Könige sind keine Lösung, weder früher noch heute. Gedanken über die Versuchung Ungerechtigkeit mit Macht zu begegnen

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„Alter. Zieh dir das mal rein.“ Dazu ein Screenshot: eine Grafik aus dem Wall Street Journal. Das sind SMS, die ich mag. Kurz, prägnant und zugleich inhaltlich brisant. Die Grafik zeigt Trump-Sympathie, aufgeschlüsselt nach Religion. Sechs kleine Kurven, zehn Jahre, auf und ab. Eine sticht heraus: die weissen evangelikalen Protestanten. Weit über dem amerikanischen Durchschnitt ist ihre Unterstützung für Trump Jahr für Jahr konstant hoch.

Diese Trump-Unterstützung evangelikaler Christen beschäftigt mich – persönlich wie theologisch. Meine Frau hat sieben Jahre in den USA, in Kansas, gelebt. Dadurch haben wir amerikanische Freunde, liebe Christen-Menschen, die zweimal Trump gewählt haben. Jedes Mal, wenn sie uns in den letzten Jahren besuchten, suchte ich das Gespräch darüber – freundschaftlich und klar zugleich. Solche Gespräche helfen mir, sie besser zu verstehen. Aus ihrer konservativen Sicht war die demokratische Politik der letzten Jahre schlicht nicht mehr tragbar. Sie erlebten die Obama- wie auch die Biden-Administration als Regierungen, die an ihnen vorbeiregierten. Sie empfanden sich von dieser Administration zunehmend als ungerecht behandelt. Wer so empfindet, sehnt sich nach jemandem, der einen Neustart ermöglicht.

Bei allem Verständnis kann ich ihre Wahl nicht gutheissen. Denn ich glaube nicht, dass Trump einfach für die Rückkehr zu einer konservativen Politik steht. Für mich unterwandert er bewusst und absichtlich das demokratische System selbst – Stück für Stück, in Richtung einer Autokratie. Etwa die Ereignisse des 6. Januar 2021 oder die Tatsache, dass im offiziellen Trump-Shop Kappen mit der Aufschrift „Trump 2028″ erhältlich sind, weisen für mich in diese Richtung. „Trump 2028 – das wird nicht passieren“, beteuern mir meine Freunde. Ich hoffe, sie haben recht. Dass einige Evangelikale in den USA jedoch so weit gehen, in Trump eine Art gesalbten König Kyros zu sehen, und damit zeigen, dass sie sich einen König geradezu wünschen, einen, der als Werkzeug Gottes die USA wieder aufrichtet, lässt mich befürchten, dass gewisse Christinnen und Christen gegenüber einer dritten Amtszeit Trumps gar nicht abgeneigt wären.

Genau hier geht es plötzlich um mehr als um amerikanische Parteipolitik. Es geht um etwas, das alle Christinnen und Christen betrifft – und letztlich unsere gesamte westliche Gesellschaft: Welche Regierungsformen sterben wir an? Und damit verknüpft: von wem und wie erhoffen wir uns Erlösung? Getrieben von diesen Fragen und Sorgen habe ich diesen Sommer Peter Sloterdijks Buch „Der Fürst und sein Erbe“ gelesen. Er warnt vor der Unterwanderung unserer Demokratien und zeigt nüchtern, wie es dazu kommt, dass weltweit wieder vermeintliche Fürsten zurückkehren.

Der biblische Sündenfall politisch gedeutet

Sloterdijk greift die biblische Geschichte vom Sündenfall auf. Sie stellt für ihn einen dreifachen Fall dar. Wir fallen nicht nur aus dem Paradies. Wir fallen zugleich in den Staat. Theologisch gesprochen: Der Bruch geht nicht nur durch mein Verhältnis zu Gott, sondern mitten durch die Beziehungen zu meinen Mitmenschen. Nicht nur das Paradies ist uns verstellt, auch unser Zusammenleben ist beschädigt. Wir unterdrücken einander, wir schliessen einander aus, wir finden immer wieder zu unheilvollen Formen des Miteinanders.

Mit der Sünde kommt die Sehnsucht nach Erlösung. Dies gilt auch für den Fall in den Staat: Jede Regierung, jede Regierungsform – von der Diktatur bis zur Demokratie – trägt ein Heilsversprechen in sich. Sie verspricht, das misslungene Miteinander zu ordnen und ein gutes Leben möglich zu machen. Keine Herrschaft kommt ohne dieses Heil-Versprechen aus. Für mich zeigt Sloterdijk hier etwas Zentrales: Politik ist nie nur Verwaltung. In ihr steckt immer die Hoffnung auf Heil und damit auch unser Verständnis von Erlösung im Hier und Jetzt.

Schauen wir – sehr vereinfacht – auf den Weg der Herrschaftsformen im Westen, dann führt er vom gotterwählten König zum volksgewählten Politiker. Das Zweite nennen wir Demokratie. Der Schlüssel heisst Volkssouveränität. Nicht mehr der Wille des Königs geschehe, sondern der Wille des Volkes. Souverän, bestimmend, ist das Volk.

Klingt gut. Nur: Was ist der „Wille des Volkes“? Hier beginnt das Problem. Sloterdijk führt es auf Rousseau zurück. Ein Wille, so wusste Rousseau selbst, ist etwas, das eigentlich nur einer einzelnen Person zukommt. Ein Wille im Plural aber, ein gemeinsamer Wille vieler verschiedener Menschen – den gibt es so nicht. Es gibt nicht den einen Willen einer Gruppe, es gibt nur viele Menschen, die vielleicht Ähnliches, aber nie genau das Gleiche wollen. Und genau das ist die eigentliche, die eingebaute Krise der Demokratie: Sie beruft sich auf einen Volkswillen, den es in dieser Einheitlichkeit nie geben kann.

Sloterdijk wird an dieser Stelle sehr scharf. Er nennt den eiligen Sprung vom „Ich“ zum „Wir“ – vom einzelnen Willen zum angeblich einen Willen des Volkes – einen dritten Sündenfall:

„In dem Pseudosingular peuple kondensiert sich eine Operation, die man […] nicht anders als die dritte Erbsünde nennen kann. Sie besteht in dem gewaltträchtigen Versuch, das einzelne Ich zu enteignen, um es in einem Plural zu ertränken.“ (S. 74)

Das einzelne Ich zu enteignen, um es im Wir zu ertränken – ist die Gefahr jeder Gemeinschaft und damit auch jeglicher Regierungsform.

Von der Abbruchkugel zum Thron – der Weg zum demokratisch legitimierten Fürsten

Wie geht die Demokratie mit dieser Krise um? Sie behilft sich, indem die Bürgerinnen und Bürger ihren Willen abgeben und sich vertreten lassen. Wir delegieren unsere politische Verantwortung. Wir wählen Menschen, die für uns regieren sollen. Das ist ein nachvollziehbarer Lösungsansatz, der aber punkto einheitlichem Willen unvollkommen bleibt. Denn auch die kleinere Gruppe der Gewählten einigt sich nie ganz, und was am Ende herauskommt, sieht selten aus wie das, was der einzelne Bürger wollte, geschweige denn einem einheitlichen Volkswillen entspricht.

Je länger sich Bürgerinnen und Bürger dabei weder verstanden noch repräsentiert fühlen, umso stärker wächst ein Ohnmachtsgefühl, das eine gefährliche Versuchung mit sich bringt. Die Versuchung Ungerechtigkeit mit Macht zu begegnen. Das ist die Verlockung der Abrissbirne. „Wir brauchten einfach jemanden, der diese verworrene Regierung, die an uns vorbeiregiert, endlich abreisst. Wir brauchten einen Wrecking Ball – eine Abbruchkugel.“ So begründen meine amerikanischen Freunde ihre Wahl. Auch wenn ich diesen Impuls verstehen kann, finde ich ihn problematisch. Sloterdijk zeigt, wohin dieser Impuls kippen kann. Aus dem Wunsch, endlich möge einer den Volkswillen einheitlich verkörpern, wird die Wahl eines starken Mannes. Und dieser starke Mann tritt auf als die Personifikation des einen Volkswillens: Ich bin der Wille des Volkes. Das ist – wir haben es gesehen – eine Illusion, denn diesen einen Willen gibt es nicht. Aber genau daraus zieht er seine Legitimation. Und wer sich so legitimiert, muss alle Stimmen, die abweichen, zum Schweigen bringen. Sie stören das Bild der Personifizierung des wahren Volkswillens im eigenen Amt. 

So kehrt der König zurück und wir sind wieder beim Alleinherrscher. Ich will nicht behaupten, das geschehe mit Naturgesetzlichkeit; sonst wäre jede Demokratie längst zusammengebrochen. Aber es ist eine latente Versuchung, die durch das ungelöste Problem des Volkswillens Teil jeder Demokratie ist. Wird dieser Versuchung nachgegeben, ist der zurückkehrende Fürst wahrscheinlich schlimmer als der alte. Denn der alte König wusste sich wenigstens von Gott begrenzt, einem Gericht unterstellt, das über ihm stand. Der neue sieht sich als legitimen Vertreter des Volkes – über ihm steht niemand mehr.

Dies ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein theologisches Problem

Gerade als Christ finde ich diese Überlegungen von Sltoerdijk hochproblematisch. Und hier kommen wir zu einer Stelle, die mich seit Wochen nicht loslässt.

Die Reformation hat einen Gedanken in die Welt gesetzt, dessen Sprengkraft wir bis heute nicht ausgeschöpft haben. Luther hat den ganzen kirchlichen Apparat, der sich zwischen Gott und Mensch geschoben hatte, beiseitegeräumt und jeden Menschen zum Priester erklärt. Das Heil lässt sich nicht delegieren. Keine Institution, kein Priester kann meine Beziehung zu Gott für mich führen – so wenig, wie jemand anders meine Ehe für mich führen oder meine Freundschaften für mich pflegen kann. Sloterdijk zieht daraus eine Schlussfolgerung, die in ihrer Konsequenz atemberaubend ist:

„Wenn Luther in einem Akt revolutionärer Spiritualität den sakramentalen und ekklesialen Apparat der römischen Traditionskirche beiseite räumte und jeden Mann zum Priester, jede Frau zur Priesterin erklären konnte, so drängt sich die Frage auf, warum man nicht ebensogut jeden Mann zum König, jede Frau zur Königin erklären sollte. […] Tatsächlich ist jeder Mann König, jede Frau Königin, allerdings werden wir uns davor hüten, es ihnen unverblümt zu sagen.“ (S. 80)

Wenn alle Kinder Gottes sind, sind alle berufen, Königinnen und Könige zu sein. Wir fürchten uns, dies allen Menschen zuzusprechen. Und ich meine: Gerade wir Christinnen und Christen sollten uns nicht davor hüten, es den Menschen zu sagen. Wir sollten ihnen ihr Potenzial und ihre Verantwortung vor Gott zusprechen – und sie darin ausbilden und bestärken, gerade in der Art, wie wir Glauben leben und Kirche gestalten. Nicht-Delegierbarkeit heisst dabei nicht, dass nun jede und jeder sein eigenes kleines religiöses Königreich regiert. Das Evangelium ist keine Privatsache. Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft. Der Punkt ist nicht Vereinzelung, sondern das gemeinsame Ringen mündiger Menschen um die Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen.

Eine unheilvolle Trennung – wenn Jesus gut fürs Privatleben ist, aber zu schwach, um die wirklichen Probleme des Landes anzugehen

Dabei begegnet mir in gewissen kirchlichen Kreisen immer ein Einwand: „Solche Ansätze sind schön und gut fürs kirchliche Miteinander der Gläubigen – aber der Staat und die internationale Politik funktionieren nach anderen Massstäben – hier braucht es Macht und Durchsetzungswillen.“ Dieser Text ist nicht der Ort, um auf das komplexe Verhältnis von Kirche und Staat einzugehen. Sicherlich, das Miteinander unter Christinnen und Christen gestaltet sich anders als im Staat, der unterschiedlichste Weltansichten und Werte vereint. Mir geht es um etwas anderes. 

Ich befürchte, dass sich hier im christlichen Miteinander bis hin zur eigenen Gestaltung des alltäglichen Lebens eine unheilvolle Trennung einschleicht. Wir sperren die ohnmächtige Liebe Jesu ins Private und Kirchliche und greifen im Öffentlichen zur harten Hand. In der Kirche sind wir nett und freundlich und ringen um die Weiterentwicklung unseres christlichen Glaubens – wie andere sich im Gym um ihre persönliche Fitness bemühen. Und im politischen Öffentlichen werden starke Player unterstützt, die mit Macht die Durchsetzung unseres Willens und den Erhalt guter christlicher Werte durchdrücken – ganz egal, ob sie dies nun mit Nächstenliebe und Demut tun.

