Karfreitag Gedanken zu Texten aus „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell

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Gedanken zu «Man that is born» 

Unser Anfang ist gegeben,
nicht gemacht.
Wir sind da,
nicht aus eigener Macht.

Geboren von einer Frau,
so sind wir da,
da vor uns bereits jemand war.
So sind wir
getragen,
eingebettet,
vorgespurt.

Geschichte, Sprache, Eltern –
unser Sein gründet nie in uns selbst.

Gegeben ist uns auch das Ende:
Wir werden sterben.

Dazwischen
Als Elend haben wir besungen
das Leben,
geboren, befristet, verwelkend.

Doch so statisch sind wir nicht.
Nur schlecht ist es nicht. 

Es gibt Sonne
zwischen dem Regen,
Lachen, das sich einmischt,
in das Weinen.

So verbringen wir unsere Tage
im Wechsel der Emotionen:
70, wenn es gut kommt, 80,
bei manchen mehr
oder tragisch weniger.

An ein Leben, das weniger Tage zählte,
denken wir heute.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
So schreit er, hängend am Kreuz:
Christus, der Messias,
der Mensch,
in dem manche Gott erblicken.

Der Gott, von einer Frau geboren,
hat nur eine kurze Zeit zu leben
und ist voller Elend.
Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
er flieht gleichsam wie ein Schatten
und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.

So über Gott zu denken, ist der Skandal des Christentums:
die Unendliche,
Unveränderbare,
beheimatet im
Beginnenden,
Leidenden,
Endenden.

Undenkbar –
und doch verkündet bis heute,
auch hier und jetzt,
auf dass gerade die Mächtigen gewahr werden:

Durch Ego und Macht, 
mit Krieg und Krach
wird euer Name nicht bestehen, 
Kriege nicht gewonnen,
Friede nicht gestiftet, 
Reiche nicht errichtet 

Trotz Baalsäälen, Annexionen von Inseln und Staaten, 
und auch wenn ihr euch mit Raketen über die Erde erhebt
ihr alle werdet zu Grabe getragen. 

Ewig, Gott gleich, wurde nur der
dort am Kreuz, 
dem Mensche gleich 
sterbend im Leid. 
erinnert bis heute
gefeirt als Gott für alle Zeit.

So mögen wir nicht vergessen
Die Macht,
Gott selbst,
liegt dort,
wo wir Mensch werden –
mit Anfang,
Ende
und Ambivalentem dazwischen.

So beten wir:
Gott, Unendlicher,
du bist so weit, wir können nicht um dich gehen,
so hoch, wir können nicht über dir stehen,
und doch so nah,
dass du selbst begreifst, was es heißt, Mensch zu sein.
Ergriffen von unserer Endlichkeit,
fühlst und leidest du mit.

So bitten wir dich auch in unserer Zeit:
Hilf uns, wahre Größe,
Leitung und Macht
nicht in der Überwindung des Menschen zu sehen,
sondern schenke auch uns Menschen, Mitmensch zu werden,
um unseren Nächsten im Anfang, im Ende, im Elend beizustehen.
Amen.

Gedanken zu «Thou knowest Lord»

Wie ist es zu ertragen,
dieses Leben
mit seinen vergänglichen Tagen?

Wenn wir sterben,
beten wir.

Ist das angebracht
oder feige und flach?

Der Mensch fürchtet den Tod,
weiß um die Vergänglichkeit,
das Absurde seines Lebens.

Wenn es das Absurde gibt,
dann nur im Universum des Menschen.

Ist es im Angesicht dessen
der Sprung, der Schrei,
das Gebet zur Ewigkeit
ein Verrat,
ein Verlust
der menschlichen Hellsichtigkeit?

Ist Beten ein Ausweichen?
Ein Sprungbrett in die Ewigkeit?
Eine Flucht, sich selbst dem Leid, dem Absurden, dem Elend dem sinnlosen Leben, dem Tod zu stellen?
Ist im Gebet dieser Kampf vermieden?

Ein Ja auf diese Fragen mag die Vernunft zelebrieren, 
Die eigene Essenz zu kreieren 
trotz sinnloser Existenz
das forderten die Denker unserer Eltern.

Doch meine Kritik an der reinen Vernunft
Ist ihre Isolation, die Trennung, 
die Weigerung sich beschenken zu lassen, 
sich auf vorgegebenes und andere, 
ja Gott selbst zu verlassen. 

Dieser Bruch führt in tiefe Einsamkeit:
Isoliert der heroische Vernünftige, der sein Leben erträgt.
Seht, Dort am Berg, allein,
Sisyphus schiebt seinen Stein.
Würde er schreien,
betend zu seinem Schöpfer,
würden ihm, wenn auch nicht Engel,
wohl bald Mitmenschen zur Seite stehen.

Geschrien hat auch der Herr:
Jesus Christus betet im Sterben.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Dies zeigt:
Wäre Gott Mensch, er würde beten.

Und so bitten auch wir:
Gott, ewige Gemeinschaft, dreieine Zuwendung,
lass uns nicht allein.
Lass nicht zu, dass wir uns heroisch abkapseln
und unsere Last bis zum Tode vernünftig selber tragen.

Wir beten zu dir,
nicht als Flucht,
sondern als Akt des Vertrauens und des Bekennens:
Wir schaffen es nicht allein.
Wir brauchen Hilfe von höchster Stelle.

Steh uns bei,
schaffe Frieden,
beende Kriege,
tröste die Trauernden,
begleite die Kranken
und gib uns in allem Mut und Kraft,
Teil der Antwort auf unsere Gebete zu sein.

Amen.

Die Grundlage für diese Texte waren die erste und dritte Strophe von „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell.

  1. Strophe
    Man that is born of a woman

    Der Mensch, von einer Frau geboren
    hath but a short time to live,

    hat nur eine kurze Zeit zu leben,
    and is full of misery.

    und ist voller Elend.
    He cometh up, and is cut down like a flower;

    Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
    he fleeth as it were a shadow,

    er flieht gleichsam wie ein Schatten,
    and ne’er continueth in one stay.

    und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.
  2. Strophe
    Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts;

    Du kennst, Herr, die Geheimnisse unserer Herzen;
    shut not thy merciful ears unto our pray’rs;

    verschließe deine barmherzigen Ohren nicht vor unseren Gebeten;
    but spare us, Lord most holy, O God most mighty.

    sondern verschone uns, o hochheiliger Herr, allmächtiger Gott.
    O holy and most merciful Saviour,

    O heiliger und barmherzigster Erlöser,
    thou most worthy Judge eternal,

    du würdigster ewiger Richter,
    suffer us not, at our last hour,
    
lass uns in unserer letzten Stunde
    for any pains of death, to fall from thee. Amen.

    durch keine Todesqual von dir abfallen. Amen.

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Zwischen Faszination und ethischem Schuldgefühl: Soll, ja darf man KI-Musik produzieren und veröffentlichen?

Foto von Adi Goldstein auf Unsplash

Es begann unscheinbar. Wir sassen im Auto, wie immer bestimmten die Kinder den Soundtrack unserer Fahrt. Es liefen Kinderlieder – vertraute Themen, eingängige Melodien. Und doch stellte sich nach und nach eine leise Skepsis ein. Die Stimmen waren zu makellos, die Übergänge zu glatt und die Texte irgendwie schief und flach.

Da dämmerte es uns: Diese Lieder waren nicht einfach produziert. Sie waren KI-generiert.

Meine erste Reaktion war klar: So etwas will ich nicht hören.
Und fast gleichzeitig regte sich ein zweiter Gedanke: Aber selbst zu versuchen, ein Kinderalbum zu produzieren – das fände ich spannend.

Die Idee setzte sich in mir fest, und mit ihr die beiden Regungen von Ablehnung und Neugier.

Wichtige und richtige Einwände

So eine Idee nicht umzusetzen – dafür gibt es berechtigte Gründe.

Da ist zum einen der ökologische Preis: Hinter jeder scheinbar mühelosen Generierung stehen energieintensive Prozesse, deren Auswirkungen real sind, auch wenn sie im Moment des Hörens unsichtbar bleiben. Schon längst haben Grossfirmen wie Google, Microsoft und Co. ihre Nachhaltigkeitsziele relativiert, weil sie mit der Weiterentwicklung von KI kaum vereinbar scheinen.

Und auch die Frage nach dem Urheberrecht ist brisant: KI-Systeme wurden mit Inhalten und Werken trainiert, deren ursprüngliche Schöpferinnen und Schöpfer oft weder gefragt noch beteiligt wurden. Hinzu kommt eine zweite Ebene: Plattformen wie Suno sichern sich weitreichende Rechte. In den Nutzungsbedingungen wird festgehalten, dass Prompts, Songtexte und generierte Audiodateien weiterverwendet werden dürfen – nicht nur für das Training der Modelle, sondern potenziell auch zur Weitergabe an Dritte.

Diese Einwände lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie gehören zu dieser Technologie dazu.

Vom Verlust zur Einübung: Eine andere Sicht auf „Deskilling“

Ein weiteres Problem von KI ist das sogenannte Deskilling, also der Verlust eigener Fähigkeiten. Dies geschieht dort, wo wir Aufgaben an die KI delegieren. Maschinen übernehmen, was Menschen einmal gelernt haben. Kreativität wird ausgelagert, eigenes Können verkümmert.

Doch in Bezug auf Musik stellt sich die Situation – zumindest für mich – anders dar.

Ich kann nicht besonders gut singen. Ich komponiere keine Musik im klassischen Sinne. Die Schwelle, überhaupt ein Lied zu schreiben und zu veröffentlichen, wäre für mich ohne technische Hilfe hoch.

Gerade hier eröffnet KI einen anderen Zugang: nicht als Ersatz vorhandener Fähigkeiten, sondern als Eröffnung neuer Möglichkeiten – und als Einübung in neue Prozesse.

Ich müsste lernen:

  • wie man musikalische Stimmungen beschreibt und anleitet, um gute Prompts zu schreiben
  • wie ein Lied aufgebaut ist
  • wie die rechtliche Lage für Musik im Allgemeinen und KI im Besonderen aussieht
  • wie die Veröffentlichung von Musik auf Plattformen wie Spotify oder Apple Music funktioniert

Das klassische Songwriting würde ich teilweise umgehen – dafür aber Fähigkeiten im Bereich der Musikproduktion entwickeln: kuratieren, arrangieren, gestalten.

Die leise Faszination

Und vor allem könnte ich eine Fähigkeit ausbauen, die mir liegt und mir Freude macht: das Schreiben von Texten.

Ich wollte schon lange einmal Musik machen. Nicht unbedingt im Sinne vollständig ausgearbeiteter Kompositionen – aber gute Liedtexte schreiben oder eigene Gedichte vertonen, das hat mich schon länger gereizt.

