Still sein. Sehnsucht oder Flucht? Sicher rares Gut. Still ist es selten in unserer Welt. Laut sehr oft. Ungewohnt sind die Momente, wenn der Lärm um uns – und in uns – leiser wird. Ein neuer Raum entsteht: „Raum, in dem wir uns wieder spüren. Raum, wo Gottes Stimme hörbar wird. Raum, wo wir in Stille uns selbst sein können.“ – wie es so schön auf unserer Homepage neopaleo.ch formuliert ist. EinfachXStill ist der Jahresfokus von unserem Projekt für junge Erwachsene „NeoPaleo“.
Bis Ende Jahr betrachten wir im Rahmen von EinfachXStill Bibelverse, die sich um das Thema Stille drehen. Einer, wenn nicht der berühmteste solcher Verse, ist Psalm 46,11: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“
Zwei Geschichten, ein Zitat – die für mich wertvolle Aspekte dieser Worte entfalten.
Die erste Geschichte ist berühmt. Ein Sonntagsschul-Bestseller. Alttestamentlich. Entsprechend voller Gewalt. Hier ist nicht der Ort, das schwierige Thema der Gewalt im ersten Testament anzugehen. An anderer Stelle habe ich dies bereits getan. Lasst uns die Geschichte hier symbolisch deuten. Als Metapher für unseren Alltag, gerade für die Situationen, wo wir mit dem Rücken zur Wand stehen und nicht wissen, wie es weitergeht. Denn genau in dieser Situation befindet sich das Volk Gottes, stehend vor dem Roten Meer. Der Weg nach vorne versperrt durch die Fluten. Hinter ihnen die heranreitenden Ägypter. Voller Wut und Entschlossenheit, sie wieder zurück in ihre Gefangenschaft zu bringen. In dieser Not beginnen die Israeliten zu klagen. Mit bitteren Vorwürfen überhäufen sie Mose:
„Warum führst du uns hierher? Was hast du uns nur angetan! Warum hast du uns aus Ägypten herausgeholt? Lieber wären wir dort geblieben, als hier in der Wüste umzukommen!“ (vgl. 2. Mose 14,11-12)
Bestimmt und seelsorgerlich entgegnet Mose: „Habt keine Angst! Verliert nicht den Mut! Ihr werdet erleben, wie Gott euch heute rettet.“ (2. Mose 14,13) Und dann folgen die Worte, die praktisch eins zu eins Psalm 46,11 entsprechen: „Gott selbst wird für euch kämpfen, wartet ihr nur ruhig ab!“ Mit den Worten des Psalmisten ausgedrückt: „Seid still und erkennt Gott.“
Aus der jahrtausendealten Geschichte schallt dieser Zuspruch in unsere Lebenswelt. Auch wir dürfen wissen: Gott ist mit uns und für uns. In den Herausforderungen und Sackgassen des Lebens sind wir nicht auf uns allein gestellt. Gerade dort, wo wir nicht mehr weiterwissen, sei uns gesagt: „Gott selbst wird für uns sorgen, wir dürfen still werden und Ruhe finden.“
Und dann folgt ein herber Bruch im Text. So einschneidend, dass es schlicht humorvoll ist. Auf die tiefe, seelsorgerliche Rede von Mose antwortet Gott: „Warum schreist du zu mir um Hilfe? Sag den Israeliten lieber, dass sie aufbrechen sollen!“ (2. Mose 14,15)
Nichts von Ruhe und Abwarten, sondern los, brecht auf. Hier sind wir mitten in einer zentralen Spannung des christlichen Glaubens. Vertrauen und Handeln. Ruhe und Aufbruch. Beides ist wesentlich.
Einerseits ist da die Erfahrung, ans Ende des Machbaren zu kommen. Aufhören, selber nach Lösungen zu suchen. Still werden und wissen, ich bin nicht Gott. Hier komme ich nicht weiter. Ich höre auf zu kämpfen und vertraue darauf, dass die Kraft, die mich übersteigt, die Urkraft selbst, sich meiner annimmt und für mich sorgt.
Und dann gibt es die andere Seite, wo es angesagt ist, aufzustehen. Auch wenn ich keinen Weg sehe, mich zu erheben und weiterzugehen. Mich dem Unmöglichen zu stellen, die Aufgabe, die mir eigentlich zu gross erscheint, anzugehen.
Diese Spannung ist für mich kein Widerspruch. Wie der Schleifpunkt zwischen Gaspedal und Kupplungspedal das Auto zum Anfahren bringt, ist sie eine Schlüsselstelle für ein gelingendes Leben.
Dies zeigt sich für mich in der zweiten Geschichte, die aktuell im Kino läuft: Odyssee von Christopher Nolan. Hauptfigur ist Odysseus. Ein Urtypus eines Machers. Nach zehn Jahren erfolglosem Ansturm auf die Stadt Troja hat er die geniale und zugleich hinterlistige Idee des Trojanischen Pferdes. Sie entscheidet den Krieg. Troja fällt. Endlich können alle nach Hause. Odysseus sehnt sich nach seiner Heimat Ithaka. Doch wie sehr er sich um seine Heimkehr bemüht, sie bleibt ihm verwehrt. Er setzt alles daran, heimzufinden. Betrügt Zyklopen, bezwingt Zauberinnen, entflieht Seeungeheuern, steigt hinab ins Totenreich, und selbst Poseidon kann ihm das Leben nicht entreissen. Doch mit aller List und Kraft findet Odysseus nicht nach Hause. Im Gegenteil, immer klarer erscheint seine innere Zerrissenheit. Will er überhaupt zurückkehren? Er steht sich selbst im Weg. In den Armen von Kalypso gibt er auf. Betäubt sich, vergisst sich selbst und seine Heimat. Er flüchtet in die Stille. Eine Ruhe die kein Frieden ist, sondern Betäubung. Bis er nach Jahren wieder beginnt, sich zu erinnern. Die innere Bereitschaft zur Heimkehr erwacht, und er macht sich ein letztes Mal auf. Doch nun nicht aus eigener Kraft. Der erfahrene Seemann legt sich auf ein Floss. Ohne Steuerruder und Segel übergibt er sich ganz den Wellen. Er überlässt sich einer Stille, die seine tiefste Sehnsucht stillt. Er hört auf zu kämpfen, akzeptiert seine eigenen Grenzen und gibt sich ganz auf. EinfachXStill, ohne zu ringen, liegend in den Fluten, überlässt er sich der Urkraft des Meeres und findet so nach Hause. Aus dieser Stille heraus ergreift Odysseus die Aufgabe der Rückeroberung seines Thrones. Er ist zurück im Handeln. Doch ist dies eine andere Aktivität. Als läge der Weg längst geschrieben vor ihm – ruhend in jedem Schritt, mit tiefer Entschlossenheit holt er sich seinen Thron und so seine Heimat zurück. Es ist ein Handeln, das nicht auf sich selbst vertraut. Sich nicht beweisen muss, nicht hin und her getrieben wird von Zweifeln und Hochmut. Es erwächst aus der Kraft der vorausgegangenen Hingabe, des Vertrauens und der erfahrenen Stille.
„Seid still und wisst, ich bin Gott.“
Dies bringt uns zum abschliessenden Zitat. Es wird meist Ignatius von Loyola zugeschrieben und lautet sinngemäss: Bete, als ob alles von dir abhängt, und handle, als ob alles von Gott abhängt. Nein, das ist kein Verschreiber. Bekannt ist das Zitat in anderer Reihenfolge: Bete, als ob alles von Gott abhängt, und handle, als ob alles von dir abhängt. Wer so denkt, wird bald nicht mehr beten und sich im Machen aus eigener Kraft verlieren. Die zwei Geschichten entsprechen der ursprünglichen Reihenfolge. Sie fordern uns auf, mit all unserer Kraft Gott zu vertrauen, still zu werden und alles daran zu setzen, in diese Ruhe des Vertrauens auf Gott zu finden. Und dann, aus dieser Stille, diesem Vertrauen heraus, erneut ins Handeln zu finden. Dieses Handeln ist nicht unser eigenes. Es ist eine Zusammenarbeit. Ein Wissen, was zu tun ist, nicht aus mir selbst heraus, sondern gegründet auf die Erkenntnis Gottes.
Geschichten und Zitate beschreiben immer ein Ideal. In der Realität, im Alltag, sind wir mit unserem eigenen Scheitern konfrontiert. Entsprechend sind für mich diese Gedanken keine Garantie, dass mir dies immer gelingt. Sie sind mir Zuspruch und Anspruch, in der nächsten Woche einmal mehr aus dem Vertrauen zu Gott herauszuhandeln.
„Alter. Zieh dir das mal rein.“ Dazu ein Screenshot: eine Grafik aus dem Wall Street Journal. Das sind SMS, die ich mag. Kurz, prägnant und zugleich inhaltlich brisant. Die Grafik zeigt Trump-Sympathie, aufgeschlüsselt nach Religion. Sechs kleine Kurven, zehn Jahre, auf und ab. Eine sticht heraus: die weissen evangelikalen Protestanten. Weit über dem amerikanischen Durchschnitt ist ihre Unterstützung für Trump Jahr für Jahr konstant hoch.
Diese Trump-Unterstützung evangelikaler Christen beschäftigt mich – persönlich wie theologisch. Meine Frau hat sieben Jahre in den USA, in Kansas, gelebt. Dadurch haben wir amerikanische Freunde, liebe Christen-Menschen, die zweimal Trump gewählt haben. Jedes Mal, wenn sie uns in den letzten Jahren besuchten, suchte ich das Gespräch darüber – freundschaftlich und klar zugleich. Solche Gespräche helfen mir, sie besser zu verstehen. Aus ihrer konservativen Sicht war die demokratische Politik der letzten Jahre schlicht nicht mehr tragbar. Sie erlebten die Obama- wie auch die Biden-Administration als Regierungen, die an ihnen vorbeiregierten. Sie empfanden sich von dieser Administration zunehmend als ungerecht behandelt. Wer so empfindet, sehnt sich nach jemandem, der einen Neustart ermöglicht.
Bei allem Verständnis kann ich ihre Wahl nicht gutheissen. Denn ich glaube nicht, dass Trump einfach für die Rückkehr zu einer konservativen Politik steht. Für mich unterwandert er bewusst und absichtlich das demokratische System selbst – Stück für Stück, in Richtung einer Autokratie. Etwa die Ereignisse des 6. Januar 2021 oder die Tatsache, dass im offiziellen Trump-Shop Kappen mit der Aufschrift „Trump 2028″ erhältlich sind, weisen für mich in diese Richtung. „Trump 2028 – das wird nicht passieren“, beteuern mir meine Freunde. Ich hoffe, sie haben recht. Dass einige Evangelikale in den USA jedoch so weit gehen, in Trump eine Art gesalbten König Kyros zu sehen, und damit zeigen, dass sie sich einen König geradezu wünschen, einen, der als Werkzeug Gottes die USA wieder aufrichtet, lässt mich befürchten, dass gewisse Christinnen und Christen gegenüber einer dritten Amtszeit Trumps gar nicht abgeneigt wären.
Genau hier geht es plötzlich um mehr als um amerikanische Parteipolitik. Es geht um etwas, das alle Christinnen und Christen betrifft – und letztlich unsere gesamte westliche Gesellschaft: Welche Regierungsformen sterben wir an? Und damit verknüpft: von wem und wie erhoffen wir uns Erlösung? Getrieben von diesen Fragen und Sorgen habe ich diesen Sommer Peter Sloterdijks Buch „Der Fürst und sein Erbe“ gelesen. Er warnt vor der Unterwanderung unserer Demokratien und zeigt nüchtern, wie es dazu kommt, dass weltweit wieder vermeintliche Fürsten zurückkehren.
Der biblische Sündenfall politisch gedeutet
Sloterdijk greift die biblische Geschichte vom Sündenfall auf. Sie stellt für ihn einen dreifachen Fall dar. Wir fallen nicht nur aus dem Paradies. Wir fallen zugleich in den Staat. Theologisch gesprochen: Der Bruch geht nicht nur durch mein Verhältnis zu Gott, sondern mitten durch die Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Nicht nur das Paradies ist uns verstellt, auch unser Zusammenleben ist beschädigt. Wir unterdrücken einander, wir schliessen einander aus, wir finden immer wieder zu unheilvollen Formen des Miteinanders.