Dabei steht nicht weniger als unser Gottesbild, unsere Theologie auf dem Spiel. Als Christen beten und leben wir dafür, dass sich Gottes Wille, sein Reich, im Himmel wie auf Erden verwirklichen möge. Gott hat einen Willen. Gott wünscht sich, dass sich sein Reich – seine Version von unserem Zusammenleben – in dieser Welt durchsetzen möge. Dabei ist das höchste Gebot, das Zentrale in Gottes Reich und Willen, die Liebe. Liebe lässt sich nicht verordnen, ohne aufzuhören, Liebe zu sein. Das Wie des Regierens ist Teil dessen, was regiert wird. Gottes Reich lässt sich eben nicht mit Gewalt und Stärke anordnen oder durchsetzen. Gewiss gebraucht Gott auch weltliche Macht – Kyros, den Perserkönig, ebenso wie den Staat, der nach Paulus „das Schwert trägt“, um dem Bösen zu wehren (Röm 13). Doch Macht kann bändigen, ordnen, schützen – ein Herz gewinnen kann sie nicht. Noch nie wurde jemand mit Gewalt in Gottes Reich hineingeliebt. Wer eine starke Regierung, die die eigenen Werte durchdrückt, für das Reich Gottes hält, verwechselt das Schwert, das die Ordnung hält, mit der Liebe, die das Reich ist.

Nirgends wird dies so deutlich wie in Tod und Auferstehung Jesu Christi. Seine Jünger erhofften, er würde mit aller Gewalt das römische Regime umstürzen. Stattdessen starb er machtlos am Kreuz. Doch genau dieser Akt ist Christi eigentliche Inthronisation. In dieser absoluten Aufgabe jeglicher Macht steckt die grösste Macht zur Veränderung. Das Kreuz ist nicht Gottes Schwäche-Phase, sondern die endgültige Gestalt seiner Herrschaft. Und dies wird auch nicht anders sein, wenn einmal die Zeit kommt, auf die Christinnen und Christen hoffen und in der Gottes Herrschaft in Christi Wiederkehr vollends errichtet wird. Auch dann wird Gott in Christus ein König sein, der kein König sein will – sondern uns alle einlädt, mitzuregieren, und es nicht zulassen wird, dass wir diese Verantwortung an ihn abdelegieren. Dies zeigt sich etwa in Stellen wie Jeremia 31 – wo die Rede davon ist, dass er seinen Willen in jedes Herz schreiben wird. Da gibt es keine vermittelnde Distanz mehr, keinen König – alle sind zum Mitregieren eingeladen und aufgefordert.

Wir können unsere Regierungsverantwortung nicht abgeben – weder an einen weltlichen König, eine Kirchenleitung noch an Gott selbst. Er selbst weigert sich, der Alleinherrscher zu sein, an den wir uns ausliefern könnten. Das heisst nicht, wir müssten alles allein tragen. Viel mehr sind wir eingeladen mitzugestalten. Gott will die Verantwortung nicht anstelle von uns übernehmen, noch uns gänzlich übertragen, sondern lädt uns ein mitzuregieren. 

Darin besteht für mich das zentrale politische Anliegen des Christentums. Ich glaube nicht, dass es eine christliche Politik gibt. Für rechte wie für linke Positionen, für einen schlanken wie für einen sozialen Staat lassen sich christliche Gründe anführen. Wer behauptet, es gebe die christliche Politik, beendet in Wahrheit jede Politik – denn dann wäre jeder Widerspruch, jeder Diskurs schon Widerrede gegen den göttlichen Willen. Darum halte ich es für richtig und wichtig, dass Christinnen und Christen sich über das ganze politische Spektrum verteilt engagieren, streiten, ringen.

Das eigentlich Politische im Christentum ist für mich die Aufforderung zur gemeinsamen Verantwortung für unser Miteinander. Ich kann die Versuchung dagegen nachvollziehen: Wer Ungerechtigkeit und Ohnmacht erlebt, greift irgendwann nach der Macht – endlich einer, der durchgreift, endlich Gerechtigkeit, mit Macht erzwungen. Doch das Evangelium weist einen anderen Weg: nicht das Schwert, sondern das Kreuz. Jesus hätte durchgreifen können und tat es nicht; gerade in der Ohnmacht des Kreuzes erweist sich die wahre Kraft Gottes, und dort wird seine Gerechtigkeit wirklich – nicht die, die wir erzwingen, sondern die, die er schafft.

Darum ist für mich „unchristlich“, das System auszuhebeln und einen König einzusetzen, der vermeintlich in Gottes Sinn mit Macht durchgreift. Das ging schon mit Saul nicht gut aus, es ging mit Konstantin nicht gut aus, und es wird mit Trump nicht gut ausgehen. Denn hier wird die eigene Verantwortung abgegeben, und Glaube und Ethik werden zum Zwang. Doch Glaube und die Lebensform, die aus ihm folgt, sind Gnade, ein Geschenk – man kann sie so wenig anordnen, wie sich mit dem Schwert die Gerechtigkeit Gottes erzwingen lässt.

Die Herausforderung, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen

Und darum beunruhigt mich die eingangs erwähnte Grafik. Sie zeigt, dass gerade die Gruppe weisser, evangelikaler Christen am meisten mit Trump sympathisiert. Aus meiner Perspektive tun sie dies, weil sie sich erhoffen, dass durch ihn das christliche Amerika wiederhergestellt wird. Die Interpretation zwingt sich auf, dass es bei der Unterstützung für Trump weniger um christliche Anliegen geht als vielmehr um den Erhalt eigener Privilegien. Beweggründe lassen sich aus Statistiken nicht ableiten. Entsprechend ist die These, dass diese Gruppen mit Trump sympathisieren, weil sie sich als ungerecht behandelt sehen und sich daher eine Durchsetzung verlorener Werte und Privilegien erhoffen, eine Interpretation.

Letztlich ist hier nicht der Ort, über Menschen in einem anderen Land zu urteilen. Mein eigenes Anliegen ist es, dass ich mir selbst erhoffe, als Christ im Angesicht von erlebter Ungerechtigkeit und eigener Ohnmacht den Mut und die Kraft zu haben, dem vermeintlich machtlosen Weg Jesu Christi nachzufolgen und gerade dann bereit zu sein, mein eigenes Kreuz auf mich zu nehmen. Meine Überzeugung ist es, dass, wenn wir in solchen Situationen zur Macht greifen, wir das Evangelium selbst verraten. Das Mittel widerspricht der Sache. Und darum fürchte ich, dass die Unterstützung Trumps genau das untergräbt, wofür Christinnen und Christen eigentlich einstehen möchten: die Weitergabe eines Glaubens, den man nur geschenkt bekommen und frei ergreifen kann.

Und nun, was machen wir damit? Auch Sloterdijk fragt sich am Ende seines Buches: „Was also bleibt zu sagen?“ Und er beantwortet seine Frage mit den Worten:

„Wäre die Menschheit als Ganzes katholisch, ihr Papst hätte ein allgemeines Konzil einzuberufen, um wie in letzter Minute die Selbstreform auf den Weg zu bringen. Da sie religionskulturell, konfessionell, ethnisch, politisch und ideologisch zersplittert ist, müssten die zahllosen Kräfte am Ort das Ihre tun, um üble Tendenzen aufzuhalten und lebbare Formen des Miteinanders zu kreieren.“ (S. 170)

Vor Ort lebbare Formen des Miteinanders kreieren. Dies ist für mich die konkrete Alternative zum starken Mann an der Spitze. So möchte ich Glauben leben und Kirche gestalten: Formen kreieren, die dazu einladen und auffordern, miteinander im gemeinsamen Gespräch mit Gott herauszufinden und zu entscheiden, wie wir leben sollen und wollen.

Aus rechtlichen Gründen, teile ich hier nicht die Statistik die ich per SMS erhalten habe sondern eine eigens mit KI erstellten Version davon, die auf den PRRI-Originaldaten basiert.

PRRI, „Trump Favorability Declines Among Republicans, Some Religious Groups“ (Feb. 2026) · PRRI, „Trump Favorability Amid Cracks in the Economy“ (Mai 2025)

Zum Schreibprozess: Gedanken, These und Argumentation sind meine eigenen. Ein KI-Sprachmodell habe ich als Gesprächspartner und Lektor genutzt – für kritisches Feedback zum Aufbau, gezielte Rückfragen, sprachliche Korrektur und einzelne Formulierungsvorschläge, die ich geprüft und überarbeitet habe. 

Christsein lässt sich nicht delegieren – Gedanken zur Wichtigkeit des regelmässigen Dialogs mit anderen und Gott über die Frage wie wir leben wollen

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«Du hast doch einen besseren Draht zu Gott als ich. Kannst du ein gutes Wort für das Wetter nächste Woche einlegen?»

Solche Sätze höre ich als Pfarrer immer wieder. Meistens sind sie mit einem Augenzwinkern gemeint. So auch letzten Sonntag.

Ich antwortete ebenfalls mit einem Schmunzeln: «Wir bieten sogar einen direkten Draht zu Gott an. Du bist herzlich eingeladen, ihn selbst zu nutzen.»

Hinter diesem kleinen Wortwechsel steckt für mich eine erstaunlich grosse Frage: Was bedeutet es eigentlich, heute Christin oder Christ zu sein?

Glaube ist mehr als eine Überzeugung

Wenn Menschen vom Glauben sprechen, meinen sie oft eine Meinung über Gott. Man hält die Existenz Gottes für wahrscheinlich oder eben nicht. Glaube erscheint dann wie das Für-wahr-Halten einer Behauptung.

Die Bibel versteht Glauben anders.

An Gott zu glauben bedeutet nicht in erster Linie, einen Satz über die Welt für richtig zu halten. Glaube beschreibt eine Beziehung. Er bedeutet, Gott Vertrauen zu schenken und das eigene Leben im Vertrauen auf ihn zu gestalten.

Zwischen «Ich glaube, dass Gott existiert» und «Ich vertraue Gott» liegt ein grosser Unterschied.

Der erste Satz beschreibt eine Überzeugung. Der zweite eine Beziehung.

Beziehungen kann niemand für mich führen

Das Spannende an Beziehungen ist, dass sie sich nicht delegieren lassen.

Niemand kann meine Freundschaften für mich pflegen. Niemand kann meine Ehe für mich führen. Niemand kann Vater meiner Kinder an meiner Stelle sein.

Beziehungen leben von persönlicher Gegenwart.

Umso erstaunlicher finde ich, wie häufig wir genau das gegenüber Gott versuchen. Wir delegieren unsere Beziehung zum Göttlichen an Menschen, die beruflich oder religiös näher bei Gott zu sein scheinen.

Gerade hier liegt eine der grossen (Wieder-)Entdeckungen der Reformation.

Mit dem Gedanken des allgemeinen Priestertums wurde betont, dass jede Christin und jeder Christ unmittelbar vor Gott steht. Es braucht keinen besonderen Vermittler. Christus selbst ist der Mittler.

Jeder Mensch ist eingeladen, selbst zu beten, selbst zu hören, selbst zu vertrauen und selbst Verantwortung für seine Gottesbeziehung zu übernehmen.

Von Priestern zu Königen?

Zurzeit lese ich Peter Sloterdijks Buch Der Fürst und seine Erben. Darin stellt er eine Frage, die mich nicht mehr loslässt:

Wenn Luther jeden Mann zum Priester und jede Frau zur Priesterin erklären konnte – warum sollte man nicht ebenso jeden Mann zum König und jede Frau zur Königin erklären? (vgl. Seite 80)

Ich finde diese Frage zentral.

Denn tatsächlich könnte man das allgemeine Priestertum missverstehen. So, als würde nun jeder Mensch einfach sein eigenes religiöses Königreich regieren. So als ob, Christsein bedeuten würde die eigene Spiritualität ständig zu optimieren und weiter zu entwickeln. Doch es geht um viel mehr als die blosse Optimierung eines Lebensbereiches. Glaube bedeutet sein ganzes Leben im vertrauen auf Gott zu gestallten und so als von Gott berufene König und Königin die Verantwortung für unser Leben in die Hand zu nehmen.

