kein Amt
keine Organisation
trägt Macht wie Christus
Selbst den Tod
hat er besiegt
Er ist die reinste Macht.

Doch Christus lebte Macht
immer anders
»Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 26 Aber so darf es bei euch nicht sein. Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, 27 und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. 28 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.« (Matthäus 20, 25-28)

So ist es nur folgerichtig
Dass Jesus 
angekommen im Zentrum der Macht
seinen Platz räumt
Die Mitte der Macht
muss leer bleiben
Sonst wird auch sie
zur Unterdrückung
Wenn der Messias nicht stirbt
wenn er den Thron nicht räumt
wird er zum neuen Tyrann
Sieh Dune
Paul Atreides
ist der Messias
der nicht stirbt
Solang Jesus in Person Gegenwärtigt ist 
auf dieser Welt
bleibt Macht gesammelt
zentralisiert
in Person, an einem Ort,
in Raum und Zeit.

Erst wenn er geht
kommt der Geist
und teilt die Macht,
verteilt sie auf alle von uns
19 Ihr sollt erfahren, mit welcher unermesslich großen Kraft Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Ist es doch dieselbe gewaltige Kraft, 20 mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte und ihm in der himmlischen Welt den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab! (Epheser 2, 19 & 20)
Seine Abwesenheit
macht Gegenwart möglich
Die grösste Macht
liegt im Verzicht
Im leeren Thron
Der so zur Quelle wird
Aus welcher 
Wasser des Lebens fliesst
sich ergiesst in uns
Schau herum
in dir und mir in allen von uns
lebt der Geist
wirkt und handelt durch uns
Darum ist angebrochen
die Zeit des neuen Bundes
33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt! (Jeremia 31, 33ff)

Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube?

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Meine Glaubensbiografie kennt die unterschiedlichsten Stationen. Aufgewachsen bin ich in einem reformierten Elternhaus. Von dort führten mich meine weiteren Wege zur Gründung von ICF Schaffhausen und ICF Singen sowie in die Leitung der FEG Winterthur. Weitere prägende Stationen waren die Grossen Exerzitien sowie mein Theologiestudium in Fribourg und Bern. Heute arbeite ich als Pfarrer der reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis Drei.

Der christliche Glaube war dabei meine Konstante. Wie dieser Glaube gelebt wird – insbesondere die Frage, wie viel persönliche Erfahrung, Betroffenheit und Engagement er benötigt –, wurde von jeder Institution und Gemeinschaft, der ich angehörte oder angehöre, unterschiedlich beantwortet.

Grund genug, dieser Frage nachzugehen: Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube eigentlich?

1. Kulturelles Christentum – was ist das eigentlich?

Beginnen wir auf jener Seite des Spektrums, die diese Frage eher verneint. Unter dem Begriff des kulturellen Christentums erfährt diese Position immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Ein neueres Beispiel dafür ist die Sendung Sternstunde Philosophie mit Detlef Pollack.[1] Das Interview ist faszinierend und kann – je nach Frömmigkeitsstil – durchaus irritieren. Hier begegnet uns ein Mann, der Christentum und Kirche zutiefst wertschätzt. Gleichzeitig verneint er, einen persönlichen Glauben zu haben oder tiefgreifende spirituelle Erlebnisse erfahren zu haben. Obwohl ihn die Kirche, insbesondere die Musik und gelegentlich auch die Predigten, berühren, und obwohl er deshalb regelmässig Gottesdienste besucht, spricht er nicht von Glauben, sondern von Wertschätzung.

Das Christentum ist hier keine gelebte Überzeugung, sondern ein tragender kultureller Hintergrund. Für manche überraschend ist, dass sich auch der wohl bekannteste Atheist, Richard Dawkins, mit einer solchen Form des Christentums identifiziert. In einem Interview mit LBC (London Broadcasting Company) sagte er:

„I call myself a cultural Christian.“ Und weiter: „I love hymns and Christmas carols, and I sort of feel at home in the Christian ethos.“

Dawkins glaubt nicht an Gott – aber er fühlt sich in der christlichen Kultur zuhause.

Kulturelles Christentum könnte man so verstehen: Zugehörigkeit ohne Bekenntnis, Wertschätzung ohne Vertrauen, Teilnahme ohne persönliche Bindung an Gott beziehungsweise ohne persönliche Erfahrung mit Gott. Es ist ein Christentum, das die Form bewahrt, den Kern aber offenlässt.

Dabei fallen mir einige Dinge auf. Meist sind es ältere weisse Männer, die sich für diese Position interessieren. Neben Pollack und Dawkins wären etwa Jordan Peterson und Alain de Botton weitere Beispiele.

Zudem deckt sich dieses Phänomen mit Beobachtungen der aktuellen Religionswissenschaft. Diese stellt fest, dass Menschen heute oft nach einem Baukastenprinzip mit Religion umgehen: Man nimmt sich heraus, was passt, und lässt den Rest beiseite. Im kulturellen Christentum bedient man sich der religiösen Tradition und lässt die persönliche Frömmigkeit weitgehend links liegen.

Gleichzeitig steht dies in einem gewissen Spannungsverhältnis zu anderen Beobachtungen unserer Zeit. Häufig wird davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne vor allem Erfahrungsreligion ist. Menschen suchen gerade im Spirituellen nach Erlebnissen, Emotionen und Berührung. Darauf verzichtet das kulturelle Christentum weitgehend. Emotionen werden hier eher als hinderlich betrachtet, und entsprechend wird gefühlsbetonte Spiritualität kritisch beäugt. Diese kritische Haltung findet sich beispielsweise auch im erwähnten Interview mit Pollack.

Über diese Beobachtungen hinaus stellt sich die Frage: Geht das überhaupt? Darf man das? Oder braucht Christentum nicht doch persönliche Erfahrung und einen persönlichen Bezug?

Hierzu findet sich in Johannes 20 eine spannende Geschichte.

2. Thomas will mehr! Der Stellenwert von Glaubenserfahrungen

Die anderen Jünger berichteten Thomas:

„Wir haben den Herrn gesehen!“

Er entgegnete ihnen:

„Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!“(Johannes 20,25)

Im Jünger Thomas begegnet uns jemand, der die persönliche Erfahrung zur Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft macht. Er kann und will nicht allein aufgrund von Hörensagen, Überlieferung oder Ritualen dazugehören. In diesem Anliegen wird er ernst genommen. Die persönliche Erfahrung wird ihm gewährt. Christus begegnet ihm selbst.

Dann wandte sich Jesus an Thomas: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“ Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,27–28)

Jemand, der die Wirkung und den Stellenwert solcher Glaubenserfahrungen erforscht, ist die Theologieprofessorin Sabrina Müller. Sie definiert religiöse Erfahrung wie folgt:

„Religiöse Erfahrung ist ein Widerfahrnis mit einem als relational erfahrenen Gott (Beziehungsgeschehen), welches den persönlichen Referenzraum im Horizont einer christlichen Hoffnungsperspektive zu transformieren vermag. Dabei ist der deutende Umgang mit dieser Erfahrung integraler Bestandteil der Erfahrung.“[2]

Folgende Punkte erscheinen mir dabei zentral.

Erstens sind solche Erlebnisse Beziehungsgeschehen. Wie Freundschaft oder Liebe lassen sie sich nicht erzwingen. Sie bleiben unverfügbar. Ich kann mir solche Erfahrungen wünschen und mich dafür öffnen, doch letztlich lassen sie sich nicht herstellen. Sie bleiben Geschenk.