Mit der Sünde kommt die Sehnsucht nach Erlösung. Dies gilt auch für den Fall in den Staat: Jede Regierung, jede Regierungsform – von der Diktatur bis zur Demokratie – trägt ein Heilsversprechen in sich. Sie verspricht, das misslungene Miteinander zu ordnen und ein gutes Leben möglich zu machen. Keine Herrschaft kommt ohne dieses Heil-Versprechen aus. Für mich zeigt Sloterdijk hier etwas Zentrales: Politik ist nie nur Verwaltung. In ihr steckt immer die Hoffnung auf Heil und damit auch unser Verständnis von Erlösung im Hier und Jetzt.
Schauen wir – sehr vereinfacht – auf den Weg der Herrschaftsformen im Westen, dann führt er vom gotterwählten König zum volksgewählten Politiker. Das Zweite nennen wir Demokratie. Der Schlüssel heisst Volkssouveränität. Nicht mehr der Wille des Königs geschehe, sondern der Wille des Volkes. Souverän, bestimmend, ist das Volk.
Klingt gut. Nur: Was ist der „Wille des Volkes“? Hier beginnt das Problem. Sloterdijk führt es auf Rousseau zurück. Ein Wille, so wusste Rousseau selbst, ist etwas, das eigentlich nur einer einzelnen Person zukommt. Ein Wille im Plural aber, ein gemeinsamer Wille vieler verschiedener Menschen – den gibt es so nicht. Es gibt nicht den einen Willen einer Gruppe, es gibt nur viele Menschen, die vielleicht Ähnliches, aber nie genau das Gleiche wollen. Und genau das ist die eigentliche, die eingebaute Krise der Demokratie: Sie beruft sich auf einen Volkswillen, den es in dieser Einheitlichkeit nie geben kann.
Sloterdijk wird an dieser Stelle sehr scharf. Er nennt den eiligen Sprung vom „Ich“ zum „Wir“ – vom einzelnen Willen zum angeblich einen Willen des Volkes – einen dritten Sündenfall:
„In dem Pseudosingular peuple kondensiert sich eine Operation, die man […] nicht anders als die dritte Erbsünde nennen kann. Sie besteht in dem gewaltträchtigen Versuch, das einzelne Ich zu enteignen, um es in einem Plural zu ertränken.“ (S. 74)
Das einzelne Ich zu enteignen, um es im Wir zu ertränken – ist die Gefahr jeder Gemeinschaft und damit auch jeglicher Regierungsform.
Von der Abbruchkugel zum Thron – der Weg zum demokratisch legitimierten Fürsten
Wie geht die Demokratie mit dieser Krise um? Sie behilft sich, indem die Bürgerinnen und Bürger ihren Willen abgeben und sich vertreten lassen. Wir delegieren unsere politische Verantwortung. Wir wählen Menschen, die für uns regieren sollen. Das ist ein nachvollziehbarer Lösungsansatz, der aber punkto einheitlichem Willen unvollkommen bleibt. Denn auch die kleinere Gruppe der Gewählten einigt sich nie ganz, und was am Ende herauskommt, sieht selten aus wie das, was der einzelne Bürger wollte, geschweige denn einem einheitlichen Volkswillen entspricht.
Je länger sich Bürgerinnen und Bürger dabei weder verstanden noch repräsentiert fühlen, umso stärker wächst ein Ohnmachtsgefühl, das eine gefährliche Versuchung mit sich bringt. Die Versuchung Ungerechtigkeit mit Macht zu begegnen. Das ist die Verlockung der Abrissbirne. „Wir brauchten einfach jemanden, der diese verworrene Regierung, die an uns vorbeiregiert, endlich abreisst. Wir brauchten einen Wrecking Ball – eine Abbruchkugel.“ So begründen meine amerikanischen Freunde ihre Wahl. Auch wenn ich diesen Impuls verstehen kann, finde ich ihn problematisch. Sloterdijk zeigt, wohin dieser Impuls kippen kann. Aus dem Wunsch, endlich möge einer den Volkswillen einheitlich verkörpern, wird die Wahl eines starken Mannes. Und dieser starke Mann tritt auf als die Personifikation des einen Volkswillens: Ich bin der Wille des Volkes. Das ist – wir haben es gesehen – eine Illusion, denn diesen einen Willen gibt es nicht. Aber genau daraus zieht er seine Legitimation. Und wer sich so legitimiert, muss alle Stimmen, die abweichen, zum Schweigen bringen. Sie stören das Bild der Personifizierung des wahren Volkswillens im eigenen Amt.
So kehrt der König zurück und wir sind wieder beim Alleinherrscher. Ich will nicht behaupten, das geschehe mit Naturgesetzlichkeit; sonst wäre jede Demokratie längst zusammengebrochen. Aber es ist eine latente Versuchung, die durch das ungelöste Problem des Volkswillens Teil jeder Demokratie ist. Wird dieser Versuchung nachgegeben, ist der zurückkehrende Fürst wahrscheinlich schlimmer als der alte. Denn der alte König wusste sich wenigstens von Gott begrenzt, einem Gericht unterstellt, das über ihm stand. Der neue sieht sich als legitimen Vertreter des Volkes – über ihm steht niemand mehr.
Dies ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein theologisches Problem
Gerade als Christ finde ich diese Überlegungen von Sltoerdijk hochproblematisch. Und hier kommen wir zu einer Stelle, die mich seit Wochen nicht loslässt.
Die Reformation hat einen Gedanken in die Welt gesetzt, dessen Sprengkraft wir bis heute nicht ausgeschöpft haben. Luther hat den ganzen kirchlichen Apparat, der sich zwischen Gott und Mensch geschoben hatte, beiseitegeräumt und jeden Menschen zum Priester erklärt. Das Heil lässt sich nicht delegieren. Keine Institution, kein Priester kann meine Beziehung zu Gott für mich führen – so wenig, wie jemand anders meine Ehe für mich führen oder meine Freundschaften für mich pflegen kann. Sloterdijk zieht daraus eine Schlussfolgerung, die in ihrer Konsequenz atemberaubend ist:
„Wenn Luther in einem Akt revolutionärer Spiritualität den sakramentalen und ekklesialen Apparat der römischen Traditionskirche beiseite räumte und jeden Mann zum Priester, jede Frau zur Priesterin erklären konnte, so drängt sich die Frage auf, warum man nicht ebensogut jeden Mann zum König, jede Frau zur Königin erklären sollte. […] Tatsächlich ist jeder Mann König, jede Frau Königin, allerdings werden wir uns davor hüten, es ihnen unverblümt zu sagen.“ (S. 80)
Wenn alle Kinder Gottes sind, sind alle berufen, Königinnen und Könige zu sein. Wir fürchten uns, dies allen Menschen zuzusprechen. Und ich meine: Gerade wir Christinnen und Christen sollten uns nicht davor hüten, es den Menschen zu sagen. Wir sollten ihnen ihr Potenzial und ihre Verantwortung vor Gott zusprechen – und sie darin ausbilden und bestärken, gerade in der Art, wie wir Glauben leben und Kirche gestalten. Nicht-Delegierbarkeit heisst dabei nicht, dass nun jede und jeder sein eigenes kleines religiöses Königreich regiert. Das Evangelium ist keine Privatsache. Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft. Der Punkt ist nicht Vereinzelung, sondern das gemeinsame Ringen mündiger Menschen um die Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen.
Eine unheilvolle Trennung – wenn Jesus gut fürs Privatleben ist, aber zu schwach, um die wirklichen Probleme des Landes anzugehen
Dabei begegnet mir in gewissen kirchlichen Kreisen immer ein Einwand: „Solche Ansätze sind schön und gut fürs kirchliche Miteinander der Gläubigen – aber der Staat und die internationale Politik funktionieren nach anderen Massstäben – hier braucht es Macht und Durchsetzungswillen.“ Dieser Text ist nicht der Ort, um auf das komplexe Verhältnis von Kirche und Staat einzugehen. Sicherlich, das Miteinander unter Christinnen und Christen gestaltet sich anders als im Staat, der unterschiedlichste Weltansichten und Werte vereint. Mir geht es um etwas anderes.
Ich befürchte, dass sich hier im christlichen Miteinander bis hin zur eigenen Gestaltung des alltäglichen Lebens eine unheilvolle Trennung einschleicht. Wir sperren die ohnmächtige Liebe Jesu ins Private und Kirchliche und greifen im Öffentlichen zur harten Hand. In der Kirche sind wir nett und freundlich und ringen um die Weiterentwicklung unseres christlichen Glaubens – wie andere sich im Gym um ihre persönliche Fitness bemühen. Und im politischen Öffentlichen werden starke Player unterstützt, die mit Macht die Durchsetzung unseres Willens und den Erhalt guter christlicher Werte durchdrücken – ganz egal, ob sie dies nun mit Nächstenliebe und Demut tun.
Dabei steht nicht weniger als unser Gottesbild, unsere Theologie auf dem Spiel. Als Christen beten und leben wir dafür, dass sich Gottes Wille, sein Reich, im Himmel wie auf Erden verwirklichen möge. Gott hat einen Willen. Gott wünscht sich, dass sich sein Reich – seine Version von unserem Zusammenleben – in dieser Welt durchsetzen möge. Dabei ist das höchste Gebot, das Zentrale in Gottes Reich und Willen, die Liebe. Liebe lässt sich nicht verordnen, ohne aufzuhören, Liebe zu sein. Das Wie des Regierens ist Teil dessen, was regiert wird. Gottes Reich lässt sich eben nicht mit Gewalt und Stärke anordnen oder durchsetzen. Gewiss gebraucht Gott auch weltliche Macht – Kyros, den Perserkönig, ebenso wie den Staat, der nach Paulus „das Schwert trägt“, um dem Bösen zu wehren (Röm 13). Doch Macht kann bändigen, ordnen, schützen – ein Herz gewinnen kann sie nicht. Noch nie wurde jemand mit Gewalt in Gottes Reich hineingeliebt. Wer eine starke Regierung, die die eigenen Werte durchdrückt, für das Reich Gottes hält, verwechselt das Schwert, das die Ordnung hält, mit der Liebe, die das Reich ist.
Nirgends wird dies so deutlich wie in Tod und Auferstehung Jesu Christi. Seine Jünger erhofften, er würde mit aller Gewalt das römische Regime umstürzen. Stattdessen starb er machtlos am Kreuz. Doch genau dieser Akt ist Christi eigentliche Inthronisation. In dieser absoluten Aufgabe jeglicher Macht steckt die grösste Macht zur Veränderung. Das Kreuz ist nicht Gottes Schwäche-Phase, sondern die endgültige Gestalt seiner Herrschaft. Und dies wird auch nicht anders sein, wenn einmal die Zeit kommt, auf die Christinnen und Christen hoffen und in der Gottes Herrschaft in Christi Wiederkehr vollends errichtet wird. Auch dann wird Gott in Christus ein König sein, der kein König sein will – sondern uns alle einlädt, mitzuregieren, und es nicht zulassen wird, dass wir diese Verantwortung an ihn abdelegieren. Dies zeigt sich etwa in Stellen wie Jeremia 31 – wo die Rede davon ist, dass er seinen Willen in jedes Herz schreiben wird. Da gibt es keine vermittelnde Distanz mehr, keinen König – alle sind zum Mitregieren eingeladen und aufgefordert.
Wir können unsere Regierungsverantwortung nicht abgeben – weder an einen weltlichen König, eine Kirchenleitung noch an Gott selbst. Er selbst weigert sich, der Alleinherrscher zu sein, an den wir uns ausliefern könnten. Das heisst nicht, wir müssten alles allein tragen. Viel mehr sind wir eingeladen mitzugestalten. Gott will die Verantwortung nicht anstelle von uns übernehmen, noch uns gänzlich übertragen, sondern lädt uns ein mitzuregieren.
Darin besteht für mich das zentrale politische Anliegen des Christentums. Ich glaube nicht, dass es eine christliche Politik gibt. Für rechte wie für linke Positionen, für einen schlanken wie für einen sozialen Staat lassen sich christliche Gründe anführen. Wer behauptet, es gebe die christliche Politik, beendet in Wahrheit jede Politik – denn dann wäre jeder Widerspruch, jeder Diskurs schon Widerrede gegen den göttlichen Willen. Darum halte ich es für richtig und wichtig, dass Christinnen und Christen sich über das ganze politische Spektrum verteilt engagieren, streiten, ringen.