Doch so wie ich das Evangelium versteht scheint es mir dabei um mehr als unsere kleinen individuellen Königreiche zu gehen.

Das Evangelium schafft nicht Alleinherrscher

Je länger ich mich mit Paulus beschäftige, desto mehr überzeugt mich eine Einsicht, die in der sogenannten neuen Paulusperspektive stark betont wird.

Das Evangelium ist nicht einfach eine individuelle Heilsbotschaft.

Es erzählt davon, dass Gott eine neue Gemeinschaft schafft.

Eine Gemeinschaft, an der sichtbar wird, wie Leben unter Gottes Herrschaft aussehen kann.

Christsein ereignet sich deshalb nicht dort, wo jeder sein eigenes kleines Königreich möglichst erfolgreich verwaltet. Jede für sich alleine ihre Frömmigkeit steigert. 

Christsein geschieht dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für ihre gemeinsame Lebensform übernehmen und miteinander fragen:

Wie wollen wir leben?
Wie wollen wir arbeiten?
Wie wollen wir vergeben?
Wie wollen wir teilen?
Wie wollen wir Kirche sein?

Diese Fragen lassen sich nie endgültig beantworten und schon gar nicht allein. Sondern gemeinsam – im Gespräch miteinander und mit Gott.

Kirche als Ort der Versöhnung

Darum hat Kirche für mich nichts an Bedeutung verloren.

Im Gegenteil.

Mit den Jahren ist meine Überzeugung eher gewachsen, dass Christsein Kirche braucht.

Bernd Wannenwetsch beschreibt in seinem Buch „Gottesdienst als Lebensform“ den Gottesdienst als einen Ort der Versöhnung (vgl. S. 109ff) Dieser Gedanke spricht mich sehr an.

Im Gottesdienst kommen Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Verschiedene Bildungswege, politische Überzeugungen, soziale Hintergründe, Frömmigkeitsstile, Leitungsverständnisse und Lebenserfahrungen treffen aufeinander.

Was sie verbindet, ist nicht ihre Ähnlichkeit.

Sie stellen gemeinsam Gott in ihre Mitte.

Am deutlichsten geschieht das vielleicht im gemeinsamen Singen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Gott und sprechen ihm die höchste Ehre zu.

Dadurch geschieht etwas Bemerkenswertes.

Nicht unsere politische Überzeugung steht im Zentrum.

Nicht unsere Bildung.

Nicht unsere Herkunft.

Nicht unsere Persönlichkeit.

Nicht einmal unsere Kirche.

Sondern Gott.

Alles andere verliert dadurch nicht seinen Wert.

Aber es verliert den Anspruch, das Wichtigste zu sein.

Wenn niemand mehr um den ersten Platz kämpfen muss

Ich glaube, darin liegt eine grosse gesellschaftliche Kraft.

Was den ersten Platz beansprucht, muss sich gegen alles andere behaupten.

Wenn aber Gott den ersten Platz erhält, müssen wir das nicht mehr.

Dann entsteht Raum, einander zu dienen.

Für mich zeigt sich das besonders in einer Spannung, die jede Gemeinschaft kennt.

Auf der einen Seite steht das Individuum.

Auf der anderen Seite die Gemeinschaft.

Beides gerät ständig miteinander in Konflikt.

Manchmal wird die Einheit der Gruppe so wichtig, dass Individualität keinen Platz mehr hat.

Manchmal wird die Selbstverwirklichung des Einzelnen so wichtig, dass jede Gemeinschaft zerfällt.

Im Gottesdienst geschieht etwas Drittes.

Als Gemeinschaft bekennen wir: Gott ist grösser als wir.

Darum können wir den Einzelnen dienen.

Als Einzelne bekennen wir: Gott ist grösser als ich.

Darum kann ich mich in die Gemeinschaft investieren, ohne mich selbst zu verlieren.

Ich glaube, dieses Muster lässt sich auf viele Spannungen unserer Zeit übertragen – auch auf Fragen von Hierarchie und Mitbestimmung, Leitung und Beteiligung.

Wenn Gott grösser ist als unsere Leitungsmodelle, müssen wir keines davon absolut setzen. Dann können wir gemeinsam danach suchen, welche Form des Leitens einer konkreten Situation dient.

Kirche gemeinsam gestalten

Genau das versuchen wir bei Neopaleo.

Zweimal im Jahr setzen wir uns zusammen und fragen nicht zuerst, was Tradition oder Organisation von uns erwarten.

Wir fragen:

Wie wollen wir im kommenden Semester gemeinsam Kirche leben?

Jede und jeder überlegt dabei auch, welchen Beitrag er oder sie einbringen möchte.

Vielleicht besteht genau darin eine zeitgemässe Form des Christseins.

Nicht darin, fertige Antworten zu besitzen. Sondern darin, gemeinsam vor Gott zu treten, ihn anzubeten und aus dieser gemeinsamen Ausrichtung heraus immer wieder neu nach einer gemeinsamen Lebensform zu suchen.

Je länger ich Christ bin, desto weniger glaube ich, dass Christsein allein gelebt werden kann.

Vielleicht wird Kirche gerade dann wieder verständlich für Menschen ausserhalb ihrer Mauern: wenn sie zu einem Ort wird, an dem niemand mehr um seine eigene Grösse kämpfen muss, weil Gott gross genug ist für uns alle.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und danach den Text von einer KI korrigieren und redigieren lassen um ihn abschliessend eigenhändig redaktionell zu finalisieren.

Was, wenn wir im Leben feststecken?

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Stell dir vor, du bist so um die vierzig Jahre alt. Du sitzt an einem Hotelpool irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne scheint. Das Wasser glitzert. Die Menschen um dich herum sind entspannt. Eigentlich solltest du glücklich sein.

Neben dir sitzt deine Partnerin oder dein Partner. Ihr seid seit Jahren zusammen. Ihr streitet selten. Nach aussen wirkt eure Beziehung stabil.

In drei Tagen fliegst du zurück nach Hause. Dort wartet dein Job auf dich. Ein Job, der vernünftig ist. Er entspricht der gängigen Karriere in diesem Bereich. Er bezahlt die Rechnungen. Er bietet Sicherheit. Viele Menschen wären damit zufrieden.

Genauso diese Ferien. Freunde haben dir davon vorgeschwärmt. Hier verbringt man seine Zeit. Es ist ein Urlaub, von dem man erzählen kann. Der andere beeindruckt.

Eigentlich solltest du glücklich sein. Aber du bist es nicht. Denn du realisierst: In dieser Partnerschaft bin ich nur, weil dies von mir erwartet wird. Mein Job war die logische Folge nach dem Studium, das ich gewählt habe, weil dies der Wunsch meiner Eltern war. Und in diesen Ferien bin ich nur, um bei der Arbeit davon zu erzählen.

Und du fragst dich: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Was für ein Leben lebe ich eigentlich? Irgendwie stecke ich fest. An einem Ort, an dem ich eigentlich nicht sein will, in einem Leben, das ich nie so gewählt habe.

Mit solch einem Gefühl bist du nicht allein. Es kann sich dann einstellen, wenn wir zu lange in einer Lebensphase verharren. Das muss nicht so sein. Aber wenn du jetzt eine Lebensanleitung oder ein Rezept erwartest, muss ich dich enttäuschen. Der Weg in ein erfülltes Leben hat mehr mit Hinhören zu tun, als starre Regeln zu befolgen. Was meine ich damit?

Die meisten Menschen stellen sich ihr Leben wie eine gerade Linie vor. Schule, Ausbildung, Beruf, Familie, Karriere, Pensionierung. Schritt für Schritt vorwärts. In der Realität verläuft das Leben selten so geordnet. Manche Menschen werden mit vierzig plötzlich von der Frage eingeholt, ob sie überhaupt ihr eigenes Leben leben. Andere bleiben noch mit sechzig auf der Suche nach sich selbst. Wieder andere haben schon früh Verantwortung übernommen und fragen sich später, ob sie dabei etwas Wesentliches verpasst haben.

Entsprechend berichten uns die Geschichten der Bibel auch nicht von gradlinigen Biographien. Die Bibel arbeitet viel häufiger mit Bildern von Wegen, Scheitern und Lebensphasen, wie etwa Jahreszeiten. Im Hohelied heisst es etwa: „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen.“ Was wäre, wenn wir uns unser Leben in Phasen, in Jahreszeiten vorstellen? Was bedeutet es, im Frühling des Lebens zu sein und aufzubrechen in den Sommer?

Frühling: Die Kunst des Lernens

Der Frühling steht für Wachstum. Alles erwacht zum Leben, spriesst und blüht.

Als Mensch wachsen wir durch Kopieren. Bei der Sprache und den motorischen Fähigkeiten ist uns dies sehr bewusst. Als Kinder lernen wir Reden und Laufen durch Nachahmung. Doch auch Verhaltensweisen, Werte und Vorstellungen übernehmen wir so von den Menschen um uns herum.

Gerade als Jugendliche orientieren wir uns entsprechend stark an Vorbildern. Wir lernen von den Eltern, Lehrpersonen und immer mehr von Freunden und Influencern, wie man sich in unserer Gesellschaft benimmt. Was braucht es, um dazuzugehören? Wie muss ich mich verhalten, um beliebt und erfolgreich zu sein?

So hilfreich dieses Nachahmen zu Beginn ist, so problematisch wird es, wenn wir diese Phase nie hinter uns lassen. Wer sich immer nur an anderen orientiert, kann mit vierzig unglücklich am Pool enden.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, Erwartungen zu erfüllen. Sie wählen einen Beruf, weil andere ihn für sinnvoll halten. Sie übernehmen politische oder religiöse Überzeugungen, ohne sie jemals zu hinterfragen. Gerade in religiösen Fragen kommen viele nie über diese Phase hinaus. Man ist gläubig oder eben nicht religiös, weil dies dem eigenen Umfeld entspricht.

Im Frühling des Lebens wird Erfolg darüber definiert, was Anerkennung bringt. Von aussen betrachtet kann ein solches Leben sehr erfolgreich aussehen. Doch irgendwann taucht eine unangenehme Frage auf: Lebe ich eigentlich mein eigenes Leben?

Wer dauerhaft im Frühling bleibt, entwickelt zwar Anpassungsfähigkeit, aber keine eigene Stimme. Deshalb gehört zum Erwachsenwerden mehr als Lernen. Irgendwann muss aus Übernahme Eigenverantwortung werden.

Sommer: Die Kunst des Suchens

Der Sommer ist die Zeit der Entfaltung. Alles wächst und trägt seine volle Pracht. Im Leben ist dies die Phase des jungen Erwachsenseins. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Die Welt steht offen. Genau deshalb ist diese Lebensphase so spannend und zugleich so herausfordernd.

Viele Ratschläge unserer Zeit lassen sich auf einen Satz reduzieren: „Du musst einfach deinen eigenen Weg finden.“ In dieser Lebensphase ist dies ein passendes Mantra. Es ist die Zeit der Loslösung – nicht nur vom Elternhaus, sondern von übernommenen Lebensentwürfen. Es geht darum, zu finden, was wirklich dein eigener Weg ist. Dinge zu tun, nicht nur weil sie erwartet werden oder Erfolg versprechen. Sondern weil du spürst: Das muss ich tun, hier führt mein Weg mich durchs Leben.

Das braucht Mut. Und genau dies ist einer der häufigsten Zusprüche Gottes in der Bibel: Sei mutig! Fürchte dich nicht. Die biblische Geschichte zeigt: Gott begleitet dich auf neuen Wegen, auch wenn deine Reise für andere ungewohnt ist.

Dabei verläuft nicht immer alles wie geplant. Fehler sind kein Betriebsunfall. Sie gehören dazu. Viele junge Erwachsene fürchten sich vor Entscheidungen, weil sie denken, sich durch Fehlentscheidungen die Zukunft zu verbauen. Es stimmt nicht, dass man keine Fehler machen darf, wenn man erfolgreich sein will. Im Gegenteil, erfüllte Menschen machen Fehler und lernen daraus.

Falsche Entscheidungen gehören dazu. Sie sind nicht das Ende. Vergebung ist hier eine zentrale christliche Botschaft. Sie ist kein Freibrief für konsequenzloses Handeln, sondern eine Befreiung, sich nicht von Fehlern definieren zu lassen, sondern daraus zu lernen und sie nicht mehr zu machen. Vergebung heisst, dass Fehler nicht die Macht bekommen, unsere Identität zu bestimmen. Diese Haltung schafft Freiheit. Freiheit zu lernen. Freiheit zu wachsen. Freiheit, Neues zu wagen.