Zweitens zeigt die Forschung von Sabrina Müller, welche Kraft zur Veränderung in solchen Erfahrungen liegt. Sie spricht von einer Transformation im Horizont christlicher Hoffnung. Menschen erleben einen Perspektivenwechsel, eine Neuinterpretation ihrer Identität und ihrer Lebenssituation sowie ein verändertes Selbst-, Fremd- und Weltverständnis im Licht christlicher Hoffnung.

Drittens führen solche Erfahrungen zu Glaubensgewissheit und Selbstvergewisserung. Dies zeigt sich exemplarisch bei Thomas, der antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Durch die Erfahrung gelangt er zu dem Bekenntnis, im Auferstandenen seinen Gott und Herrn zu erkennen.

Für mich besonders wichtig ist dabei, dass eine solche Deutung subjektiv bleibt. Sie ist nicht übertragbar. Was für mich eine religiöse Erfahrung ist, muss für andere keine sein. Auch dies zeigt die Geschichte von Thomas sehr deutlich. Die Erfahrung der anderen Jünger genügt ihm nicht. Ihre Erfahrung lässt sich nicht auf ihn übertragen.

Müller sagt hierzu: „Religiöse Erfahrung ist immer individuell und kann nicht normiert werden.“

3. Selig, wer glaubt, ohne zu sehen

Gerade vor dem Hintergrund, dass persönliche Erfahrungen nicht übertragbar sind, erhalten die Worte Jesu an Thomas besondere Bedeutung:

Da sagte Jesus zu ihm:

„Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“ (Johannes 20,29)

Was könnten diese Worte bedeuten?

Sicherlich sagen sie nicht, dass Christsein ohne Glauben möglich wäre. Christinnen und Christen definieren sich durch ihr gelebtes Vertrauen in Jesus Christus. Pollack und andere gehen diesen Schritt bewusst nicht mit und bezeichnen sich deshalb ausdrücklich als Nicht-Christen. Es wäre übergriffig, ihnen ein anonymes oder unbewusstes Christsein zu unterstellen.

Was ich jedoch aus den Worten Jesu mitnehme, ist, dass ein Glaube ohne persönliche Erfahrung etwas Seliges in sich tragen kann.

Wie eingangs erwähnt, kenne ich aus meiner Glaubensbiografie unterschiedliche Milieus. An den Stationen meines Lebens, an denen die Zentralität von Glaubenserfahrungen besonders betont wurde, hatte dies oft auch etwas Ausschliessendes und Anstrengendes. Wer keine persönlichen Erfahrungen mit Gott vorweisen konnte, lief Gefahr, dass ihm der Glaube abgesprochen wurde.

Besonders anstrengend empfand ich diese Betonung der Erfahrung im Zusammenhang mit dem Gottesdienst. Immer wieder stellte sich die Frage: Wo wurde Gott heute erfahrbar? War die Predigt tief genug? Hat mich das Singen berührt?

Hier liegt auch meine Wertschätzung für die katholische Messe und das liturgische Gebet begründet. Ich kann dazugehören – ganz unabhängig von meinem Erleben. Egal, wie ich mich fühle oder wie präsent ich gerade bin: Christus ist in der Eucharistie gegenwärtig, und ich darf Anteil an ihm haben. Ebenso tragen mich die liturgischen Gebete. Sie tragen seit Jahrhunderten, und ich darf mitbeten, unabhängig davon, wie ich mich gerade fühle.

4. Fazit: Ein Miteinander von Menschen mit und ohne Erfahrung

Und doch wäre es zu einfach, sich nun für eine Seite zu entscheiden. Ich möchte hier keineswegs in ein evangelikales Bashing einstimmen und einen grossen Teil der weltweiten Christenheit als gefühlsfokussierte Dramaqueens bezeichnen. Denn gerade die Forschung von Sabrina Müller zeigt, wie zentral Erfahrungen für den christlichen Glauben sind.

So bleibt für mich beides wahr:

Der christliche Glaube beginnt mit Erfahrung.

Weil Menschen Christus immer wieder persönlich erleben, bleibt diese Religion über Generationen hinweg lebendig.

Und doch wünsche ich mir, dass daraus nicht automatisch die Forderung entsteht, jede und jeder müsse dieselben Erfahrungen machen.

Wie wäre es, wenn die Erfahrungen einiger einen Raum für viele eröffnen?

So verstehe ich Kirche – insbesondere die reformierte und die katholische Landeskirche. Sie eröffnen einen Raum, in dem alle teilhaben dürfen, unabhängig von ihren persönlichen Glaubenserfahrungen.

Persönliche Glaubenserfahrungen sollen dabei Wertschätzung erfahren. Sie sind wesentlich dafür, dass dieser Raum lebendig bleibt. Zugleich werden sie nicht eingefordert und nicht zu Eintrittsbedingungen oder Qualitätsmerkmalen des Glaubens erhoben.

Jeder Mensch ist willkommen – auch kulturelle Christen.

Wie viel persönliche Erfahrung braucht der Glaube also?

Genug, damit Glaube überhaupt entstehen kann und immer wieder neue Glaubensräume geschaffen werden.

Aber nicht so viel, dass jeder Mensch dieselben Erfahrungen selbst machen muss.

Denn der Glaube lebt nicht nur von dem, was wir erleben –

sondern auch von dem, was uns zugesagt ist.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

[1] https://youtu.be/bk-KgkkJ7WM?si=kIQ_3SrQptZbR51U

[2] https://www.youtube.com/watch?v=bk-KgkkJ7WM&t=3s

Der Text basiert auf der Predigt vom Sonntag, 12. April 2026. Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Karfreitag Gedanken zu Texten aus „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell

Foto von Francesco Alberti auf Unsplash

Gedanken zu «Man that is born» 

Unser Anfang ist gegeben,
nicht gemacht.
Wir sind da,
nicht aus eigener Macht.

Geboren von einer Frau,
so sind wir da,
da vor uns bereits jemand war.
So sind wir
getragen,
eingebettet,
vorgespurt.

Geschichte, Sprache, Eltern –
unser Sein gründet nie in uns selbst.

Gegeben ist uns auch das Ende:
Wir werden sterben.

Dazwischen
Als Elend haben wir besungen
das Leben,
geboren, befristet, verwelkend.

Doch so statisch sind wir nicht.
Nur schlecht ist es nicht. 

Es gibt Sonne
zwischen dem Regen,
Lachen, das sich einmischt,
in das Weinen.

So verbringen wir unsere Tage
im Wechsel der Emotionen:
70, wenn es gut kommt, 80,
bei manchen mehr
oder tragisch weniger.

An ein Leben, das weniger Tage zählte,
denken wir heute.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
So schreit er, hängend am Kreuz:
Christus, der Messias,
der Mensch,
in dem manche Gott erblicken.

Der Gott, von einer Frau geboren,
hat nur eine kurze Zeit zu leben
und ist voller Elend.
Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
er flieht gleichsam wie ein Schatten
und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.

So über Gott zu denken, ist der Skandal des Christentums:
die Unendliche,
Unveränderbare,
beheimatet im
Beginnenden,
Leidenden,
Endenden.

Undenkbar –
und doch verkündet bis heute,
auch hier und jetzt,
auf dass gerade die Mächtigen gewahr werden:

Durch Ego und Macht, 
mit Krieg und Krach
wird euer Name nicht bestehen, 
Kriege nicht gewonnen,
Friede nicht gestiftet, 
Reiche nicht errichtet 

Trotz Baalsäälen, Annexionen von Inseln und Staaten, 
und auch wenn ihr euch mit Raketen über die Erde erhebt
ihr alle werdet zu Grabe getragen. 

Ewig, Gott gleich, wurde nur der
dort am Kreuz, 
dem Mensche gleich 
sterbend im Leid. 
erinnert bis heute
gefeirt als Gott für alle Zeit.