Das eigentlich Politische im Christentum ist für mich die Aufforderung zur gemeinsamen Verantwortung für unser Miteinander. Ich kann die Versuchung dagegen nachvollziehen: Wer Ungerechtigkeit und Ohnmacht erlebt, greift irgendwann nach der Macht – endlich einer, der durchgreift, endlich Gerechtigkeit, mit Macht erzwungen. Doch das Evangelium weist einen anderen Weg: nicht das Schwert, sondern das Kreuz. Jesus hätte durchgreifen können und tat es nicht; gerade in der Ohnmacht des Kreuzes erweist sich die wahre Kraft Gottes, und dort wird seine Gerechtigkeit wirklich – nicht die, die wir erzwingen, sondern die, die er schafft.
Darum ist für mich „unchristlich“, das System auszuhebeln und einen König einzusetzen, der vermeintlich in Gottes Sinn mit Macht durchgreift. Das ging schon mit Saul nicht gut aus, es ging mit Konstantin nicht gut aus, und es wird mit Trump nicht gut ausgehen. Denn hier wird die eigene Verantwortung abgegeben, und Glaube und Ethik werden zum Zwang. Doch Glaube und die Lebensform, die aus ihm folgt, sind Gnade, ein Geschenk – man kann sie so wenig anordnen, wie sich mit dem Schwert die Gerechtigkeit Gottes erzwingen lässt.
Die Herausforderung, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen
Und darum beunruhigt mich die eingangs erwähnte Grafik. Sie zeigt, dass gerade die Gruppe weisser, evangelikaler Christen am meisten mit Trump sympathisiert. Aus meiner Perspektive tun sie dies, weil sie sich erhoffen, dass durch ihn das christliche Amerika wiederhergestellt wird. Die Interpretation zwingt sich auf, dass es bei der Unterstützung für Trump weniger um christliche Anliegen geht als vielmehr um den Erhalt eigener Privilegien. Beweggründe lassen sich aus Statistiken nicht ableiten. Entsprechend ist die These, dass diese Gruppen mit Trump sympathisieren, weil sie sich als ungerecht behandelt sehen und sich daher eine Durchsetzung verlorener Werte und Privilegien erhoffen, eine Interpretation.
Letztlich ist hier nicht der Ort, über Menschen in einem anderen Land zu urteilen. Mein eigenes Anliegen ist es, dass ich mir selbst erhoffe, als Christ im Angesicht von erlebter Ungerechtigkeit und eigener Ohnmacht den Mut und die Kraft zu haben, dem vermeintlich machtlosen Weg Jesu Christi nachzufolgen und gerade dann bereit zu sein, mein eigenes Kreuz auf mich zu nehmen. Meine Überzeugung ist es, dass, wenn wir in solchen Situationen zur Macht greifen, wir das Evangelium selbst verraten. Das Mittel widerspricht der Sache. Und darum fürchte ich, dass die Unterstützung Trumps genau das untergräbt, wofür Christinnen und Christen eigentlich einstehen möchten: die Weitergabe eines Glaubens, den man nur geschenkt bekommen und frei ergreifen kann.
Und nun, was machen wir damit? Auch Sloterdijk fragt sich am Ende seines Buches: „Was also bleibt zu sagen?“ Und er beantwortet seine Frage mit den Worten:
„Wäre die Menschheit als Ganzes katholisch, ihr Papst hätte ein allgemeines Konzil einzuberufen, um wie in letzter Minute die Selbstreform auf den Weg zu bringen. Da sie religionskulturell, konfessionell, ethnisch, politisch und ideologisch zersplittert ist, müssten die zahllosen Kräfte am Ort das Ihre tun, um üble Tendenzen aufzuhalten und lebbare Formen des Miteinanders zu kreieren.“ (S. 170)
Vor Ort lebbare Formen des Miteinanders kreieren. Dies ist für mich die konkrete Alternative zum starken Mann an der Spitze. So möchte ich Glauben leben und Kirche gestalten: Formen kreieren, die dazu einladen und auffordern, miteinander im gemeinsamen Gespräch mit Gott herauszufinden und zu entscheiden, wie wir leben sollen und wollen.
Aus rechtlichen Gründen, teile ich hier nicht die Statistik die ich per SMS erhalten habe sondern eine eigens mit KI erstellten Version davon, die auf den PRRI-Originaldaten basiert.
Zum Schreibprozess: Gedanken, These und Argumentation sind meine eigenen. Ein KI-Sprachmodell habe ich als Gesprächspartner und Lektor genutzt – für kritisches Feedback zum Aufbau, gezielte Rückfragen, sprachliche Korrektur und einzelne Formulierungsvorschläge, die ich geprüft und überarbeitet habe.
Erwartet, dann sind sie da und schon wieder vorbei. Ferien.
Wie geht es dir? Danach. An diesem Sonntag. Vor dem Montag? Erfüllt, voller Tatendrang für den Alltag. Oder noch leer. Immer noch Bedürfnis nach mehr?
Elia ist auf der Seite Leer. Das Herz aus dem Leib gearbeitet. Ganz Fromm, für Gott. Gerannt, gekämpft, geliefert. Und dann, unter einem Strauch, stönt er: Genug ist genug. Kein Heldentod. Keine grosse Geste. Ohne Publikum legt er sich hin. Und schläft.
Wer kennt es nicht. Wenn nichts mehr geht. Die Kraft fehlt, die Tat, das Wort. Diese gähnende Leer – die dich verschlingt.
Und dann sagt der grosse Andere: Geh raus. Stell dich hin. Ich komm vorbei.
Ein Sturm kommt. Reisst Berge. Bricht Fels. In aller Kraft, bleibt der Sturm leer. Dann ein Beben. Der Boden kippt. Alle Erschütterung bringt keine Veränderung. Es folgt das Feuer. Brand, Hitze, Urkraft. Doch es entzündet Nichts. Dann in der Einsamkeit. Ein stille Stille. Eine alles entleerende Leere.
Die Übersetzer ringen ein sanftes, leises Säuseln. Nein: der Ton eines leisen Wehens. Oder doch: ein ganz leiser Hauch. das Flüstern eines sanften Windhauches. eine Stimme verschwebenden Schweigens.
Hörst du, was hier passiert? Der Text versucht zu sprechen, von was man nicht reden kann.
Sprache steht vor der Realität ihrer Majestät und kapituliert. *qol demama daqah* — Stammelt hebräisch die Ursprache, Ein Klang aus Schweigen. Eine Stimme, der Stille. Ein Ton, der nicht klingt. Im Scheitern der Sprache redet Gott.
Wenn das Nichts versagt Nichts zu bleiben. Wenn die Stille an sich selbst bricht. In diesem Riss im Leeren. Schreitet aus dem Scheitern das Sein an sich.
Geht es uns nicht auch so? Wann merkst du wer du bist? Nicht, wenn du sprichst. Sondern wenn dich jemand hört. Und du daran zerbrichst. Ich werde gehört. Doch falsch verstanden. Hier im Frust, wenn das Gespräch reisst. Bleibt das Ungesagte, Ungehörte in dir zurück. Und spricht, hier bin ich, dein ich. In dieser Stille, diesem Riss, im Scheitern an dir selbst wirst du.
Wer Gott erkennt, findet sich und wer sich erkennt begegnet Gott.
Auch Gott schafft, durch Rückzug. Fülle in der Absenz. Tragender Abgrund. Platz im Raum. Zieht sich zusammen, um so kleiner Gott ist, um so grösser wirkt Sie. Lässt Leere — die Raum, die Leben Schaft. Contra BigBang. Weder im Knall, Sturm, Beben noch Feuer liegt die Schöpfungskraft. Nicht der Urknall, sondern die ewige Still, wird bewohnt.
Ist dem so? Dann finden wir Gott wohl anders wo als oft gedacht. Nicht wo wir Raum nehmen, volltönen und pfauig herumstolzieren. Sondern wo wir fragend ihm Raum stehen. Im Verstummen. Im Scheitern. In der Stille Raum geben. Wenn Kraft, Tat und Wort fehlen — fängt Gott in uns an. Hier zieht Elia seinen Mantel übers Gesicht. Im Verhüllten, im Ungeschützten, spricht die Frage. Keine Berufung. Keine Lösung. Eine Frage: Was hast du hier zu tun? Und schickt ihn mutig zurück ins Leben.
Die Ferien sind vorbei. Sonntag vor Montag. Und vielleicht ist die Leere die du spürst kein Mangel. Ist sie der Raum, in dem anfängt, was Gott mit dir vorhat. Halt sie aus. Lang genug. Dann geh. Wag es zu versuchen. Zu scheitern. Um wieder zu schweigen. Auf dass, dir Gott begegnet ein stilles Sausen, ein leises Wehen, verschwebendes Schweigen zu dir sprechen kann. Amen.
Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch
Die Grundlage für den Text Bildete die Bibelstelle 1. Könige 19, 11 – 13: „Der HERR sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun?„
Dieser Slam entstand im Dialog mit einem KI-Werkzeug: Thema, theologische Deutung und die tragenden Gedanken stammen vom Autor; die KI half beim Strukturieren und Ausformulieren eines Entwurfs, den der Autor anschliessend eigenständig überarbeitet und in seine eigene Sprache gebracht hat.
«Du hast doch einen besseren Draht zu Gott als ich. Kannst du ein gutes Wort für das Wetter nächste Woche einlegen?»
Solche Sätze höre ich als Pfarrer immer wieder. Meistens sind sie mit einem Augenzwinkern gemeint. So auch letzten Sonntag.
Ich antwortete ebenfalls mit einem Schmunzeln: «Wir bieten sogar einen direkten Draht zu Gott an. Du bist herzlich eingeladen, ihn selbst zu nutzen.»
Hinter diesem kleinen Wortwechsel steckt für mich eine erstaunlich grosse Frage: Was bedeutet es eigentlich, heute Christin oder Christ zu sein?
Glaube ist mehr als eine Überzeugung
Wenn Menschen vom Glauben sprechen, meinen sie oft eine Meinung über Gott. Man hält die Existenz Gottes für wahrscheinlich oder eben nicht. Glaube erscheint dann wie das Für-wahr-Halten einer Behauptung.
Die Bibel versteht Glauben anders.
An Gott zu glauben bedeutet nicht in erster Linie, einen Satz über die Welt für richtig zu halten. Glaube beschreibt eine Beziehung. Er bedeutet, Gott Vertrauen zu schenken und das eigene Leben im Vertrauen auf ihn zu gestalten.
Zwischen «Ich glaube, dass Gott existiert» und «Ich vertraue Gott» liegt ein grosser Unterschied.
Der erste Satz beschreibt eine Überzeugung. Der zweite eine Beziehung.
Beziehungen kann niemand für mich führen
Das Spannende an Beziehungen ist, dass sie sich nicht delegieren lassen.
Niemand kann meine Freundschaften für mich pflegen. Niemand kann meine Ehe für mich führen. Niemand kann Vater meiner Kinder an meiner Stelle sein.
Beziehungen leben von persönlicher Gegenwart.
Umso erstaunlicher finde ich, wie häufig wir genau das gegenüber Gott versuchen. Wir delegieren unsere Beziehung zum Göttlichen an Menschen, die beruflich oder religiös näher bei Gott zu sein scheinen.
Gerade hier liegt eine der grossen (Wieder-)Entdeckungen der Reformation.
Mit dem Gedanken des allgemeinen Priestertums wurde betont, dass jede Christin und jeder Christ unmittelbar vor Gott steht. Es braucht keinen besonderen Vermittler. Christus selbst ist der Mittler.
Jeder Mensch ist eingeladen, selbst zu beten, selbst zu hören, selbst zu vertrauen und selbst Verantwortung für seine Gottesbeziehung zu übernehmen.
Von Priestern zu Königen?
Zurzeit lese ich Peter Sloterdijks Buch Der Fürst und seine Erben. Darin stellt er eine Frage, die mich nicht mehr loslässt:
Wenn Luther jeden Mann zum Priester und jede Frau zur Priesterin erklären konnte – warum sollte man nicht ebenso jeden Mann zum König und jede Frau zur Königin erklären? (vgl. Seite 80)
Ich finde diese Frage zentral.
Denn tatsächlich könnte man das allgemeine Priestertum missverstehen. So, als würde nun jeder Mensch einfach sein eigenes religiöses Königreich regieren. So als ob, Christsein bedeuten würde die eigene Spiritualität ständig zu optimieren und weiter zu entwickeln. Doch es geht um viel mehr als die blosse Optimierung eines Lebensbereiches. Glaube bedeutet sein ganzes Leben im vertrauen auf Gott zu gestallten und so als von Gott berufene König und Königin die Verantwortung für unser Leben in die Hand zu nehmen.