Beginnen würde ich wohl mit Kinderliedern. Nicht zuletzt, weil ich diesen Prozess mit meinen eigenen Kindern teilen könnte:

  • gemeinsam Worte finden
  • Themen entdecken
  • Rückmeldungen einholen
  • erleben, wie aus Ideen Lieder werden

Ein solches Familienprojekt – ein gemeinsamer Weg – würde mir Freude machen.

Darüber hinaus reizt mich der Gedanke, bestehende geistliche Texte neu zum Klingen zu bringen:

  • alte Kirchenlieder behutsam umzuschreiben
  • Psalmen in eine heutige Sprache zu übertragen
  • Texte aus dem Neuen Testament neu zu vertonen

Hier würde ich meine eigentliche Aufgabe sehen: im sorgfältigen Umgang mit Sprache, im Ringen um Worte, die tragen.

Wäre das meine Musik?

Über KI und Authentizität habe ich an anderer Stelle bereits nachgedacht. Die Frage stellt sich auch hier: Wären das meine Lieder?

Unser Verständnis von Authentizität ist oft eng gefasst. Authentisch erscheint nur, was unmittelbar aus einer einzelnen Person hervorgeht – möglichst unbeeinflusst, möglichst „rein“.

Doch ein Blick in die Tradition zeigt ein anderes Bild.

Auch die Texte, die unseren Glauben prägen, sind nicht das Werk isolierter Einzelner. Sie sind gewachsen, überarbeitet, weitergegeben worden. Verschiedene Stimmen haben sich in ihnen eingeschrieben. Autorschaft war immer schon ein vielschichtiger Prozess.

Vielleicht müsste man daher vorsichtiger formulieren:
Nicht alles, was mit Hilfe entsteht, ist weniger wahr oder gar weniger wert.

Produzieren und Hören – eine Unterscheidung

Nach all diesen Überlegungen bleibt meine ursprüngliche Irritation im Auto bestehen. Denn das Problem liegt für mich weniger im Herstellen als im Hören.

Beim Produzieren kann ich mich verorten:

  • Ich weiss, was ich tue
  • Ich trage Verantwortung für den Prozess
  • Ich bin aktiv und kreativ am gestallten

Durch das Hören von KI generierter Musik fördere und unterstütze ich mit meinen Klicks die bereits genannten Probleme. Dabei bin ich selbst nur Passiv. Beim Produzieren nehme ich die Probleme zu Gunsten des Mehrwertes des eigenen Lernprozesses in kauf.

Deshalb würde ich – bei aller eigenen Neugier – vermutlich sagen:
Den Prozess des Musikmachens mit KI würde ich vielen empfehlen.
Das unreflektierte Hören eher nicht.

Ist es sinnvoll, etwas zu tun und gleichzeitig davon abzuraten, das Ergebnis zu hören? Wahrscheinlich nicht.

Wenn ich es dennoch nicht lassen könnte, würde ich mein Endresultat wohl unter einem Pseudonym veröffentlichen – um einen Raum zu schaffen, in dem experimentiert werden kann, ohne sofort bewertet zu werden.

Vielleicht würde es dann so klingen und erscheinen wie bei einem fiktiven Kinderchor – etwa dem „Kinderchor Lichtenau“ unter der Leitung von „Pfarrerin Mara Keller“.

So – oder so ähnlich – würde ich es wohl machen.

Wenn da nur dieses „Wenn“ nicht wäre…

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Zwischen Körper und Ewigkeit – Vom Umgang mit dem Sterben

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Wir alle werden sterben. Wir alle haben und werden geliebte Menschen beerdigen. Wie gehen wir mit dem Tod um? Wie reagieren wir auf unsere Sterblichkeit?

Wie gehen wir mit dem Sterben um?
Oft verdrängen wir den Tod. Unsere eigene Endlichkeit ist kein Smalltalk-Thema, das bei Apéro- und Cafégesprächen zum Standardrepertoire gehört. Sterben ist Privatsache. Vielleicht hat sich das in den letzten Jahren noch verstärkt. Durch die Zeit von Covid, in der Abschiede oft im engsten Familienkreis stattfinden mussten, ist der Tod noch mehr aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Mit oder ohne Pandemieeinschränkungen – in der Schweiz trauern wir grundsätzlich eher privat. Die Grabliturgie hierzulande beginnt im engeren Kreis am Grab. Der emotionale Abschied wird weg von der Öffentlichkeit begangen. In anderen Kulturen ist das anders – ich habe das etwa im russlanddeutschen Kontext meiner Schwiegerfamilie erlebt: Dort ist der Abschied viel öffentlicher, direkter, unmittelbarer. Nach dem Gottesdienst geht die ganze Trauergemeinde zum Grab, wo mit allen von der Verstorbenen Abschied genommen wird.

Egal, wie wir Beerdigungen gestalten – wenn wir uns von einer geliebten Person verabschieden müssen, macht dies etwas in uns. Es ist, als würde eine Waschmaschine laufen. Vieles dreht sich durcheinander. Erinnerungen und Trauer. Dankbarkeit, dass das ungewisse Warten vorbei ist, vermischt sich mit dem Frust, nicht mehr Zeit gehabt zu haben. „Es ist gut, dass sie gehen konnte“ – und gleichzeitig: „Ich vermisse sie so sehr.“

Dabei sind Beerdigungen fast immer emotional. Tränen fliessen. Auch dann, wenn jemand ein langes Leben hatte. Auch bei Verstorbenen im hohen Alter höre ich Aussagen wie: „Es kam plötzlich.“ „Er hatte noch so viel vor.“

Hier zeigt sich etwas grundsätzlich Menschliches: Wir tragen einen besonderen Widerspruch in uns. Wir haben einen Geist, der keine Grenzen kennt. Wir können denken ohne Ende. Uns alles vorstellen. In unserer Vorstellung können wir durch die Zeit reisen: der Vergangenheit nachhangen und uns die Zukunft ausmalen. In unserem Denken sind wir nicht an Orte gebunden – wie oft schweifen wir in Sitzungen oder im Gottesdienst ab und reisen gedanklich an andere Orte? Selbst andere Dimensionen stehen uns offen – wir können uns unser Leben in einem anderen Beruf vorstellen oder gar neue Welten mit Superkräften und anderen Kreaturen erschaffen.

Diese unendliche Welt der Gedanken wird jedoch durch unseren Körper an das Hier und Jetzt gebunden. Durch unseren Leib sind wir im Hier und Jetzt. Hier sind wir mitten in der einen Wirklichkeit, die keine weiteren Optionen kennt als unser effektives Dasein. Besonders im Sterben sind wir mit dieser Spannung zwischen unendlichem Geist und beschränktem Körper konfrontiert und müssen erfahren, dass jeder von uns ein Ende hat. Diese Spannung wird im Sterben sichtbar. Einer der berühmtesten Philosophen ist auf seine ganz eigene Art und Weise mit ihr umgegangen.

Wie ging Sokrates mit dem Sterben um?
Das berühmte Werk Phaidon zeigt, wie die griechische Philosophie dem beschriebenen Widerspruch begegnete. Phaidonerzählt von den letzten Stunden des zum Tode verurteilten Sokrates. Dieser verdrängt den Tod nicht. Im Gegenteil: Heroisch stellt er sich ihm. Er hätte die Möglichkeit zu fliehen – seine Freunde hätten ihm das organisiert. Doch er weigert sich (vgl. Platon, Phaidon 99a–b). Er geht den Weg in den Tod ganz bewusst.

Und dabei ist er erstaunlich geradlinig. Keine Waschmaschine. Kein Durcheinander. Für ihn ist klar: Sterben gehört zur Philosophie. Mehr noch: Es ist ihr Ziel. Er sagt: „Die wahrhaft Philosophierenden üben sich im Sterben“ (Phaidon 67e). Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern die Vollendung eines Lebens, das sich ganz der Weisheit widmet.

Darum ist er auch nicht traurig. Im Gegenteil: Er ermahnt seine Freunde, nicht zu klagen. Als sie anfangen zu weinen, weist er sie zurecht und sagt, sie sollen sich ruhig verhalten (vgl. Phaidon 117d). Für ihn passt Trauer nicht zu dem, was jetzt in seinem Sterben geschieht.

Denn Sokrates sieht im Tod die Auflösung der Spannung zwischen Geist und Körper. Er sagt: „Der Tod ist nichts anderes als die Trennung der Seele vom Leib“ (Phaidon 64c). Und weiter: „Solange wir den Leib haben … werden wir niemals hinreichend die Wahrheit erkennen“ (Phaidon 66b). Der Körper ist für ihn ein Hindernis, ein Gefängnis und eine Beschränkung des ewigen Geistes. Es ist der Körper, der uns an diese Welt bindet. Und im Sterben wird die Seele endlich davon befreit. Sterben ist für Sokrates die Erlösung vom Körper.

Wie geht Jesus mit dem Sterben um?
Nochmals anders ist der jüdisch-christliche Umgang mit dem Tod. Ein spannendes Beispiel ist dazu die Geschichte der Auferweckung von Lazarus, wie sie in Johannes 11 berichtet wird. In dieser Geschichte sind wir plötzlich wieder mitten in der menschlichen Waschmaschine. Jesus handelt zuerst erstaunlich abgeklärt. Er hört, dass Lazarus krank ist – und bleibt noch zwei Tage, wo er ist. Und dann, als er zur Beerdigung kommt, entstehen Missverständnisse. Thomas denkt, sie gehen jetzt gemeinsam in den Tod: „Lasst uns mit ihm gehen, damit wir mit ihm sterben.“ Marta hört Jesu Worte von der Auferstehung – und versteht sie als etwas Zukünftiges, Theoretisches, während Jesus seine Ansage sehr konkret und praktisch meint.

Und dann kippt etwas in Jesus selbst. Vorbei ist es mit dem abgeklärten Kalkül. Jesus wird emotional. Tief bewegt: „Jesus weinte“ (Johannes 11,35). Der kürzeste Vers im Neuen Testament. Und einer der bewegendsten. Hier ist keine Distanz. Hier ist kein reines Durchdenken des Todes. Hier ist tiefe, menschliche Betroffenheit.

Und dann geschieht das Entscheidende: Dem Widerspruch des Todes begegnet Jesus nicht wie Sokrates, indem er sich ihm ergibt. Im Gegenteil: Er widerspricht, ja widersetzt sich ihm: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote kommt. Zurück ins Leben. Zurück in seinen Körper.

Die Geschichte von Lazarus ist ein Vorgeschmack. Ein Vorbote auf das, was Jesus selbst erleben wird. Auch im Sterben Jesu findet sich dieser in der menschlichen Waschmaschine wieder. Im Garten Gethsemane, hin- und hergeworfen zwischen Angst und Vertrauen in Gottes Plan, ringt er mit seinem Sterben und bittet: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Auch er fürchtet sich vor dem Sterben. Doch auch er geht, wie Sokrates, den Weg in den Tod. Doch der Tod ist nicht seine Befreiung – er befreit das Leben vom Tod. Er flieht nicht aus dem Leib, sondern – nochmals in einer ganz anderen Qualität als bei Lazarus – kehrt er als Auferstandener leiblich und wahrhaftig zurück ins Leben.

