Meine Glaubensbiografie kennt die unterschiedlichsten Stationen. Aufgewachsen bin ich in einem reformierten Elternhaus. Von dort führten mich meine weiteren Wege zur Gründung von ICF Schaffhausen und ICF Singen sowie in die Leitung der FEG Winterthur. Weitere prägende Stationen waren die Grossen Exerzitien sowie mein Theologiestudium in Fribourg und Bern. Heute arbeite ich als Pfarrer der reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis Drei.
Der christliche Glaube war dabei meine Konstante. Wie dieser Glaube gelebt wird – insbesondere die Frage, wie viel persönliche Erfahrung, Betroffenheit und Engagement er benötigt –, wurde von jeder Institution und Gemeinschaft, der ich angehörte oder angehöre, unterschiedlich beantwortet.
Grund genug, dieser Frage nachzugehen: Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube eigentlich?
1. Kulturelles Christentum – was ist das eigentlich?
Beginnen wir auf jener Seite des Spektrums, die diese Frage eher verneint. Unter dem Begriff des kulturellen Christentums erfährt diese Position immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Ein neueres Beispiel dafür ist die Sendung Sternstunde Philosophie mit Detlef Pollack.[1] Das Interview ist faszinierend und kann – je nach Frömmigkeitsstil – durchaus irritieren. Hier begegnet uns ein Mann, der Christentum und Kirche zutiefst wertschätzt. Gleichzeitig verneint er, einen persönlichen Glauben zu haben oder tiefgreifende spirituelle Erlebnisse erfahren zu haben. Obwohl ihn die Kirche, insbesondere die Musik und gelegentlich auch die Predigten, berühren, und obwohl er deshalb regelmässig Gottesdienste besucht, spricht er nicht von Glauben, sondern von Wertschätzung.
Das Christentum ist hier keine gelebte Überzeugung, sondern ein tragender kultureller Hintergrund. Für manche überraschend ist, dass sich auch der wohl bekannteste Atheist, Richard Dawkins, mit einer solchen Form des Christentums identifiziert. In einem Interview mit LBC (London Broadcasting Company) sagte er:
„I call myself a cultural Christian.“ Und weiter: „I love hymns and Christmas carols, and I sort of feel at home in the Christian ethos.“
Dawkins glaubt nicht an Gott – aber er fühlt sich in der christlichen Kultur zuhause.
Kulturelles Christentum könnte man so verstehen: Zugehörigkeit ohne Bekenntnis, Wertschätzung ohne Vertrauen, Teilnahme ohne persönliche Bindung an Gott beziehungsweise ohne persönliche Erfahrung mit Gott. Es ist ein Christentum, das die Form bewahrt, den Kern aber offenlässt.
Dabei fallen mir einige Dinge auf. Meist sind es ältere weisse Männer, die sich für diese Position interessieren. Neben Pollack und Dawkins wären etwa Jordan Peterson und Alain de Botton weitere Beispiele.
Zudem deckt sich dieses Phänomen mit Beobachtungen der aktuellen Religionswissenschaft. Diese stellt fest, dass Menschen heute oft nach einem Baukastenprinzip mit Religion umgehen: Man nimmt sich heraus, was passt, und lässt den Rest beiseite. Im kulturellen Christentum bedient man sich der religiösen Tradition und lässt die persönliche Frömmigkeit weitgehend links liegen.
Gleichzeitig steht dies in einem gewissen Spannungsverhältnis zu anderen Beobachtungen unserer Zeit. Häufig wird davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne vor allem Erfahrungsreligion ist. Menschen suchen gerade im Spirituellen nach Erlebnissen, Emotionen und Berührung. Darauf verzichtet das kulturelle Christentum weitgehend. Emotionen werden hier eher als hinderlich betrachtet, und entsprechend wird gefühlsbetonte Spiritualität kritisch beäugt. Diese kritische Haltung findet sich beispielsweise auch im erwähnten Interview mit Pollack.
Über diese Beobachtungen hinaus stellt sich die Frage: Geht das überhaupt? Darf man das? Oder braucht Christentum nicht doch persönliche Erfahrung und einen persönlichen Bezug?
Hierzu findet sich in Johannes 20 eine spannende Geschichte.
2. Thomas will mehr! Der Stellenwert von Glaubenserfahrungen
Die anderen Jünger berichteten Thomas:
„Wir haben den Herrn gesehen!“
Er entgegnete ihnen:
„Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!“(Johannes 20,25)
Im Jünger Thomas begegnet uns jemand, der die persönliche Erfahrung zur Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft macht. Er kann und will nicht allein aufgrund von Hörensagen, Überlieferung oder Ritualen dazugehören. In diesem Anliegen wird er ernst genommen. Die persönliche Erfahrung wird ihm gewährt. Christus begegnet ihm selbst.
Dann wandte sich Jesus an Thomas: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“ Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,27–28)
Jemand, der die Wirkung und den Stellenwert solcher Glaubenserfahrungen erforscht, ist die Theologieprofessorin Sabrina Müller. Sie definiert religiöse Erfahrung wie folgt:
„Religiöse Erfahrung ist ein Widerfahrnis mit einem als relational erfahrenen Gott (Beziehungsgeschehen), welches den persönlichen Referenzraum im Horizont einer christlichen Hoffnungsperspektive zu transformieren vermag. Dabei ist der deutende Umgang mit dieser Erfahrung integraler Bestandteil der Erfahrung.“[2]
Folgende Punkte erscheinen mir dabei zentral.
Erstens sind solche Erlebnisse Beziehungsgeschehen. Wie Freundschaft oder Liebe lassen sie sich nicht erzwingen. Sie bleiben unverfügbar. Ich kann mir solche Erfahrungen wünschen und mich dafür öffnen, doch letztlich lassen sie sich nicht herstellen. Sie bleiben Geschenk.