Doch so wie ich das Evangelium versteht scheint es mir dabei um mehr als unsere kleinen individuellen Königreiche zu gehen.
Das Evangelium schafft nicht Alleinherrscher
Je länger ich mich mit Paulus beschäftige, desto mehr überzeugt mich eine Einsicht, die in der sogenannten neuen Paulusperspektive stark betont wird.
Das Evangelium ist nicht einfach eine individuelle Heilsbotschaft.
Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft.
Eine Gemeinschaft, an der sichtbar wird, wie Leben unter Gottes Herrschaft aussehen kann.
Christsein ereignet sich deshalb nicht dort, wo jeder sein eigenes kleines Königreich möglichst erfolgreich verwaltet. Jede für sich alleine ihre Frömmigkeit steigert.
Christsein geschieht dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für ihre gemeinsame Lebensform übernehmen und miteinander fragen:
Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir vergeben? Wie wollen wir teilen? Wie wollen wir Kirche sein?
Diese Fragen lassen sich nie endgültig beantworten und schon gar nicht allein. Sondern gemeinsam – im Gespräch miteinander und mit Gott.
Kirche als Ort der Versöhnung
Darum hat Kirche für mich nichts an Bedeutung verloren.
Im Gegenteil.
Mit den Jahren ist meine Überzeugung eher gewachsen, dass Christsein Kirche braucht.
Bernd Wannenwetsch beschreibt in seinem Buch „Gottesdienst als Lebensform“ den Gottesdienst als einen Ort der Versöhnung (vgl. S. 109ff) Dieser Gedanke spricht mich sehr an.
Im Gottesdienst kommen Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Verschiedene Bildungswege, politische Überzeugungen, soziale Hintergründe, Frömmigkeitsstile, Leitungsverständnisse und Lebenserfahrungen treffen aufeinander.
Was sie verbindet, ist nicht ihre Ähnlichkeit.
Sie stellen gemeinsam Gott in ihre Mitte.
Am deutlichsten geschieht das vielleicht im gemeinsamen Singen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Gott und sprechen ihm die höchste Ehre zu.
Dadurch geschieht etwas Bemerkenswertes.
Nicht unsere politische Überzeugung steht im Zentrum.
Nicht unsere Bildung.
Nicht unsere Herkunft.
Nicht unsere Persönlichkeit.
Nicht einmal unsere Kirche.
Sondern Gott.
Alles andere verliert dadurch nicht seinen Wert.
Aber es verliert den Anspruch, das Wichtigste zu sein.
Wenn niemand mehr um den ersten Platz kämpfen muss
Ich glaube, darin liegt eine grosse gesellschaftliche Kraft.
Was den ersten Platz beansprucht, muss sich gegen alles andere behaupten.
Wenn aber Gott den ersten Platz erhält, müssen wir das nicht mehr.
Dann entsteht Raum, einander zu dienen.
Für mich zeigt sich das besonders in einer Spannung, die jede Gemeinschaft kennt.
Auf der einen Seite steht das Individuum.
Auf der anderen Seite die Gemeinschaft.
Beides gerät ständig miteinander in Konflikt.
Manchmal wird die Einheit der Gruppe so wichtig, dass Individualität keinen Platz mehr hat.
Manchmal wird die Selbstverwirklichung des Einzelnen so wichtig, dass jede Gemeinschaft zerfällt.
Im Gottesdienst geschieht etwas Drittes.
Als Gemeinschaft bekennen wir: Gott ist grösser als wir.
Darum können wir den Einzelnen dienen.
Als Einzelne bekennen wir: Gott ist grösser als ich.
Darum kann ich mich in die Gemeinschaft investieren, ohne mich selbst zu verlieren.
Ich glaube, dieses Muster lässt sich auf viele Spannungen unserer Zeit übertragen – auch auf Fragen von Hierarchie und Mitbestimmung, Leitung und Beteiligung.
Wenn Gott grösser ist als unsere Leitungsmodelle, müssen wir keines davon absolut setzen. Dann können wir gemeinsam danach suchen, welche Form des Leitens einer konkreten Situation dient.
Zweimal im Jahr setzen wir uns zusammen und fragen nicht zuerst, was Tradition oder Organisation von uns erwarten.
Wir fragen:
Wie wollen wir im kommenden Semester gemeinsam Kirche leben?
Jede und jeder überlegt dabei auch, welchen Beitrag er oder sie einbringen möchte.
Vielleicht besteht genau darin eine zeitgemässe Form des Christseins.
Nicht darin, fertige Antworten zu besitzen. Sondern darin, gemeinsam vor Gott zu treten, ihn anzubeten und aus dieser gemeinsamen Ausrichtung heraus immer wieder neu nach einer gemeinsamen Lebensform zu suchen.
Je länger ich Christ bin, desto weniger glaube ich, dass Christsein allein gelebt werden kann.
Vielleicht wird Kirche gerade dann wieder verständlich für Menschen ausserhalb ihrer Mauern: wenn sie zu einem Ort wird, an dem niemand mehr um seine eigene Grösse kämpfen muss, weil Gott gross genug ist für uns alle.
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und danach den Text von einer KI korrigieren und redigieren lassen um ihn abschliessend eigenhändig redaktionell zu finalisieren.
Stell dir vor, du bist so um die vierzig Jahre alt. Du sitzt an einem Hotelpool irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne scheint. Das Wasser glitzert. Die Menschen um dich herum sind entspannt. Eigentlich solltest du glücklich sein.
Neben dir sitzt deine Partnerin oder dein Partner. Ihr seid seit Jahren zusammen. Ihr streitet selten. Nach aussen wirkt eure Beziehung stabil.
In drei Tagen fliegst du zurück nach Hause. Dort wartet dein Job auf dich. Ein Job, der vernünftig ist. Er entspricht der gängigen Karriere in diesem Bereich. Er bezahlt die Rechnungen. Er bietet Sicherheit. Viele Menschen wären damit zufrieden.
Genauso diese Ferien. Freunde haben dir davon vorgeschwärmt. Hier verbringt man seine Zeit. Es ist ein Urlaub, von dem man erzählen kann. Der andere beeindruckt.
Eigentlich solltest du glücklich sein. Aber du bist es nicht. Denn du realisierst: In dieser Partnerschaft bin ich nur, weil dies von mir erwartet wird. Mein Job war die logische Folge nach dem Studium, das ich gewählt habe, weil dies der Wunsch meiner Eltern war. Und in diesen Ferien bin ich nur, um bei der Arbeit davon zu erzählen.
Und du fragst dich: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Was für ein Leben lebe ich eigentlich? Irgendwie stecke ich fest. An einem Ort, an dem ich eigentlich nicht sein will, in einem Leben, das ich nie so gewählt habe.
Mit solch einem Gefühl bist du nicht allein. Es kann sich dann einstellen, wenn wir zu lange in einer Lebensphase verharren. Das muss nicht so sein. Aber wenn du jetzt eine Lebensanleitung oder ein Rezept erwartest, muss ich dich enttäuschen. Der Weg in ein erfülltes Leben hat mehr mit Hinhören zu tun, als starre Regeln zu befolgen. Was meine ich damit?
Die meisten Menschen stellen sich ihr Leben wie eine gerade Linie vor. Schule, Ausbildung, Beruf, Familie, Karriere, Pensionierung. Schritt für Schritt vorwärts. In der Realität verläuft das Leben selten so geordnet. Manche Menschen werden mit vierzig plötzlich von der Frage eingeholt, ob sie überhaupt ihr eigenes Leben leben. Andere bleiben noch mit sechzig auf der Suche nach sich selbst. Wieder andere haben schon früh Verantwortung übernommen und fragen sich später, ob sie dabei etwas Wesentliches verpasst haben.
Entsprechend berichten uns die Geschichten der Bibel auch nicht von gradlinigen Biographien. Die Bibel arbeitet viel häufiger mit Bildern von Wegen, Scheitern und Lebensphasen, wie etwa Jahreszeiten. Im Hohelied heisst es etwa: „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen.“ Was wäre, wenn wir uns unser Leben in Phasen, in Jahreszeiten vorstellen? Was bedeutet es, im Frühling des Lebens zu sein und aufzubrechen in den Sommer?
Frühling: Die Kunst des Lernens
Der Frühling steht für Wachstum. Alles erwacht zum Leben, spriesst und blüht.
Als Mensch wachsen wir durch Kopieren. Bei der Sprache und den motorischen Fähigkeiten ist uns dies sehr bewusst. Als Kinder lernen wir Reden und Laufen durch Nachahmung. Doch auch Verhaltensweisen, Werte und Vorstellungen übernehmen wir so von den Menschen um uns herum.
Gerade als Jugendliche orientieren wir uns entsprechend stark an Vorbildern. Wir lernen von den Eltern, Lehrpersonen und immer mehr von Freunden und Influencern, wie man sich in unserer Gesellschaft benimmt. Was braucht es, um dazuzugehören? Wie muss ich mich verhalten, um beliebt und erfolgreich zu sein?
So hilfreich dieses Nachahmen zu Beginn ist, so problematisch wird es, wenn wir diese Phase nie hinter uns lassen. Wer sich immer nur an anderen orientiert, kann mit vierzig unglücklich am Pool enden.
Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, Erwartungen zu erfüllen. Sie wählen einen Beruf, weil andere ihn für sinnvoll halten. Sie übernehmen politische oder religiöse Überzeugungen, ohne sie jemals zu hinterfragen. Gerade in religiösen Fragen kommen viele nie über diese Phase hinaus. Man ist gläubig oder eben nicht religiös, weil dies dem eigenen Umfeld entspricht.
Im Frühling des Lebens wird Erfolg darüber definiert, was Anerkennung bringt. Von aussen betrachtet kann ein solches Leben sehr erfolgreich aussehen. Doch irgendwann taucht eine unangenehme Frage auf: Lebe ich eigentlich mein eigenes Leben?
Wer dauerhaft im Frühling bleibt, entwickelt zwar Anpassungsfähigkeit, aber keine eigene Stimme. Deshalb gehört zum Erwachsenwerden mehr als Lernen. Irgendwann muss aus Übernahme Eigenverantwortung werden.
Sommer: Die Kunst des Suchens
Der Sommer ist die Zeit der Entfaltung. Alles wächst und trägt seine volle Pracht. Im Leben ist dies die Phase des jungen Erwachsenseins. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Die Welt steht offen. Genau deshalb ist diese Lebensphase so spannend und zugleich so herausfordernd.
Viele Ratschläge unserer Zeit lassen sich auf einen Satz reduzieren: „Du musst einfach deinen eigenen Weg finden.“ In dieser Lebensphase ist dies ein passendes Mantra. Es ist die Zeit der Loslösung – nicht nur vom Elternhaus, sondern von übernommenen Lebensentwürfen. Es geht darum, zu finden, was wirklich dein eigener Weg ist. Dinge zu tun, nicht nur weil sie erwartet werden oder Erfolg versprechen. Sondern weil du spürst: Das muss ich tun, hier führt mein Weg mich durchs Leben.
Das braucht Mut. Und genau dies ist einer der häufigsten Zusprüche Gottes in der Bibel: Sei mutig! Fürchte dich nicht. Die biblische Geschichte zeigt: Gott begleitet dich auf neuen Wegen, auch wenn deine Reise für andere ungewohnt ist.
Dabei verläuft nicht immer alles wie geplant. Fehler sind kein Betriebsunfall. Sie gehören dazu. Viele junge Erwachsene fürchten sich vor Entscheidungen, weil sie denken, sich durch Fehlentscheidungen die Zukunft zu verbauen. Es stimmt nicht, dass man keine Fehler machen darf, wenn man erfolgreich sein will. Im Gegenteil, erfüllte Menschen machen Fehler und lernen daraus.
Falsche Entscheidungen gehören dazu. Sie sind nicht das Ende. Vergebung ist hier eine zentrale christliche Botschaft. Sie ist kein Freibrief für konsequenzloses Handeln, sondern eine Befreiung, sich nicht von Fehlern definieren zu lassen, sondern daraus zu lernen und sie nicht mehr zu machen. Vergebung heisst, dass Fehler nicht die Macht bekommen, unsere Identität zu bestimmen. Diese Haltung schafft Freiheit. Freiheit zu lernen. Freiheit zu wachsen. Freiheit, Neues zu wagen.