Ein Skandal für das damalige Denken
Die christliche Verkündigung der Auferstehung der Toten war ein Skandal in der damaligen Zeit und Kultur. Ähnlich wie heute vieles vom Englischen, vom amerikanischen, vom westlichen Denken geprägt ist, war damals das griechische Denken vorherrschend. Wie kontrovers die Erzählung der Auferstehung von den Toten für die griechische Philosophie gewesen sein muss, zeigt sich daran, wenn wir uns vorstellen, Jesus hätte Sokrates und nicht Lazarus vom Tode auferweckt. Wie hätte dieser wohl reagiert? Hässig wäre er gewesen und hätte im Handeln Jesu alles andere als göttliches Wirken gesehen.

Dieses Unverständnis für die Auferstehung erlebte auch Paulus. Er schreibt: „Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ (1. Korinther 1,22–23). Und als er im Zentrum des griechischen Denkens, in Athen, das Evangelium verkündete, hiess es: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie“ (Apostelgeschichte 17,32a). Die Vorstellung, dass ein Mensch leiblich aufersteht, war in der damaligen Zeit absurd.

Eine Kritik an heutigen Trends wie etwa dem Transhumanismus
Und diese Kontroverse ist nicht vorbei. Sie ist auch heute topaktuell. Beispielsweise in der Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus. Seine Idee: Der Mensch verbindet sich mit der Maschine, überwindet seine biologischen Grenzen und befreit sich von seinen körperlichen Schwächen. In der radikalsten Form träumen Transhumanisten davon, dass das menschliche Bewusstsein eines Tages „hochgeladen“ wird – in eine digitale Existenz. Das Ziel ist es, dass der Mensch seine biologische Natur überwindet, indem der eigene Körper durch Maschinen ersetzt wird und das Bewusstsein in diese übertragen wird.

Damit begegnet uns hier wieder dieselbe Überzeugung wie bei Sokrates: Der Körper ist ein Gefängnis für den menschlichen Geist. Er ist etwas, das man hinter sich lassen muss.

Was bedeutet das für uns?
In den verschiedenen Perspektiven im Umgang mit dem Sterben begegnen uns zwei grundlegende Richtungen: Das menschlich-philosophische Denken strebt aus dem Körper heraus, während die biblische Geschichte von einem Gott erzählt, der in den Leib hineinwill. Das fasziniert mich sehr.

Wir Menschen scheuen oft die Schwächen, Emotionen und die Begrenztheit, die unser Körper mit sich bringt. Entsprechend stellen wir uns Erlösung, Himmel und das Göttliche als Überwindung von Körper und Materie vor. Vom antiken Platonismus über die frühchristliche Gnosis bis hin zu manchen buddhistischen Strömungen und modernen Formen des Transhumanismus – viele dieser Denkrichtungen folgen diesem Impuls: dem Wunsch, dem Körper und seiner Verletzlichkeit zu entfliehen.

Der Gott, wie ihn die Bibel beschreibt, bewegt sich hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Es scheint fast so, als würde er mit aller Konsequenz den Weg in diese Welt suchen – und noch konkreter: in den menschlichen Körper. Vielleicht wird gerade darin deutlich, wie radikal anders die Botschaft ist, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist. Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi werden Himmel und Erde, Geist und Körper in einer neuen Schöpfung versöhnt. Und durch den Heiligen Geist findet das Göttliche selbst in unserem Körper ein Zuhause.

Es lässt sich kaum überbetonen, wie grundlegend anders diese Bewegung ist – eine echte Umkehrung unserer gewohnten Vorstellungen.

Mich fordert das heraus, Gott nicht in der heroischen Überwindung menschlicher Schwäche zu suchen. Wenn Gott gerade im emotionalen Zerbruch, in Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen auf besondere Weise gegenwärtig ist – und auch in meinem eigenen Leben dort wirkt, wo ich durch meinen Körper an Grenzen stoße –, dann verändert das meinen Blick. Es fordert mich heraus, neu hinzusehen und Gott gerade dort zu erwarten.

Zugleich ermutigen mich diese Gedanken, bewusst eine Spiritualität zu pflegen, die mir hilft, in meinem Körper anzukommen. Die Meditation, wie wir sie derzeit in unserem Gottesdienstformat von neopaleo praktizieren, unterstützt mich dabei. Auch das Abendmahl gewinnt unter dieser Perspektive für mich eine noch tiefere Bedeutung: Hier feiern wir die konkrete Verbindung mit Leib und Blut Jesu Christi – eine Verbindung, die nicht am Körper vorbeigeht, sondern ihn einschliesst.

Und vielleicht liegt genau darin bereits ein Anfang von Auferstehung: nicht erst am Ende der Zeit, sondern hier und jetzt. In diesem Körper. In diesem Moment.

So könnte Auferstehung nicht nur eine Hoffnung für später sein, sondern eine Wirklichkeit, die schon heute in uns Gestalt gewinnt – leise, verletzlich und doch voller göttlicher Gegenwart.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.03.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wenn Gott uns in die Versuchung führt, ist er mit uns auf dem Prüfstand

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Kann ein liebender Gott Menschen in die Versuchung führen? Eine theologische Reflexion über Vertrauen, Identität und die Frage, ob Gott uns prüft – inspiriert von der Versuchung Jesu in der Wüste.

Tar da da?
Da tar da da?

Die Legende besagt, dass so die alte Frau im Schlatemer Dialekt sprach, als sie einem Teenager zusah, wie dieser das Velo in den Bus mitnahm. Ihre Worte bedeuten: Darf der das? Dass der das darf?

1. Gott und Versuchung – passt das zusammen?

Gleiches lässt sich auch bei der Geschichte von Jesu Versuchung in Matthäus vier wie auch beim Beten des Vaterunsers fragen:
Darf Gott das? Uns in Versuchung führen?

Mit diesen Fragen befindet man sich in prominenter Gesellschaft. Selbst Papst Franziskus sagte einmal, er könne sich nicht vorstellen, dass Gott Menschen aktiv in Versuchung führt. Er schlug vor, man solle eher beten: „Und lasse uns nicht allein in der Versuchung fallen.“ Damit wird deutlich: Nicht Gott ist es, der Menschen zum Bösen versucht, um zuzusehen, wie sie scheitern. „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater eilt sofort herbei, um seinem gestolperten Kind aufzuhelfen“, so der verstorbene Papst weiter.

Auch der Jakobusbrief betont: Gott versucht niemanden zum Bösen (vgl. Jakobus 1,13).

Das Anliegen des Papstes und des Jakobus ist verständlich und wichtig. Sie stellen sich zu Recht gegen ein Gottesbild, welches sich Gott als eine gemeine, kontrollierende Instanz vorstellt, die mit uns Spielchen spielt und zuschaut, wie wir uns dabei durchschlagen.

Und doch bleibt die Spannung: Die Bibel sagt nicht, dass Gott versucht – aber sie erzählt, dass Menschen in Versuchung geführt werden, während Gott sie begleitet.

2. Versuchung als Test – eine andere Perspektive

Im Wort Versuchung steckt das Wort Versuch. Ein Versuch ist ein Test, ein Experiment.
Wie oft versuchte Edison, ob seine Glühbirne leuchtet, und wie viele Male versuchten die Gebrüder Wright, mit ihrer Konstruktion zu fliegen? Gott macht sich mit uns auf und testet, erprobt gemeinsam mit uns, ob unser Glaube trägt, ob unser Leben leuchten kann.

Wenn wir Versuchung so verstehen, verändert sich der Blickwinkel: Es geht nicht mehr um eine Falle, sondern um eine Prüfungssituation. Dabei ist zentral: Ein Test zeigt, was gelernt wurde – und er zeigt ebenso, wie gut der Lehrer gelehrt hat.
Wenn eine ganze Klasse durchfällt, sagt das genauso viel über die Lehrperson aus wie über die Schüler.

Übertragen auf den Glauben bedeutet das: Wenn Menschen geprüft werden, steht Gott gewissermassen mit auf dem Prüfstand. Er ist nicht der distanzierte Beobachter, sondern der Mitbeteiligte. Er riskiert etwas mit uns. Er lässt sich auf uns ein. Gott hat sich mit der Menschheit auf ein unglaubliches Wagnis eingelassen. Darüber lässt sich kaum genug staunen. Und wenn dieses Abenteuer, wie so oft, scheitert, besinnt sich wohl auch Gott selbst und überlegt, wie er uns besser in der Kunst eines guten Lebens unterweisen könnte.

Diese Sicht macht verständlich, warum Christen beten: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Das ist kein Befehl an Gott, sondern eine Bitte: Erspar uns die Prüfung, wenn es möglich ist. Doch wie jede Bitte steht auch diese unter dem Vorbehalt: Dein Wille geschehe.

Wichtig ist dabei eine Klarstellung: Nicht alles Leid ist eine Prüfung Gottes. Vieles geschieht in dieser Welt, das weder Prüfung noch Wille Gottes ist. Gerade Leid darf niemals vorschnell und pauschal als göttlicher Test interpretiert werden.

Eine weitere zentrale Frage ist die nach dem Prüfungsstoff. In welchem Gebiet führt Gott in die Versuchung?

3. Was wird eigentlich geprüft?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Zusammenhang der Versuchungsgeschichte Jesu. Kurz zuvor wird Jesus getauft, und eine Stimme aus dem Himmel sagt:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (vgl. Matthäus 3,17)

Gott spricht Jesus seine Identität zu.

Genau diese Identität greift der Versucher in der Wüste an:

Wenn du Gottes Sohn bist, dann hast du doch die Macht, Steine in Brot zu verwandeln. (vgl. Matthäus 4,3)
Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, dann wird er dich beschützen, selbst wenn du dich vom Tempel herunterstürzt. (vgl. Matthäus 4,6)
Gottes Sohn muss es doch zustehen, dass er die Macht und den Einfluss über die ganze Welt bekommt. (vgl. Matthäus 4,8)

Die Versuchung besteht nicht darin, Wunder zu wirken oder Macht zu gewinnen. Die eigentliche Frage lautet:
Vertraut Jesus der Zusage Gottes – oder muss er sie sich selbst erst beweisen?

Der Theologe Adolf Schlatter formuliert es so: „Jesus empfängt seinen Antrieb nicht aus der Frage, ob er die Gottessohnschaft hat, sondern beginnt mit der Aussage, dass er sie hat.“

Jesus handelt nicht, um erst Gottes Sohn zu werden, sondern weil er es ist. Das ist der Kern jeder Versuchung: die Frage nach unserer Motivation. Handle ich, um meinen Wert zu beweisen? Oder handle ich, weil ich weiss, dass ich wertvoll bin?

4. Warum diese Frage heute aktueller ist denn je

Wie viele Konflikte entstehen, weil Menschen der Welt beweisen wollen, wie stark, wichtig oder überlegen sie sind?