So mögen wir nicht vergessen
Die Macht,
Gott selbst,
liegt dort,
wo wir Mensch werden –
mit Anfang,
Ende
und Ambivalentem dazwischen.

So beten wir:
Gott, Unendlicher,
du bist so weit, wir können nicht um dich gehen,
so hoch, wir können nicht über dir stehen,
und doch so nah,
dass du selbst begreifst, was es heißt, Mensch zu sein.
Ergriffen von unserer Endlichkeit,
fühlst und leidest du mit.

So bitten wir dich auch in unserer Zeit:
Hilf uns, wahre Größe,
Leitung und Macht
nicht in der Überwindung des Menschen zu sehen,
sondern schenke auch uns Menschen, Mitmensch zu werden,
um unseren Nächsten im Anfang, im Ende, im Elend beizustehen.
Amen.

Gedanken zu «Thou knowest Lord»

Wie ist es zu ertragen,
dieses Leben
mit seinen vergänglichen Tagen?

Wenn wir sterben,
beten wir.

Ist das angebracht
oder feige und flach?

Der Mensch fürchtet den Tod,
weiß um die Vergänglichkeit,
das Absurde seines Lebens.

Wenn es das Absurde gibt,
dann nur im Universum des Menschen.

Ist es im Angesicht dessen
der Sprung, der Schrei,
das Gebet zur Ewigkeit
ein Verrat,
ein Verlust
der menschlichen Hellsichtigkeit?

Ist Beten ein Ausweichen?
Ein Sprungbrett in die Ewigkeit?
Eine Flucht, sich selbst dem Leid, dem Absurden, dem Elend dem sinnlosen Leben, dem Tod zu stellen?
Ist im Gebet dieser Kampf vermieden?

Ein Ja auf diese Fragen mag die Vernunft zelebrieren, 
Die eigene Essenz zu kreieren 
trotz sinnloser Existenz
das forderten die Denker unserer Eltern.

Doch meine Kritik an der reinen Vernunft
Ist ihre Isolation, die Trennung, 
die Weigerung sich beschenken zu lassen, 
sich auf vorgegebenes und andere, 
ja Gott selbst zu verlassen. 

Dieser Bruch führt in tiefe Einsamkeit:
Isoliert der heroische Vernünftige, der sein Leben erträgt.
Seht, Dort am Berg, allein,
Sisyphus schiebt seinen Stein.
Würde er schreien,
betend zu seinem Schöpfer,
würden ihm, wenn auch nicht Engel,
wohl bald Mitmenschen zur Seite stehen.

Geschrien hat auch der Herr:
Jesus Christus betet im Sterben.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Dies zeigt:
Wäre Gott Mensch, er würde beten.

Und so bitten auch wir:
Gott, ewige Gemeinschaft, dreieine Zuwendung,
lass uns nicht allein.
Lass nicht zu, dass wir uns heroisch abkapseln
und unsere Last bis zum Tode vernünftig selber tragen.

Wir beten zu dir,
nicht als Flucht,
sondern als Akt des Vertrauens und des Bekennens:
Wir schaffen es nicht allein.
Wir brauchen Hilfe von höchster Stelle.

Steh uns bei,
schaffe Frieden,
beende Kriege,
tröste die Trauernden,
begleite die Kranken
und gib uns in allem Mut und Kraft,
Teil der Antwort auf unsere Gebete zu sein.

Amen.

Die Grundlage für diese Texte waren die erste und dritte Strophe von „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell.

  1. Strophe
    Man that is born of a woman

    Der Mensch, von einer Frau geboren
    hath but a short time to live,

    hat nur eine kurze Zeit zu leben,
    and is full of misery.

    und ist voller Elend.
    He cometh up, and is cut down like a flower;

    Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
    he fleeth as it were a shadow,

    er flieht gleichsam wie ein Schatten,
    and ne’er continueth in one stay.

    und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.
  2. Strophe
    Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts;

    Du kennst, Herr, die Geheimnisse unserer Herzen;
    shut not thy merciful ears unto our pray’rs;

    verschließe deine barmherzigen Ohren nicht vor unseren Gebeten;
    but spare us, Lord most holy, O God most mighty.

    sondern verschone uns, o hochheiliger Herr, allmächtiger Gott.
    O holy and most merciful Saviour,

    O heiliger und barmherzigster Erlöser,
    thou most worthy Judge eternal,

    du würdigster ewiger Richter,
    suffer us not, at our last hour,
    
lass uns in unserer letzten Stunde
    for any pains of death, to fall from thee. Amen.

    durch keine Todesqual von dir abfallen. Amen.

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Von Faszination bis ethischem Schuldgefühl: Soll, ja darf man KI-Musik produzieren und veröffentlichen?

Foto von Adi Goldstein auf Unsplash

Es begann unscheinbar. Wir sassen im Auto, wie immer bestimmten die Kinder den Soundtrack unserer Fahrt. Es liefen Kinderlieder – vertraute Themen, eingängige Melodien. Und doch stellte sich nach und nach eine leise Skepsis ein. Die Stimmen waren zu makellos, die Übergänge zu glatt und die Texte irgendwie schief und flach.

Da dämmerte es uns: Diese Lieder waren nicht einfach produziert. Sie waren KI-generiert.

Meine erste Reaktion war klar: So etwas will ich nicht hören.
Und fast gleichzeitig regte sich ein zweiter Gedanke: Aber selbst zu versuchen, ein Kinderalbum zu produzieren – das fände ich spannend.

Die Idee setzte sich in mir fest, und mit ihr die beiden Regungen von Ablehnung und Neugier.

Wichtige und richtige Einwände

So eine Idee nicht umzusetzen – dafür gibt es berechtigte Gründe.

Da ist zum einen der ökologische Preis: Hinter jeder scheinbar mühelosen Generierung stehen energieintensive Prozesse, deren Auswirkungen real sind, auch wenn sie im Moment des Hörens unsichtbar bleiben. Schon längst haben Grossfirmen wie Google, Microsoft und Co. ihre Nachhaltigkeitsziele relativiert, weil sie mit der Weiterentwicklung von KI kaum vereinbar scheinen.

Und auch die Frage nach dem Urheberrecht ist brisant: KI-Systeme wurden mit Inhalten und Werken trainiert, deren ursprüngliche Schöpferinnen und Schöpfer oft weder gefragt noch beteiligt wurden. Hinzu kommt eine zweite Ebene: Plattformen wie Suno sichern sich weitreichende Rechte. In den Nutzungsbedingungen wird festgehalten, dass Prompts, Songtexte und generierte Audiodateien weiterverwendet werden dürfen – nicht nur für das Training der Modelle, sondern potenziell auch zur Weitergabe an Dritte.

Diese Einwände lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie gehören zu dieser Technologie dazu.

Vom Verlust zur Einübung: Eine andere Sicht auf „Deskilling“

Ein weiteres Problem von KI ist das sogenannte Deskilling, also der Verlust eigener Fähigkeiten. Dies geschieht dort, wo wir Aufgaben an die KI delegieren. Maschinen übernehmen, was Menschen einmal gelernt haben. Kreativität wird ausgelagert, eigenes Können verkümmert.

Doch in Bezug auf Musik stellt sich die Situation – zumindest für mich – anders dar.

Ich kann nicht besonders gut singen. Ich komponiere keine Musik im klassischen Sinne. Die Schwelle, überhaupt ein Lied zu schreiben und zu veröffentlichen, wäre für mich ohne technische Hilfe hoch.

Gerade hier eröffnet KI einen anderen Zugang: nicht als Ersatz vorhandener Fähigkeiten, sondern als Eröffnung neuer Möglichkeiten – und als Einübung in neue Prozesse.