Doch auch der längste Sommer kommt zu seinem Ende. Wer immer nur sucht, findet nie. Manche Menschen verbringen Jahrzehnte damit, sich alle Optionen offen zu halten. Sie springen von Projekt zu Projekt, von Beziehung zu Beziehung oder von Idee zu Idee. Sie wollen sich nicht festlegen, weil jede Entscheidung andere Möglichkeiten ausschliesst. Doch genau darin liegt das Problem. Ein Leben, das immer nur der nächsten Möglichkeit nachjagt, bleibt oft erstaunlich oberflächlich. Die Freunde, die sich mit weit über vierzig noch immer jedes Wochenende abschiessen und auf jeder Party dem nächsten kurzen Rock hinterherspringen, illustrieren dies. Irgendwann braucht Wachstum Wurzeln.
Herbst: Die Kunst der Begrenzung
Den Herbst verbinden viele mit Verlust. Die Blätter fallen. Die Tage werden dunkler. Dabei entsteht gerade im Herbst etwas Entscheidendes. Die Bäume hören auf zu wachsen und konzentrieren ihre Energie auf die Früchte.
Ähnliches geschieht auch im Leben. Mit zunehmender Erfahrung wird klar: Wir können nicht alles gleichzeitig sein. Wir haben nur begrenzt Zeit, begrenzte Energie und begrenzte Aufmerksamkeit.
Hier tritt die Frage „Was könnte ich alles machen?“ in den Hintergrund. Wichtiger wird: „Wofür möchte ich mein Leben einsetzen?“
Wer seine Grenzen akzeptiert, kann beginnen, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Der Schriftsteller Charles Bukowski formulierte es so: „Finde, was du liebst, und lass es dich töten.“ In diesem harschen Zitat steckt die Aufforderung, unser Leben auf eine Sache zu konzentrieren und dafür all unsere Energie aufzuwenden.
Vielleicht ist das einer der grössten Unterschiede zwischen Jugend und Reife. Jugend fragt: Welche Türen stehen mir offen? Reife fragt: Welche Türen sind es wert, dass ich hindurchgehe?
Das gilt für Beziehungen genauso wie für Arbeit, Freundschaften oder Engagement. Eine gute Ehe lebt nicht davon, dass zwei Menschen permanent überlegen, ob es irgendwo noch eine bessere Option gäbe. Sie lebt davon, dass zwei Menschen lernen, füreinander der richtige Partner zu werden.
Dasselbe gilt für Berufungen. Irgendwann geht es weniger darum, den perfekten Platz zu finden, sondern den Platz, an dem man steht, gut zu gestalten, voll und ganz auszufüllen.
Doch auch die Fokussierung, die Konzentration des Herbstes kommt zu ihrem Ende. Beziehungsweise birgt auch diese Lebensphase ihre Gefahr, wenn wir zu lange in ihr verharren. Wer gelernt hat festzuhalten, muss irgendwann wieder lernen loszulassen.
Winter: Die Kunst des Loslassens
Der Winter ist wahrscheinlich die am meisten unterschätzte Jahreszeit.
In unserer Kultur und Gesellschaft sind seine Attribute mehr als negativ behaftet: Stillstand. Verlust. Alter. Schwäche. Ende.
Deshalb versuchen viele Menschen, den Winter möglichst lange hinauszuzögern. Wir leben in einer Zeit, in der alle jugendlich sein wollen. Auch die Alten. Wir kämpfen gegen das Älterwerden. Gegen das unausweichliche Ende, den Tod. Doch gerade darum, um gut sterben zu können, geht es in dieser letzten Lebensphase, dem Winter. Es gilt loszulassen, unsere Rollen, unseren Einfluss und unsere Kontrolle gehen zu lassen. Dies kann Angst auslösen, insbesondere die Angst vor Bedeutungslosigkeit.
Hier hilft uns der Blick in die Natur. Im Winter stirbt nicht einfach alles. Der Winter schafft Raum für Neues. Das alte Blatt muss fallen, damit im Frühling Neues wachsen kann. Darin liegt eine besondere Weisheit und Chance des hohen Alters: zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie unersetzlich man sich macht.
Der Sinn eines Lebens besteht nicht nur darin, alles festzuhalten, sondern zur rechten Zeit die Dinge weiterzugeben. Erfahrungen weiterzugeben. Verantwortung weiterzugeben. Wissen weiterzugeben. Ressourcen weiterzugeben. Liebe weiterzugeben. Das heisst für mich, gut alt zu werden: den Mut zu entwickeln, Platz für andere zu machen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Fruchtbarkeit.
Warum Selbstoptimierung allein nicht reicht
Sicher ist dies eine verkürzte Sicht auf die Vielfältigkeit des Lebens. Das Leben ist komplexer und vielschichtiger und läuft nie genau nach diesen Phasen ab. Was ich trotz dieser Vereinfachung an dieser Perspektive spannend finde, ist Folgendes:
Viele Selfhelp-Ratgeber gehen davon aus, dass das Leben ein Problem ist, das gelöst werden muss. Wenn du nur die richtige Strategie findest, die richtigen Gewohnheiten etablierst oder die richtige Methode anwendest, wirst du erfolgreich und erfüllt leben. Oft begegnet mir dieselbe Einstellung im christlichen Gewand: Die Bibel ist eine Bedienungsanleitung. Du musst sie nur richtig befolgen, und alles funktioniert wie geschmiert.
Das Leben in Jahreszeiten zu betrachten zeigt: Die Realität ist komplizierter. Jede Lebensphase stellt andere Fragen. Die Stärke in der einen Phase kann zugleich zur Herausforderung für den Übergang in die nächste werden. Was im Frühling beim Lernen hilfreich ist, kann später den eigenen Findungsprozess behindern. Nachahmen hilft beim Lernen, muss aber ins eigene Finden übergehen. Der Sommer eröffnet viele Möglichkeiten, kann am Ende jedoch die notwendige Fokussierung erschweren. Die Konzentration des Herbstes bringt Klarheit, macht es aber unter Umständen schwer, später wieder loszulassen. Im Winter wird das Loslassen zur letzten Form der Verantwortung für die Nachfolgenden. Am Ende gilt es, auch diese Verantwortung gehen zu lassen.
Es gibt keine zeitlose Formel für ein gelungenes Leben. Genau deshalb versteht das Christentum Glauben nicht primär als Regelwerk. Die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen begleitet. Nicht mit einem fertigen Drehbuch. Nicht mit einer allgemeinen Betriebsanleitung. Sondern in einer lebendigen Beziehung. Im Buch der Sprüche heisst es: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg.“ Bemerkenswert ist, dass dort nicht steht: Ich gebe dir alle Antworten. Sondern: Ich begleite dich auf dem Weg.
Glaube kann so als Begleitung verstanden werden, die in jeder Phase neu Orientierung gibt, ohne den Weg festzuschreiben. So gesehen könnte Kirche ein Ort sein, an dem unterschiedliche Lebenszeiten Platz haben und Menschen einander auf ihrem je eigenen Lebensweg und in den unterschiedlichsten Lebensphasen unterstützen und voneinander lernen.
Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am Konf-Gottesdienst vom 31..05.2026 in der Kirche Bühl. Die Konf-Klasse bestimmte für den Gottesdienst das Thema: „Erwachsenwerden – Frühling als Aufbruch in den Sommer des Lebens.“ und wählte folgende Bibelverse als Grundlage für die Predigt aus: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg. Wenn du dich daran hältst, wird kein Hindernis deine Schritte aufhalten; selbst beim Laufen wirst du nicht stolpern.“ (Sprüche 4, 11–12) „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen, die Turteltaube ist zu hören.“ (Hohelied 2, 11–12). Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.
Ein Spoken Word zum Feiertag, den ich selbst (noch) nicht mag: Auffahrt.
Doch eine Trigger Wahrung zuvor: der Text spricht über den Schmerz einer Fehlgeburt.
Kirchenjahr Abfolge von Feiertagen Tag die wir feiern im Jahr
Weihnachten – Ein Kind erkannt als Gott Gott wird Mensch im Mensch erblicken wir Gott Was für ein Moment Schöpfer und Schöpfung: eins Gott tritt ins Fleisch Inkarnation wie ich das feier!
Dann: das Leben Alltag Jesus wächst Das Kind wird Erwachsen Er findet seinen Ruf steter Gang kein Feuerwerk Schade nur: kein Feiertag dafür Denn Alltag feiern ist Nachfolgekunst kein Highlight Konsum
Dann Tod und Auferstehung Höhepunkt der Geschichte Jesus begegnet dem Endgegner dem Tod selbst er stirbt und dann: Sieg Triumph Tod, wo ist dein Stachel Tod, wo ist dein Sieg? Christus ist auferstanden Er ist wahrhaft auferstanden es ist vollbracht wer ihm vertraut wird nicht vergehen sondern ewig leben
Vierzig Tage dauert der Jubel Er zeigt sich Hunderten zugleich Die furchtsamen Jünger finden wieder Mut Langsam begreifen sie Er erlöst nicht Israel allein Er erlöst die ganze Welt.
Und dann? Auffahrt Jesus wird entrückt Warum ein Feiertag? Ich verstehe es nicht Tot, Auferstehung und dann doch fort Er ist weg und wir sind wieder allein allein Was ist sie Wert die gute Nachricht die nicht bleibt Die kommt den Duft des Lebens zeigt um dann wieder weiter zu ziehen?
Wie der Feine Teller Der Kellner kommt zu deinem Tisch geht vorbei und bedient den Tisch dahinter
oder Dein Club steht im Finale ein Tor noch bis zum Sieg letzte Minute Der Treffer Der Jubel die Halle bebt Dann der Pfiff Abseits Das Tor verfällt Konter Tor Der Sieg in Sekunden zerronnen zur Niederlage
Was macht Auffahrt anders? Kurz da und wieder fort Nur geht es um mehr als um verfehltes Essen mehr als um vertanen Sieg.
Existenziell Wie das Paar das sich ein Kind erseht und nichts gescheht Hoffen Ringen Monat um Monat unzählige Gänge zu Ärzten Leben, Ernährung umgestellt doch das Leben bleibt fern Bis endlich nach Jahren Der Test positiv Das Kind ist da die Hoffnung erfüllt.
Und dann: Blut Nach wenigen Wochen vierzig Tagen ist alles wieder fort.
Wer dies durchlebt ist kinderloser als zuvor.
So frag ich dich Was ist sie wert die Erfüllung auf Zeit Was ist das für Evangelium Das kommt um wieder zu gehen? So ist für mich diese Zeit im Kirchenjahr diese 10 Tage finster finsterer als alles stiller und zerbrochener als selbst der Karsamstag Denn der Fall ist tiefer Die Enttäuschung grösser und darum die Wunde schwerer
Kein Wunder schweigt man darüber Nie hörte ich eine Predigt die Auffahrt wirklich trug Bis heute bleibt es offen Seit Jahren ist Auffahrt Quelle meines Zweifels Kritik am Glauben Auferstehung — durch Auffahrt zerronnen
Sicher, wie Karfreitag ist auch Auffahrt nicht Ende Karfreitag – Ostern Auffahrt – Pfingsten Jesus geht – Geist kommt Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.(Johannes 16, 7) Ganz ehrlich mir war das stets ein billiger Trost Worin unterscheidet sich unser Umgang mit Jesus von dem mit unseren Toten? Auch sie bleiben im Geiste in Erinnerung bei uns Jedes Jahr gedenken wir ihres Geburts- und Todestags und vertrauen und hoffen: sie seien noch da
Doch dieses Jahr begann es zu dämmern Ein Gedanke noch frisch noch ungeformt Entfalten kann ich ihn noch nicht Noch ist er Skizze mehr Ahnung als Beweis Und doch will ich wagen ihn auszusprechen ihm Worte zu geben Darum hört Auffahrt ist Inthronisation Christi Er sitzt zur Rechten Gottes Ihm ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden Keine Gestalt kein Mensch kein Amt keine Organisation trägt Macht wie Christus Selbst den Tod hat er besiegt Er ist die reinste Macht.
Doch Christus lebte Macht immer anders »Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 26 Aber so darf es bei euch nicht sein. Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, 27 und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. 28 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.«(Matthäus 20, 25-28)
So ist es nur folgerichtig Dass Jesus angekommen im Zentrum der Macht seinen Platz räumt Die Mitte der Macht muss leer bleiben Sonst wird auch sie zur Unterdrückung Wenn der Messias nicht stirbt wenn er den Thron nicht räumt wird er zum neuen Tyrann Sieh Dune Paul Atreides ist der Messias der nicht stirbt Solang Jesus in Person Gegenwärtigt ist auf dieser Welt bleibt Macht gesammelt zentralisiert in Person, an einem Ort, in Raum und Zeit.