Ein Blick auf globale Krisen – etwa den Krieg zwischen Russland und Ukraine – zeigt, wie zerstörerisch der Drang nach Selbstbestätigung sein kann. Am 24. Februar 2026 jährte sich der Einmarsch Russlands in die Ukraine zum vierten Mal. Internationale Beziehungen und globale Zusammenhänge sind komplex. Ich habe keine Fachexpertise für die Gründe dieses Krieges. Ohne politische Details zu bewerten, wirkt es oft, als müsste ein einzelnes Individuum seine Macht demonstrieren und Grösse beweisen – mit verheerenden Folgen für unzählige Menschen.

Doch es wäre zu einfach, nur auf andere zu zeigen. Dieselbe Versuchung wirkt auch im Kleinen:
• in Kirchen, die verzweifelt ihre Bedeutung beweisen wollen
• in Gemeinschaften, die um Anerkennung kämpfen
• in unserem persönlichen Leben, wenn wir uns ständig darstellen müssen

Wie viel Energie verbrauchen wir, um zu zeigen, wer wir sind? Was wäre, wenn wir stattdessen darauf vertrauten und danach handeln, was Gott uns zuspricht: wer wir bereits sind?

5. Die befreiende Botschaft des Evangeliums

So ende ich mit diesen scheu poetischen Worten:

Im Moment, wo ich mich beweisen will,
verlasse ich den Raum des Geschenks.
Ich bin nicht genug – wenn ich zeigen muss, wie gut ich bin.
Gefangen von mir selbst.
Nur mit mir selbst beschäftigt.
Anders, wer sich von Gott her empfängt.
Sie ist frei von sich.
Wer sich hat, braucht sich nicht.
Bin ich – muss ich nicht werden.
Ich kann da sein.
Da sein für andere.
Kann geben.

Amen

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.02.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wie viel Meinungsfreiheit brauchen wir? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Redefreiheit

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Einige sehen die Meinungsfreiheit in Europa in Gefahr. Interessanterweise sind es gerade konservative Kräfte, die sich aktuell eingeschränkt fühlen und manches als ungerechtfertigte Zensur empfinden. Unvergessen bleibt die letztjährige Kritik von J. D. Vance an Europa in puncto Meinungsfreiheit auf der Sicherheitskonferenz in München. Auch gewisse Christinnen und Christen sehen es als ihre fromme Pflicht, gegen die angeblich schwindende Meinungsfreiheit in Europa aufzubegehren. Dass dies aus christlicher Perspektive ein neueres und eigentlich untypisches Anliegen ist, dazu später mehr.

Der Anspruch auf Meinungsfreiheit ist ein Stellvertreterkonflikt

Betrachten wir zuerst den Anspruch auf Meinungsfreiheit. Ich sehe diesen kritisch bzw. als unrealistisch an. Eine absolute Meinungsfreiheit kann es gar nicht geben. Diese müsste auch Reden schützen, die ihre eigene Abschaffung fordern.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist ein vorgeschobenes Argument, welches den eigentlichen Kern des Konflikts verfehlt. Es wird eine Diskussion um Prinzipien angestossen, wobei es eigentlich um Machtkonflikte geht. Denn Redefreiheit wird meist dann eingefordert, wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die Meinungsfreiheit sehe ich daher nicht in Gefahr. Vielmehr haben sich die Grenzen des Sagbaren und Unsagbaren in unserer Gesellschaft verschoben, sodass sich nun neue Gruppen in ihrer Redefreiheit mit Kritik konfrontiert sehen, die es so früher nicht gab.

Solche Veränderungen empfinde ich als normal und gesund. Jede Gesellschaft definiert, was sagbar ist und was nicht gesagt werden darf oder soll. Diese Unterscheidung ist keine Unterbindung der Freiheit, sondern Ausdruck vorherrschender Werte. Sie zeigt, was als schützenswert gilt, wo Verletzungen beginnen und welche historischen Erfahrungen nicht relativiert werden dürfen. Und am wichtigsten: Sie zeigt, wer aktuell über die Macht in einer Gesellschaft verfügt, den Sprachdiskurs zu prägen, und wessen Einfluss hier ins Hintertreffen gerät.

Exemplarisch illustriert dies der schwindende Einfluss des Christentums in der Gesellschaft.

Die Bibel ist keine Verteidigerin von Redefreiheit

Die Bibel selbst ist keine gute Begründung für uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Sie kennt klare Grenzen der Rede. Im Alten Testament gilt Gotteslästerung nicht als legitime Meinungsäusserung, sondern als schwerer Verstoss gegen die Ordnung des Gemeinwesens (Lev 24). Sprache, besonders die Rede über Gott, ist hier keine Privatsache, sondern eine öffentliche Handlung mit Konsequenzen.

Im Neuen Testament verschiebt sich der Akzent, aber nicht das Prinzip. Jesus erklärt, dass nicht das Äussere, sondern das, „was aus dem Mund kommt“, den Menschen verunreinigt (Mt 15,11). Der Jakobusbrief spricht drastisch von der Zunge als einem kleinen Glied mit zerstörerischer Macht. Und Paulus fordert eine Rede, die „aufbaut“ und nicht verletzt (Eph 4,29). Hier wird also keine Meinungsfreiheit propagiert. Im Wissen um die Kraft der Sprache werden Gläubige ermutigt, ihre Rede freiwillig und bewusst zu zensieren: «Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.» (Epheser 4,29)

Die biblische Tradition verteidigt also keine unbeschränkte Rede, sondern verantwortete Rede. Und als die Kirche dies noch konnte, forderte sie dies auch im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein. Dies zeigt der Ursprung des Begriffes der Zensur: Dieser bezeichnet die Kontrolle von Äusserungen und Publikationen, um sie an Normen und Wertevorstellungen auszurichten. Historisch wurde Zensur zunächst von kirchlichen Autoritäten definiert, bevor moderne Staaten Zensur als staatliche Funktion übernahmen.

Die eigentliche Frage: Wer hat die Macht über Sprache?

Damit sind wir beim Kern der Debatte: Zensur ist nicht einfach eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sie ist Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft schützen will – und davon, wer die Macht besitzt, diese Ansprüche durchzusetzen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sondern: Wer definiert die Grenzen des Sagbaren – und auf welcher Grundlage.

Historisch hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg erhebliche Macht über Sprache. Sie definierte, was als gotteslästerlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich galt. Sie entschied, welche Worte gesagt, welche Texte gelesen und welche Gedanken öffentlich geäussert werden durften.

Diese Macht hat die Kirche heute nicht mehr. Auch staatliche Institutionen, Gerichte und staatliche Medien verlieren hier Einfluss. Vermehrt bestimmen soziale und digitale Netzwerke sowie gesellschaftliche Mehrheiten die sprachlichen Spielregeln. Das ist eine tiefgreifende Machtverschiebung, die durchaus schmerzlich und auch problematisch sein kann.

Die unbequeme Frage nach der kirchlichen Glaubwürdigkeit

Umso auffälliger und fragwürdiger ist es, wenn vermeintlich christliche Stimmen heute mit grosser Vehemenz die Meinungsfreiheit verteidigen. Das wirkt nicht selten heuchlerisch.

Wo waren diese Stimmen, als christliche Tabus sprachlich gebrochen wurden? Als satirische oder künstlerische Darstellungen Jesu Proteste auslösten? Als Theaterstücke wie Corpus Christi oder popkulturelle Provokationen als Blasphemie verurteilt wurden? Als Karikaturen, Filme oder Performances kirchliche Empörung hervorriefen und Verbote gefordert wurden?

Versteht mich nicht falsch – ich finde es auch problematisch, wenn etwa Schweizer Politikerinnen unreflektiert auf Jesusfiguren schiessen; ich bin aber auch kein Verfechter uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Vielmehr glaube ich, dass eine gute Zensur wesentlich ist für eine gesunde Gesellschaft. 

Was aus meiner Sicht heuchlerisch ist, ist, sich dann für Meinungsfreiheit einzusetzen, wenn die eigene Meinung zensiert wird. Und genau hier treiben Leute wie Vance ein falsches Spiel. Denn, sobald sie können, setzen sie sich nicht für Meinungsfreiheit ein, sondern treiben die eigene Zensur voran. Oder was genau hat der Golf von Amerika mit Meinungsfreiheit zu tun?!

Eine Einladung zum ehrlichen Diskurs

Darum ist es mir ein Anliegen, dass wir nicht über Meinungsfreiheit streiten, sondern einen Diskurs darüber führen, wer und was unsere Sprache definiert. Ich glaube, hier liegt der eigentliche Kern und die Chance dieses Disputs. Wenn wir erkennen, dass es um die Hoheit über die Sprache geht, können wir die wesentlichen Fragen stellen: Was soll in unserer Gesellschaft unsagbar sein – und warum? Wer entscheidet darüber? Und wie können wir einen transparenten, demokratischen und lernfähigen Diskurs über das Sagbare und Unsagbare führen?

Dabei scheint mir eines besonders wichtig: Die Frage, wie wir sprechen, ist oft entscheidender als die Frage, was wir sagen. Eine Sprache, die differenziert, respektvoll und dialogfähig bleibt, schützt mehr Freiheit als jede Tabuisierung von Themen oder schrille Berufung auf absolute Freiheitsrechte.

Christlicher Glaube könnte hier einen Beitrag leisten – nicht als moralische Instanz vergangener Macht, sondern als Übung in verantworteter Rede. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Aber alles, was gesagt wird, sollte in Liebe gesagt werden.

Vielleicht beginnt Meinungsfreiheit genau dort: nicht im Recht auf jedes Wort, sondern in der Bereitschaft zum gemeinsamen Ringen um eine Sprache, die Leben ermöglicht und Liebe fördert.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Preacher Slam – Was heisst Christ sii? Als Christin im normale Trott, dür’s Läbe ga mit Gott?

Wihnachtszyt
bereits alti Erinnerig, 
grau u starr.
Scho wieder isch Februar.

Übergang im Chilejahr.
Advent isch verbii
Faste due mer no ni.

Hie, züsche de Fescht,
i dere Zyt im Jahreskreis,
wo dr Alltag reist
frag i üs:

Was heisst das: Christ sii?
Als Christin im normale Trott,
dür’s Läbe ga mit Gott?

I ha zwöi Wort drbi.
Beidi fange si a mit I.
U es dritts 
Stell dir vor; o mit I.
Das würdi gärn ersetze mit K.
Wie Kaki.
Oder Kiwi.

S erschte Wort 
im Früchtechorb:
I wie Intuition.

Die sitzt bekanntlech im Buch.
Öb ä maximali Ranzespanni
hilft intuitiver z sii?
I weiss es ni.
probiers mal us…

Intuition, uf jede Fall
isch ke Magie.
Ke Zauber.
Meh Ä Ahnig.
Für das, wo stimmt.