Ich müsste lernen:

  • wie man musikalische Stimmungen beschreibt und anleitet, um gute Prompts zu schreiben
  • wie ein Lied aufgebaut ist
  • wie die rechtliche Lage für Musik im Allgemeinen und KI im Besonderen aussieht
  • wie die Veröffentlichung von Musik auf Plattformen wie Spotify oder Apple Music funktioniert

Das klassische Songwriting würde ich teilweise umgehen – dafür aber Fähigkeiten im Bereich der Musikproduktion entwickeln: kuratieren, arrangieren, gestalten.

Die leise Faszination

Und vor allem könnte ich eine Fähigkeit ausbauen, die mir liegt und mir Freude macht: das Schreiben von Texten.

Ich wollte schon lange einmal Musik machen. Nicht unbedingt im Sinne vollständig ausgearbeiteter Kompositionen – aber gute Liedtexte schreiben oder eigene Gedichte vertonen, das hat mich schon länger gereizt.

Beginnen würde ich wohl mit Kinderliedern. Nicht zuletzt, weil ich diesen Prozess mit meinen eigenen Kindern teilen könnte:

  • gemeinsam Worte finden
  • Themen entdecken
  • Rückmeldungen einholen
  • erleben, wie aus Ideen Lieder werden

Ein solches Familienprojekt – ein gemeinsamer Weg – würde mir Freude machen.

Darüber hinaus reizt mich der Gedanke, bestehende geistliche Texte neu zum Klingen zu bringen:

  • alte Kirchenlieder behutsam umzuschreiben
  • Psalmen in eine heutige Sprache zu übertragen
  • Texte aus dem Neuen Testament neu zu vertonen

Hier würde ich meine eigentliche Aufgabe sehen: im sorgfältigen Umgang mit Sprache, im Ringen um Worte, die tragen.

Wäre das meine Musik?

Über KI und Authentizität habe ich an anderer Stelle bereits nachgedacht. Die Frage stellt sich auch hier: Wären das meine Lieder?

Unser Verständnis von Authentizität ist oft eng gefasst. Authentisch erscheint nur, was unmittelbar aus einer einzelnen Person hervorgeht – möglichst unbeeinflusst, möglichst „rein“.

Doch ein Blick in die Tradition zeigt ein anderes Bild.

Auch die Texte, die unseren Glauben prägen, sind nicht das Werk isolierter Einzelner. Sie sind gewachsen, überarbeitet, weitergegeben worden. Verschiedene Stimmen haben sich in ihnen eingeschrieben. Autorschaft war immer schon ein vielschichtiger Prozess.

Vielleicht müsste man daher vorsichtiger formulieren:
Nicht alles, was mit Hilfe entsteht, ist weniger wahr oder gar weniger wert.

Produzieren und Hören – eine Unterscheidung

Nach all diesen Überlegungen bleibt meine ursprüngliche Irritation im Auto bestehen. Denn das Problem liegt für mich weniger im Herstellen als im Hören.

Beim Produzieren kann ich mich verorten:

  • Ich weiss, was ich tue
  • Ich trage Verantwortung für den Prozess
  • Ich bin aktiv und kreativ am gestallten

Durch das Hören von KI generierter Musik fördere und unterstütze ich mit meinen Klicks die bereits genannten Probleme. Dabei bin ich selbst nur Passiv. Beim Produzieren nehme ich die Probleme zu Gunsten des Mehrwertes des eigenen Lernprozesses in kauf.

Deshalb würde ich – bei aller eigenen Neugier – vermutlich sagen:
Den Prozess des Musikmachens mit KI würde ich vielen empfehlen.
Das unreflektierte Hören eher nicht.

Ist es sinnvoll, etwas zu tun und gleichzeitig davon abzuraten, das Ergebnis zu hören? Wahrscheinlich nicht.

Wenn ich es dennoch nicht lassen könnte, würde ich mein Endresultat wohl unter einem Pseudonym veröffentlichen – um einen Raum zu schaffen, in dem experimentiert werden kann, ohne sofort bewertet zu werden.

Vielleicht würde es dann so klingen und erscheinen wie bei einem fiktiven Kinderchor – etwa dem „Kinderchor Lichtenau“ unter der Leitung von „Pfarrerin Mara Keller“.

So – oder so ähnlich – würde ich es wohl machen.

Wenn da nur dieses „Wenn“ nicht wäre…

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Zwischen Körper und Ewigkeit – Vom Umgang mit dem Sterben

Foto von Kenny Orr auf Unsplash

Wir alle werden sterben. Wir alle haben und werden geliebte Menschen beerdigen. Wie gehen wir mit dem Tod um? Wie reagieren wir auf unsere Sterblichkeit?

Wie gehen wir mit dem Sterben um?
Oft verdrängen wir den Tod. Unsere eigene Endlichkeit ist kein Smalltalk-Thema, das bei Apéro- und Cafégesprächen zum Standardrepertoire gehört. Sterben ist Privatsache. Vielleicht hat sich das in den letzten Jahren noch verstärkt. Durch die Zeit von Covid, in der Abschiede oft im engsten Familienkreis stattfinden mussten, ist der Tod noch mehr aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Mit oder ohne Pandemieeinschränkungen – in der Schweiz trauern wir grundsätzlich eher privat. Die Grabliturgie hierzulande beginnt im engeren Kreis am Grab. Der emotionale Abschied wird weg von der Öffentlichkeit begangen. In anderen Kulturen ist das anders – ich habe das etwa im russlanddeutschen Kontext meiner Schwiegerfamilie erlebt: Dort ist der Abschied viel öffentlicher, direkter, unmittelbarer. Nach dem Gottesdienst geht die ganze Trauergemeinde zum Grab, wo mit allen von der Verstorbenen Abschied genommen wird.

Egal, wie wir Beerdigungen gestalten – wenn wir uns von einer geliebten Person verabschieden müssen, macht dies etwas in uns. Es ist, als würde eine Waschmaschine laufen. Vieles dreht sich durcheinander. Erinnerungen und Trauer. Dankbarkeit, dass das ungewisse Warten vorbei ist, vermischt sich mit dem Frust, nicht mehr Zeit gehabt zu haben. „Es ist gut, dass sie gehen konnte“ – und gleichzeitig: „Ich vermisse sie so sehr.“

Dabei sind Beerdigungen fast immer emotional. Tränen fliessen. Auch dann, wenn jemand ein langes Leben hatte. Auch bei Verstorbenen im hohen Alter höre ich Aussagen wie: „Es kam plötzlich.“ „Er hatte noch so viel vor.“

Hier zeigt sich etwas grundsätzlich Menschliches: Wir tragen einen besonderen Widerspruch in uns. Wir haben einen Geist, der keine Grenzen kennt. Wir können denken ohne Ende. Uns alles vorstellen. In unserer Vorstellung können wir durch die Zeit reisen: der Vergangenheit nachhangen und uns die Zukunft ausmalen. In unserem Denken sind wir nicht an Orte gebunden – wie oft schweifen wir in Sitzungen oder im Gottesdienst ab und reisen gedanklich an andere Orte? Selbst andere Dimensionen stehen uns offen – wir können uns unser Leben in einem anderen Beruf vorstellen oder gar neue Welten mit Superkräften und anderen Kreaturen erschaffen.

Diese unendliche Welt der Gedanken wird jedoch durch unseren Körper an das Hier und Jetzt gebunden. Durch unseren Leib sind wir im Hier und Jetzt. Hier sind wir mitten in der einen Wirklichkeit, die keine weiteren Optionen kennt als unser effektives Dasein. Besonders im Sterben sind wir mit dieser Spannung zwischen unendlichem Geist und beschränktem Körper konfrontiert und müssen erfahren, dass jeder von uns ein Ende hat. Diese Spannung wird im Sterben sichtbar. Einer der berühmtesten Philosophen ist auf seine ganz eigene Art und Weise mit ihr umgegangen.

