Still sein. Sehnsucht oder Flucht? Sicher rares Gut. Still ist es selten in unserer Welt. Laut sehr oft. Ungewohnt sind die Momente, wenn der Lärm um uns – und in uns – leiser wird. Ein neuer Raum entsteht: „Raum, in dem wir uns wieder spüren. Raum, wo Gottes Stimme hörbar wird. Raum, wo wir in Stille uns selbst sein können.“ – wie es so schön auf unserer Homepage neopaleo.ch formuliert ist. EinfachXStill ist der Jahresfokus von unserem Projekt für junge Erwachsene „NeoPaleo“.
Bis Ende Jahr betrachten wir im Rahmen von EinfachXStill Bibelverse, die sich um das Thema Stille drehen. Einer, wenn nicht der berühmteste solcher Verse, ist Psalm 46,11: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“
Zwei Geschichten, ein Zitat – die für mich wertvolle Aspekte dieser Worte entfalten.
Die erste Geschichte ist berühmt. Ein Sonntagsschul-Bestseller. Alttestamentlich. Entsprechend voller Gewalt. Hier ist nicht der Ort, das schwierige Thema der Gewalt im ersten Testament anzugehen. An anderer Stelle habe ich dies bereits getan. Lasst uns die Geschichte hier symbolisch deuten. Als Metapher für unseren Alltag, gerade für die Situationen, wo wir mit dem Rücken zur Wand stehen und nicht wissen, wie es weitergeht. Denn genau in dieser Situation befindet sich das Volk Gottes, stehend vor dem Roten Meer. Der Weg nach vorne versperrt durch die Fluten. Hinter ihnen die heranreitenden Ägypter. Voller Wut und Entschlossenheit, sie wieder zurück in ihre Gefangenschaft zu bringen. In dieser Not beginnen die Israeliten zu klagen. Mit bitteren Vorwürfen überhäufen sie Mose:
„Warum führst du uns hierher? Was hast du uns nur angetan! Warum hast du uns aus Ägypten herausgeholt? Lieber wären wir dort geblieben, als hier in der Wüste umzukommen!“ (vgl. 2. Mose 14,11-12)
Bestimmt und seelsorgerlich entgegnet Mose: „Habt keine Angst! Verliert nicht den Mut! Ihr werdet erleben, wie Gott euch heute rettet.“ (2. Mose 14,13) Und dann folgen die Worte, die praktisch eins zu eins Psalm 46,11 entsprechen: „Gott selbst wird für euch kämpfen, wartet ihr nur ruhig ab!“ Mit den Worten des Psalmisten ausgedrückt: „Seid still und erkennt Gott.“
Aus der jahrtausendealten Geschichte schallt dieser Zuspruch in unsere Lebenswelt. Auch wir dürfen wissen: Gott ist mit uns und für uns. In den Herausforderungen und Sackgassen des Lebens sind wir nicht auf uns allein gestellt. Gerade dort, wo wir nicht mehr weiterwissen, sei uns gesagt: „Gott selbst wird für uns sorgen, wir dürfen still werden und Ruhe finden.“
Und dann folgt ein herber Bruch im Text. So einschneidend, dass es schlicht humorvoll ist. Auf die tiefe, seelsorgerliche Rede von Mose antwortet Gott: „Warum schreist du zu mir um Hilfe? Sag den Israeliten lieber, dass sie aufbrechen sollen!“ (2. Mose 14,15)
Nichts von Ruhe und Abwarten, sondern los, brecht auf. Hier sind wir mitten in einer zentralen Spannung des christlichen Glaubens. Vertrauen und Handeln. Ruhe und Aufbruch. Beides ist wesentlich.
Einerseits ist da die Erfahrung, ans Ende des Machbaren zu kommen. Aufhören, selber nach Lösungen zu suchen. Still werden und wissen, ich bin nicht Gott. Hier komme ich nicht weiter. Ich höre auf zu kämpfen und vertraue darauf, dass die Kraft, die mich übersteigt, die Urkraft selbst, sich meiner annimmt und für mich sorgt.
Und dann gibt es die andere Seite, wo es angesagt ist, aufzustehen. Auch wenn ich keinen Weg sehe, mich zu erheben und weiterzugehen. Mich dem Unmöglichen zu stellen, die Aufgabe, die mir eigentlich zu gross erscheint, anzugehen.
