Geschichten der Bibel sind vielschichtig und mehrdeutig. Je nach Lesart betreffen sie uns viel direkter, als dies zunächst den Anschein hat. So etwa die Geschichte, in der Jesus den Sturm stillt. Auf eine Art erleben wir diese Geschichte tagtäglich – besser gesagt nachtnächtlich – immer wieder selbst. Wenn wir das Boot in der Geschichte als unser Bett verstehen, erleben wir diese Abend für Abend selbst. Auch wir verlassen jeden Tag unsere Menschenmenge des Alltags. Wir steigen aus dem Tumult der Arbeit, Familie und Freizeit in unser Bett und wollen hinübersetzen ans andere Ufer, ins Land der Träume. Und genau hier, in der Einsamkeit des Einschlafens, ziehen oft Stürme auf. Gedankenstrudel ziehen uns hinein, Ängste wühlen uns auf, Sorgen können wie Wellen in unser Bett hineinbrechen. Und spätestens dann war es das mit dem Einschlafen. Wie die Jünger im Boot stehen wir dann im Bett.
So gelesen finden wir in dieser Geschichte Hinweise zum Umgang mit Schlafproblemen. Daran leiden heute viele Menschen. Statistiken besagen, dass in der Schweiz zwanzig bis dreissig Prozent an Schlafstörungen leiden. Zehn Prozent haben sogar eine diagnostizierte Insomnie.[1]
Wie geht es dir persönlich mit deinem Schlaf? Wie fährst du runter? Wie kommst du zur Ruh? In dem Moment, wo ich mich aus der Menge in meinen Feierabend verabschiede, tendiere ich dazu, hochzufahren, anstatt runterzufahren. Die Einsamkeit weckt in mir einen Hunger nach Konsum. Endlich Zeit für mich. Nun kann ich mir was gönnen, ziellos was schauen. Mir die nächste Serie reinziehen, gemütlich ein Bier trinken, was Leckeres – egal wie gesund – snacken. Spannend: Genau dieser Konsum schadet dem Schlaf. Alkohol, Nikotin, ungesundes Essen und gerade Bildschirmzeit am Handy sind bekannte Gründe für Schwierigkeiten beim Einschlafen.
Jesus verbrachte seinen Feierabend anders. Er stieg ins Boot und schlief auf dem Kissen ein. Hatte er denn keinen Sturm? Verantwortungen und Sorgen, die ihn plagten? Doch, hatte er. Er schlief trotz des Sturms. Das ist für mich das eigentliche Wunder der Geschichte. Jesus sprach: „Werde ruhig! Sei still!“ Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. Als Jesus den Sturm stillt, wird draussen still, was in ihm längst still war. Dies wünsche ich mir für meinen nächsten Gedankensturm in der Nacht. Sicher, die Veränderung der äusseren Umstände kann beim Schlafen helfen. Verdunkeln, die Temperatur kühlen, im Bett nur schlafen und mich nicht mit anderem beschäftigen – all dies sind praktische Tipps, die meinen Schlaf verbessern. Und doch schrauben sie nur an den äusseren Umständen. Sie machen das Boot bequemer. Die Ruhe, mit der Jesus im Sturm einschläft, schenken sie mir nicht.
Wenn ich in der Nacht plötzlich an ungelöste Umstände denke, lässt dies den Gedankensturm aufziehen, der mir den Schlaf raubt. Auch wenn ich Gott selbst die wundersame Verbesserung dieser Umstände zutraue, würde ich diese Veränderung meist wohl erst am nächsten Morgen erfahren. Der plötzlich frei gewordene Termin, der Sinneswandel eines Mitarbeiters, der nicht geklärte Konflikt – was auch immer uns den Schlaf raubt, lösen lässt es sich in der Nacht selbst meist nicht. Hier gilt es, Ruhe im Gedankensturm zu finden, trotz der misslichen Umstände.