Entscheide drbi:
dir sälber vertroue.
di dim Buchgfüeu avertroue.
u druf boue,
dass dis Innerste
scho wird wüss, 
wies seu witer ga. 

Darf me da?
Grad als Christin.
unbedingt!

Es isch ä fromme Blödsinn
we du versuechsch dür Gott z ersetze,
was du nid bereit bisch
dir sälber z gä:

Vertroue.

Je nach Prägig cha das überrasche.
„Was söu die unfrommi Masche?“
Mir si doch Sünder.
U Gfüeu si doch chrank,
u sicher nid g’sünder.

Genau. Sünder si mir au.
Doch hoffentlech
isch das i Christus verbii.

No immer mach i Sache falsch.
Aber die gueti Nachricht isch doch die:
i all üsne Fähler,
i mim Versäge,
schafft Christus
ä Uswäg,
ä Heiweg,
zrugg zum Ursprung,
is Hus vo Gott.

U dört hets ä fetti Badewanne.

Wer sech hie regelmässig wischt,
het ke Grund
sech sälber nid z vertroue.
Wer es neus Härz het,
cha tue, was er gspürt.

Wie dr alt Augustinus seit:
„Lieb Gott
u mach, was de wosch.“

De a das darfsch gloube:
dä Gott gloubt a di.
Er rechnet mit dir.

Drum grad als Christ:
isch dis Buchgfüeu ke Mist.
Also Vertrou dir.
Das heisst Intuition.

Denn chunnt s zweite I.
Inspiration.

Hie 
redt Gott –
nid d Seel.

Ganz trenne lat sech das nie.
Aber s si unterschidlichi Bewegige:

Intuition seit: gang los du chasch da.
Inspiration flüstert: la los.

d Sicherheit.
d Kontrolle
La di selber los.

Will Inspiration
chunt nid vo dir.
Es Gschenk vo us.
wo Platz suecht i mir.

Doch wie söll das gaa:
sech la inspiriere?

Üs Schwizer fautt das schwär.
Meh im Norde cheus is besser.
Gloub mers – i rede us Erfahrig:
I läbe ä schwizerdütschi Ehe,
i Schwizer,
si Dütschi.

U mit de Dütsche isch es so:
Die lose nid.

Das darf i so pauschal säge.
De es isch ä Fakt.

Dütschi lose nid.
Deutsche hören.

Das wiederum mache mir Schwizer nid.
wir hören nicht
Mir lose.
U ja, mir ghöre.

Mir ghöre d Muetter schreie,
u lose nid, was si seit.

U will mir Schwizer nid höre,
sondern lose,
merke mir gar nid,
wie tief das Wort ghöre isch.

Ghöre isch zwöidütig.
Wie s Bärli:
das us Gummi zum ässe,
us verknaute am plätze.

Mir ghöre dr Lärm.
U mir ghöre zu Bärn

Also ja zumindes I…
uf jede fall

Ghöre mir dert zue,
wo mir häre lose.

Zum das z’ghör 
sött mir viellech säge:
Mir g-lose dert zue.

Dr glych Deep Shit ligt im Uf-höre.
Wer ufhört,
hört uf sälber mache.
Fat a dr ander z’göre
äbe: uf d’Stimm lose.

O das cheu Schwizer schlecht
hey kes Gspür für Pause.
Numme Schaffe, Schaffe

Doch o du
hör uf, lose-uf.
wird eifachXstill
lose-uf d’schaffe.
u loss uf dä wo di inspiriert

Das si si gsi – die zweu I
Intuition u Inspiration
Was no blibt isch I wie Individum,
was i gern würd wandle zum K wie Kollektiv

Ä Christ isch kes Einzelkind
es geit nie drum,
dass I nur mir vertroue
nur i uf Inspiration boue.

Lass üs zäme nach wäge sueche 
üs gägeseitig z’vertroue,
ä kollektive Intution entwickle.

Dass mir gmeinsam häre los
Dass mir üs nid verlüre im I.
Dass mir üs finde im Mir.

U villech isch genau das Glaube:

Vertrouens voll u unsicher
i allem gmeinsam statt einsam vorwärt ga. 

Amen.


Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Mut braucht Unterstützerinnen und Unterstützer – Was wir von Jonathan, seinem Waffenträger – und einem tanzenden Mann lernen können

Foto von Benjamin Davies auf Unsplash

Mutige Menschen inspirieren. Sie bewegen, verändern, schreiben Geschichte. Doch was zeichnet echten Mut aus? Was braucht es um echt mutig zu sein? Im ersten Testament gibt es eine Geschichte die uns überraschendes über Mut erzählt.

In 1. Samuel 14 begegnen wir einer eindrücklichen Szene. Ja, eine Geschichte voller Gewalt. Wie mit solcher Gewalt im ersten Testament umgegangen werden kann, habe ich in einem anderen Blog behandelt. Hier möchte ich der Frage nachgehen, was uns die Geschichte über echten Mut in unserem Leben lernen kann. 

Der Text berichtet: Das Volk Israel steht den Philistern gegenüber. König Saul sitzt passiv unter einem Granatapfelbaum, umgeben von seinen Leuten – abwartend, zögerlich. Und während oben auf den Hügeln die gegnerischen Truppen stehen, geschieht etwas Unerwartetes.

Jonathan, Sauls Sohn, sagt zu seinem Waffenträger:
„Komm, wir wollen hinübergehen zum Posten dieser Unbeschnittenen. Vielleicht wird der HERR für uns handeln; denn für den HERRN gibt es kein Hindernis, durch viele oder durch wenige zu helfen.“ (1 Sam 14,6)

Jonathan wagt etwas. Er bricht auf. Er geht ein Risiko ein. Was lernen wir aus dieser Geschichte über echten Mut?

Naheliegend wäre, Saul und Jonathan gegeneinander auszuspielen: hier der passive König, dort der aktive Held. Saul als Beispiel für Mutlosigkeit, Jonathan als Vorbild für couragiertes Vorausgehen. Doch diese Deutung greift mir zu kurz. Zu einfach wäre es zu sagen: Echter Mut heisst, aktiv zu sein, mutig voranzugehen – und wer zögert, ist eben feige.

Für mich liegt die eigentliche Lektion an einer anderen Stelle. Sie zeigt sich in einer Figur, die namenlos bleibt und dadurch unscheinbar scheint: dem Waffenträger.

Als Jonathan seinen Plan offenlegt, antwortet dieser:

„Tu alles, was dir dein Herz eingibt. Geh nur! Siehe, ich bin mit dir, wie dein Herz es will.“ (1 Sam 14,7)

Was für ein Satz.

Der Waffenträger sagt nicht: „Ich warte mal ab.“
Er sagt nicht: „Lass uns zuerst die anderen fragen.“
Er sagt: Ich bin mit dir.

Hier wird für mich sichtbar, was echter Mut bedeutet. Nicht im mutigen Vorangehen Jonathans – sondern im mutigen Mitgehen des Waffenträgers.

Der Waffenträger und der „Dancing Guy“

Diese Szene erinnert mich an ein virales YouTube-Video namens „Leadership Lessons from a Dancing Guy“ auf Deutsch: Leiterschaftslektionen von einem tanzenden Typen.

In dem kurzen Clip sieht man einen Mann auf einer Wiese, der völlig allein wild tanzt. Er wirkt erst einmal … na ja: etwas verrückt. Niemand beachtet ihn. Doch dann passiert Entscheidendes: Eine zweite Person steht auf und beginnt mitzutanzen. Kurz darauf kommt eine dritte dazu. Dann eine vierte. Und plötzlich kippt etwas. Aus einem einzelnen Tänzer wird eine Bewegung. Innerhalb weniger Sekunden rennt eine ganze Gruppe los und tanzt mit. Die Stimmung eskaliert – fast das gesamte Festivalgelände tanzt.

Die zentrale Lektion dieses Videos ist nicht: Hab den Mut, der Erste zu sein. Die eigentliche Leadership-Lektion lautet: Der erste Follower ist entscheidend.

Der zweite Mensch – derjenige, der sich dazustellt – verwandelt eine einsame Aktion in etwas Gemeinschaftliches. Er macht aus einem einsamen, verrückten Tänzer einen Leiter. Die zweite Person signalisiert: Das hier ist okay. Da darf man mitmachen. Erst dadurch entsteht Dynamik. Erst dadurch wird Mut ansteckend.

Der Waffenträger ist genauso ein „First Follower“. Jonathan mag der Initiator gewesen sein. Aber ohne den Waffenträger wäre er einfach ein junger Mann geblieben, der allein auf einen feindlichen Posten zuläuft. Erst durch das „Ich bin mit dir“ wird aus Jonathans Wagnis etwas, das Geschichte schreibt.

Echter Mut braucht Unterstützerinnen und Unterstützer.

Echter Mut heisst manchmal: mitgehen

Wenn wir das ernst nehmen, verschiebt sich unser Blick auf Mut. Mut besteht nicht nur darin, vorne zu stehen, Neues zu initiieren, Risiken einzugehen. Mut zeigt sich genauso darin, jemandem beizustehen. Sich sichtbar dazuzustellen. Mitzutragen.

Ohne zweite, dritte und vierte Person bleibt vieles wirkungslos. Darum bedeutet für mich echter Mut unter anderem, Unterstützerin oder Unterstützer zu sein. Manchmal ist es echt mutig, andere in ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Entsprechend möchte ich offen dafür sein, Menschen in meinem Umfeld, die etwas Mutiges wagen, zu unterstützen. Nur so wird ihr Mut etwas bewegen.

… und manchmal heisst Mut: Unterstützung zu verweigern

Doch es gibt noch eine zweite Seite. Gerade weil wir nun wissen, wie mächtig die zweite, dritte und vierte Person sind, müssen wir uns auch der Verantwortung bewusst sein, die darin liegt. Denn dieselbe Dynamik, die Gutes in Bewegung setzt, kann auch Negatives verstärken.

Manchmal heisst echter Mut deshalb: nicht mitzumachen.

Manchmal müssen wir bewusst stehen bleiben und Unterstützung verweigern – damit eine destruktive Bewegung gar nicht erst entsteht. Damit jemand, der Unsinn anstiftet, eben das bleibt, was er ist: ein einzelner, verrückter Tänzer.

Wann ist es dran zu unterstützen – und wann muss diese Unterstützung verweigert werden?

Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten.

Was sich sagen lässt: Die Frage muss ich mir selbst stellen. Es geht nicht darum, sich darüber auszulassen, wo andere mutig sich einbringen oder widersetzen sollten. So kann ich schon der Meinung sein, dass Bundesrat Guy Parmelin am WEF dem amerikanischen Präsidenten entschiedener hätte entgegentreten sollen und seine Kollegin Karin Keller-Sutter hätte verteidigen müssen – und dabei so Anstand und Werte über eine günstige Zollvereinbarung stellen. Und ja, ich hätte es gefeiert, wenn Ignazio Cassis dabei als „zweiter Mann“ in diese mutige Kritik eingestimmt hätte.