Diese Spannung ist für mich kein Widerspruch. Wie der Schleifpunkt zwischen Gaspedal und Kupplungspedal das Auto zum Anfahren bringt, ist sie eine Schlüsselstelle für ein gelingendes Leben.
Dies zeigt sich für mich in der zweiten Geschichte, die aktuell im Kino läuft: Odyssee von Christopher Nolan. Hauptfigur ist Odysseus. Ein Urtypus eines Machers. Nach zehn Jahren erfolglosem Ansturm auf die Stadt Troja hat er die geniale und zugleich hinterlistige Idee des Trojanischen Pferdes. Sie entscheidet den Krieg. Troja fällt. Endlich können alle nach Hause. Odysseus sehnt sich nach seiner Heimat Ithaka. Doch wie sehr er sich um seine Heimkehr bemüht, sie bleibt ihm verwehrt. Er setzt alles daran, heimzufinden. Betrügt Zyklopen, bezwingt Zauberinnen, entflieht Seeungeheuern, steigt hinab ins Totenreich, und selbst Poseidon kann ihm das Leben nicht entreissen. Doch mit aller List und Kraft findet Odysseus nicht nach Hause. Im Gegenteil, immer klarer erscheint seine innere Zerrissenheit. Will er überhaupt zurückkehren? Er steht sich selbst im Weg. In den Armen von Kalypso gibt er auf. Betäubt sich, vergisst sich selbst und seine Heimat. Er flüchtet in die Stille. Eine Ruhe die kein Frieden ist, sondern Betäubung. Bis er nach Jahren wieder beginnt, sich zu erinnern. Die innere Bereitschaft zur Heimkehr erwacht, und er macht sich ein letztes Mal auf. Doch nun nicht aus eigener Kraft. Der erfahrene Seemann legt sich auf ein Floss. Ohne Steuerruder und Segel übergibt er sich ganz den Wellen. Er überlässt sich einer Stille, die seine tiefste Sehnsucht stillt. Er hört auf zu kämpfen, akzeptiert seine eigenen Grenzen und gibt sich ganz auf. EinfachXStill, ohne zu ringen, liegend in den Fluten, überlässt er sich der Urkraft des Meeres und findet so nach Hause. Aus dieser Stille heraus ergreift Odysseus die Aufgabe der Rückeroberung seines Thrones. Er ist zurück im Handeln. Doch ist dies eine andere Aktivität. Als läge der Weg längst geschrieben vor ihm – ruhend in jedem Schritt, mit tiefer Entschlossenheit holt er sich seinen Thron und so seine Heimat zurück. Es ist ein Handeln, das nicht auf sich selbst vertraut. Sich nicht beweisen muss, nicht hin und her getrieben wird von Zweifeln und Hochmut. Es erwächst aus der Kraft der vorausgegangenen Hingabe, des Vertrauens und der erfahrenen Stille.
„Seid still und wisst, ich bin Gott.“
Dies bringt uns zum abschliessenden Zitat. Es wird meist Ignatius von Loyola zugeschrieben und lautet sinngemäss: Bete, als ob alles von dir abhängt, und handle, als ob alles von Gott abhängt. Nein, das ist kein Verschreiber. Bekannt ist das Zitat in anderer Reihenfolge: Bete, als ob alles von Gott abhängt, und handle, als ob alles von dir abhängt. Wer so denkt, wird bald nicht mehr beten und sich im Machen aus eigener Kraft verlieren. Die zwei Geschichten entsprechen der ursprünglichen Reihenfolge. Sie fordern uns auf, mit all unserer Kraft Gott zu vertrauen, still zu werden und alles daran zu setzen, in diese Ruhe des Vertrauens auf Gott zu finden. Und dann, aus dieser Stille, diesem Vertrauen heraus, erneut ins Handeln zu finden. Dieses Handeln ist nicht unser eigenes. Es ist eine Zusammenarbeit. Ein Wissen, was zu tun ist, nicht aus mir selbst heraus, sondern gegründet auf die Erkenntnis Gottes.
Geschichten und Zitate beschreiben immer ein Ideal. In der Realität, im Alltag, sind wir mit unserem eigenen Scheitern konfrontiert. Entsprechend sind für mich diese Gedanken keine Garantie, dass mir dies immer gelingt. Sie sind mir Zuspruch und Anspruch, in der nächsten Woche einmal mehr aus dem Vertrauen zu Gott herauszuhandeln.
Seid still und erkennt Gott.
Amen.