Jesus selbst wünscht sich nichts anderes für seine Jünger. Jesus fragte die Jünger: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?“ Mit anderen Worten erwartet Jesus, dass das Vertrauen in ihn dazu führt, ohne Angst ruhig bleiben zu können. So ruhig, dass es sich sogar im grössten Wellengang schlafen lässt. Im Umkehrschluss frage ich mich, ob fehlender Glaube zu mehr Schlafproblemen führt. Während die Kirchenaustritte steigen und der christliche Glaube in der Gesellschaft an Einfluss verliert, steigt die Schlaflosigkeit in der Bevölkerung. Die Zahlen haben wir bereits erwähnt. Hängt das zusammen? Beweisen lässt es sich nicht, und ich will es auch nicht behaupten. Aber ich stelle die Frage trotzdem – als Frage, nicht als These: Fehlt uns mit dem Glauben vielleicht auch ein Stück Schlaf?
Statistisch belegen will und kann ich nichts. Theologisch aber glaube ich, dass der christlichen Botschaft grundsätzlich das Potenzial für besseren Schlaf innewohnt. Auf innere Schlaf-Verhinderer wie Sorgen, Ängste und Gedankenstürme kann und darf durch die Zusagen Gottes durchaus ein positiver Effekt erhofft werden. Eine Liebeszusage unabhängig von jeglicher Leistung, der Weg zur Vergebung inmitten von Konflikten wie auch die Erlösung von Schuld sind nur einige dieser doch schlaffördernden Verheissungen.
Dabei soll auf keinen Fall der Person, die an Schlafproblemen leidet, ein ungenügender Glaube unterstellt werden. Dies ist einer der destruktivsten Umgänge mit dem christlichen Glauben: Wenn du genug und richtig glaubst, bist du frei von jeglichen Problemen – in diesem Kontext auch von Schlafproblemen. Wer solches behauptet, lädt dem Menschen in seinem bereits bestehenden Leid noch unnötige Eigenverantwortung auf.
So bleibt für mich der Zuspruch Christi in dieser Geschichte als Anfrage bestehen. Jesus ging wohl wirklich davon aus, dass seine Botschaft, inkl. seinem Leben, Sterben und Auferstehen, die Menschen von Ängsten befreit. Ich frage mich, wie das Vertrauen in Jesus Christus konkret zur Überwindung von Ängsten, Sorgen bis hin zum Geschenk eines guten Schlafes führen kann. Ich vermute, dieses Vertrauen ist eine Lebensform, die erlernt werden will. Darum feiern wir als Kirche Gottesdienste, beten, geben Konfirmationsunterricht – in der Hoffnung, dass dies alles dazu dient, in diesem besagten Gottesvertrauen zu wachsen. Und trotz allem bleibt die Spannung, dass mit allem Glauben der Schmerz, die Schuld, die Depression und die Schlaflosigkeit oft bleiben. In diesen Fällen wollen wir uns immer wieder neu dem Aufruf der Jünger anschliessen und gemeinsam in unserem Schmerz und Unverständnis zu Christus beten: „Lehrer! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?“
Und vielleicht dürfen wir bei diesen nächtlichen Gebeten von Zeit zu Zeit erleben, wie sich unsere inneren Stürme lichten und eine tiefere Ruhe einkehrt. Zumindest möchte ich dir Mut machen, vielleicht einmal mehr ein solches Gebet zu beten, anstatt nächtelang im Handy zu scrollen. In diesem Sinne: Gute Nacht und schlaf gut. Amen.
[1] Vgl dazu die SRF Sendung Puls zum Thema Schlafstörungen überwinden vom 14.09.2026 https://www.srf.ch/play/tv/puls/video/schlafstoerungen-ueberwinden—besser-schlafen-laesst-sich-lernen?urn=urn:srf:video:9ef1a97b-244b-4971-96cb-24e7f35d70af
Transparenzhinweis: Die Gedanken, die These und der Aufbau dieses Beitrags stammen von mir. Grundlage ist die Predigt vom 20.09.2026 in unserem Gottesdienst für Junge Erwachsene „NeoPaleo“ zum Bibeltext Markus 4,35-41. Für die Überarbeitung – Korrektur, Formulierungsvorschläge und kritisches Gegenlesen – habe ich ein KI-Sprachmodell genutzt. Vorschläge habe ich geprüft, umgeformt oder verworfen; was hier steht, verantworte ich.