Wie ging Sokrates mit dem Sterben um?
Das berühmte Werk Phaidon zeigt, wie die griechische Philosophie dem beschriebenen Widerspruch begegnete. Phaidonerzählt von den letzten Stunden des zum Tode verurteilten Sokrates. Dieser verdrängt den Tod nicht. Im Gegenteil: Heroisch stellt er sich ihm. Er hätte die Möglichkeit zu fliehen – seine Freunde hätten ihm das organisiert. Doch er weigert sich (vgl. Platon, Phaidon 99a–b). Er geht den Weg in den Tod ganz bewusst.

Und dabei ist er erstaunlich geradlinig. Keine Waschmaschine. Kein Durcheinander. Für ihn ist klar: Sterben gehört zur Philosophie. Mehr noch: Es ist ihr Ziel. Er sagt: „Die wahrhaft Philosophierenden üben sich im Sterben“ (Phaidon 67e). Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern die Vollendung eines Lebens, das sich ganz der Weisheit widmet.

Darum ist er auch nicht traurig. Im Gegenteil: Er ermahnt seine Freunde, nicht zu klagen. Als sie anfangen zu weinen, weist er sie zurecht und sagt, sie sollen sich ruhig verhalten (vgl. Phaidon 117d). Für ihn passt Trauer nicht zu dem, was jetzt in seinem Sterben geschieht.

Denn Sokrates sieht im Tod die Auflösung der Spannung zwischen Geist und Körper. Er sagt: „Der Tod ist nichts anderes als die Trennung der Seele vom Leib“ (Phaidon 64c). Und weiter: „Solange wir den Leib haben … werden wir niemals hinreichend die Wahrheit erkennen“ (Phaidon 66b). Der Körper ist für ihn ein Hindernis, ein Gefängnis und eine Beschränkung des ewigen Geistes. Es ist der Körper, der uns an diese Welt bindet. Und im Sterben wird die Seele endlich davon befreit. Sterben ist für Sokrates die Erlösung vom Körper.

Wie geht Jesus mit dem Sterben um?
Nochmals anders ist der jüdisch-christliche Umgang mit dem Tod. Ein spannendes Beispiel ist dazu die Geschichte der Auferweckung von Lazarus, wie sie in Johannes 11 berichtet wird. In dieser Geschichte sind wir plötzlich wieder mitten in der menschlichen Waschmaschine. Jesus handelt zuerst erstaunlich abgeklärt. Er hört, dass Lazarus krank ist – und bleibt noch zwei Tage, wo er ist. Und dann, als er zur Beerdigung kommt, entstehen Missverständnisse. Thomas denkt, sie gehen jetzt gemeinsam in den Tod: „Lasst uns mit ihm gehen, damit wir mit ihm sterben.“ Marta hört Jesu Worte von der Auferstehung – und versteht sie als etwas Zukünftiges, Theoretisches, während Jesus seine Ansage sehr konkret und praktisch meint.

Und dann kippt etwas in Jesus selbst. Vorbei ist es mit dem abgeklärten Kalkül. Jesus wird emotional. Tief bewegt: „Jesus weinte“ (Johannes 11,35). Der kürzeste Vers im Neuen Testament. Und einer der bewegendsten. Hier ist keine Distanz. Hier ist kein reines Durchdenken des Todes. Hier ist tiefe, menschliche Betroffenheit.

Und dann geschieht das Entscheidende: Dem Widerspruch des Todes begegnet Jesus nicht wie Sokrates, indem er sich ihm ergibt. Im Gegenteil: Er widerspricht, ja widersetzt sich ihm: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote kommt. Zurück ins Leben. Zurück in seinen Körper.

Die Geschichte von Lazarus ist ein Vorgeschmack. Ein Vorbote auf das, was Jesus selbst erleben wird. Auch im Sterben Jesu findet sich dieser in der menschlichen Waschmaschine wieder. Im Garten Gethsemane, hin- und hergeworfen zwischen Angst und Vertrauen in Gottes Plan, ringt er mit seinem Sterben und bittet: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Auch er fürchtet sich vor dem Sterben. Doch auch er geht, wie Sokrates, den Weg in den Tod. Doch der Tod ist nicht seine Befreiung – er befreit das Leben vom Tod. Er flieht nicht aus dem Leib, sondern – nochmals in einer ganz anderen Qualität als bei Lazarus – kehrt er als Auferstandener leiblich und wahrhaftig zurück ins Leben.

Ein Skandal für das damalige Denken
Die christliche Verkündigung der Auferstehung der Toten war ein Skandal in der damaligen Zeit und Kultur. Ähnlich wie heute vieles vom Englischen, vom amerikanischen, vom westlichen Denken geprägt ist, war damals das griechische Denken vorherrschend. Wie kontrovers die Erzählung der Auferstehung von den Toten für die griechische Philosophie gewesen sein muss, zeigt sich daran, wenn wir uns vorstellen, Jesus hätte Sokrates und nicht Lazarus vom Tode auferweckt. Wie hätte dieser wohl reagiert? Hässig wäre er gewesen und hätte im Handeln Jesu alles andere als göttliches Wirken gesehen.

Dieses Unverständnis für die Auferstehung erlebte auch Paulus. Er schreibt: „Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ (1. Korinther 1,22–23). Und als er im Zentrum des griechischen Denkens, in Athen, das Evangelium verkündete, hiess es: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie“ (Apostelgeschichte 17,32a). Die Vorstellung, dass ein Mensch leiblich aufersteht, war in der damaligen Zeit absurd.

Eine Kritik an heutigen Trends wie etwa dem Transhumanismus
Und diese Kontroverse ist nicht vorbei. Sie ist auch heute topaktuell. Beispielsweise in der Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus. Seine Idee: Der Mensch verbindet sich mit der Maschine, überwindet seine biologischen Grenzen und befreit sich von seinen körperlichen Schwächen. In der radikalsten Form träumen Transhumanisten davon, dass das menschliche Bewusstsein eines Tages „hochgeladen“ wird – in eine digitale Existenz. Das Ziel ist es, dass der Mensch seine biologische Natur überwindet, indem der eigene Körper durch Maschinen ersetzt wird und das Bewusstsein in diese übertragen wird.

Damit begegnet uns hier wieder dieselbe Überzeugung wie bei Sokrates: Der Körper ist ein Gefängnis für den menschlichen Geist. Er ist etwas, das man hinter sich lassen muss.

Was bedeutet das für uns?
In den verschiedenen Perspektiven im Umgang mit dem Sterben begegnen uns zwei grundlegende Richtungen: Das menschlich-philosophische Denken strebt aus dem Körper heraus, während die biblische Geschichte von einem Gott erzählt, der in den Leib hineinwill. Das fasziniert mich sehr.

Wir Menschen scheuen oft die Schwächen, Emotionen und die Begrenztheit, die unser Körper mit sich bringt. Entsprechend stellen wir uns Erlösung, Himmel und das Göttliche als Überwindung von Körper und Materie vor. Vom antiken Platonismus über die frühchristliche Gnosis bis hin zu manchen buddhistischen Strömungen und modernen Formen des Transhumanismus – viele dieser Denkrichtungen folgen diesem Impuls: dem Wunsch, dem Körper und seiner Verletzlichkeit zu entfliehen.