Doch auch der längste Sommer kommt zu seinem Ende. Wer immer nur sucht, findet nie. Manche Menschen verbringen Jahrzehnte damit, sich alle Optionen offen zu halten. Sie springen von Projekt zu Projekt, von Beziehung zu Beziehung oder von Idee zu Idee. Sie wollen sich nicht festlegen, weil jede Entscheidung andere Möglichkeiten ausschliesst. Doch genau darin liegt das Problem. Ein Leben, das immer nur der nächsten Möglichkeit nachjagt, bleibt oft erstaunlich oberflächlich. Die Freunde, die sich mit weit über vierzig noch immer jedes Wochenende abschiessen und auf jeder Party dem nächsten kurzen Rock hinterherspringen, illustrieren dies. Irgendwann braucht Wachstum Wurzeln.

Herbst: Die Kunst der Begrenzung

Den Herbst verbinden viele mit Verlust. Die Blätter fallen. Die Tage werden dunkler. Dabei entsteht gerade im Herbst etwas Entscheidendes. Die Bäume hören auf zu wachsen und konzentrieren ihre Energie auf die Früchte.

Ähnliches geschieht auch im Leben. Mit zunehmender Erfahrung wird klar: Wir können nicht alles gleichzeitig sein. Wir haben nur begrenzt Zeit, begrenzte Energie und begrenzte Aufmerksamkeit.

Hier tritt die Frage „Was könnte ich alles machen?“ in den Hintergrund. Wichtiger wird: „Wofür möchte ich mein Leben einsetzen?“

Wer seine Grenzen akzeptiert, kann beginnen, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Der Schriftsteller Charles Bukowski formulierte es so: „Finde, was du liebst, und lass es dich töten.“ In diesem harschen Zitat steckt die Aufforderung, unser Leben auf eine Sache zu konzentrieren und dafür all unsere Energie aufzuwenden.

Vielleicht ist das einer der grössten Unterschiede zwischen Jugend und Reife. Jugend fragt: Welche Türen stehen mir offen? Reife fragt: Welche Türen sind es wert, dass ich hindurchgehe?

Das gilt für Beziehungen genauso wie für Arbeit, Freundschaften oder Engagement. Eine gute Ehe lebt nicht davon, dass zwei Menschen permanent überlegen, ob es irgendwo noch eine bessere Option gäbe. Sie lebt davon, dass zwei Menschen lernen, füreinander der richtige Partner zu werden.

Dasselbe gilt für Berufungen. Irgendwann geht es weniger darum, den perfekten Platz zu finden, sondern den Platz, an dem man steht, gut zu gestalten, voll und ganz auszufüllen.

Doch auch die Fokussierung, die Konzentration des Herbstes kommt zu ihrem Ende. Beziehungsweise birgt auch diese Lebensphase ihre Gefahr, wenn wir zu lange in ihr verharren. Wer gelernt hat festzuhalten, muss irgendwann wieder lernen loszulassen.

Winter: Die Kunst des Loslassens

Der Winter ist wahrscheinlich die am meisten unterschätzte Jahreszeit.

In unserer Kultur und Gesellschaft sind seine Attribute mehr als negativ behaftet: Stillstand. Verlust. Alter. Schwäche. Ende.

Deshalb versuchen viele Menschen, den Winter möglichst lange hinauszuzögern. Wir leben in einer Zeit, in der alle jugendlich sein wollen. Auch die Alten. Wir kämpfen gegen das Älterwerden. Gegen das unausweichliche Ende, den Tod. Doch gerade darum, um gut sterben zu können, geht es in dieser letzten Lebensphase, dem Winter. Es gilt loszulassen, unsere Rollen, unseren Einfluss und unsere Kontrolle gehen zu lassen. Dies kann Angst auslösen, insbesondere die Angst vor Bedeutungslosigkeit.

Hier hilft uns der Blick in die Natur. Im Winter stirbt nicht einfach alles. Der Winter schafft Raum für Neues. Das alte Blatt muss fallen, damit im Frühling Neues wachsen kann. Darin liegt eine besondere Weisheit und Chance des hohen Alters: zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie unersetzlich man sich macht.

Der Sinn eines Lebens besteht nicht nur darin, alles festzuhalten, sondern zur rechten Zeit die Dinge weiterzugeben. Erfahrungen weiterzugeben. Verantwortung weiterzugeben. Wissen weiterzugeben. Ressourcen weiterzugeben. Liebe weiterzugeben. Das heisst für mich, gut alt zu werden: den Mut zu entwickeln, Platz für andere zu machen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Fruchtbarkeit.

Warum Selbstoptimierung allein nicht reicht

Sicher ist dies eine verkürzte Sicht auf die Vielfältigkeit des Lebens. Das Leben ist komplexer und vielschichtiger und läuft nie genau nach diesen Phasen ab. Was ich trotz dieser Vereinfachung an dieser Perspektive spannend finde, ist Folgendes:

Viele Selfhelp-Ratgeber gehen davon aus, dass das Leben ein Problem ist, das gelöst werden muss. Wenn du nur die richtige Strategie findest, die richtigen Gewohnheiten etablierst oder die richtige Methode anwendest, wirst du erfolgreich und erfüllt leben. Oft begegnet mir dieselbe Einstellung im christlichen Gewand: Die Bibel ist eine Bedienungsanleitung. Du musst sie nur richtig befolgen, und alles funktioniert wie geschmiert.

Das Leben in Jahreszeiten zu betrachten zeigt: Die Realität ist komplizierter. Jede Lebensphase stellt andere Fragen. Die Stärke in der einen Phase kann zugleich zur Herausforderung für den Übergang in die nächste werden. Was im Frühling beim Lernen hilfreich ist, kann später den eigenen Findungsprozess behindern. Nachahmen hilft beim Lernen, muss aber ins eigene Finden übergehen. Der Sommer eröffnet viele Möglichkeiten, kann am Ende jedoch die notwendige Fokussierung erschweren. Die Konzentration des Herbstes bringt Klarheit, macht es aber unter Umständen schwer, später wieder loszulassen. Im Winter wird das Loslassen zur letzten Form der Verantwortung für die Nachfolgenden. Am Ende gilt es, auch diese Verantwortung gehen zu lassen.

Es gibt keine zeitlose Formel für ein gelungenes Leben. Genau deshalb versteht das Christentum Glauben nicht primär als Regelwerk. Die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen begleitet. Nicht mit einem fertigen Drehbuch. Nicht mit einer allgemeinen Betriebsanleitung. Sondern in einer lebendigen Beziehung. Im Buch der Sprüche heisst es: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg.“ Bemerkenswert ist, dass dort nicht steht: Ich gebe dir alle Antworten. Sondern: Ich begleite dich auf dem Weg.

Glaube kann so als Begleitung verstanden werden, die in jeder Phase neu Orientierung gibt, ohne den Weg festzuschreiben. So gesehen könnte Kirche ein Ort sein, an dem unterschiedliche Lebenszeiten Platz haben und Menschen einander auf ihrem je eigenen Lebensweg und in den unterschiedlichsten Lebensphasen unterstützen und voneinander lernen.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am Konf-Gottesdienst vom 31..05.2026 in der Kirche Bühl. Die Konf-Klasse bestimmte für den Gottesdienst das Thema: „Erwachsenwerden – Frühling als Aufbruch in den Sommer des Lebens.“ und wählte folgende Bibelverse als Grundlage für die Predigt aus: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg. Wenn du dich daran hältst, wird kein Hindernis deine Schritte aufhalten; selbst beim Laufen wirst du nicht stolpern.“ (Sprüche 4, 11–12) „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen, die Turteltaube ist zu hören.“ (Hohelied 2, 11–12). Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube?

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Meine Glaubensbiografie kennt die unterschiedlichsten Stationen. Aufgewachsen bin ich in einem reformierten Elternhaus. Von dort führten mich meine weiteren Wege zur Gründung von ICF Schaffhausen und ICF Singen sowie in die Leitung der FEG Winterthur. Weitere prägende Stationen waren die Grossen Exerzitien sowie mein Theologiestudium in Fribourg und Bern. Heute arbeite ich als Pfarrer der reformierten Kirche Zürich im Kirchenkreis Drei.

Der christliche Glaube war dabei meine Konstante. Wie dieser Glaube gelebt wird – insbesondere die Frage, wie viel persönliche Erfahrung, Betroffenheit und Engagement er benötigt –, wurde von jeder Institution und Gemeinschaft, der ich angehörte oder angehöre, unterschiedlich beantwortet.

Grund genug, dieser Frage nachzugehen: Wie viel persönliche Erfahrung braucht der christliche Glaube eigentlich?

1. Kulturelles Christentum – was ist das eigentlich?

Beginnen wir auf jener Seite des Spektrums, die diese Frage eher verneint. Unter dem Begriff des kulturellen Christentums erfährt diese Position immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Ein neueres Beispiel dafür ist die Sendung Sternstunde Philosophie mit Detlef Pollack.[1] Das Interview ist faszinierend und kann – je nach Frömmigkeitsstil – durchaus irritieren. Hier begegnet uns ein Mann, der Christentum und Kirche zutiefst wertschätzt. Gleichzeitig verneint er, einen persönlichen Glauben zu haben oder tiefgreifende spirituelle Erlebnisse erfahren zu haben. Obwohl ihn die Kirche, insbesondere die Musik und gelegentlich auch die Predigten, berühren, und obwohl er deshalb regelmässig Gottesdienste besucht, spricht er nicht von Glauben, sondern von Wertschätzung.

Das Christentum ist hier keine gelebte Überzeugung, sondern ein tragender kultureller Hintergrund. Für manche überraschend ist, dass sich auch der wohl bekannteste Atheist, Richard Dawkins, mit einer solchen Form des Christentums identifiziert. In einem Interview mit LBC (London Broadcasting Company) sagte er:

„I call myself a cultural Christian.“ Und weiter: „I love hymns and Christmas carols, and I sort of feel at home in the Christian ethos.“

Dawkins glaubt nicht an Gott – aber er fühlt sich in der christlichen Kultur zuhause.

Kulturelles Christentum könnte man so verstehen: Zugehörigkeit ohne Bekenntnis, Wertschätzung ohne Vertrauen, Teilnahme ohne persönliche Bindung an Gott beziehungsweise ohne persönliche Erfahrung mit Gott. Es ist ein Christentum, das die Form bewahrt, den Kern aber offenlässt.

Dabei fallen mir einige Dinge auf. Meist sind es ältere weisse Männer, die sich für diese Position interessieren. Neben Pollack und Dawkins wären etwa Jordan Peterson und Alain de Botton weitere Beispiele.

Zudem deckt sich dieses Phänomen mit Beobachtungen der aktuellen Religionswissenschaft. Diese stellt fest, dass Menschen heute oft nach einem Baukastenprinzip mit Religion umgehen: Man nimmt sich heraus, was passt, und lässt den Rest beiseite. Im kulturellen Christentum bedient man sich der religiösen Tradition und lässt die persönliche Frömmigkeit weitgehend links liegen.

Gleichzeitig steht dies in einem gewissen Spannungsverhältnis zu anderen Beobachtungen unserer Zeit. Häufig wird davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne vor allem Erfahrungsreligion ist. Menschen suchen gerade im Spirituellen nach Erlebnissen, Emotionen und Berührung. Darauf verzichtet das kulturelle Christentum weitgehend. Emotionen werden hier eher als hinderlich betrachtet, und entsprechend wird gefühlsbetonte Spiritualität kritisch beäugt. Diese kritische Haltung findet sich beispielsweise auch im erwähnten Interview mit Pollack.

Über diese Beobachtungen hinaus stellt sich die Frage: Geht das überhaupt? Darf man das? Oder braucht Christentum nicht doch persönliche Erfahrung und einen persönlichen Bezug?

Hierzu findet sich in Johannes 20 eine spannende Geschichte.

2. Thomas will mehr! Der Stellenwert von Glaubenserfahrungen

Die anderen Jünger berichteten Thomas:

„Wir haben den Herrn gesehen!“

Er entgegnete ihnen:

„Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!“(Johannes 20,25)

Im Jünger Thomas begegnet uns jemand, der die persönliche Erfahrung zur Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft macht. Er kann und will nicht allein aufgrund von Hörensagen, Überlieferung oder Ritualen dazugehören. In diesem Anliegen wird er ernst genommen. Die persönliche Erfahrung wird ihm gewährt. Christus begegnet ihm selbst.