Doch über solche Szenarien zu philosophieren, wo andere mutiger hätten sein sollen, ist das eine.

Das andere – und Wichtigere – ist, mich selbst zu fragen:

Wo bin ich dran, mutig zu sein? Und zeigt sich dieser Mut bei mir gerade darin, unterstützend mitzugehen? Oder darin, diese Unterstützung zu verweigern?

Das kann und soll nicht pauschal in einer Predigt entschieden werden. Das braucht den konkreten Blick auf den Einzelfall: auf den Kontext, auf die eigene Motivation, auf das, was Leben fördert – oder eben nicht.

Und dazu möchte ich uns Mut machen – echt mutig zu sein und durch unsere Unterstützung oder unseren Widerstand das Gute, das Leben in dieser Welt zu fördern. 

Amen.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Wie ist die Gewalt in der Bibel – besonders im Ersten Testament – mit einem liebenden Gott vereinbar?!

Foto von Marco Bianchetti auf Unsplash

Die konkreten Aufforderungen zur Gewalt bis hin zum Aufruf zum Völkermord in der Bibel sind eine der grössten Anfragen an den christlichen Glauben. Wie sollen solche Texte zu einem liebenden Gott passen?

Sicher: Es ist eine Tatsache, dass der Mensch zur Gewalt gegenüber anderen neigt. Die Bibel ist hier erschreckend realistisch. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Gott selbst fordert an manchen Stellen direkt zur Gewalt auf. Ein drastisches Beispiel findet sich ein Kapitel später in 1. Samuel 15,3. Dort lesen wir:

„So zieh nun hin und schlage Amalek und vollstrecke den Bann an allem, was sie haben. Schone ihrer nicht, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Schaf, Kamel und Esel.“

Hier ruft Gott selbst zum Genozid auf – zur Tötung von unschuldigen Tieren und hilflosen Kindern und Säuglingen. Das lässt sich nicht einfach überlesen oder spirituell schönreden.

Für mich zeigt sich hier eines der grössten Missbrauchspotenziale von Religion: Gott wird für die eigene Partei oder Position beansprucht. Mit Gott an seiner Seite wird daraus das Recht abgeleitet, anderen Gewalt anzutun. Physisch. Aber auch argumentativ oder psychisch.

Diese Logik ist erschreckend aktuell: Gott ist mit mir – darum gehört dieses Land nun mir.

So wurde und wird Krieg religiös legitimiert. So werden Menschen entrechtet, weil sie „nicht zu Gottes Volk“ gehören. So werden Minderheiten im Namen Gottes ausgegrenzt. Und so wird bis heute spirituelle Autorität missbraucht: Wenn jemand behauptet, Gottes Stimme gehört zu haben, und diese vermeintliche Offenbarung benutzt, um andere zu kontrollieren, einzuschüchtern oder zu manipulieren.

Gerade deshalb müssen wir fragen: Wie sollen – wie können – wir mit solchen Texten umgehen?

Dies vorweg: Eine abschliessende Antwort habe ich nicht. Ich ringe um dieses Thema. Aktuell gibt es fünf Gedanken bzw. Ansätze, die ich bedenkenswert finde, die ich mit euch teilen möchte und die einladen, weiterzudenken.

1. Es geht nicht, das Problem ins „Alte“ Testament abzuschieben

Die Texte können nicht als „alttestamentlich“ abgetan werden. Dies ist eine weit verbreitete Lösung: die Gewalt als ein alttestamentliches Problem darzustellen. Im Neuen Testament, insbesondere durch die Lehre Jesu und seine Betonung der Liebe, sei dieses überwunden: „Früher wusste man es halt nicht besser, aber Jesus hat uns das wahre Wesen Gottes als liebenden Vater gezeigt.“

Diese Argumentation führt dazu, zwischen dem Gott im Ersten Testament und im Zweiten Testament zu unterscheiden. Doch so einfach ist es nicht. Die christliche Tradition hat immer wieder betont, dass der Gott des Neuen Testaments ein und derselbe ist wie im Ersten.

Dazu kommt, dass auch das Neue Testament harte und verstörende Texte kennt – man denke nur an Gerichtsbilder oder die Offenbarung. Und die Kirchengeschichte macht schmerzhaft deutlich: Auch Christen haben Gewalt religiös legitimiert, Kreuzzüge geführt, Kolonialismus betrieben und Menschen im Namen Gottes unterdrückt.

2. Alles hängt an unserem Bibelverständnis

Entscheidend ist, wie wir die Bibel lesen und verstehen. Das ist ein umfassendes Thema, das ich hier nur kurz anreissen kann.

Wichtig ist: Die Bibel erhebt nicht den Anspruch, eins zu eins Gottes Willen wiederzugeben. Sie ist keine Sammlung zeitloser, wörtlicher Aussagen oder gar Anweisungen Gottes, die sich direkt auf heute übertragen liessen. Sie ist auch kein Diktat Gottes – wie dies der Koran beansprucht – bei dem jedes Wort unmittelbare göttliche Selbstoffenbarung wäre.

Die Bibel ist eine komplexe Sammlung unterschiedlichster Texte, verfasst und redigiert über die Jahrhunderte hinweg von etlichen Autoren, die verschiedenste Stilmittel und Textgattungen verwendeten und immer eingebettet in ihre Zeit und Kultur schrieben. So plural ist der Kontext der biblischen Erfahrungsberichte: Menschen erzählen auf ihre Art, wie sie Gott in ihrer Kultur und Zeit erlebt haben – und deuten diese Erfahrungen theologisch. Dabei werden nicht nur positive Beispiele erzählt. Oft berichtet die Bibel schonungslos ehrlich von falschem Umgang mit Gott und unrechter Deutung seines Wesens und seines Willens.

Gerade deshalb ist der Kontext so wichtig. Einzelne Verse oder Erzählungen lassen sich nicht isoliert verstehen. Sie müssen immer im grösseren Zusammenhang gelesen werden – literarisch, historisch und innerhalb der gesamten biblischen Erzählung. Dies trifft auch auf die gewaltvollen Stellen der Bibel zu.

3. Viele Gewalttexte entstehen aus Trauma und Ohnmacht

Betrachten wir den Kontext vieler gewaltsamer Texte, so fällt auf, dass diese nicht aus einer Position der Übermacht, sondern meist aus Verletzung und Schwäche heraus entstanden sind. Die Philister waren militärisch überlegen. Später kamen die Grossmächte der Assyrer und der Babylonier. Jerusalem wurde zerstört, der Tempel niedergebrannt, grosse Teile der Bevölkerung verschleppt.

Insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft, in der Erfahrung von Ohnmacht und Leid, erinnerten sich die Israeliten an die vergangenen Heldentaten von Mose, Samuel und David. Viele der alten Geschichten fanden hier zu neuer Wichtigkeit, wurden verschriftlicht, redigiert und im Schatten der erlebten Katastrophen neu gedeutet.

Sicher, das ist bibelwissenschaftlich stark verkürzt und vereinfacht dargestellt. Doch es macht einen Unterschied, ob Gewaltgeschichten von Siegern erzählt werden – oder von Menschen, die Verlust, Vertreibung und Ohnmacht erlebt haben.

Die drastischen Texte können so als Ausdruck von Schmerz, von der verzweifelten Suche nach Sinn im Angesicht von Leid verstanden werden: Wo war Gott? Warum ist das passiert? Wie können wir trotzdem weiterleben und glauben?

Trauma spricht oft in absoluten Bildern. Angesichts von unfassbarem Leid und Ungerechtigkeit ist es nachvollziehbar, dass man den Feinden, die einem dies angetan haben, im Namen Gottes nur das Schlimmste wünscht. Auch das gehört zur Ehrlichkeit der Bibel.

4. Auffällig ist: Die Gewalt wird Gott überlassen – Gott ist dabei weder parteiisch, noch bejaht er durchgehend die Gewalt. Dies zeigt sich am Ende in Jesus Christus.

So verstörend viele Texte sind: Etwas fasziniert mich zugleich.

Die Bibel legt die Gewalt bewusst in Gottes Hände. Israel nimmt die Rache nicht einfach selbst in Anspruch. Jonathan überlässt es etwa in 1. Samuel 14 Gott selbst, ob er ihm im Kampf gegen die Philister beisteht. Und in den blutrünstigen Psalmen, wie etwa Psalm 137, richtet sich der Verfasser mit seinen rachsüchtigen Vergeltungsfantasien direkt an Gott und überlässt ihm dadurch letztlich die Vergeltung und Gewalt.

Dadurch zeigt die Bibel, dass erfahrene Gewalt kein Freibrief für menschliche Vergeltung ist. Gott wird die Verantwortung als Richter zugesprochen. Das Gottesbild ist für uns heute oft schwer auszuhalten, doch darin wird etwas Entscheidendes im Umgang mit Gewalt deutlich: Der Mensch soll die Rache nicht selbst in die Hand nehmen. Biblisch gesehen liegt die Autorität für Gewalt und Vergeltung in Gottes Hand.

Dabei fällt auf: Gott stellt sich in der Bibel erstaunlich oft nicht auf Israels Seite. Immer wieder verlässt Gott sein eigenes Volk. Er lässt Niederlagen zu. Er kritisiert militärischen Hochmut und Machtmissbrauch. Die Propheten warnen davor, Sicherheit in Waffen zu suchen.

Parallel dazu zieht sich eine starke Kritiklinie gegenüber Gewalt und Krieg durch das Erste Testament: ein grundsätzliches Aufbegehren gegen Krieg, Gewalt und Rache. Visionen, in denen Schwerter zu Pflugscharen werden. Träume von globalem Frieden. Segenszuspruch nicht nur für Israel, sondern für alle Völker – sogar für die Feinde.

Diese Linie ist entscheidend. Sie bildet die Grundlage für das Handeln und die Lehre Jesu. Jesus stellt somit keinen Bruch mit dem Ersten Testament dar. Im Gegenteil: In ihm findet diese Deutung ihre konsequente Fortführung und ihren Höhepunkt. Gerade im Angesicht der römischen Besatzungsmacht verweigert er sich der Logik von Vergeltung. Er geht nicht den Weg der Gewalt. Stattdessen durchbricht er den Kreislauf von Hass und Rache durch seine Hingabe, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung.

5. Eine allegorische Spur: Diese Texte erzählen auch von unseren eigenen Kämpfen

Angesichts dieser Überlegungen dürfen und sollen wir uns mit allen Texten der Bibel – auch den unklaren, schwierigen und gewaltvollen – auseinandersetzen und darin Schätze und Weisheiten für unseren Alltag finden.