Der Gott, wie ihn die Bibel beschreibt, bewegt sich hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Es scheint fast so, als würde er mit aller Konsequenz den Weg in diese Welt suchen – und noch konkreter: in den menschlichen Körper. Vielleicht wird gerade darin deutlich, wie radikal anders die Botschaft ist, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist. Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi werden Himmel und Erde, Geist und Körper in einer neuen Schöpfung versöhnt. Und durch den Heiligen Geist findet das Göttliche selbst in unserem Körper ein Zuhause.

Es lässt sich kaum überbetonen, wie grundlegend anders diese Bewegung ist – eine echte Umkehrung unserer gewohnten Vorstellungen.

Mich fordert das heraus, Gott nicht in der heroischen Überwindung menschlicher Schwäche zu suchen. Wenn Gott gerade im emotionalen Zerbruch, in Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen auf besondere Weise gegenwärtig ist – und auch in meinem eigenen Leben dort wirkt, wo ich durch meinen Körper an Grenzen stoße –, dann verändert das meinen Blick. Es fordert mich heraus, neu hinzusehen und Gott gerade dort zu erwarten.

Zugleich ermutigen mich diese Gedanken, bewusst eine Spiritualität zu pflegen, die mir hilft, in meinem Körper anzukommen. Die Meditation, wie wir sie derzeit in unserem Gottesdienstformat von neopaleo praktizieren, unterstützt mich dabei. Auch das Abendmahl gewinnt unter dieser Perspektive für mich eine noch tiefere Bedeutung: Hier feiern wir die konkrete Verbindung mit Leib und Blut Jesu Christi – eine Verbindung, die nicht am Körper vorbeigeht, sondern ihn einschliesst.

Und vielleicht liegt genau darin bereits ein Anfang von Auferstehung: nicht erst am Ende der Zeit, sondern hier und jetzt. In diesem Körper. In diesem Moment.

So könnte Auferstehung nicht nur eine Hoffnung für später sein, sondern eine Wirklichkeit, die schon heute in uns Gestalt gewinnt – leise, verletzlich und doch voller göttlicher Gegenwart.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.03.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wenn Gott uns in die Versuchung führt, ist er mit uns auf dem Prüfstand

Foto von Laura Baker auf Unsplash

Kann ein liebender Gott Menschen in die Versuchung führen? Eine theologische Reflexion über Vertrauen, Identität und die Frage, ob Gott uns prüft – inspiriert von der Versuchung Jesu in der Wüste.

Tar da da?
Da tar da da?

Die Legende besagt, dass so die alte Frau im Schlatemer Dialekt sprach, als sie einem Teenager zusah, wie dieser das Velo in den Bus mitnahm. Ihre Worte bedeuten: Darf der das? Dass der das darf?

1. Gott und Versuchung – passt das zusammen?

Gleiches lässt sich auch bei der Geschichte von Jesu Versuchung in Matthäus vier wie auch beim Beten des Vaterunsers fragen:
Darf Gott das? Uns in Versuchung führen?

Mit diesen Fragen befindet man sich in prominenter Gesellschaft. Selbst Papst Franziskus sagte einmal, er könne sich nicht vorstellen, dass Gott Menschen aktiv in Versuchung führt. Er schlug vor, man solle eher beten: „Und lasse uns nicht allein in der Versuchung fallen.“ Damit wird deutlich: Nicht Gott ist es, der Menschen zum Bösen versucht, um zuzusehen, wie sie scheitern. „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater eilt sofort herbei, um seinem gestolperten Kind aufzuhelfen“, so der verstorbene Papst weiter.

Auch der Jakobusbrief betont: Gott versucht niemanden zum Bösen (vgl. Jakobus 1,13).

Das Anliegen des Papstes und des Jakobus ist verständlich und wichtig. Sie stellen sich zu Recht gegen ein Gottesbild, welches sich Gott als eine gemeine, kontrollierende Instanz vorstellt, die mit uns Spielchen spielt und zuschaut, wie wir uns dabei durchschlagen.

Und doch bleibt die Spannung: Die Bibel sagt nicht, dass Gott versucht – aber sie erzählt, dass Menschen in Versuchung geführt werden, während Gott sie begleitet.

2. Versuchung als Test – eine andere Perspektive

Im Wort Versuchung steckt das Wort Versuch. Ein Versuch ist ein Test, ein Experiment.
Wie oft versuchte Edison, ob seine Glühbirne leuchtet, und wie viele Male versuchten die Gebrüder Wright, mit ihrer Konstruktion zu fliegen? Gott macht sich mit uns auf und testet, erprobt gemeinsam mit uns, ob unser Glaube trägt, ob unser Leben leuchten kann.

Wenn wir Versuchung so verstehen, verändert sich der Blickwinkel: Es geht nicht mehr um eine Falle, sondern um eine Prüfungssituation. Dabei ist zentral: Ein Test zeigt, was gelernt wurde – und er zeigt ebenso, wie gut der Lehrer gelehrt hat.
Wenn eine ganze Klasse durchfällt, sagt das genauso viel über die Lehrperson aus wie über die Schüler.

Übertragen auf den Glauben bedeutet das: Wenn Menschen geprüft werden, steht Gott gewissermassen mit auf dem Prüfstand. Er ist nicht der distanzierte Beobachter, sondern der Mitbeteiligte. Er riskiert etwas mit uns. Er lässt sich auf uns ein. Gott hat sich mit der Menschheit auf ein unglaubliches Wagnis eingelassen. Darüber lässt sich kaum genug staunen. Und wenn dieses Abenteuer, wie so oft, scheitert, besinnt sich wohl auch Gott selbst und überlegt, wie er uns besser in der Kunst eines guten Lebens unterweisen könnte.

Diese Sicht macht verständlich, warum Christen beten: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Das ist kein Befehl an Gott, sondern eine Bitte: Erspar uns die Prüfung, wenn es möglich ist. Doch wie jede Bitte steht auch diese unter dem Vorbehalt: Dein Wille geschehe.

Wichtig ist dabei eine Klarstellung: Nicht alles Leid ist eine Prüfung Gottes. Vieles geschieht in dieser Welt, das weder Prüfung noch Wille Gottes ist. Gerade Leid darf niemals vorschnell und pauschal als göttlicher Test interpretiert werden.

Eine weitere zentrale Frage ist die nach dem Prüfungsstoff. In welchem Gebiet führt Gott in die Versuchung?

3. Was wird eigentlich geprüft?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Zusammenhang der Versuchungsgeschichte Jesu. Kurz zuvor wird Jesus getauft, und eine Stimme aus dem Himmel sagt:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (vgl. Matthäus 3,17)

Gott spricht Jesus seine Identität zu.

Genau diese Identität greift der Versucher in der Wüste an:

Wenn du Gottes Sohn bist, dann hast du doch die Macht, Steine in Brot zu verwandeln. (vgl. Matthäus 4,3)
Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, dann wird er dich beschützen, selbst wenn du dich vom Tempel herunterstürzt. (vgl. Matthäus 4,6)
Gottes Sohn muss es doch zustehen, dass er die Macht und den Einfluss über die ganze Welt bekommt. (vgl. Matthäus 4,8)

Die Versuchung besteht nicht darin, Wunder zu wirken oder Macht zu gewinnen. Die eigentliche Frage lautet:
Vertraut Jesus der Zusage Gottes – oder muss er sie sich selbst erst beweisen?

Der Theologe Adolf Schlatter formuliert es so: „Jesus empfängt seinen Antrieb nicht aus der Frage, ob er die Gottessohnschaft hat, sondern beginnt mit der Aussage, dass er sie hat.“

Jesus handelt nicht, um erst Gottes Sohn zu werden, sondern weil er es ist. Das ist der Kern jeder Versuchung: die Frage nach unserer Motivation. Handle ich, um meinen Wert zu beweisen? Oder handle ich, weil ich weiss, dass ich wertvoll bin?