Erst wenn er geht kommt der Geist und teilt die Macht, verteilt sie auf alle von uns 19 Ihr sollt erfahren, mit welcher unermesslich großen Kraft Gott in uns, den Glaubenden, wirkt. Ist es doch dieselbe gewaltige Kraft, 20 mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte und ihm in der himmlischen Welt den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab! (Epheser 2, 19 & 20) Seine Abwesenheit macht Gegenwart möglich Die grösste Macht liegt im Verzicht Im leeren Thron Der so zur Quelle wird Aus welcher Wasser des Lebens fliesst sich ergiesst in uns Schau herum in dir und mir in allen von uns lebt der Geist wirkt und handelt durch uns Darum ist angebrochen die Zeit des neuen Bundes 33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt! (Jeremia 31, 33ff)
Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.
Meine Glaubensbiografie kennt die unterschiedlichsten Stationen. Aufgewachsen bin ich in einem reformierten Elternhaus. Von dort führten mich meine weiteren Wege zur Gründung von ICF Schaffhausen und ICF Singen sowie in die Leitung der FEG Winterthur. Weitere prägende Stationen waren die Grossen Exerzitien sowie mein Theologiestudium in Fribourg und Bern. Heute arbeite ich als Pfarrer der reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis Drei.
Der christliche Glaube war dabei meine Konstante. Wie dieser Glaube gelebt wird – insbesondere die Frage, wie viel persönliche Erfahrung, Betroffenheit und Engagement er benötigt –, wurde von jeder Institution und Gemeinschaft, der ich angehörte oder angehöre, unterschiedlich beantwortet.
Grund genug, dieser Frage nachzugehen: Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube eigentlich?
1. Kulturelles Christentum – was ist das eigentlich?
Beginnen wir auf jener Seite des Spektrums, die diese Frage eher verneint. Unter dem Begriff des kulturellen Christentums erfährt diese Position immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Ein neueres Beispiel dafür ist die Sendung Sternstunde Philosophie mit Detlef Pollack.[1] Das Interview ist faszinierend und kann – je nach Frömmigkeitsstil – durchaus irritieren. Hier begegnet uns ein Mann, der Christentum und Kirche zutiefst wertschätzt. Gleichzeitig verneint er, einen persönlichen Glauben zu haben oder tiefgreifende spirituelle Erlebnisse erfahren zu haben. Obwohl ihn die Kirche, insbesondere die Musik und gelegentlich auch die Predigten, berühren, und obwohl er deshalb regelmässig Gottesdienste besucht, spricht er nicht von Glauben, sondern von Wertschätzung.
Das Christentum ist hier keine gelebte Überzeugung, sondern ein tragender kultureller Hintergrund. Für manche überraschend ist, dass sich auch der wohl bekannteste Atheist, Richard Dawkins, mit einer solchen Form des Christentums identifiziert. In einem Interview mit LBC (London Broadcasting Company) sagte er:
„I call myself a cultural Christian.“ Und weiter: „I love hymns and Christmas carols, and I sort of feel at home in the Christian ethos.“
Dawkins glaubt nicht an Gott – aber er fühlt sich in der christlichen Kultur zuhause.
Kulturelles Christentum könnte man so verstehen: Zugehörigkeit ohne Bekenntnis, Wertschätzung ohne Vertrauen, Teilnahme ohne persönliche Bindung an Gott beziehungsweise ohne persönliche Erfahrung mit Gott. Es ist ein Christentum, das die Form bewahrt, den Kern aber offenlässt.
Dabei fallen mir einige Dinge auf. Meist sind es ältere weisse Männer, die sich für diese Position interessieren. Neben Pollack und Dawkins wären etwa Jordan Peterson und Alain de Botton weitere Beispiele.
Zudem deckt sich dieses Phänomen mit Beobachtungen der aktuellen Religionswissenschaft. Diese stellt fest, dass Menschen heute oft nach einem Baukastenprinzip mit Religion umgehen: Man nimmt sich heraus, was passt, und lässt den Rest beiseite. Im kulturellen Christentum bedient man sich der religiösen Tradition und lässt die persönliche Frömmigkeit weitgehend links liegen.
Gleichzeitig steht dies in einem gewissen Spannungsverhältnis zu anderen Beobachtungen unserer Zeit. Häufig wird davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne vor allem Erfahrungsreligion ist. Menschen suchen gerade im Spirituellen nach Erlebnissen, Emotionen und Berührung. Darauf verzichtet das kulturelle Christentum weitgehend. Emotionen werden hier eher als hinderlich betrachtet, und entsprechend wird gefühlsbetonte Spiritualität kritisch beäugt. Diese kritische Haltung findet sich beispielsweise auch im erwähnten Interview mit Pollack.
Über diese Beobachtungen hinaus stellt sich die Frage: Geht das überhaupt? Darf man das? Oder braucht Christentum nicht doch persönliche Erfahrung und einen persönlichen Bezug?
Hierzu findet sich in Johannes 20 eine spannende Geschichte.
2. Thomas will mehr! Der Stellenwert von Glaubenserfahrungen
Die anderen Jünger berichteten Thomas:
„Wir haben den Herrn gesehen!“
Er entgegnete ihnen:
„Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!“(Johannes 20,25)
Im Jünger Thomas begegnet uns jemand, der die persönliche Erfahrung zur Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft macht. Er kann und will nicht allein aufgrund von Hörensagen, Überlieferung oder Ritualen dazugehören. In diesem Anliegen wird er ernst genommen. Die persönliche Erfahrung wird ihm gewährt. Christus begegnet ihm selbst.
Dann wandte sich Jesus an Thomas:„Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,27–28)
Jemand, der die Wirkung und den Stellenwert solcher Glaubenserfahrungen erforscht, ist die Theologieprofessorin Sabrina Müller. Sie definiert religiöse Erfahrung wie folgt:
„Religiöse Erfahrung ist ein Widerfahrnis mit einem als relational erfahrenen Gott (Beziehungsgeschehen), welches den persönlichen Referenzraum im Horizont einer christlichen Hoffnungsperspektive zu transformieren vermag. Dabei ist der deutende Umgang mit dieser Erfahrung integraler Bestandteil der Erfahrung.“[2]
Folgende Punkte erscheinen mir dabei zentral.
Erstens sind solche Erlebnisse Beziehungsgeschehen. Wie Freundschaft oder Liebe lassen sie sich nicht erzwingen. Sie bleiben unverfügbar. Ich kann mir solche Erfahrungen wünschen und mich dafür öffnen, doch letztlich lassen sie sich nicht herstellen. Sie bleiben Geschenk.
Zweitens zeigt die Forschung von Sabrina Müller, welche Kraft zur Veränderung in solchen Erfahrungen liegt. Sie spricht von einer Transformation im Horizont christlicher Hoffnung. Menschen erleben einen Perspektivenwechsel, eine Neuinterpretation ihrer Identität und ihrer Lebenssituation sowie ein verändertes Selbst-, Fremd- und Weltverständnis im Licht christlicher Hoffnung.
Drittens führen solche Erfahrungen zu Glaubensgewissheit und Selbstvergewisserung. Dies zeigt sich exemplarisch bei Thomas, der antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Durch die Erfahrung gelangt er zu dem Bekenntnis, im Auferstandenen seinen Gott und Herrn zu erkennen.
Für mich besonders wichtig ist dabei, dass eine solche Deutung subjektiv bleibt. Sie ist nicht übertragbar. Was für mich eine religiöse Erfahrung ist, muss für andere keine sein. Auch dies zeigt die Geschichte von Thomas sehr deutlich. Die Erfahrung der anderen Jünger genügt ihm nicht. Ihre Erfahrung lässt sich nicht auf ihn übertragen.
Müller sagt hierzu: „Religiöse Erfahrung ist immer individuell und kann nicht normiert werden.“
3. Selig, wer glaubt, ohne zu sehen
Gerade vor dem Hintergrund, dass persönliche Erfahrungen nicht übertragbar sind, erhalten die Worte Jesu an Thomas besondere Bedeutung:
Da sagte Jesus zu ihm:
„Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“ (Johannes 20,29)
Was könnten diese Worte bedeuten?
Sicherlich sagen sie nicht, dass Christsein ohne Glauben möglich wäre. Christinnen und Christen definieren sich durch ihr gelebtes Vertrauen in Jesus Christus. Pollack und andere gehen diesen Schritt bewusst nicht mit und bezeichnen sich deshalb ausdrücklich als Nicht-Christen. Es wäre übergriffig, ihnen ein anonymes oder unbewusstes Christsein zu unterstellen.
Was ich jedoch aus den Worten Jesu mitnehme, ist, dass ein Glaube ohne persönliche Erfahrung etwas Seliges in sich tragen kann.
Wie eingangs erwähnt, kenne ich aus meiner Glaubensbiografie unterschiedliche Milieus. An den Stationen meines Lebens, an denen die Zentralität von Glaubenserfahrungen besonders betont wurde, hatte dies oft auch etwas Ausschliessendes und Anstrengendes. Wer keine persönlichen Erfahrungen mit Gott vorweisen konnte, lief Gefahr, dass ihm der Glaube abgesprochen wurde.
Besonders anstrengend empfand ich diese Betonung der Erfahrung im Zusammenhang mit dem Gottesdienst. Immer wieder stellte sich die Frage: Wo wurde Gott heute erfahrbar? War die Predigt tief genug? Hat mich das Singen berührt?
Hier liegt auch meine Wertschätzung für die katholische Messe und das liturgische Gebet begründet. Ich kann dazugehören – ganz unabhängig von meinem Erleben. Egal, wie ich mich fühle oder wie präsent ich gerade bin: Christus ist in der Eucharistie gegenwärtig, und ich darf Anteil an ihm haben. Ebenso tragen mich die liturgischen Gebete. Sie tragen seit Jahrhunderten, und ich darf mitbeten, unabhängig davon, wie ich mich gerade fühle.
4. Fazit: Ein Miteinander von Menschen mit und ohne Erfahrung
Und doch wäre es zu einfach, sich nun für eine Seite zu entscheiden. Ich möchte hier keineswegs in ein evangelikales Bashing einstimmen und einen grossen Teil der weltweiten Christenheit als gefühlsfokussierte Dramaqueens bezeichnen. Denn gerade die Forschung von Sabrina Müller zeigt, wie zentral Erfahrungen für den christlichen Glauben sind.
So bleibt für mich beides wahr:
Der christliche Glaube beginnt mit Erfahrung.
Weil Menschen Christus immer wieder persönlich erleben, bleibt diese Religion über Generationen hinweg lebendig.
Und doch wünsche ich mir, dass daraus nicht automatisch die Forderung entsteht, jede und jeder müsse dieselben Erfahrungen machen.
Wie wäre es, wenn die Erfahrungen einiger einen Raum für viele eröffnen?
So verstehe ich Kirche – insbesondere die reformierte und die katholische Landeskirche. Sie eröffnen einen Raum, in dem alle teilhaben dürfen, unabhängig von ihren persönlichen Glaubenserfahrungen.
Persönliche Glaubenserfahrungen sollen dabei Wertschätzung erfahren. Sie sind wesentlich dafür, dass dieser Raum lebendig bleibt. Zugleich werden sie nicht eingefordert und nicht zu Eintrittsbedingungen oder Qualitätsmerkmalen des Glaubens erhoben.
Jeder Mensch ist willkommen – auch kulturelle Christen.
Wie viel persönliche Erfahrung braucht der Glaube also?
Genug, damit Glaube überhaupt entstehen kann und immer wieder neue Glaubensräume geschaffen werden.
Aber nicht so viel, dass jeder Mensch dieselben Erfahrungen selbst machen muss.
Denn der Glaube lebt nicht nur von dem, was wir erleben –
Unser Anfang ist gegeben, nicht gemacht. Wir sind da, nicht aus eigener Macht.
Geboren von einer Frau, so sind wir da, da vor uns bereits jemand war. So sind wir getragen, eingebettet, vorgespurt.
Geschichte, Sprache, Eltern – unser Sein gründet nie in uns selbst.
Gegeben ist uns auch das Ende: Wir werden sterben.
Dazwischen Als Elend haben wir besungen das Leben, geboren, befristet, verwelkend.
Doch so statisch sind wir nicht. Nur schlecht ist es nicht.
Es gibt Sonne zwischen dem Regen, Lachen, das sich einmischt, in das Weinen.