Ein Weg – der letztlich in den meisten Predigten gewählt wird – ist, über den historischen und literarischen Kontext hinaus die Texte allegorisch zu deuten. Wir dürfen die Berichte über Kämpfe und Auseinandersetzungen auch symbolisch verstehen und daraus Prinzipien für unsere alltäglichen Herausforderungen und Konflikte ableiten. Nicht jede Schlacht muss äusserlich gedeutet werden. Vieles lässt sich auf innere Prozesse beziehen: Angst, Mut, Versuchung, Vertrauen.

In dieser Perspektive können selbst schwierige Geschichten geistlich fruchtbar werden.

Ein schönes Beispiel ist etwa 1. Samuel 14: Jonathan und sein Waffenträger wagen einen mutigen Schritt, obwohl die Lage aussichtslos scheint. Daraus lässt sich Entscheidendes über echten Mut, Vertrauen und die entscheidende Kraft des zweiten Mannes ableiten.

Das ist jedoch Stoff für einen anderen Blog – hier kannst du nachlesen was wir aus 1. Samuel 14 über echten Mut lernen können.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Preacher Slam zum 2. Sonntag nach Epiphanias

santtu perkio from unsplash.com

Er hat was, dieser Januar,
diese ganz bestimmte Zeit im Jahr.
Die Ziele noch frisch formuliert,
Zuversicht, naiv und ungeniert.

Das Gym ist voll,
der Vorsatz rollt,
jetzt wird alles besser,

Alles, das All 
das bin heute ich,
nicht du, nicht sie,
nicht die Welt,
das heutige All
das gegenwärtige Universum,
Ende an der Grenze
meiner selbst.

Er hat was, dieser Januar,
diese merkwürdige Zeit im Jahr.
Die Kirche nennt sie Epiphanie,
kein Name für ne neu Pandemie,
keine tiefe Philosophie,
doch mit Weisheit hat sie viel zu tun –
nur aus eigener Kraft
gelingt sie nie.

Epiphanie – Gott zeigt sich,
Gott ist da,
erkennbar,
wunderbar nah.

Meine Sehnsucht,
mein Herzenswunsch:
die Gnade dieser Sicht,
die Welt zu sehen
in Gottes Licht.

Doch es gelingt mir nicht.
Welche Ironie.
Am Tag, als ich dies schrieb,
fiel meine Brille –
oh shit – sie bricht.
Was für eine bittere Pille.

Plötzlich alles verschwommen,
keine scharfe Kontur,
kein Halt, alles zerronnen,
keine klare Struktur.

Ich sehe, ohne zu erkennen,
gleite hilflos dahin.
Wie oft ist es im Geiste so:
Augen, die sehen –
doch der Sinn
verblasst irgendwo.

Zeit verrinnt,
Tage vergehen,
und ich lebe einfach vor mich hin.
Klingt banal,
doch sehen ohne erkennen
hat Folgen –
die sind fatal.

Ich sehe das Feuer,
doch nicht die Gefahr.
Danach sind alle schlauer,
„Ich wusste doch, was Sache war.“

Diese Klugheit im Nachgang
ist wie Schimmel
abgelaufene Einsicht
macht alles nur schlimmer.

Die Kunst
liegt im richtigen Wort
am rechten Ort –
das ist
himmlische Gunst.

Epiphanie –
er zeigt sich 
zu seiner Zeit,
auf seine Art
und nicht auf mein Gedränge. 

Dieses Empfangen 
braucht Geduld.
Weisheit ist gereifte Zeit,
geübter Umgang
mit Gottes Huld.

Das ist mir fremd.
Als Gfeller mag ich’s schneller,
innovativer, effizienter,
besser, schneller,
höher, weiter,
dichter.

Als Letzter vor Ort zu sein
überlass ich lieber dem Penner.

Doch wer sah Gott im Kind?
Die Weisen –
ohne Eile,
als Letzte vor Ort,
nach langer Weile.

Jetzt jubeln die Chiller,
doch ich glaub, früh oder spät
ist hier nicht der Punkt.
Kairos ist mal spät,
mal früh –
der Rhythmus zählt,
der Herzschlag Gottes,
nicht die Uhr.

Das Auge sieht alles –
doch mich selbst
erkenne ich damit nicht.

Das Wesentliche sehen wir
nur mit dem Herzen.
Unsere Pumpzentrale –
ist Gottes Sinnesorgan.

Dieser Kanal vom Auge zum Herz
war beim Meister nicht verstopft.
Er optimierte sich nicht selbst,
entsprach keinem Ideal,
Gruppendruck 
war ihm egal.

Er sah –
und was ihn traf,
bis ins Innerste hinein.
das jammerte ihn,
das bewegte ihn
trieb ihn an zur Tat. 

Seine bekanntesten Geschichten
erzählen von dieser Praxis:
Der Samariter sah den Zerschlagenen,
es jammerte ihn und er half.
Der Vater sah den verlorenen Sohn,
es jammerte ihn, und er rannte auf ihn zu.
Jesus sah die Menge,
sie jammerte ihn, und er predigte und heilte,
Er sah die Witwe,
die ihren Sohn verlor –
sie jammerte ihn und er erweckte ihn.

Dieser Blick,
der mitten ins Herz geht,
liess ihn handeln.

So will auch ich
nicht alles tun,
sondern dem folgen,
was mich anspricht,
mir das Herzen bricht.

Mich im inneren ergreift. 
Denn…
begreifen, tut der Ergriffenen. 
Erkennen, der Erkannte. 

Sela

ja er hat was, dieser Januar,
diese ganz bestimmte Zeit im Jahr.

Ich wünsche mir diese Epiphanie,
Gott zeig dich mir. 

Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Wenn Worte scheitern – Über Leid, Gott und Crans-Montana

Foto von Valentin Karisch auf Unsplash

Hugo Stamm hat es wieder einmal getan. Er hat erneut zu einem Rundumschlag gegen etliche religiösen Exponenten der Schweiz ausgeholt. Und wieder kommt er zu seiner altbekannten Schlussfolgerung: Religion schadet, und ihre Verkündiger verursachen nur Leid und Verwirrung.[1] Diese immer gleiche Leier mag ihren Unterhaltungswert haben – doch nun, da sie auf die Tragödie und das Leid von Crans-Montana angewendet wird, ist sie schlicht fehl am Platz.

Scheitern die kritisierten Erklärungsansätze? Ja, grösstenteils. Verfehlen sie es allen Familien, insbesondere religiös Distanzierten, Trost zu spenden? Höchstwahrscheindlich. Doch was ist die Alternative? Auf Stamms Kritik folgt auch dieses Mal kein eigener Lösungsansatz. Kritisieren ist das eine, selbst tätig zu werden das andere. Um Worte zu ringen in einer unaussprechlichen Situation – das ist schwierig und mutig. Und hier gäbe es für Herrn Stamm viel Arbeit zu tun.

Wer Religion kritisiert, soll bitte auch eigene und neue Antworten liefern. Wie kann ohne Glauben mit einer solchen Tragödie umgegangen werden? Wie können die Schuldigen, die in den nächsten Tagen gnadenlos mit den Folgen ihres Fehlverhaltens konfrontiert werden, Vergebung finden? Und auch über das aktuelle Leid hinaus sind Verfechter einer säkularen Gesellschaft mit grossen Fragen konfrontiert, auf die ich selten bis nie Antworten höre – geschweige denn ein Bewusstsein für diese Fragen.

Fragen wie: Mit welchem Narrativ, wenn nicht mit dem christlichen, entwickeln Gesellschaften ein gesundes Wir-Gefühl, ohne dabei ausgrenzend zu werden? Wie lässt sich Menschenwürde als Grundlage der Menschenrechte begründen? Was schenkt dem Menschen Sinn? Und falls es gar keinen Sinn braucht – wie sieht dann ein gutes Leben ohne Sinn aus? Wie lassen sich Moral und Ethik ohne Gott begründen und einfordern?

Auf diese und viele weitere Fragen könnten Kritiker wie Herr Stamm sich um Antworten bemühen. Doch dazu fehlt wohl der Mut. Denn wer dies wagt, wird scheitern – und macht sich angreifbar.

Ich für meinen Teil will nicht bei der Kritik stehen bleiben. Ich reihe mich gern in die Reihe der Menschen ein, die um Worte ringen und mit ihren Antworten scheitern. Denn einfache und richtige Worte gibt es im Angesicht solchen Leides nicht. In vielem gibt es keine Antwort. Meist bleibt nur das Schweigen. Und doch – trotz des Wissens, dass es keine Worte gibt, die dieser Situation gerecht werden – möchte ich es wagen, ein paar Gedanken zu formulieren. Es ist ein Versuch. Ein Ringen um Worte, die in aller Schwäche das Schweigen und damit auch die Einsamkeit zu überwinden versuchen. Denn wenn alles Reden scheitern muss, so schafft es zumindest Nähe.

Dabei schenkt ein Blog nie die Nähe, die Opfer und Angehörige jetzt dringend brauchen. Das ist hier nicht meine Aufgabe und nicht mein Ziel. Ich bin dankbar für die unzähligen Menschen, die in den letzten Tagen den Betroffenen nahegestanden sind und sie in diesem unfassbaren Leid begleiten.

Die nachfolgenden Überlegungen werden der Situation nicht gerecht. Die skizzierten Antworten versuchen das Leid nicht „wegzuerklären“. Sie sind ein Ringen darum, dem Geheimnis näherzukommen, wie wir mit Leid in dieser Welt umgehen können. Vielleicht finden wir darin auch Wege, unserem eigenen Leid zu begegnen – und darüber hinaus andere in ihrem Leid zu begleiten.

Die Frage der Theodizee

Die Frage nach dem Leid und nach Gottes Gerechtigkeit – die sogenannte Theodizeefrage – begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. In der Bibel, in unserer Tradition, aber auch in persönlichen Gesprächen stossen wir auf viele Versuche, dem Rätsel des Leidens beizukommen. Doch selten finden wir eine allumfassende Antwort.

Nachfolgend stelle ich drei mögliche Kategorien von Antworten vor, mit jeweiligen Spielarten. Ich verdanke diese Überlegungen der Theologieprofessorin Veronika Hoffmann, die sie mir in ihrer Dogmatik-Vorlesung zur Theodizee nähergebracht hat. Jede Antwort kann einen Beitrag leisten – zugleich scheitert jede und kann im falschen Kontext mehr Schmerz als Trost verursachen.

1. „Leid hat einen Sinn / eine Funktion“

Ein Ansatz ist, dem Leid in dieser Welt einen Sinn zuzuschreiben. Leid kann so verstanden werden, dass es eine Funktion in unserem Leben hat – ja, dass Gott sich des Leids bedient, um ein grösseres Ziel zu verwirklichen.

a) Unser Handeln hat Konsequenzen (Tun-Ergehen-Zusammenhang)

Die Bibel lehrt uns an vielen Stellen, dass unser Tun Folgen hat. Im Buch der Sprüche lesen wir:

„Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück.“ (Sprüche 26,27)

So wie es Naturgesetze gibt, existieren auch Beziehungsgesetze: Wenn wir lügen, betrügen oder andere verletzen, wirkt sich das früher oder später auf uns selbst aus. Dieser Zusammenhang erklärt manches Leid, das wir durch eigenes Fehlverhalten auslösen.