4. Warum diese Frage heute aktueller ist denn je

Wie viele Konflikte entstehen, weil Menschen der Welt beweisen wollen, wie stark, wichtig oder überlegen sie sind?

Ein Blick auf globale Krisen – etwa den Krieg zwischen Russland und Ukraine – zeigt, wie zerstörerisch der Drang nach Selbstbestätigung sein kann. Am 24. Februar 2026 jährte sich der Einmarsch Russlands in die Ukraine zum vierten Mal. Internationale Beziehungen und globale Zusammenhänge sind komplex. Ich habe keine Fachexpertise für die Gründe dieses Krieges. Ohne politische Details zu bewerten, wirkt es oft, als müsste ein einzelnes Individuum seine Macht demonstrieren und Grösse beweisen – mit verheerenden Folgen für unzählige Menschen.

Doch es wäre zu einfach, nur auf andere zu zeigen. Dieselbe Versuchung wirkt auch im Kleinen:
• in Kirchen, die verzweifelt ihre Bedeutung beweisen wollen
• in Gemeinschaften, die um Anerkennung kämpfen
• in unserem persönlichen Leben, wenn wir uns ständig darstellen müssen

Wie viel Energie verbrauchen wir, um zu zeigen, wer wir sind? Was wäre, wenn wir stattdessen darauf vertrauten und danach handeln, was Gott uns zuspricht: wer wir bereits sind?

5. Die befreiende Botschaft des Evangeliums

So ende ich mit diesen scheu poetischen Worten:

Im Moment, wo ich mich beweisen will,
verlasse ich den Raum des Geschenks.
Ich bin nicht genug – wenn ich zeigen muss, wie gut ich bin.
Gefangen von mir selbst.
Nur mit mir selbst beschäftigt.
Anders, wer sich von Gott her empfängt.
Sie ist frei von sich.
Wer sich hat, braucht sich nicht.
Bin ich – muss ich nicht werden.
Ich kann da sein.
Da sein für andere.
Kann geben.

Amen

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.02.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wie viel Meinungsfreiheit brauchen wir? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Redefreiheit

Foto von Brian Wangenheim auf Unsplash

Einige sehen die Meinungsfreiheit in Europa in Gefahr. Interessanterweise sind es gerade konservative Kräfte, die sich aktuell eingeschränkt fühlen und manches als ungerechtfertigte Zensur empfinden. Unvergessen bleibt die letztjährige Kritik von J. D. Vance an Europa in puncto Meinungsfreiheit auf der Sicherheitskonferenz in München. Auch gewisse Christinnen und Christen sehen es als ihre fromme Pflicht, gegen die angeblich schwindende Meinungsfreiheit in Europa aufzubegehren. Dass dies aus christlicher Perspektive ein neueres und eigentlich untypisches Anliegen ist, dazu später mehr.

Der Anspruch auf Meinungsfreiheit ist ein Stellvertreterkonflikt

Betrachten wir zuerst den Anspruch auf Meinungsfreiheit. Ich sehe diesen kritisch bzw. als unrealistisch an. Eine absolute Meinungsfreiheit kann es gar nicht geben. Diese müsste auch Reden schützen, die ihre eigene Abschaffung fordern.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist ein vorgeschobenes Argument, welches den eigentlichen Kern des Konflikts verfehlt. Es wird eine Diskussion um Prinzipien angestossen, wobei es eigentlich um Machtkonflikte geht. Denn Redefreiheit wird meist dann eingefordert, wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die Meinungsfreiheit sehe ich daher nicht in Gefahr. Vielmehr haben sich die Grenzen des Sagbaren und Unsagbaren in unserer Gesellschaft verschoben, sodass sich nun neue Gruppen in ihrer Redefreiheit mit Kritik konfrontiert sehen, die es so früher nicht gab.

Solche Veränderungen empfinde ich als normal und gesund. Jede Gesellschaft definiert, was sagbar ist und was nicht gesagt werden darf oder soll. Diese Unterscheidung ist keine Unterbindung der Freiheit, sondern Ausdruck vorherrschender Werte. Sie zeigt, was als schützenswert gilt, wo Verletzungen beginnen und welche historischen Erfahrungen nicht relativiert werden dürfen. Und am wichtigsten: Sie zeigt, wer aktuell über die Macht in einer Gesellschaft verfügt, den Sprachdiskurs zu prägen, und wessen Einfluss hier ins Hintertreffen gerät.

Exemplarisch illustriert dies der schwindende Einfluss des Christentums in der Gesellschaft.

Die Bibel ist keine Verteidigerin von Redefreiheit

Die Bibel selbst ist keine gute Begründung für uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Sie kennt klare Grenzen der Rede. Im Alten Testament gilt Gotteslästerung nicht als legitime Meinungsäusserung, sondern als schwerer Verstoss gegen die Ordnung des Gemeinwesens (Lev 24). Sprache, besonders die Rede über Gott, ist hier keine Privatsache, sondern eine öffentliche Handlung mit Konsequenzen.

Im Neuen Testament verschiebt sich der Akzent, aber nicht das Prinzip. Jesus erklärt, dass nicht das Äussere, sondern das, „was aus dem Mund kommt“, den Menschen verunreinigt (Mt 15,11). Der Jakobusbrief spricht drastisch von der Zunge als einem kleinen Glied mit zerstörerischer Macht. Und Paulus fordert eine Rede, die „aufbaut“ und nicht verletzt (Eph 4,29). Hier wird also keine Meinungsfreiheit propagiert. Im Wissen um die Kraft der Sprache werden Gläubige ermutigt, ihre Rede freiwillig und bewusst zu zensieren: «Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.» (Epheser 4,29)

Die biblische Tradition verteidigt also keine unbeschränkte Rede, sondern verantwortete Rede. Und als die Kirche dies noch konnte, forderte sie dies auch im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein. Dies zeigt der Ursprung des Begriffes der Zensur: Dieser bezeichnet die Kontrolle von Äusserungen und Publikationen, um sie an Normen und Wertevorstellungen auszurichten. Historisch wurde Zensur zunächst von kirchlichen Autoritäten definiert, bevor moderne Staaten Zensur als staatliche Funktion übernahmen.

Die eigentliche Frage: Wer hat die Macht über Sprache?

Damit sind wir beim Kern der Debatte: Zensur ist nicht einfach eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sie ist Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft schützen will – und davon, wer die Macht besitzt, diese Ansprüche durchzusetzen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sondern: Wer definiert die Grenzen des Sagbaren – und auf welcher Grundlage.

Historisch hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg erhebliche Macht über Sprache. Sie definierte, was als gotteslästerlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich galt. Sie entschied, welche Worte gesagt, welche Texte gelesen und welche Gedanken öffentlich geäussert werden durften.

Diese Macht hat die Kirche heute nicht mehr. Auch staatliche Institutionen, Gerichte und staatliche Medien verlieren hier Einfluss. Vermehrt bestimmen soziale und digitale Netzwerke sowie gesellschaftliche Mehrheiten die sprachlichen Spielregeln. Das ist eine tiefgreifende Machtverschiebung, die durchaus schmerzlich und auch problematisch sein kann.

Die unbequeme Frage nach der kirchlichen Glaubwürdigkeit

Umso auffälliger und fragwürdiger ist es, wenn vermeintlich christliche Stimmen heute mit grosser Vehemenz die Meinungsfreiheit verteidigen. Das wirkt nicht selten heuchlerisch.