Dann wandte sich Jesus an Thomas: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“ Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,27–28)

Jemand, der die Wirkung und den Stellenwert solcher Glaubenserfahrungen erforscht, ist die Theologieprofessorin Sabrina Müller. Sie definiert religiöse Erfahrung wie folgt:

„Religiöse Erfahrung ist ein Widerfahrnis mit einem als relational erfahrenen Gott (Beziehungsgeschehen), welches den persönlichen Referenzraum im Horizont einer christlichen Hoffnungsperspektive zu transformieren vermag. Dabei ist der deutende Umgang mit dieser Erfahrung integraler Bestandteil der Erfahrung.“[2]

Folgende Punkte erscheinen mir dabei zentral.

Erstens sind solche Erlebnisse Beziehungsgeschehen. Wie Freundschaft oder Liebe lassen sie sich nicht erzwingen. Sie bleiben unverfügbar. Ich kann mir solche Erfahrungen wünschen und mich dafür öffnen, doch letztlich lassen sie sich nicht herstellen. Sie bleiben Geschenk.

Zweitens zeigt die Forschung von Sabrina Müller, welche Kraft zur Veränderung in solchen Erfahrungen liegt. Sie spricht von einer Transformation im Horizont christlicher Hoffnung. Menschen erleben einen Perspektivenwechsel, eine Neuinterpretation ihrer Identität und ihrer Lebenssituation sowie ein verändertes Selbst-, Fremd- und Weltverständnis im Licht christlicher Hoffnung.

Drittens führen solche Erfahrungen zu Glaubensgewissheit und Selbstvergewisserung. Dies zeigt sich exemplarisch bei Thomas, der antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Durch die Erfahrung gelangt er zu dem Bekenntnis, im Auferstandenen seinen Gott und Herrn zu erkennen.

Für mich besonders wichtig ist dabei, dass eine solche Deutung subjektiv bleibt. Sie ist nicht übertragbar. Was für mich eine religiöse Erfahrung ist, muss für andere keine sein. Auch dies zeigt die Geschichte von Thomas sehr deutlich. Die Erfahrung der anderen Jünger genügt ihm nicht. Ihre Erfahrung lässt sich nicht auf ihn übertragen.

Müller sagt hierzu: „Religiöse Erfahrung ist immer individuell und kann nicht normiert werden.“

3. Selig, wer glaubt, ohne zu sehen

Gerade vor dem Hintergrund, dass persönliche Erfahrungen nicht übertragbar sind, erhalten die Worte Jesu an Thomas besondere Bedeutung:

Da sagte Jesus zu ihm:

„Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“ (Johannes 20,29)

Was könnten diese Worte bedeuten?

Sicherlich sagen sie nicht, dass Christsein ohne Glauben möglich wäre. Christinnen und Christen definieren sich durch ihr gelebtes Vertrauen in Jesus Christus. Pollack und andere gehen diesen Schritt bewusst nicht mit und bezeichnen sich deshalb ausdrücklich als Nicht-Christen. Es wäre übergriffig, ihnen ein anonymes oder unbewusstes Christsein zu unterstellen.

Was ich jedoch aus den Worten Jesu mitnehme, ist, dass ein Glaube ohne persönliche Erfahrung etwas Seliges in sich tragen kann.

Wie eingangs erwähnt, kenne ich aus meiner Glaubensbiografie unterschiedliche Milieus. An den Stationen meines Lebens, an denen die Zentralität von Glaubenserfahrungen besonders betont wurde, hatte dies oft auch etwas Ausschliessendes und Anstrengendes. Wer keine persönlichen Erfahrungen mit Gott vorweisen konnte, lief Gefahr, dass ihm der Glaube abgesprochen wurde.

Besonders anstrengend empfand ich diese Betonung der Erfahrung im Zusammenhang mit dem Gottesdienst. Immer wieder stellte sich die Frage: Wo wurde Gott heute erfahrbar? War die Predigt tief genug? Hat mich das Singen berührt?

Hier liegt auch meine Wertschätzung für die katholische Messe und das liturgische Gebet begründet. Ich kann dazugehören – ganz unabhängig von meinem Erleben. Egal, wie ich mich fühle oder wie präsent ich gerade bin: Christus ist in der Eucharistie gegenwärtig, und ich darf Anteil an ihm haben. Ebenso tragen mich die liturgischen Gebete. Sie tragen seit Jahrhunderten, und ich darf mitbeten, unabhängig davon, wie ich mich gerade fühle.

4. Fazit: Ein Miteinander von Menschen mit und ohne Erfahrung

Und doch wäre es zu einfach, sich nun für eine Seite zu entscheiden. Ich möchte hier keineswegs in ein evangelikales Bashing einstimmen und einen grossen Teil der weltweiten Christenheit als gefühlsfokussierte Dramaqueens bezeichnen. Denn gerade die Forschung von Sabrina Müller zeigt, wie zentral Erfahrungen für den christlichen Glauben sind.

So bleibt für mich beides wahr:

Der christliche Glaube beginnt mit Erfahrung.

Weil Menschen Christus immer wieder persönlich erleben, bleibt diese Religion über Generationen hinweg lebendig.

Und doch wünsche ich mir, dass daraus nicht automatisch die Forderung entsteht, jede und jeder müsse dieselben Erfahrungen machen.

Wie wäre es, wenn die Erfahrungen einiger einen Raum für viele eröffnen?

So verstehe ich Kirche – insbesondere die reformierte und die katholische Landeskirche. Sie eröffnen einen Raum, in dem alle teilhaben dürfen, unabhängig von ihren persönlichen Glaubenserfahrungen.

Persönliche Glaubenserfahrungen sollen dabei Wertschätzung erfahren. Sie sind wesentlich dafür, dass dieser Raum lebendig bleibt. Zugleich werden sie nicht eingefordert und nicht zu Eintrittsbedingungen oder Qualitätsmerkmalen des Glaubens erhoben.

Jeder Mensch ist willkommen – auch kulturelle Christen.

Wie viel persönliche Erfahrung braucht der Glaube also?

Genug, damit Glaube überhaupt entstehen kann und immer wieder neue Glaubensräume geschaffen werden.

Aber nicht so viel, dass jeder Mensch dieselben Erfahrungen selbst machen muss.

Denn der Glaube lebt nicht nur von dem, was wir erleben –

sondern auch von dem, was uns zugesagt ist.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

[1] https://youtu.be/bk-KgkkJ7WM?si=kIQ_3SrQptZbR51U

[2] https://www.youtube.com/watch?v=bk-KgkkJ7WM&t=3s

Der Text basiert auf der Predigt vom Sonntag, 12. April 2026. Er wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Karfreitag Gedanken zu Texten aus „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell

Foto von Francesco Alberti auf Unsplash

Gedanken zu «Man that is born» 

Unser Anfang ist gegeben,
nicht gemacht.
Wir sind da,
nicht aus eigener Macht.

Geboren von einer Frau,
so sind wir da,
da vor uns bereits jemand war.
So sind wir
getragen,
eingebettet,
vorgespurt.

Geschichte, Sprache, Eltern –
unser Sein gründet nie in uns selbst.

Gegeben ist uns auch das Ende:
Wir werden sterben.

Dazwischen
Als Elend haben wir besungen
das Leben,
geboren, befristet, verwelkend.

Doch so statisch sind wir nicht.
Nur schlecht ist es nicht. 

Es gibt Sonne
zwischen dem Regen,
Lachen, das sich einmischt,
in das Weinen.

So verbringen wir unsere Tage
im Wechsel der Emotionen:
70, wenn es gut kommt, 80,
bei manchen mehr
oder tragisch weniger.

An ein Leben, das weniger Tage zählte,
denken wir heute.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
So schreit er, hängend am Kreuz:
Christus, der Messias,
der Mensch,
in dem manche Gott erblicken.

Der Gott, von einer Frau geboren,
hat nur eine kurze Zeit zu leben
und ist voller Elend.
Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
er flieht gleichsam wie ein Schatten
und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.

So über Gott zu denken, ist der Skandal des Christentums:
die Unendliche,
Unveränderbare,
beheimatet im
Beginnenden,
Leidenden,
Endenden.

Undenkbar –
und doch verkündet bis heute,
auch hier und jetzt,
auf dass gerade die Mächtigen gewahr werden:

Durch Ego und Macht, 
mit Krieg und Krach
wird euer Name nicht bestehen, 
Kriege nicht gewonnen,
Friede nicht gestiftet, 
Reiche nicht errichtet 

Trotz Baalsäälen, Annexionen von Inseln und Staaten, 
und auch wenn ihr euch mit Raketen über die Erde erhebt
ihr alle werdet zu Grabe getragen. 

Ewig, Gott gleich, wurde nur der
dort am Kreuz, 
dem Mensche gleich 
sterbend im Leid. 
erinnert bis heute
gefeirt als Gott für alle Zeit.

So mögen wir nicht vergessen
Die Macht,
Gott selbst,
liegt dort,
wo wir Mensch werden –
mit Anfang,
Ende
und Ambivalentem dazwischen.

So beten wir:
Gott, Unendlicher,
du bist so weit, wir können nicht um dich gehen,
so hoch, wir können nicht über dir stehen,
und doch so nah,
dass du selbst begreifst, was es heißt, Mensch zu sein.
Ergriffen von unserer Endlichkeit,
fühlst und leidest du mit.

So bitten wir dich auch in unserer Zeit:
Hilf uns, wahre Größe,
Leitung und Macht
nicht in der Überwindung des Menschen zu sehen,
sondern schenke auch uns Menschen, Mitmensch zu werden,
um unseren Nächsten im Anfang, im Ende, im Elend beizustehen.
Amen.

Gedanken zu «Thou knowest Lord»

Wie ist es zu ertragen,
dieses Leben
mit seinen vergänglichen Tagen?

Wenn wir sterben,
beten wir.

Ist das angebracht
oder feige und flach?

Der Mensch fürchtet den Tod,
weiß um die Vergänglichkeit,
das Absurde seines Lebens.

Wenn es das Absurde gibt,
dann nur im Universum des Menschen.

Ist es im Angesicht dessen
der Sprung, der Schrei,
das Gebet zur Ewigkeit
ein Verrat,
ein Verlust
der menschlichen Hellsichtigkeit?

Ist Beten ein Ausweichen?
Ein Sprungbrett in die Ewigkeit?
Eine Flucht, sich selbst dem Leid, dem Absurden, dem Elend dem sinnlosen Leben, dem Tod zu stellen?
Ist im Gebet dieser Kampf vermieden?

Ein Ja auf diese Fragen mag die Vernunft zelebrieren, 
Die eigene Essenz zu kreieren 
trotz sinnloser Existenz
das forderten die Denker unserer Eltern.

Doch meine Kritik an der reinen Vernunft
Ist ihre Isolation, die Trennung, 
die Weigerung sich beschenken zu lassen, 
sich auf vorgegebenes und andere, 
ja Gott selbst zu verlassen. 

Dieser Bruch führt in tiefe Einsamkeit:
Isoliert der heroische Vernünftige, der sein Leben erträgt.
Seht, Dort am Berg, allein,
Sisyphus schiebt seinen Stein.
Würde er schreien,
betend zu seinem Schöpfer,
würden ihm, wenn auch nicht Engel,
wohl bald Mitmenschen zur Seite stehen.

Geschrien hat auch der Herr:
Jesus Christus betet im Sterben.
«Eli, Eli, lama asabtani? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Dies zeigt:
Wäre Gott Mensch, er würde beten.

Und so bitten auch wir:
Gott, ewige Gemeinschaft, dreieine Zuwendung,
lass uns nicht allein.
Lass nicht zu, dass wir uns heroisch abkapseln
und unsere Last bis zum Tode vernünftig selber tragen.

Wir beten zu dir,
nicht als Flucht,
sondern als Akt des Vertrauens und des Bekennens:
Wir schaffen es nicht allein.
Wir brauchen Hilfe von höchster Stelle.

Steh uns bei,
schaffe Frieden,
beende Kriege,
tröste die Trauernden,
begleite die Kranken
und gib uns in allem Mut und Kraft,
Teil der Antwort auf unsere Gebete zu sein.