So verbringen wir unsere Tage im Wechsel der Emotionen: 70, wenn es gut kommt, 80, bei manchen mehr oder tragisch weniger.
An ein Leben, das weniger Tage zählte, denken wir heute. «Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» So schreit er, hängend am Kreuz: Christus, der Messias, der Mensch, in dem manche Gott erblicken.
Der Gott, von einer Frau geboren, hat nur eine kurze Zeit zu leben und ist voller Elend. Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten; er flieht gleichsam wie ein Schatten und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.
So über Gott zu denken, ist der Skandal des Christentums: die Unendliche, Unveränderbare, beheimatet im Beginnenden, Leidenden, Endenden.
Undenkbar – und doch verkündet bis heute, auch hier und jetzt, auf dass gerade die Mächtigen gewahr werden:
Durch Ego und Macht, mit Krieg und Krach wird euer Name nicht bestehen, Kriege nicht gewonnen, Friede nicht gestiftet, Reiche nicht errichtet
Trotz Baalsäälen, Annexionen von Inseln und Staaten, und auch wenn ihr euch mit Raketen über die Erde erhebt ihr alle werdet zu Grabe getragen.
Ewig, Gott gleich, wurde nur der dort am Kreuz, dem Mensche gleich sterbend im Leid. erinnert bis heute gefeirt als Gott für alle Zeit.
So mögen wir nicht vergessen Die Macht, Gott selbst, liegt dort, wo wir Mensch werden – mit Anfang, Ende und Ambivalentem dazwischen.
So beten wir: Gott, Unendlicher, du bist so weit, wir können nicht um dich gehen, so hoch, wir können nicht über dir stehen, und doch so nah, dass du selbst begreifst, was es heißt, Mensch zu sein. Ergriffen von unserer Endlichkeit, fühlst und leidest du mit.
So bitten wir dich auch in unserer Zeit: Hilf uns, wahre Größe, Leitung und Macht nicht in der Überwindung des Menschen zu sehen, sondern schenke auch uns Menschen, Mitmensch zu werden, um unseren Nächsten im Anfang, im Ende, im Elend beizustehen. Amen.
Gedanken zu «Thou knowest Lord»
Wie ist es zu ertragen, dieses Leben mit seinen vergänglichen Tagen?
Wenn wir sterben, beten wir.
Ist das angebracht oder feige und flach?
Der Mensch fürchtet den Tod, weiß um die Vergänglichkeit, das Absurde seines Lebens.
Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen.
Ist es im Angesicht dessen der Sprung, der Schrei, das Gebet zur Ewigkeit ein Verrat, ein Verlust der menschlichen Hellsichtigkeit?
Ist Beten ein Ausweichen? Ein Sprungbrett in die Ewigkeit? Eine Flucht, sich selbst dem Leid, dem Absurden, dem Elend dem sinnlosen Leben, dem Tod zu stellen? Ist im Gebet dieser Kampf vermieden?
Ein Ja auf diese Fragen mag die Vernunft zelebrieren, Die eigene Essenz zu kreieren trotz sinnloser Existenz das forderten die Denker unserer Eltern.
Doch meine Kritik an der reinen Vernunft Ist ihre Isolation, die Trennung, die Weigerung sich beschenken zu lassen, sich auf vorgegebenes und andere, ja Gott selbst zu verlassen.
Dieser Bruch führt in tiefe Einsamkeit: Isoliert der heroische Vernünftige, der sein Leben erträgt. Seht, Dort am Berg, allein, Sisyphus schiebt seinen Stein. Würde er schreien, betend zu seinem Schöpfer, würden ihm, wenn auch nicht Engel, wohl bald Mitmenschen zur Seite stehen.
Geschrien hat auch der Herr: Jesus Christus betet im Sterben. «Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Dies zeigt: Wäre Gott Mensch, er würde beten.
Und so bitten auch wir: Gott, ewige Gemeinschaft, dreieine Zuwendung, lass uns nicht allein. Lass nicht zu, dass wir uns heroisch abkapseln und unsere Last bis zum Tode vernünftig selber tragen.
Wir beten zu dir, nicht als Flucht, sondern als Akt des Vertrauens und des Bekennens: Wir schaffen es nicht allein. Wir brauchen Hilfe von höchster Stelle.
Steh uns bei, schaffe Frieden, beende Kriege, tröste die Trauernden, begleite die Kranken und gib uns in allem Mut und Kraft, Teil der Antwort auf unsere Gebete zu sein.
Amen.
Die Grundlage für diese Texte waren die erste und dritte Strophe von „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell.
Strophe Man that is born of a woman Der Mensch, von einer Frau geboren hath but a short time to live, hat nur eine kurze Zeit zu leben, and is full of misery. und ist voller Elend. He cometh up, and is cut down like a flower; Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten; he fleeth as it were a shadow, er flieht gleichsam wie ein Schatten, and ne’er continueth in one stay. und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.
Strophe Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts; Du kennst, Herr, die Geheimnisse unserer Herzen; shut not thy merciful ears unto our pray’rs; verschließe deine barmherzigen Ohren nicht vor unseren Gebeten; but spare us, Lord most holy, O God most mighty. sondern verschone uns, o hochheiliger Herr, allmächtiger Gott. O holy and most merciful Saviour, O heiliger und barmherzigster Erlöser, thou most worthy Judge eternal, du würdigster ewiger Richter, suffer us not, at our last hour, lass uns in unserer letzten Stunde for any pains of death, to fall from thee. Amen. durch keine Todesqual von dir abfallen. Amen.
Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.
Es begann unscheinbar. Wir sassen im Auto, wie immer bestimmten die Kinder den Soundtrack unserer Fahrt. Es liefen Kinderlieder – vertraute Themen, eingängige Melodien. Und doch stellte sich nach und nach eine leise Skepsis ein. Die Stimmen waren zu makellos, die Übergänge zu glatt und die Texte irgendwie schief und flach.
Da dämmerte es uns: Diese Lieder waren nicht einfach produziert. Sie waren KI-generiert.
Meine erste Reaktion war klar: So etwas will ich nicht hören. Und fast gleichzeitig regte sich ein zweiter Gedanke: Aber selbst zu versuchen, ein Kinderalbum zu produzieren – das fände ich spannend.
Die Idee setzte sich in mir fest, und mit ihr die beiden Regungen von Ablehnung und Neugier.
Wichtige und richtige Einwände
So eine Idee nicht umzusetzen – dafür gibt es berechtigte Gründe.
Da ist zum einen der ökologische Preis: Hinter jeder scheinbar mühelosen Generierung stehen energieintensive Prozesse, deren Auswirkungen real sind, auch wenn sie im Moment des Hörens unsichtbar bleiben. Schon längst haben Grossfirmen wie Google, Microsoft und Co. ihre Nachhaltigkeitsziele relativiert, weil sie mit der Weiterentwicklung von KI kaum vereinbar scheinen.
Und auch die Frage nach dem Urheberrecht ist brisant: KI-Systeme wurden mit Inhalten und Werken trainiert, deren ursprüngliche Schöpferinnen und Schöpfer oft weder gefragt noch beteiligt wurden. Hinzu kommt eine zweite Ebene: Plattformen wie Suno sichern sich weitreichende Rechte. In den Nutzungsbedingungen wird festgehalten, dass Prompts, Songtexte und generierte Audiodateien weiterverwendet werden dürfen – nicht nur für das Training der Modelle, sondern potenziell auch zur Weitergabe an Dritte.
Diese Einwände lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie gehören zu dieser Technologie dazu.
Vom Verlust zur Einübung: Eine andere Sicht auf „Deskilling“
Ein weiteres Problem von KI ist das sogenannte Deskilling, also der Verlust eigener Fähigkeiten. Dies geschieht dort, wo wir Aufgaben an die KI delegieren. Maschinen übernehmen, was Menschen einmal gelernt haben. Kreativität wird ausgelagert, eigenes Können verkümmert.
Doch in Bezug auf Musik stellt sich die Situation – zumindest für mich – anders dar.
Ich kann nicht besonders gut singen. Ich komponiere keine Musik im klassischen Sinne. Die Schwelle, überhaupt ein Lied zu schreiben und zu veröffentlichen, wäre für mich ohne technische Hilfe hoch.
Gerade hier eröffnet KI einen anderen Zugang: nicht als Ersatz vorhandener Fähigkeiten, sondern als Eröffnung neuer Möglichkeiten – und als Einübung in neue Prozesse.
Ich müsste lernen:
wie man musikalische Stimmungen beschreibt und anleitet, um gute Prompts zu schreiben
wie ein Lied aufgebaut ist
wie die rechtliche Lage für Musik im Allgemeinen und KI im Besonderen aussieht
wie die Veröffentlichung von Musik auf Plattformen wie Spotify oder Apple Music funktioniert
Das klassische Songwriting würde ich teilweise umgehen – dafür aber Fähigkeiten im Bereich der Musikproduktion entwickeln: kuratieren, arrangieren, gestalten.
Die leise Faszination
Und vor allem könnte ich eine Fähigkeit ausbauen, die mir liegt und mir Freude macht: das Schreiben von Texten.
Ich wollte schon lange einmal Musik machen. Nicht unbedingt im Sinne vollständig ausgearbeiteter Kompositionen – aber gute Liedtexte schreiben oder eigene Gedichte vertonen, das hat mich schon länger gereizt.
Beginnen würde ich wohl mit Kinderliedern. Nicht zuletzt, weil ich diesen Prozess mit meinen eigenen Kindern teilen könnte:
gemeinsam Worte finden
Themen entdecken
Rückmeldungen einholen
erleben, wie aus Ideen Lieder werden
Ein solches Familienprojekt – ein gemeinsamer Weg – würde mir Freude machen.
Darüber hinaus reizt mich der Gedanke, bestehende geistliche Texte neu zum Klingen zu bringen:
alte Kirchenlieder behutsam umzuschreiben
Psalmen in eine heutige Sprache zu übertragen
Texte aus dem Neuen Testament neu zu vertonen
Hier würde ich meine eigentliche Aufgabe sehen: im sorgfältigen Umgang mit Sprache, im Ringen um Worte, die tragen.
Wäre das meine Musik?
Über KI und Authentizität habe ich an anderer Stelle bereits nachgedacht. Die Frage stellt sich auch hier: Wären das meine Lieder?
Unser Verständnis von Authentizität ist oft eng gefasst. Authentisch erscheint nur, was unmittelbar aus einer einzelnen Person hervorgeht – möglichst unbeeinflusst, möglichst „rein“.
Doch ein Blick in die Tradition zeigt ein anderes Bild.
Auch die Texte, die unseren Glauben prägen, sind nicht das Werk isolierter Einzelner. Sie sind gewachsen, überarbeitet, weitergegeben worden. Verschiedene Stimmen haben sich in ihnen eingeschrieben. Autorschaft war immer schon ein vielschichtiger Prozess.
Vielleicht müsste man daher vorsichtiger formulieren: Nicht alles, was mit Hilfe entsteht, ist weniger wahr oder gar weniger wert.
Produzieren und Hören – eine Unterscheidung
Nach all diesen Überlegungen bleibt meine ursprüngliche Irritation im Auto bestehen. Denn das Problem liegt für mich weniger im Herstellen als im Hören.
Beim Produzieren kann ich mich verorten:
Ich weiss, was ich tue
Ich trage Verantwortung für den Prozess
Ich bin aktiv und kreativ am gestallten
Durch das Hören von KI generierter Musik fördere und unterstütze ich mit meinen Klicks die bereits genannten Probleme. Dabei bin ich selbst nur Passiv. Beim Produzieren nehme ich die Probleme zu Gunsten des Mehrwertes des eigenen Lernprozesses in kauf.
Deshalb würde ich – bei aller eigenen Neugier – vermutlich sagen: Den Prozess des Musikmachens mit KI würde ich vielen empfehlen. Das unreflektierte Hören eher nicht.
Ist es sinnvoll, etwas zu tun und gleichzeitig davon abzuraten, das Ergebnis zu hören? Wahrscheinlich nicht.
Wenn ich es dennoch nicht lassen könnte, würde ich mein Endresultat wohl unter einem Pseudonym veröffentlichen – um einen Raum zu schaffen, in dem experimentiert werden kann, ohne sofort bewertet zu werden.
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.
Wir alle werden sterben. Wir alle haben und werden geliebte Menschen beerdigen. Wie gehen wir mit dem Tod um? Wie reagieren wir auf unsere Sterblichkeit?
