«Du hast doch einen besseren Draht zu Gott als ich. Kannst du ein gutes Wort für das Wetter nächste Woche einlegen?»
Solche Sätze höre ich als Pfarrer immer wieder. Meistens sind sie mit einem Augenzwinkern gemeint. So auch letzten Sonntag.
Ich antwortete ebenfalls mit einem Schmunzeln: «Wir bieten sogar einen direkten Draht zu Gott an. Du bist herzlich eingeladen, ihn selbst zu nutzen.»
Hinter diesem kleinen Wortwechsel steckt für mich eine erstaunlich grosse Frage: Was bedeutet es eigentlich, heute Christin oder Christ zu sein?
Glaube ist mehr als eine Überzeugung
Wenn Menschen vom Glauben sprechen, meinen sie oft eine Meinung über Gott. Man hält die Existenz Gottes für wahrscheinlich oder eben nicht. Glaube erscheint dann wie das Für-wahr-Halten einer Behauptung.
Die Bibel versteht Glauben anders.
An Gott zu glauben bedeutet nicht in erster Linie, einen Satz über die Welt für richtig zu halten. Glaube beschreibt eine Beziehung. Er bedeutet, Gott Vertrauen zu schenken und das eigene Leben im Vertrauen auf ihn zu gestalten.
Zwischen «Ich glaube, dass Gott existiert» und «Ich vertraue Gott» liegt ein grosser Unterschied.
Der erste Satz beschreibt eine Überzeugung. Der zweite eine Beziehung.
Beziehungen kann niemand für mich führen
Das Spannende an Beziehungen ist, dass sie sich nicht delegieren lassen.
Niemand kann meine Freundschaften für mich pflegen. Niemand kann meine Ehe für mich führen. Niemand kann Vater meiner Kinder an meiner Stelle sein.
Beziehungen leben von persönlicher Gegenwart.
Umso erstaunlicher finde ich, wie häufig wir genau das gegenüber Gott versuchen. Wir delegieren unsere Beziehung zum Göttlichen an Menschen, die beruflich oder religiös näher bei Gott zu sein scheinen.
Gerade hier liegt eine der grossen (Wieder-)Entdeckungen der Reformation.
Mit dem Gedanken des allgemeinen Priestertums wurde betont, dass jede Christin und jeder Christ unmittelbar vor Gott steht. Es braucht keinen besonderen Vermittler. Christus selbst ist der Mittler.
Jeder Mensch ist eingeladen, selbst zu beten, selbst zu hören, selbst zu vertrauen und selbst Verantwortung für seine Gottesbeziehung zu übernehmen.
Von Priestern zu Königen?
Zurzeit lese ich Peter Sloterdijks Buch Der Fürst und seine Erben. Darin stellt er eine Frage, die mich nicht mehr loslässt:
Wenn Luther jeden Mann zum Priester und jede Frau zur Priesterin erklären konnte – warum sollte man nicht ebenso jeden Mann zum König und jede Frau zur Königin erklären? (vgl. Seite 80)
Ich finde diese Frage zentral.
Denn tatsächlich könnte man das allgemeine Priestertum missverstehen. So, als würde nun jeder Mensch einfach sein eigenes religiöses Königreich regieren. So als ob, Christsein bedeuten würde die eigene Spiritualität ständig zu optimieren und weiter zu entwickeln. Doch es geht um viel mehr als die blosse Optimierung eines Lebensbereiches. Glaube bedeutet sein ganzes Leben im vertrauen auf Gott zu gestallten und so als von Gott berufene König und Königin die Verantwortung für unser Leben in die Hand zu nehmen.
Doch so wie ich das Evangelium versteht scheint es mir dabei um mehr als unsere kleinen individuellen Königreiche zu gehen.
Das Evangelium schafft nicht Alleinherrscher
Je länger ich mich mit Paulus beschäftige, desto mehr überzeugt mich eine Einsicht, die in der sogenannten neuen Paulusperspektive stark betont wird.
Das Evangelium ist nicht einfach eine individuelle Heilsbotschaft.
Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft.
Eine Gemeinschaft, an der sichtbar wird, wie Leben unter Gottes Herrschaft aussehen kann.
Christsein ereignet sich deshalb nicht dort, wo jeder sein eigenes kleines Königreich möglichst erfolgreich verwaltet. Jede für sich alleine ihre Frömmigkeit steigert.
Christsein geschieht dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für ihre gemeinsame Lebensform übernehmen und miteinander fragen:
Wie wollen wir leben?