Zweitens zeigt die Forschung von Sabrina Müller, welche Kraft zur Veränderung in solchen Erfahrungen liegt. Sie spricht von einer Transformation im Horizont christlicher Hoffnung. Menschen erleben einen Perspektivenwechsel, eine Neuinterpretation ihrer Identität und ihrer Lebenssituation sowie ein verändertes Selbst-, Fremd- und Weltverständnis im Licht christlicher Hoffnung.
Drittens führen solche Erfahrungen zu Glaubensgewissheit und Selbstvergewisserung. Dies zeigt sich exemplarisch bei Thomas, der antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Durch die Erfahrung gelangt er zu dem Bekenntnis, im Auferstandenen seinen Gott und Herrn zu erkennen.
Für mich besonders wichtig ist dabei, dass eine solche Deutung subjektiv bleibt. Sie ist nicht übertragbar. Was für mich eine religiöse Erfahrung ist, muss für andere keine sein. Auch dies zeigt die Geschichte von Thomas sehr deutlich. Die Erfahrung der anderen Jünger genügt ihm nicht. Ihre Erfahrung lässt sich nicht auf ihn übertragen.
Müller sagt hierzu: „Religiöse Erfahrung ist immer individuell und kann nicht normiert werden.“
3. Selig, wer glaubt, ohne zu sehen
Gerade vor dem Hintergrund, dass persönliche Erfahrungen nicht übertragbar sind, erhalten die Worte Jesu an Thomas besondere Bedeutung:
Da sagte Jesus zu ihm:
„Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“ (Johannes 20,29)
Was könnten diese Worte bedeuten?
Sicherlich sagen sie nicht, dass Christsein ohne Glauben möglich wäre. Christinnen und Christen definieren sich durch ihr gelebtes Vertrauen in Jesus Christus. Pollack und andere gehen diesen Schritt bewusst nicht mit und bezeichnen sich deshalb ausdrücklich als Nicht-Christen. Es wäre übergriffig, ihnen ein anonymes oder unbewusstes Christsein zu unterstellen.
Was ich jedoch aus den Worten Jesu mitnehme, ist, dass ein Glaube ohne persönliche Erfahrung etwas Seliges in sich tragen kann.
Wie eingangs erwähnt, kenne ich aus meiner Glaubensbiografie unterschiedliche Milieus. An den Stationen meines Lebens, an denen die Zentralität von Glaubenserfahrungen besonders betont wurde, hatte dies oft auch etwas Ausschliessendes und Anstrengendes. Wer keine persönlichen Erfahrungen mit Gott vorweisen konnte, lief Gefahr, dass ihm der Glaube abgesprochen wurde.
Besonders anstrengend empfand ich diese Betonung der Erfahrung im Zusammenhang mit dem Gottesdienst. Immer wieder stellte sich die Frage: Wo wurde Gott heute erfahrbar? War die Predigt tief genug? Hat mich das Singen berührt?
Hier liegt auch meine Wertschätzung für die katholische Messe und das liturgische Gebet begründet. Ich kann dazugehören – ganz unabhängig von meinem Erleben. Egal, wie ich mich fühle oder wie präsent ich gerade bin: Christus ist in der Eucharistie gegenwärtig, und ich darf Anteil an ihm haben. Ebenso tragen mich die liturgischen Gebete. Sie tragen seit Jahrhunderten, und ich darf mitbeten, unabhängig davon, wie ich mich gerade fühle.
4. Fazit: Ein Miteinander von Menschen mit und ohne Erfahrung
Und doch wäre es zu einfach, sich nun für eine Seite zu entscheiden. Ich möchte hier keineswegs in ein evangelikales Bashing einstimmen und einen grossen Teil der weltweiten Christenheit als gefühlsfokussierte Dramaqueens bezeichnen. Denn gerade die Forschung von Sabrina Müller zeigt, wie zentral Erfahrungen für den christlichen Glauben sind.
So bleibt für mich beides wahr:
Der christliche Glaube beginnt mit Erfahrung.
Weil Menschen Christus immer wieder persönlich erleben, bleibt diese Religion über Generationen hinweg lebendig.
Und doch wünsche ich mir, dass daraus nicht automatisch die Forderung entsteht, jede und jeder müsse dieselben Erfahrungen machen.
Wie wäre es, wenn die Erfahrungen einiger einen Raum für viele eröffnen?
So verstehe ich Kirche – insbesondere die reformierte und die katholische Landeskirche. Sie eröffnen einen Raum, in dem alle teilhaben dürfen, unabhängig von ihren persönlichen Glaubenserfahrungen.
Persönliche Glaubenserfahrungen sollen dabei Wertschätzung erfahren. Sie sind wesentlich dafür, dass dieser Raum lebendig bleibt. Zugleich werden sie nicht eingefordert und nicht zu Eintrittsbedingungen oder Qualitätsmerkmalen des Glaubens erhoben.
Jeder Mensch ist willkommen – auch kulturelle Christen.
Wie viel persönliche Erfahrung braucht der Glaube also?
Genug, damit Glaube überhaupt entstehen kann und immer wieder neue Glaubensräume geschaffen werden.
Aber nicht so viel, dass jeder Mensch dieselben Erfahrungen selbst machen muss.
Denn der Glaube lebt nicht nur von dem, was wir erleben –
sondern auch von dem, was uns zugesagt ist.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
[1] https://youtu.be/bk-KgkkJ7WM?si=kIQ_3SrQptZbR51U
[2] https://www.youtube.com/watch?v=bk-KgkkJ7WM&t=3s
Der Text basiert auf der Predigt vom Sonntag, 12. April 2026. Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