Wie gehen wir mit dem Sterben um? Oft verdrängen wir den Tod. Unsere eigene Endlichkeit ist kein Smalltalk-Thema, das bei Apéro- und Cafégesprächen zum Standardrepertoire gehört. Sterben ist Privatsache. Vielleicht hat sich das in den letzten Jahren noch verstärkt. Durch die Zeit von Covid, in der Abschiede oft im engsten Familienkreis stattfinden mussten, ist der Tod noch mehr aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Mit oder ohne Pandemieeinschränkungen – in der Schweiz trauern wir grundsätzlich eher privat. Die Grabliturgie hierzulande beginnt im engeren Kreis am Grab. Der emotionale Abschied wird weg von der Öffentlichkeit begangen. In anderen Kulturen ist das anders – ich habe das etwa im russlanddeutschen Kontext meiner Schwiegerfamilie erlebt: Dort ist der Abschied viel öffentlicher, direkter, unmittelbarer. Nach dem Gottesdienst geht die ganze Trauergemeinde zum Grab, wo mit allen von der Verstorbenen Abschied genommen wird.
Egal, wie wir Beerdigungen gestalten – wenn wir uns von einer geliebten Person verabschieden müssen, macht dies etwas in uns. Es ist, als würde eine Waschmaschine laufen. Vieles dreht sich durcheinander. Erinnerungen und Trauer. Dankbarkeit, dass das ungewisse Warten vorbei ist, vermischt sich mit dem Frust, nicht mehr Zeit gehabt zu haben. „Es ist gut, dass sie gehen konnte“ – und gleichzeitig: „Ich vermisse sie so sehr.“
Dabei sind Beerdigungen fast immer emotional. Tränen fliessen. Auch dann, wenn jemand ein langes Leben hatte. Auch bei Verstorbenen im hohen Alter höre ich Aussagen wie: „Es kam plötzlich.“ „Er hatte noch so viel vor.“
Hier zeigt sich etwas grundsätzlich Menschliches: Wir tragen einen besonderen Widerspruch in uns. Wir haben einen Geist, der keine Grenzen kennt. Wir können denken ohne Ende. Uns alles vorstellen. In unserer Vorstellung können wir durch die Zeit reisen: der Vergangenheit nachhangen und uns die Zukunft ausmalen. In unserem Denken sind wir nicht an Orte gebunden – wie oft schweifen wir in Sitzungen oder im Gottesdienst ab und reisen gedanklich an andere Orte? Selbst andere Dimensionen stehen uns offen – wir können uns unser Leben in einem anderen Beruf vorstellen oder gar neue Welten mit Superkräften und anderen Kreaturen erschaffen.
Diese unendliche Welt der Gedanken wird jedoch durch unseren Körper an das Hier und Jetzt gebunden. Durch unseren Leib sind wir im Hier und Jetzt. Hier sind wir mitten in der einen Wirklichkeit, die keine weiteren Optionen kennt als unser effektives Dasein. Besonders im Sterben sind wir mit dieser Spannung zwischen unendlichem Geist und beschränktem Körper konfrontiert und müssen erfahren, dass jeder von uns ein Ende hat. Diese Spannung wird im Sterben sichtbar. Einer der berühmtesten Philosophen ist auf seine ganz eigene Art und Weise mit ihr umgegangen.
Wie ging Sokrates mit dem Sterben um? Das berühmte Werk Phaidon zeigt, wie die griechische Philosophie dem beschriebenen Widerspruch begegnete. Phaidonerzählt von den letzten Stunden des zum Tode verurteilten Sokrates. Dieser verdrängt den Tod nicht. Im Gegenteil: Heroisch stellt er sich ihm. Er hätte die Möglichkeit zu fliehen – seine Freunde hätten ihm das organisiert. Doch er weigert sich (vgl. Platon, Phaidon 99a–b). Er geht den Weg in den Tod ganz bewusst.
Und dabei ist er erstaunlich geradlinig. Keine Waschmaschine. Kein Durcheinander. Für ihn ist klar: Sterben gehört zur Philosophie. Mehr noch: Es ist ihr Ziel. Er sagt: „Die wahrhaft Philosophierenden üben sich im Sterben“ (Phaidon 67e). Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern die Vollendung eines Lebens, das sich ganz der Weisheit widmet.
Darum ist er auch nicht traurig. Im Gegenteil: Er ermahnt seine Freunde, nicht zu klagen. Als sie anfangen zu weinen, weist er sie zurecht und sagt, sie sollen sich ruhig verhalten (vgl. Phaidon 117d). Für ihn passt Trauer nicht zu dem, was jetzt in seinem Sterben geschieht.
Denn Sokrates sieht im Tod die Auflösung der Spannung zwischen Geist und Körper. Er sagt: „Der Tod ist nichts anderes als die Trennung der Seele vom Leib“ (Phaidon 64c). Und weiter: „Solange wir den Leib haben … werden wir niemals hinreichend die Wahrheit erkennen“ (Phaidon 66b). Der Körper ist für ihn ein Hindernis, ein Gefängnis und eine Beschränkung des ewigen Geistes. Es ist der Körper, der uns an diese Welt bindet. Und im Sterben wird die Seele endlich davon befreit. Sterben ist für Sokrates die Erlösung vom Körper.
Wie geht Jesus mit dem Sterben um? Nochmals anders ist der jüdisch-christliche Umgang mit dem Tod. Ein spannendes Beispiel ist dazu die Geschichte der Auferweckung von Lazarus, wie sie in Johannes 11 berichtet wird. In dieser Geschichte sind wir plötzlich wieder mitten in der menschlichen Waschmaschine. Jesus handelt zuerst erstaunlich abgeklärt. Er hört, dass Lazarus krank ist – und bleibt noch zwei Tage, wo er ist. Und dann, als er zur Beerdigung kommt, entstehen Missverständnisse. Thomas denkt, sie gehen jetzt gemeinsam in den Tod: „Lasst uns mit ihm gehen, damit wir mit ihm sterben.“ Marta hört Jesu Worte von der Auferstehung – und versteht sie als etwas Zukünftiges, Theoretisches, während Jesus seine Ansage sehr konkret und praktisch meint.
Und dann kippt etwas in Jesus selbst. Vorbei ist es mit dem abgeklärten Kalkül. Jesus wird emotional. Tief bewegt: „Jesus weinte“ (Johannes 11,35). Der kürzeste Vers im Neuen Testament. Und einer der bewegendsten. Hier ist keine Distanz. Hier ist kein reines Durchdenken des Todes. Hier ist tiefe, menschliche Betroffenheit.
Und dann geschieht das Entscheidende: Dem Widerspruch des Todes begegnet Jesus nicht wie Sokrates, indem er sich ihm ergibt. Im Gegenteil: Er widerspricht, ja widersetzt sich ihm: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote kommt. Zurück ins Leben. Zurück in seinen Körper.
Die Geschichte von Lazarus ist ein Vorgeschmack. Ein Vorbote auf das, was Jesus selbst erleben wird. Auch im Sterben Jesu findet sich dieser in der menschlichen Waschmaschine wieder. Im Garten Gethsemane, hin- und hergeworfen zwischen Angst und Vertrauen in Gottes Plan, ringt er mit seinem Sterben und bittet: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Auch er fürchtet sich vor dem Sterben. Doch auch er geht, wie Sokrates, den Weg in den Tod. Doch der Tod ist nicht seine Befreiung – er befreit das Leben vom Tod. Er flieht nicht aus dem Leib, sondern – nochmals in einer ganz anderen Qualität als bei Lazarus – kehrt er als Auferstandener leiblich und wahrhaftig zurück ins Leben.
Ein Skandal für das damalige Denken Die christliche Verkündigung der Auferstehung der Toten war ein Skandal in der damaligen Zeit und Kultur. Ähnlich wie heute vieles vom Englischen, vom amerikanischen, vom westlichen Denken geprägt ist, war damals das griechische Denken vorherrschend. Wie kontrovers die Erzählung der Auferstehung von den Toten für die griechische Philosophie gewesen sein muss, zeigt sich daran, wenn wir uns vorstellen, Jesus hätte Sokrates und nicht Lazarus vom Tode auferweckt. Wie hätte dieser wohl reagiert? Hässig wäre er gewesen und hätte im Handeln Jesu alles andere als göttliches Wirken gesehen.
Dieses Unverständnis für die Auferstehung erlebte auch Paulus. Er schreibt: „Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ (1. Korinther 1,22–23). Und als er im Zentrum des griechischen Denkens, in Athen, das Evangelium verkündete, hiess es: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie“ (Apostelgeschichte 17,32a). Die Vorstellung, dass ein Mensch leiblich aufersteht, war in der damaligen Zeit absurd.
Eine Kritik an heutigen Trends wie etwa dem Transhumanismus Und diese Kontroverse ist nicht vorbei. Sie ist auch heute topaktuell. Beispielsweise in der Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus. Seine Idee: Der Mensch verbindet sich mit der Maschine, überwindet seine biologischen Grenzen und befreit sich von seinen körperlichen Schwächen. In der radikalsten Form träumen Transhumanisten davon, dass das menschliche Bewusstsein eines Tages „hochgeladen“ wird – in eine digitale Existenz. Das Ziel ist es, dass der Mensch seine biologische Natur überwindet, indem der eigene Körper durch Maschinen ersetzt wird und das Bewusstsein in diese übertragen wird.
Damit begegnet uns hier wieder dieselbe Überzeugung wie bei Sokrates: Der Körper ist ein Gefängnis für den menschlichen Geist. Er ist etwas, das man hinter sich lassen muss.
Was bedeutet das für uns? In den verschiedenen Perspektiven im Umgang mit dem Sterben begegnen uns zwei grundlegende Richtungen: Das menschlich-philosophische Denken strebt aus dem Körper heraus, während die biblische Geschichte von einem Gott erzählt, der in den Leib hineinwill. Das fasziniert mich sehr.
Wir Menschen scheuen oft die Schwächen, Emotionen und die Begrenztheit, die unser Körper mit sich bringt. Entsprechend stellen wir uns Erlösung, Himmel und das Göttliche als Überwindung von Körper und Materie vor. Vom antiken Platonismus über die frühchristliche Gnosis bis hin zu manchen buddhistischen Strömungen und modernen Formen des Transhumanismus – viele dieser Denkrichtungen folgen diesem Impuls: dem Wunsch, dem Körper und seiner Verletzlichkeit zu entfliehen.
Der Gott, wie ihn die Bibel beschreibt, bewegt sich hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Es scheint fast so, als würde er mit aller Konsequenz den Weg in diese Welt suchen – und noch konkreter: in den menschlichen Körper. Vielleicht wird gerade darin deutlich, wie radikal anders die Botschaft ist, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist. Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi werden Himmel und Erde, Geist und Körper in einer neuen Schöpfung versöhnt. Und durch den Heiligen Geist findet das Göttliche selbst in unserem Körper ein Zuhause.
Es lässt sich kaum überbetonen, wie grundlegend anders diese Bewegung ist – eine echte Umkehrung unserer gewohnten Vorstellungen.
Mich fordert das heraus, Gott nicht in der heroischen Überwindung menschlicher Schwäche zu suchen. Wenn Gott gerade im emotionalen Zerbruch, in Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen auf besondere Weise gegenwärtig ist – und auch in meinem eigenen Leben dort wirkt, wo ich durch meinen Körper an Grenzen stoße –, dann verändert das meinen Blick. Es fordert mich heraus, neu hinzusehen und Gott gerade dort zu erwarten.
Zugleich ermutigen mich diese Gedanken, bewusst eine Spiritualität zu pflegen, die mir hilft, in meinem Körper anzukommen. Die Meditation, wie wir sie derzeit in unserem Gottesdienstformat von neopaleo praktizieren, unterstützt mich dabei. Auch das Abendmahl gewinnt unter dieser Perspektive für mich eine noch tiefere Bedeutung: Hier feiern wir die konkrete Verbindung mit Leib und Blut Jesu Christi – eine Verbindung, die nicht am Körper vorbeigeht, sondern ihn einschliesst.
Und vielleicht liegt genau darin bereits ein Anfang von Auferstehung: nicht erst am Ende der Zeit, sondern hier und jetzt. In diesem Körper. In diesem Moment.
So könnte Auferstehung nicht nur eine Hoffnung für später sein, sondern eine Wirklichkeit, die schon heute in uns Gestalt gewinnt – leise, verletzlich und doch voller göttlicher Gegenwart.
Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.03.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.