Amen.

Die Grundlage für diese Texte waren die erste und dritte Strophe von „Music for the Funeral of Queen Mary“ (1695) von Henry Purcell.

  1. Strophe
    Man that is born of a woman

    Der Mensch, von einer Frau geboren
    hath but a short time to live,

    hat nur eine kurze Zeit zu leben,
    and is full of misery.

    und ist voller Elend.
    He cometh up, and is cut down like a flower;

    Er wächst auf und wird wie eine Blume abgeschnitten;
    he fleeth as it were a shadow,

    er flieht gleichsam wie ein Schatten,
    and ne’er continueth in one stay.

    und bleibt niemals in einem Zustand bestehen.
  2. Strophe
    Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts;

    Du kennst, Herr, die Geheimnisse unserer Herzen;
    shut not thy merciful ears unto our pray’rs;

    verschließe deine barmherzigen Ohren nicht vor unseren Gebeten;
    but spare us, Lord most holy, O God most mighty.

    sondern verschone uns, o hochheiliger Herr, allmächtiger Gott.
    O holy and most merciful Saviour,

    O heiliger und barmherzigster Erlöser,
    thou most worthy Judge eternal,

    du würdigster ewiger Richter,
    suffer us not, at our last hour,
    
lass uns in unserer letzten Stunde
    for any pains of death, to fall from thee. Amen.

    durch keine Todesqual von dir abfallen. Amen.

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Zwischen Körper und Ewigkeit – Vom Umgang mit dem Sterben

Foto von Kenny Orr auf Unsplash

Wir alle werden sterben. Wir alle haben und werden geliebte Menschen beerdigen. Wie gehen wir mit dem Tod um? Wie reagieren wir auf unsere Sterblichkeit?

Wie gehen wir mit dem Sterben um?
Oft verdrängen wir den Tod. Unsere eigene Endlichkeit ist kein Smalltalk-Thema, das bei Apéro- und Cafégesprächen zum Standardrepertoire gehört. Sterben ist Privatsache. Vielleicht hat sich das in den letzten Jahren noch verstärkt. Durch die Zeit von Covid, in der Abschiede oft im engsten Familienkreis stattfinden mussten, ist der Tod noch mehr aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Mit oder ohne Pandemieeinschränkungen – in der Schweiz trauern wir grundsätzlich eher privat. Die Grabliturgie hierzulande beginnt im engeren Kreis am Grab. Der emotionale Abschied wird weg von der Öffentlichkeit begangen. In anderen Kulturen ist das anders – ich habe das etwa im russlanddeutschen Kontext meiner Schwiegerfamilie erlebt: Dort ist der Abschied viel öffentlicher, direkter, unmittelbarer. Nach dem Gottesdienst geht die ganze Trauergemeinde zum Grab, wo mit allen von der Verstorbenen Abschied genommen wird.

Egal, wie wir Beerdigungen gestalten – wenn wir uns von einer geliebten Person verabschieden müssen, macht dies etwas in uns. Es ist, als würde eine Waschmaschine laufen. Vieles dreht sich durcheinander. Erinnerungen und Trauer. Dankbarkeit, dass das ungewisse Warten vorbei ist, vermischt sich mit dem Frust, nicht mehr Zeit gehabt zu haben. „Es ist gut, dass sie gehen konnte“ – und gleichzeitig: „Ich vermisse sie so sehr.“

Dabei sind Beerdigungen fast immer emotional. Tränen fliessen. Auch dann, wenn jemand ein langes Leben hatte. Auch bei Verstorbenen im hohen Alter höre ich Aussagen wie: „Es kam plötzlich.“ „Er hatte noch so viel vor.“

Hier zeigt sich etwas grundsätzlich Menschliches: Wir tragen einen besonderen Widerspruch in uns. Wir haben einen Geist, der keine Grenzen kennt. Wir können denken ohne Ende. Uns alles vorstellen. In unserer Vorstellung können wir durch die Zeit reisen: der Vergangenheit nachhangen und uns die Zukunft ausmalen. In unserem Denken sind wir nicht an Orte gebunden – wie oft schweifen wir in Sitzungen oder im Gottesdienst ab und reisen gedanklich an andere Orte? Selbst andere Dimensionen stehen uns offen – wir können uns unser Leben in einem anderen Beruf vorstellen oder gar neue Welten mit Superkräften und anderen Kreaturen erschaffen.

Diese unendliche Welt der Gedanken wird jedoch durch unseren Körper an das Hier und Jetzt gebunden. Durch unseren Leib sind wir im Hier und Jetzt. Hier sind wir mitten in der einen Wirklichkeit, die keine weiteren Optionen kennt als unser effektives Dasein. Besonders im Sterben sind wir mit dieser Spannung zwischen unendlichem Geist und beschränktem Körper konfrontiert und müssen erfahren, dass jeder von uns ein Ende hat. Diese Spannung wird im Sterben sichtbar. Einer der berühmtesten Philosophen ist auf seine ganz eigene Art und Weise mit ihr umgegangen.

Wie ging Sokrates mit dem Sterben um?
Das berühmte Werk Phaidon zeigt, wie die griechische Philosophie dem beschriebenen Widerspruch begegnete. Phaidonerzählt von den letzten Stunden des zum Tode verurteilten Sokrates. Dieser verdrängt den Tod nicht. Im Gegenteil: Heroisch stellt er sich ihm. Er hätte die Möglichkeit zu fliehen – seine Freunde hätten ihm das organisiert. Doch er weigert sich (vgl. Platon, Phaidon 99a–b). Er geht den Weg in den Tod ganz bewusst.

Und dabei ist er erstaunlich geradlinig. Keine Waschmaschine. Kein Durcheinander. Für ihn ist klar: Sterben gehört zur Philosophie. Mehr noch: Es ist ihr Ziel. Er sagt: „Die wahrhaft Philosophierenden üben sich im Sterben“ (Phaidon 67e). Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern die Vollendung eines Lebens, das sich ganz der Weisheit widmet.

Darum ist er auch nicht traurig. Im Gegenteil: Er ermahnt seine Freunde, nicht zu klagen. Als sie anfangen zu weinen, weist er sie zurecht und sagt, sie sollen sich ruhig verhalten (vgl. Phaidon 117d). Für ihn passt Trauer nicht zu dem, was jetzt in seinem Sterben geschieht.

Denn Sokrates sieht im Tod die Auflösung der Spannung zwischen Geist und Körper. Er sagt: „Der Tod ist nichts anderes als die Trennung der Seele vom Leib“ (Phaidon 64c). Und weiter: „Solange wir den Leib haben … werden wir niemals hinreichend die Wahrheit erkennen“ (Phaidon 66b). Der Körper ist für ihn ein Hindernis, ein Gefängnis und eine Beschränkung des ewigen Geistes. Es ist der Körper, der uns an diese Welt bindet. Und im Sterben wird die Seele endlich davon befreit. Sterben ist für Sokrates die Erlösung vom Körper.

Wie geht Jesus mit dem Sterben um?
Nochmals anders ist der jüdisch-christliche Umgang mit dem Tod. Ein spannendes Beispiel ist dazu die Geschichte der Auferweckung von Lazarus, wie sie in Johannes 11 berichtet wird. In dieser Geschichte sind wir plötzlich wieder mitten in der menschlichen Waschmaschine. Jesus handelt zuerst erstaunlich abgeklärt. Er hört, dass Lazarus krank ist – und bleibt noch zwei Tage, wo er ist. Und dann, als er zur Beerdigung kommt, entstehen Missverständnisse. Thomas denkt, sie gehen jetzt gemeinsam in den Tod: „Lasst uns mit ihm gehen, damit wir mit ihm sterben.“ Marta hört Jesu Worte von der Auferstehung – und versteht sie als etwas Zukünftiges, Theoretisches, während Jesus seine Ansage sehr konkret und praktisch meint.

Und dann kippt etwas in Jesus selbst. Vorbei ist es mit dem abgeklärten Kalkül. Jesus wird emotional. Tief bewegt: „Jesus weinte“ (Johannes 11,35). Der kürzeste Vers im Neuen Testament. Und einer der bewegendsten. Hier ist keine Distanz. Hier ist kein reines Durchdenken des Todes. Hier ist tiefe, menschliche Betroffenheit.

Und dann geschieht das Entscheidende: Dem Widerspruch des Todes begegnet Jesus nicht wie Sokrates, indem er sich ihm ergibt. Im Gegenteil: Er widerspricht, ja widersetzt sich ihm: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Tote kommt. Zurück ins Leben. Zurück in seinen Körper.

Die Geschichte von Lazarus ist ein Vorgeschmack. Ein Vorbote auf das, was Jesus selbst erleben wird. Auch im Sterben Jesu findet sich dieser in der menschlichen Waschmaschine wieder. Im Garten Gethsemane, hin- und hergeworfen zwischen Angst und Vertrauen in Gottes Plan, ringt er mit seinem Sterben und bittet: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Auch er fürchtet sich vor dem Sterben. Doch auch er geht, wie Sokrates, den Weg in den Tod. Doch der Tod ist nicht seine Befreiung – er befreit das Leben vom Tod. Er flieht nicht aus dem Leib, sondern – nochmals in einer ganz anderen Qualität als bei Lazarus – kehrt er als Auferstandener leiblich und wahrhaftig zurück ins Leben.

Ein Skandal für das damalige Denken
Die christliche Verkündigung der Auferstehung der Toten war ein Skandal in der damaligen Zeit und Kultur. Ähnlich wie heute vieles vom Englischen, vom amerikanischen, vom westlichen Denken geprägt ist, war damals das griechische Denken vorherrschend. Wie kontrovers die Erzählung der Auferstehung von den Toten für die griechische Philosophie gewesen sein muss, zeigt sich daran, wenn wir uns vorstellen, Jesus hätte Sokrates und nicht Lazarus vom Tode auferweckt. Wie hätte dieser wohl reagiert? Hässig wäre er gewesen und hätte im Handeln Jesu alles andere als göttliches Wirken gesehen.

Dieses Unverständnis für die Auferstehung erlebte auch Paulus. Er schreibt: „Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ (1. Korinther 1,22–23). Und als er im Zentrum des griechischen Denkens, in Athen, das Evangelium verkündete, hiess es: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie“ (Apostelgeschichte 17,32a). Die Vorstellung, dass ein Mensch leiblich aufersteht, war in der damaligen Zeit absurd.

Eine Kritik an heutigen Trends wie etwa dem Transhumanismus
Und diese Kontroverse ist nicht vorbei. Sie ist auch heute topaktuell. Beispielsweise in der Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus. Seine Idee: Der Mensch verbindet sich mit der Maschine, überwindet seine biologischen Grenzen und befreit sich von seinen körperlichen Schwächen. In der radikalsten Form träumen Transhumanisten davon, dass das menschliche Bewusstsein eines Tages „hochgeladen“ wird – in eine digitale Existenz. Das Ziel ist es, dass der Mensch seine biologische Natur überwindet, indem der eigene Körper durch Maschinen ersetzt wird und das Bewusstsein in diese übertragen wird.

Damit begegnet uns hier wieder dieselbe Überzeugung wie bei Sokrates: Der Körper ist ein Gefängnis für den menschlichen Geist. Er ist etwas, das man hinter sich lassen muss.

Was bedeutet das für uns?
In den verschiedenen Perspektiven im Umgang mit dem Sterben begegnen uns zwei grundlegende Richtungen: Das menschlich-philosophische Denken strebt aus dem Körper heraus, während die biblische Geschichte von einem Gott erzählt, der in den Leib hineinwill. Das fasziniert mich sehr.

Wir Menschen scheuen oft die Schwächen, Emotionen und die Begrenztheit, die unser Körper mit sich bringt. Entsprechend stellen wir uns Erlösung, Himmel und das Göttliche als Überwindung von Körper und Materie vor. Vom antiken Platonismus über die frühchristliche Gnosis bis hin zu manchen buddhistischen Strömungen und modernen Formen des Transhumanismus – viele dieser Denkrichtungen folgen diesem Impuls: dem Wunsch, dem Körper und seiner Verletzlichkeit zu entfliehen.

Der Gott, wie ihn die Bibel beschreibt, bewegt sich hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Es scheint fast so, als würde er mit aller Konsequenz den Weg in diese Welt suchen – und noch konkreter: in den menschlichen Körper. Vielleicht wird gerade darin deutlich, wie radikal anders die Botschaft ist, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist. Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi werden Himmel und Erde, Geist und Körper in einer neuen Schöpfung versöhnt. Und durch den Heiligen Geist findet das Göttliche selbst in unserem Körper ein Zuhause.