Wo waren diese Stimmen, als christliche Tabus sprachlich gebrochen wurden? Als satirische oder künstlerische Darstellungen Jesu Proteste auslösten? Als Theaterstücke wie Corpus Christi oder popkulturelle Provokationen als Blasphemie verurteilt wurden? Als Karikaturen, Filme oder Performances kirchliche Empörung hervorriefen und Verbote gefordert wurden?

Versteht mich nicht falsch – ich finde es auch problematisch, wenn etwa Schweizer Politikerinnen unreflektiert auf Jesusfiguren schiessen; ich bin aber auch kein Verfechter uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Vielmehr glaube ich, dass eine gute Zensur wesentlich ist für eine gesunde Gesellschaft. 

Was aus meiner Sicht heuchlerisch ist, ist, sich dann für Meinungsfreiheit einzusetzen, wenn die eigene Meinung zensiert wird. Und genau hier treiben Leute wie Vance ein falsches Spiel. Denn, sobald sie können, setzen sie sich nicht für Meinungsfreiheit ein, sondern treiben die eigene Zensur voran. Oder was genau hat der Golf von Amerika mit Meinungsfreiheit zu tun?!

Eine Einladung zum ehrlichen Diskurs

Darum ist es mir ein Anliegen, dass wir nicht über Meinungsfreiheit streiten, sondern einen Diskurs darüber führen, wer und was unsere Sprache definiert. Ich glaube, hier liegt der eigentliche Kern und die Chance dieses Disputs. Wenn wir erkennen, dass es um die Hoheit über die Sprache geht, können wir die wesentlichen Fragen stellen: Was soll in unserer Gesellschaft unsagbar sein – und warum? Wer entscheidet darüber? Und wie können wir einen transparenten, demokratischen und lernfähigen Diskurs über das Sagbare und Unsagbare führen?

Dabei scheint mir eines besonders wichtig: Die Frage, wie wir sprechen, ist oft entscheidender als die Frage, was wir sagen. Eine Sprache, die differenziert, respektvoll und dialogfähig bleibt, schützt mehr Freiheit als jede Tabuisierung von Themen oder schrille Berufung auf absolute Freiheitsrechte.

Christlicher Glaube könnte hier einen Beitrag leisten – nicht als moralische Instanz vergangener Macht, sondern als Übung in verantworteter Rede. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Aber alles, was gesagt wird, sollte in Liebe gesagt werden.

Vielleicht beginnt Meinungsfreiheit genau dort: nicht im Recht auf jedes Wort, sondern in der Bereitschaft zum gemeinsamen Ringen um eine Sprache, die Leben ermöglicht und Liebe fördert.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Preacher Slam – Was heisst Christ sii? Als Christin im normale Trott, dür’s Läbe ga mit Gott?

Wihnachtszyt
bereits alti Erinnerig, 
grau u starr.
Scho wieder isch Februar.

Übergang im Chilejahr.
Advent isch verbii
Faste due mer no ni.

Hie, züsche de Fescht,
i dere Zyt im Jahreskreis,
wo dr Alltag reist
frag i üs:

Was heisst das: Christ sii?
Als Christin im normale Trott,
dür’s Läbe ga mit Gott?

I ha zwöi Wort drbi.
Beidi fange si a mit I.
U es dritts 
Stell dir vor; o mit I.
Das würdi gärn ersetze mit K.
Wie Kaki.
Oder Kiwi.

S erschte Wort 
im Früchtechorb:
I wie Intuition.

Die sitzt bekanntlech im Buch.
Öb ä maximali Ranzespanni
hilft intuitiver z sii?
I weiss es ni.
probiers mal us…

Intuition, uf jede Fall
isch ke Magie.
Ke Zauber.
Meh Ä Ahnig.
Für das, wo stimmt.

Entscheide drbi:
dir sälber vertroue.
di dim Buchgfüeu avertroue.
u druf boue,
dass dis Innerste
scho wird wüss, 
wies seu witer ga. 

Darf me da?
Grad als Christin.
unbedingt!

Es isch ä fromme Blödsinn
we du versuechsch dür Gott z ersetze,
was du nid bereit bisch
dir sälber z gä:

Vertroue.

Je nach Prägig cha das überrasche.
„Was söu die unfrommi Masche?“
Mir si doch Sünder.
U Gfüeu si doch chrank,
u sicher nid g’sünder.

Genau. Sünder si mir au.
Doch hoffentlech
isch das i Christus verbii.

No immer mach i Sache falsch.
Aber die gueti Nachricht isch doch die:
i all üsne Fähler,
i mim Versäge,
schafft Christus
ä Uswäg,
ä Heiweg,
zrugg zum Ursprung,
is Hus vo Gott.

U dört hets ä fetti Badewanne.

Wer sech hie regelmässig wischt,
het ke Grund
sech sälber nid z vertroue.
Wer es neus Härz het,
cha tue, was er gspürt.

Wie dr alt Augustinus seit:
„Lieb Gott
u mach, was de wosch.“

De a das darfsch gloube:
dä Gott gloubt a di.
Er rechnet mit dir.

Drum grad als Christ:
isch dis Buchgfüeu ke Mist.
Also Vertrou dir.
Das heisst Intuition.

Denn chunnt s zweite I.
Inspiration.

Hie 
redt Gott –
nid d Seel.

Ganz trenne lat sech das nie.
Aber s si unterschidlichi Bewegige:

Intuition seit: gang los du chasch da.
Inspiration flüstert: la los.

d Sicherheit.
d Kontrolle
La di selber los.

Will Inspiration
chunt nid vo dir.
Es Gschenk vo us.
wo Platz suecht i mir.

Doch wie söll das gaa:
sech la inspiriere?

Üs Schwizer fautt das schwär.
Meh im Norde cheus is besser.
Gloub mers – i rede us Erfahrig:
I läbe ä schwizerdütschi Ehe,
i Schwizer,
si Dütschi.

U mit de Dütsche isch es so:
Die lose nid.

Das darf i so pauschal säge.
De es isch ä Fakt.

Dütschi lose nid.
Deutsche hören.

Das wiederum mache mir Schwizer nid.
wir hören nicht
Mir lose.
U ja, mir ghöre.

Mir ghöre d Muetter schreie,
u lose nid, was si seit.

U will mir Schwizer nid höre,
sondern lose,
merke mir gar nid,
wie tief das Wort ghöre isch.

Ghöre isch zwöidütig.
Wie s Bärli:
das us Gummi zum ässe,
us verknaute am plätze.

Mir ghöre dr Lärm.
U mir ghöre zu Bärn

Also ja zumindes I…
uf jede fall

Ghöre mir dert zue,
wo mir häre lose.

Zum das z’ghör 
sött mir viellech säge:
Mir g-lose dert zue.

Dr glych Deep Shit ligt im Uf-höre.
Wer ufhört,
hört uf sälber mache.
Fat a dr ander z’göre
äbe: uf d’Stimm lose.

O das cheu Schwizer schlecht
hey kes Gspür für Pause.
Numme Schaffe, Schaffe

Doch o du
hör uf, lose-uf.
wird eifachXstill
lose-uf d’schaffe.
u loss uf dä wo di inspiriert

Das si si gsi – die zweu I
Intuition u Inspiration
Was no blibt isch I wie Individum,
was i gern würd wandle zum K wie Kollektiv

Ä Christ isch kes Einzelkind
es geit nie drum,
dass I nur mir vertroue
nur i uf Inspiration boue.

Lass üs zäme nach wäge sueche 
üs gägeseitig z’vertroue,
ä kollektive Intution entwickle.

Dass mir gmeinsam häre los
Dass mir üs nid verlüre im I.
Dass mir üs finde im Mir.

U villech isch genau das Glaube:

Vertrouens voll u unsicher
i allem gmeinsam statt einsam vorwärt ga. 

Amen.


Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.