Wie wollen wir arbeiten?
Wie wollen wir vergeben?
Wie wollen wir teilen?
Wie wollen wir Kirche sein?
Diese Fragen lassen sich nie endgültig beantworten und schon gar nicht allein. Sondern gemeinsam – im Gespräch miteinander und mit Gott.
Kirche als Ort der Versöhnung
Darum hat Kirche für mich nichts an Bedeutung verloren.
Im Gegenteil.
Mit den Jahren ist meine Überzeugung eher gewachsen, dass Christsein Kirche braucht.
Bernd Wannenwetsch beschreibt in seinem Buch „Gottesdienst als Lebensform“ den Gottesdienst als einen Ort der Versöhnung (vgl. S. 109ff) Dieser Gedanke spricht mich sehr an.
Im Gottesdienst kommen Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Verschiedene Bildungswege, politische Überzeugungen, soziale Hintergründe, Frömmigkeitsstile, Leitungsverständnisse und Lebenserfahrungen treffen aufeinander.
Was sie verbindet, ist nicht ihre Ähnlichkeit.
Sie stellen gemeinsam Gott in ihre Mitte.
Am deutlichsten geschieht das vielleicht im gemeinsamen Singen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Gott und sprechen ihm die höchste Ehre zu.
Dadurch geschieht etwas Bemerkenswertes.
Nicht unsere politische Überzeugung steht im Zentrum.
Nicht unsere Bildung.
Nicht unsere Herkunft.
Nicht unsere Persönlichkeit.
Nicht einmal unsere Kirche.
Sondern Gott.
Alles andere verliert dadurch nicht seinen Wert.
Aber es verliert den Anspruch, das Wichtigste zu sein.
Wenn niemand mehr um den ersten Platz kämpfen muss
Ich glaube, darin liegt eine grosse gesellschaftliche Kraft.
Was den ersten Platz beansprucht, muss sich gegen alles andere behaupten.
Wenn aber Gott den ersten Platz erhält, müssen wir das nicht mehr.
Dann entsteht Raum, einander zu dienen.
Für mich zeigt sich das besonders in einer Spannung, die jede Gemeinschaft kennt.
Auf der einen Seite steht das Individuum.
Auf der anderen Seite die Gemeinschaft.
Beides gerät ständig miteinander in Konflikt.
Manchmal wird die Einheit der Gruppe so wichtig, dass Individualität keinen Platz mehr hat.
Manchmal wird die Selbstverwirklichung des Einzelnen so wichtig, dass jede Gemeinschaft zerfällt.
Im Gottesdienst geschieht etwas Drittes.
Als Gemeinschaft bekennen wir: Gott ist grösser als wir.
Darum können wir den Einzelnen dienen.
Als Einzelne bekennen wir: Gott ist grösser als ich.
Darum kann ich mich in die Gemeinschaft investieren, ohne mich selbst zu verlieren.
Ich glaube, dieses Muster lässt sich auf viele Spannungen unserer Zeit übertragen – auch auf Fragen von Hierarchie und Mitbestimmung, Leitung und Beteiligung.
Wenn Gott grösser ist als unsere Leitungsmodelle, müssen wir keines davon absolut setzen. Dann können wir gemeinsam danach suchen, welche Form des Leitens einer konkreten Situation dient.
Kirche gemeinsam gestalten
Genau das versuchen wir bei Neopaleo.
Zweimal im Jahr setzen wir uns zusammen und fragen nicht zuerst, was Tradition oder Organisation von uns erwarten.
Wir fragen:
Wie wollen wir im kommenden Semester gemeinsam Kirche leben?
Jede und jeder überlegt dabei auch, welchen Beitrag er oder sie einbringen möchte.
Vielleicht besteht genau darin eine zeitgemässe Form des Christseins.
Nicht darin, fertige Antworten zu besitzen. Sondern darin, gemeinsam vor Gott zu treten, ihn anzubeten und aus dieser gemeinsamen Ausrichtung heraus immer wieder neu nach einer gemeinsamen Lebensform zu suchen.
Je länger ich Christ bin, desto weniger glaube ich, dass Christsein allein gelebt werden kann.
Vielleicht wird Kirche gerade dann wieder verständlich für Menschen ausserhalb ihrer Mauern: wenn sie zu einem Ort wird, an dem niemand mehr um seine eigene Grösse kämpfen muss, weil Gott gross genug ist für uns alle.
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und danach den Text von einer KI korrigieren und redigieren lassen um ihn abschliessend eigenhändig redaktionell zu finalisieren.