Auch die Katastrophe von Crans-Montana hat menschliche Ursachen. Barbetreiber und Behörden haben Fehler gemacht, die diese Tragödie mitverschuldet haben.

Gleichzeitig stellt die Bibel diesen Zusammenhang infrage. Das Buch Hiob zeigt uns einen Gerechten, der leidet, obwohl er kein Unrecht getan hat. Jugendlichen die Schuld für ihr Sterben in der Silvesternacht zu unterstellen, zeigt die drastische Grenze dieser Erklärung.

Zugleich: Im Neuen Testament übersteigt Jesu Gnade das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“. Gott sprengt in Jesus Christus die engen Grenzen von Ursache und Wirkung und schafft so die Grundlage zur Vergebung. Gnade durchbricht Karma. Diese Gnade und Vergebung wird für die Schuldigen dieser Katastrophe zentral sein, wenn sie den Weg zurück ins Leben finden wollen.

b) Leid als Strafe Gottes

Eine andere Deutung ist die Vorstellung, Leid sei Gottes Strafe für unsere Sünden. Im Buch Josua heisst es:

„Wenn ihr den Herrn verlasst und fremden Göttern dient, dann wird er sich von euch abwenden, wird Unglück über euch bringen…“ (Josua 24,20)

Religionsgeschichtlich ist diese Sichtweise bedeutsam. Das Volk Israel suchte – anders als viele andere antike Kulturen – die Ursache von Katastrophen nicht bei fremden Göttern oder dämonischen Mächten, sondern bei sich selbst. Sie hielten an ihrem Gott fest, auch in Niederlagen und im Exil. Unglück wurde als Anlass zur Selbstprüfung verstanden, nicht als Beweis für die Schwäche Gottes. Diese Sicht nimmt die Israeliten in eine Selbstverantwortung und spricht ihnen die Möglichkeit zu, ihre Situation selbstbestimmt zu verändern. Sie sind nicht das Opfer ihrer Unterdrücker, sondern können mit Gottes Hilfe ihre leidvolle Situation verändern.

Ist es sinnvoll, durch die Katastrophe das überhebliche Selbstverständnis der Schweiz, alles im Griff zu haben und mit Organisation vermeintliche Sicherheit zu schaffen, zu hinterfragen? Vielleicht.

Doch darf das Leid der Jugendlichen als Strafe Gottes gedeutet werden? Auf keinen Fall.
Hier wird diese Erklärung destruktiv und unmenschlich. Den Hinterbliebenen würde zusätzlich unerträgliche Schuld aufgebürdet. Das Gottesbild des zornigen Strafenden ist seelsorgerlich schädlich und missbräuchlich.

c) Leid als Erziehung

Der Psalmist bekennt: „Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte.“ (Psalm 119,71)

In manchen Biografien führte erfahrenes Leid zu einer Kehrtwende, die viel Positives ermöglichte. Manche sehen darin einen „Weckruf“. Manche Christinnen und Christen erleben, dass sie in Krisen eine neue Tiefe im Glauben finden. Aus Leid zu lernen, ist weise.  Sich aus gegebenem Anlass bewusst auf den neuesten Stand beim Verhalten von Bränden zu bringen, ist sicher eine wichtige Lektion.

Leid pädagogisch zu begründen ist jedoch fehl am Platz. Direktbetroffenen zu sagen, die erfahrene Situation sei eine Chance etwas Wichtiges zu lernen, ist lieblos und verletzend. Die Erkenntnis, aus dem erfahrenen Leid positive Schlüsse zu ziehen, kann nur jede und jeder zu seiner Zeit für sich selbst entdecken. Und wenn das Leid so gross ist wie der Verlust eines eigenen Kindes, ist es menschlich gesehen unmöglich, darin eine lebensfördernde Lektion zu erfahren.

2. „Leid ist nicht vermeidbar“

Die zweite Kategorie von Antworten entspringt philosophischen Überlegungen. Eine Welt, die dem Menschen die Freiheit des eigenen Willens zuspricht, ist nur so konzipierbar, dass Leid in ihr möglich sei

a) Leid als Folge des freien Willens

Menschen fügen einander und sich selbst Leid zu. Um den freien Willen zu achten, verhindert dies Gott nicht. Ohne die Freiheit zur Liebe gäbe es auch nicht die Freiheit zum Bösen – wir wären nur Marionetten. In dieser Sicht ist Leid als Verschuldung der Menschen selbst zu verstehen. Leid entsteht, weil wir unsere Freiheit missbrauchen.

Doch was ist, wenn jemand unschuldig Leid erfährt aufgrund des Fehlverhaltens anderer?
Was ist mit systemischem Unrecht, mit Strukturen, die Leid hervorbringen? Wie lassen sich so Naturkatastrophen erklären, die niemand direkt „verschuldet“ hat? Die Rede vom freien Willen erklärt dieses systemische Leid nicht.

b) Leid durch Naturgesetze

Ein weiterer Gedanke ist, dass Gott eine Welt geschaffen hat, in der verlässliche Naturgesetze herrschen. Diese Verlässlichkeit, wie die der Gravitation, ist nötig für Leben und Freiheit. Wie soll ich mein Leben gestalten, wenn ein Stein mal zu Boden fällt und ein anderes Mal einfach in der Luft hängen bleibt?

Zugleich führen die Naturgesetze zwangsläufig auch zu Erdbeben, Stürmen oder Krankheiten. So gesehen ist das Leid die Folge der verlässlichen Naturgesetze. Manche Theologen argumentieren daher, diese Welt sei „die bestmögliche aller Welten“. Leid wird so als notwendige Kehrseite einer verlässlichen und dadurch freien Welt verstanden.

Doch gerade persönliches und seelisches Leid lässt sich so nicht erklären. Zudem ist diese Sicht im seelsorgerlichen Einzelfall kalt und herzlos. Der verstorbene Partner oder auch die Hunderte von Menschen, die durch eine Naturkatastrophe sterben, werden als Opportunitätskosten für eine verlässliche Welt und die menschliche Freiheit hingenommen.

3. „Es gibt keine Antwort auf das Warum“

Eine dritte Kategorie von Antworten entzieht sich der Frage nach dem Warum von Leid. Diese Antworten versuchen, einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Weg vom begründenden Warum hin zum ermöglichenden Wozu.

a) Gott leidet mit uns – Gott ist da in unserem Leid

Besonders tröstlich ist für mich die Botschaft, dass Gott mit uns mitleidet. Am Kreuz ruft Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

In Jesus wird Gott selbst zum Leidenden, er kennt Verlassenheit, Schmerz und Tod. Das kann uns in unserem Leid auf eine tiefe Weise berühren: In Jesus Christus kennt Gott den Schmerz dieser Welt. Im Leiden ist er uns nahe und spricht uns zu: „Ich weiss, wie es dir geht. Ich leide mit dir.“

Doch manche fragen: „Was hilft es mir, wenn Gott mitleidet, aber mein Leid nicht beendet?“ Mitleiden bietet vielleicht keinen Ausweg aus dem Leid, doch die Erfahrung zeigt: Trost beginnt oft damit, dass uns jemand versteht und mit uns fühlt – und Gott versteht uns wie niemand sonst. Dieser Zuspruch, dass Gott uns im Leid nahe ist und mitleidet, ist für mich zutiefst tröstlich. Christus als der mitleidende Gott ist für mich einer der grössten Schätze des christlichen Glaubens.

b) Leid ist zu bekämpfen – unser Auftrag, Leid zu lindern

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Aufruf, das Leid nicht hinzunehmen, sondern es zu bekämpfen. Eine biblische Vision sagt:
„Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind … Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ (Jesaja 65,25)

Unsere Welt entspricht nicht diesem Bild. So ist die Theodizeefrage eine „Rückfrage“ an Gott: „Warum lässt du das zu? Gott, die Welt ist nicht so, wie du sie versprochen hast!“ – So kann uns das Leid ins Gebet führen, wo wir mit Gott um diese Fragen ringen.

Doch nicht nur im Gebet soll unser Glaube aktiv werden im Protest gegen das Unrecht und das Leid dieser Welt. Wir sind gerufen, selbst aktiv zu werden und diese Welt gerechter und barmherziger zu machen. Das Leid ist nicht da, um es zu verstehen, sondern um es zu bekämpfen. Statt uns in theoretischen Erklärungen zu verlieren, sollten wir das Leid sehen und es lindern, wo immer wir können.

c) Die Unverstehbarkeit Gottes

Letztlich können wir Gott nicht vollständig begreifen. Der Prediger sagt:
„Was Gott tut und auf der Welt geschehen lässt, kann der Mensch nicht vollständig begreifen … So sehr er sich auch anstrengt, alles zu erforschen, er wird es nicht ergründen!“ (Prediger 8,16–17)

Gott bleibt grösser als unser Verstand. Die Unbegreiflichkeit des Leidens ist ein Teil des Geheimnisses Gottes. Karl Rahner betont, dass wir Gott als das „unverfügbare Geheimnis“ annehmen und zugleich das Leid in seiner Unerklärlichkeit stehen lassen müssen. Erst wenn wir dies aushalten, werden wir Gott wirklich als Gott begegnen und nicht als blossen Idee, die wir uns zurechtlegen.

Doch wer Leid zu schnell als unbegreiflich abtut, macht es sich zu einfach. So einsichtig dies sein mag. Erst am Ende allen Redens, Fragens und Betens kann diese Erklärung tröstlich und heilsam sein. Kommt sie zu früh, ist sie verfehlt.

Leid stellt Gott in Frage

Am Ende bleibt für mich das Leid – trotz aller Erklärungsversuche – eine Anfrage an Gott. Das Leid stellt Gott, konkret mein Bild von Gott, in Frage.

Für mich selbst ist das Bild von Gott als allmächtiger Superman im Angesicht von Leid, wie dem von Crans-Montana, nicht haltbar. Gott ist kein Wesen, das getrennt von dieser Welt existiert und stoisch über allem steht, stets bereit, mich mit aller Macht aus Gefahr und Bedrohung zu erlösen.

Nein, ich finde Gott in Jesus Christus, dem gekreuzigten und leidenden Messias. Dies ist ein Gott, der sich mit dieser Welt identifiziert, bis hinein ins grösste Leid, in den Tod selbst. Durch die Jahrhunderte hindurch haben Christinnen und Christen im Gebrochenen, Ausgeschlossenen und Leidenden durch Christus Gott gefunden. So möchte ich mich immer wieder aufs Neue durch das Leid herausfordern lassen, um Gott selbst im Leid, Zerbruch und Unbegreiflichen zu begegnen. So möge uns Gott auch im Leid von Crans-Montana beistehen. 


[1] https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/556360408-crans-montana-troestende-pfarrer-sind-oft-fehl-am-platz

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.