Es lässt sich kaum überbetonen, wie grundlegend anders diese Bewegung ist – eine echte Umkehrung unserer gewohnten Vorstellungen.

Mich fordert das heraus, Gott nicht in der heroischen Überwindung menschlicher Schwäche zu suchen. Wenn Gott gerade im emotionalen Zerbruch, in Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen auf besondere Weise gegenwärtig ist – und auch in meinem eigenen Leben dort wirkt, wo ich durch meinen Körper an Grenzen stoße –, dann verändert das meinen Blick. Es fordert mich heraus, neu hinzusehen und Gott gerade dort zu erwarten.

Zugleich ermutigen mich diese Gedanken, bewusst eine Spiritualität zu pflegen, die mir hilft, in meinem Körper anzukommen. Die Meditation, wie wir sie derzeit in unserem Gottesdienstformat von neopaleo praktizieren, unterstützt mich dabei. Auch das Abendmahl gewinnt unter dieser Perspektive für mich eine noch tiefere Bedeutung: Hier feiern wir die konkrete Verbindung mit Leib und Blut Jesu Christi – eine Verbindung, die nicht am Körper vorbeigeht, sondern ihn einschliesst.

Und vielleicht liegt genau darin bereits ein Anfang von Auferstehung: nicht erst am Ende der Zeit, sondern hier und jetzt. In diesem Körper. In diesem Moment.

So könnte Auferstehung nicht nur eine Hoffnung für später sein, sondern eine Wirklichkeit, die schon heute in uns Gestalt gewinnt – leise, verletzlich und doch voller göttlicher Gegenwart.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.03.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Wenn Gott uns in die Versuchung führt, ist er mit uns auf dem Prüfstand

Foto von Laura Baker auf Unsplash

Kann ein liebender Gott Menschen in die Versuchung führen? Eine theologische Reflexion über Vertrauen, Identität und die Frage, ob Gott uns prüft – inspiriert von der Versuchung Jesu in der Wüste.

Tar da da?
Da tar da da?

Die Legende besagt, dass so die alte Frau im Schlatemer Dialekt sprach, als sie einem Teenager zusah, wie dieser das Velo in den Bus mitnahm. Ihre Worte bedeuten: Darf der das? Dass der das darf?

1. Gott und Versuchung – passt das zusammen?

Gleiches lässt sich auch bei der Geschichte von Jesu Versuchung in Matthäus vier wie auch beim Beten des Vaterunsers fragen:
Darf Gott das? Uns in Versuchung führen?

Mit diesen Fragen befindet man sich in prominenter Gesellschaft. Selbst Papst Franziskus sagte einmal, er könne sich nicht vorstellen, dass Gott Menschen aktiv in Versuchung führt. Er schlug vor, man solle eher beten: „Und lasse uns nicht allein in der Versuchung fallen.“ Damit wird deutlich: Nicht Gott ist es, der Menschen zum Bösen versucht, um zuzusehen, wie sie scheitern. „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater eilt sofort herbei, um seinem gestolperten Kind aufzuhelfen“, so der verstorbene Papst weiter.

Auch der Jakobusbrief betont: Gott versucht niemanden zum Bösen (vgl. Jakobus 1,13).

Das Anliegen des Papstes und des Jakobus ist verständlich und wichtig. Sie stellen sich zu Recht gegen ein Gottesbild, welches sich Gott als eine gemeine, kontrollierende Instanz vorstellt, die mit uns Spielchen spielt und zuschaut, wie wir uns dabei durchschlagen.

Und doch bleibt die Spannung: Die Bibel sagt nicht, dass Gott versucht – aber sie erzählt, dass Menschen in Versuchung geführt werden, während Gott sie begleitet.

2. Versuchung als Test – eine andere Perspektive

Im Wort Versuchung steckt das Wort Versuch. Ein Versuch ist ein Test, ein Experiment.
Wie oft versuchte Edison, ob seine Glühbirne leuchtet, und wie viele Male versuchten die Gebrüder Wright, mit ihrer Konstruktion zu fliegen? Gott macht sich mit uns auf und testet, erprobt gemeinsam mit uns, ob unser Glaube trägt, ob unser Leben leuchten kann.

Wenn wir Versuchung so verstehen, verändert sich der Blickwinkel: Es geht nicht mehr um eine Falle, sondern um eine Prüfungssituation. Dabei ist zentral: Ein Test zeigt, was gelernt wurde – und er zeigt ebenso, wie gut der Lehrer gelehrt hat.
Wenn eine ganze Klasse durchfällt, sagt das genauso viel über die Lehrperson aus wie über die Schüler.

Übertragen auf den Glauben bedeutet das: Wenn Menschen geprüft werden, steht Gott gewissermassen mit auf dem Prüfstand. Er ist nicht der distanzierte Beobachter, sondern der Mitbeteiligte. Er riskiert etwas mit uns. Er lässt sich auf uns ein. Gott hat sich mit der Menschheit auf ein unglaubliches Wagnis eingelassen. Darüber lässt sich kaum genug staunen. Und wenn dieses Abenteuer, wie so oft, scheitert, besinnt sich wohl auch Gott selbst und überlegt, wie er uns besser in der Kunst eines guten Lebens unterweisen könnte.

Diese Sicht macht verständlich, warum Christen beten: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Das ist kein Befehl an Gott, sondern eine Bitte: Erspar uns die Prüfung, wenn es möglich ist. Doch wie jede Bitte steht auch diese unter dem Vorbehalt: Dein Wille geschehe.

Wichtig ist dabei eine Klarstellung: Nicht alles Leid ist eine Prüfung Gottes. Vieles geschieht in dieser Welt, das weder Prüfung noch Wille Gottes ist. Gerade Leid darf niemals vorschnell und pauschal als göttlicher Test interpretiert werden.

Eine weitere zentrale Frage ist die nach dem Prüfungsstoff. In welchem Gebiet führt Gott in die Versuchung?

3. Was wird eigentlich geprüft?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Zusammenhang der Versuchungsgeschichte Jesu. Kurz zuvor wird Jesus getauft, und eine Stimme aus dem Himmel sagt:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (vgl. Matthäus 3,17)

Gott spricht Jesus seine Identität zu.

Genau diese Identität greift der Versucher in der Wüste an:

Wenn du Gottes Sohn bist, dann hast du doch die Macht, Steine in Brot zu verwandeln. (vgl. Matthäus 4,3)
Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, dann wird er dich beschützen, selbst wenn du dich vom Tempel herunterstürzt. (vgl. Matthäus 4,6)
Gottes Sohn muss es doch zustehen, dass er die Macht und den Einfluss über die ganze Welt bekommt. (vgl. Matthäus 4,8)

Die Versuchung besteht nicht darin, Wunder zu wirken oder Macht zu gewinnen. Die eigentliche Frage lautet:
Vertraut Jesus der Zusage Gottes – oder muss er sie sich selbst erst beweisen?

Der Theologe Adolf Schlatter formuliert es so: „Jesus empfängt seinen Antrieb nicht aus der Frage, ob er die Gottessohnschaft hat, sondern beginnt mit der Aussage, dass er sie hat.“

Jesus handelt nicht, um erst Gottes Sohn zu werden, sondern weil er es ist. Das ist der Kern jeder Versuchung: die Frage nach unserer Motivation. Handle ich, um meinen Wert zu beweisen? Oder handle ich, weil ich weiss, dass ich wertvoll bin?

4. Warum diese Frage heute aktueller ist denn je

Wie viele Konflikte entstehen, weil Menschen der Welt beweisen wollen, wie stark, wichtig oder überlegen sie sind?

Ein Blick auf globale Krisen – etwa den Krieg zwischen Russland und Ukraine – zeigt, wie zerstörerisch der Drang nach Selbstbestätigung sein kann. Am 24. Februar 2026 jährte sich der Einmarsch Russlands in die Ukraine zum vierten Mal. Internationale Beziehungen und globale Zusammenhänge sind komplex. Ich habe keine Fachexpertise für die Gründe dieses Krieges. Ohne politische Details zu bewerten, wirkt es oft, als müsste ein einzelnes Individuum seine Macht demonstrieren und Grösse beweisen – mit verheerenden Folgen für unzählige Menschen.

Doch es wäre zu einfach, nur auf andere zu zeigen. Dieselbe Versuchung wirkt auch im Kleinen:
• in Kirchen, die verzweifelt ihre Bedeutung beweisen wollen
• in Gemeinschaften, die um Anerkennung kämpfen
• in unserem persönlichen Leben, wenn wir uns ständig darstellen müssen

Wie viel Energie verbrauchen wir, um zu zeigen, wer wir sind? Was wäre, wenn wir stattdessen darauf vertrauten und danach handeln, was Gott uns zuspricht: wer wir bereits sind?

5. Die befreiende Botschaft des Evangeliums

So ende ich mit diesen scheu poetischen Worten:

Im Moment, wo ich mich beweisen will,
verlasse ich den Raum des Geschenks.
Ich bin nicht genug – wenn ich zeigen muss, wie gut ich bin.
Gefangen von mir selbst.
Nur mit mir selbst beschäftigt.
Anders, wer sich von Gott her empfängt.
Sie ist frei von sich.
Wer sich hat, braucht sich nicht.
Bin ich – muss ich nicht werden.
Ich kann da sein.
Da sein für andere.
Kann geben.

Amen

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 22.02.2026. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Mut braucht Unterstützerinnen und Unterstützer – Was wir von Jonathan, seinem Waffenträger – und einem tanzenden Mann lernen können

Foto von Benjamin Davies auf Unsplash

Mutige Menschen inspirieren. Sie bewegen, verändern, schreiben Geschichte. Doch was zeichnet echten Mut aus? Was braucht es um echt mutig zu sein? Im ersten Testament gibt es eine Geschichte die uns überraschendes über Mut erzählt.

In 1. Samuel 14 begegnen wir einer eindrücklichen Szene. Ja, eine Geschichte voller Gewalt. Wie mit solcher Gewalt im ersten Testament umgegangen werden kann, habe ich in einem anderen Blog behandelt. Hier möchte ich der Frage nachgehen, was uns die Geschichte über echten Mut in unserem Leben lernen kann. 

Der Text berichtet: Das Volk Israel steht den Philistern gegenüber. König Saul sitzt passiv unter einem Granatapfelbaum, umgeben von seinen Leuten – abwartend, zögerlich. Und während oben auf den Hügeln die gegnerischen Truppen stehen, geschieht etwas Unerwartetes.

Jonathan, Sauls Sohn, sagt zu seinem Waffenträger:
„Komm, wir wollen hinübergehen zum Posten dieser Unbeschnittenen. Vielleicht wird der HERR für uns handeln; denn für den HERRN gibt es kein Hindernis, durch viele oder durch wenige zu helfen.“ (1 Sam 14,6)

Jonathan wagt etwas. Er bricht auf. Er geht ein Risiko ein. Was lernen wir aus dieser Geschichte über echten Mut?

Naheliegend wäre, Saul und Jonathan gegeneinander auszuspielen: hier der passive König, dort der aktive Held. Saul als Beispiel für Mutlosigkeit, Jonathan als Vorbild für couragiertes Vorausgehen. Doch diese Deutung greift mir zu kurz. Zu einfach wäre es zu sagen: Echter Mut heisst, aktiv zu sein, mutig voranzugehen – und wer zögert, ist eben feige.

Für mich liegt die eigentliche Lektion an einer anderen Stelle. Sie zeigt sich in einer Figur, die namenlos bleibt und dadurch unscheinbar scheint: dem Waffenträger.

Als Jonathan seinen Plan offenlegt, antwortet dieser:

„Tu alles, was dir dein Herz eingibt. Geh nur! Siehe, ich bin mit dir, wie dein Herz es will.“ (1 Sam 14,7)

Was für ein Satz.

Der Waffenträger sagt nicht: „Ich warte mal ab.“
Er sagt nicht: „Lass uns zuerst die anderen fragen.“
Er sagt: Ich bin mit dir.

Hier wird für mich sichtbar, was echter Mut bedeutet. Nicht im mutigen Vorangehen Jonathans – sondern im mutigen Mitgehen des Waffenträgers.

Der Waffenträger und der „Dancing Guy“

Diese Szene erinnert mich an ein virales YouTube-Video namens „Leadership Lessons from a Dancing Guy“ auf Deutsch: Leiterschaftslektionen von einem tanzenden Typen.

In dem kurzen Clip sieht man einen Mann auf einer Wiese, der völlig allein wild tanzt. Er wirkt erst einmal … na ja: etwas verrückt. Niemand beachtet ihn. Doch dann passiert Entscheidendes: Eine zweite Person steht auf und beginnt mitzutanzen. Kurz darauf kommt eine dritte dazu. Dann eine vierte. Und plötzlich kippt etwas. Aus einem einzelnen Tänzer wird eine Bewegung. Innerhalb weniger Sekunden rennt eine ganze Gruppe los und tanzt mit. Die Stimmung eskaliert – fast das gesamte Festivalgelände tanzt.

Die zentrale Lektion dieses Videos ist nicht: Hab den Mut, der Erste zu sein. Die eigentliche Leadership-Lektion lautet: Der erste Follower ist entscheidend.

Der zweite Mensch – derjenige, der sich dazustellt – verwandelt eine einsame Aktion in etwas Gemeinschaftliches. Er macht aus einem einsamen, verrückten Tänzer einen Leiter. Die zweite Person signalisiert: Das hier ist okay. Da darf man mitmachen. Erst dadurch entsteht Dynamik. Erst dadurch wird Mut ansteckend.

Der Waffenträger ist genauso ein „First Follower“. Jonathan mag der Initiator gewesen sein. Aber ohne den Waffenträger wäre er einfach ein junger Mann geblieben, der allein auf einen feindlichen Posten zuläuft. Erst durch das „Ich bin mit dir“ wird aus Jonathans Wagnis etwas, das Geschichte schreibt.

Echter Mut braucht Unterstützerinnen und Unterstützer.

Echter Mut heisst manchmal: mitgehen

Wenn wir das ernst nehmen, verschiebt sich unser Blick auf Mut. Mut besteht nicht nur darin, vorne zu stehen, Neues zu initiieren, Risiken einzugehen. Mut zeigt sich genauso darin, jemandem beizustehen. Sich sichtbar dazuzustellen. Mitzutragen.

Ohne zweite, dritte und vierte Person bleibt vieles wirkungslos. Darum bedeutet für mich echter Mut unter anderem, Unterstützerin oder Unterstützer zu sein. Manchmal ist es echt mutig, andere in ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Entsprechend möchte ich offen dafür sein, Menschen in meinem Umfeld, die etwas Mutiges wagen, zu unterstützen. Nur so wird ihr Mut etwas bewegen.

… und manchmal heisst Mut: Unterstützung zu verweigern

Doch es gibt noch eine zweite Seite. Gerade weil wir nun wissen, wie mächtig die zweite, dritte und vierte Person sind, müssen wir uns auch der Verantwortung bewusst sein, die darin liegt. Denn dieselbe Dynamik, die Gutes in Bewegung setzt, kann auch Negatives verstärken.

Manchmal heisst echter Mut deshalb: nicht mitzumachen.

Manchmal müssen wir bewusst stehen bleiben und Unterstützung verweigern – damit eine destruktive Bewegung gar nicht erst entsteht. Damit jemand, der Unsinn anstiftet, eben das bleibt, was er ist: ein einzelner, verrückter Tänzer.

Wann ist es dran zu unterstützen – und wann muss diese Unterstützung verweigert werden?

Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten.

Was sich sagen lässt: Die Frage muss ich mir selbst stellen. Es geht nicht darum, sich darüber auszulassen, wo andere mutig sich einbringen oder widersetzen sollten. So kann ich schon der Meinung sein, dass Bundesrat Guy Parmelin am WEF dem amerikanischen Präsidenten entschiedener hätte entgegentreten sollen und seine Kollegin Karin Keller-Sutter hätte verteidigen müssen – und dabei so Anstand und Werte über eine günstige Zollvereinbarung stellen. Und ja, ich hätte es gefeiert, wenn Ignazio Cassis dabei als „zweiter Mann“ in diese mutige Kritik eingestimmt hätte.

Doch über solche Szenarien zu philosophieren, wo andere mutiger hätten sein sollen, ist das eine.

Das andere – und Wichtigere – ist, mich selbst zu fragen:

Wo bin ich dran, mutig zu sein? Und zeigt sich dieser Mut bei mir gerade darin, unterstützend mitzugehen? Oder darin, diese Unterstützung zu verweigern?

Das kann und soll nicht pauschal in einer Predigt entschieden werden. Das braucht den konkreten Blick auf den Einzelfall: auf den Kontext, auf die eigene Motivation, auf das, was Leben fördert – oder eben nicht.

Und dazu möchte ich uns Mut machen – echt mutig zu sein und durch unsere Unterstützung oder unseren Widerstand das Gute, das Leben in dieser Welt zu fördern. 

Amen.

Dieser Text basiert auf der Predigt vom 25. Januar in der Kirche Bühl. Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Kann Sprache die Realität verändern? Über die Kraft der Glaubensrede

Foto von Jason Leung auf Unsplash

Nichts ist ohne Sprache.
Sprache ist zentral.

Es gibt unzählige Sprachen auf der Welt – und nichts ist ohne Sprache.
Wenn ich den Sinn der Sprache nicht kenne, bin ich für den Sprecher ein Fremder, wie der Sprecher für mich.[1]


So schrieb Paulus an die Korinther.

Sprache macht die Welt benennbar.
Dadurch wird sie greifbar und real.
Dank der Sprache können wir uns in der Welt orientieren und miteinander kommunizieren.
Sprache erschliesst uns die Welt – und zugleich verschliesst sie sie auch.
Dort, wo ich den Sinn der Sprache nicht kenne, wird mir die Welt fremd – und ich ihr.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ [2]
So sagt es Wittgenstein.

Das gilt gerade auch für den Glauben.
Religion ist eine Sprache, die gelernt werden will.
Wer sie spricht, dem eröffnet sich eine neue Welt.
Religion und Sprache sind tief miteinander verbunden.
Religionen leben von Sprache.
Sie entstehen aus sprachmächtigen Gestalten und heiligen Schriften.
Religion wird wie Sprache vorgefunden.
Wir werden in sie hineingeboren, wir erlernen sie – und werden dadurch Teil unserer Kultur.

Zwei Funktionen von Sprache

Wie prägend Sprache für unser Denken ist, zeigte Ludwig Wittgenstein.
Seine erste Schrift, der Tractatus logico-philosophicus, war streng und klar.
Sprache hat eine Aufgabe.
Einen richtigen Gebrauch.
Sie beschreibt, was ist. Punkt.[3]
Mehr soll und kann Sprache nicht.
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Danach schwieg Wittgenstein –
um 25 Jahre später eine ganz neue Sicht auf Sprache zu entwickeln.
Er verwarf die Reduktion auf das blosse Beschreiben.
In den Philosophischen Untersuchungen zeigt er:
Sprache hängt vom Kontext ab – von der jeweiligen Tätigkeit oder Lebensform.
Sprache kennt viele Formen.
Sie spielt unterschiedliche Spiele. [4]
Die Anzahl von Sprachspielen bleibt bei Wittgenstein offen.

Die Sprachakttheorie von Austin und Searle unterscheidet zwei Funktionen:
propositional und illokutive.
Inhalt und Absicht. [5]  
Auch hier:
Sprache beschreibt die Wirklichkeit nicht nur.
Sie hat eine Absicht:
Sie greift schaffend in sie ein.

Es gibt zwei Sprachen in der Sprache.
Sprache kennt zwei Funktionen.
Die Erste ist die beschreibende der Logik und Empirie:

„Sprechen heisst dann: das Rätsel enträtseln, etwas definieren, abgrenzen.
Dieses Ding ist so und nicht anders: Wasser ist kein Dampf, kein Eis.
Hier ist nicht dort. Eins ist eins, zwei ist zwei, tot ist tot.“ [6]

Die Zweite ist mehrdeutig, doppelsinnig und paradox –
die Sprache der Bilder und Metaphern.
Sie weckt Vorstellungen.
Sie erschafft Gefühle, die sich dem rein Beschreibbaren entziehen.

Hier ist die religiöse Sprache zu Hause.
Sie bewirkt, was sie sagt.
Sie will nicht nur informieren – sie will transformieren.

2. Sprachformen in den Gleichnissen Jesu

Dieses Verständnis von Sprache ist nicht selbstverständlich.
Aber zentral.
Wem es fehlt, verfehlt die Absicht der Bibel.

Wir kommen aus der Moderne – dem Zeitalter der Vernunft.
Was zählt, ist der Logos.
Zu überwinden ist der Mythos.
Hinter den Bildern soll der eindeutige Begriff liegen.

So dachte man lange auch über die Gleichnisse Jesu.
Nach Adolf Jülicher (1857–1938) lassen sich Gleichnisse in einen Bild- und Sachanteil zerlegen. [7]
Jülicher folgte Aristoteles:
In einem Gleichnis werden Worte auf andere Worte übertragen –
„Achill, der Löwe.“
Ein Gleichnis wird richtig verstanden,
wenn man die Bildsprache auf die sachliche Ebene zurückführt.[8]
Es gilt, den wahren logischen Gehalt aus der Symbolhaftigkeit zu bergen.

Doch das stimmt nicht ganz.
Ein wichtiges Element der Metapher wird dabei übersehen.
In der Metapher wird nicht nur ein Wort in ein Bild übertragen –
das Bild verändert auch das Wort.
Ein neuer Textzusammenhang entsteht.
Ein neuer Sinn wird erschaffen.

Die Metapher wirkt in beide Richtungen:

„Nicht nur Achill ist wie der Löwe, sondern zugleich dieser auch wie Achill.“[9]

Die Metapher ist keine vereinfachte Darstellung eines Inhalts.
Sie ist ein sinnschöpfender Akt.
Sprache schafft und entdeckt neues Wissen.

So auch in den Gleichnissen Jesu.
Sie nehmen die alltäglichen Erfahrungen der Menschen auf
und lassen sie zum Gleichnis der Gottesherrschaft werden.
Der Acker wird zum Reich Gottes.
Die Ernte zum Gericht.
Der Alltag erscheint im neuen Licht.

Jesu Sprache lässt die Gottesherrschaft sichtbar werden –
hier und jetzt.
Sie macht das Göttliche präsent.

Wer nur die sachliche Ebene sucht,
verpasst diese schöpferische Kraft.
Der Mythos ist keine kindliche Vorstufe der Logik.
Religiöse Rede greift das Wirkliche auf
und lässt es in neuem Licht erscheinen.
Sie erschafft einen Realitätsüberschuss –
und lässt den Hörer eine göttliche Wirklichkeit entdecken.

Persönliches Fazit

Diese Sicht zeigt die besondere Kraft religiöser Sprache.
Glaubenssprache ist kein naiver Rest aus alten Zeiten.
Sie ist Urkraft.
Sie erschafft.

Peter Sloterdijk nennt das Theopoesie.[10]
Theopoesie betont die empfundene Wirklichkeit des Menschen,
sich selbst zu überschreiten.
Sprache verselbständigt sich.
„Es“ beginnt im Menschen zu reden –
über die Dinge, die ihn selbst übersteigen.
Das ist die Seite der Sprache,
die den Himmel zum Klingen bringt.

Diese Sprache ist kraftvoll –
für das Gute
und das Böse.

Gottesdienst, Konfirmandenunterricht und Theologiestudium vermitteln diese Sprache.
Die Kirche schult uns darin.
Und ihre Tragweite ist gross.

Darum suche ich nach Glaubenssprache –
in und für die heutige Zeit.
Dabei sind mir Gedichte wichtig.

Im Dichten erfahre ich die Macht der Sprache –
und ihre Ohnmacht.
Oft bleibt das rechte Wort aus.
Dichten ist Scheitern.
Ein Ringen, das oft im Schweigen endet.

Beim Schreiben spüre ich:
Die poetische, metaphorische Sprache steht an der Grenze des Sagbaren.
Vom Göttlichen zu sprechen, muss einem geschenkt werden.
Der Überschuss der Wirklichkeit lässt sich nicht in Worte zwingen –
sondern nur stammelnd ertasten.


[1] 1. Korinther 14, 10f

[2] Wittgenstein, Tractatus (19685): 89.

[3] Vgl. Wittgenstein, Tractatus (19685): 115. Unter Punkt 6.53 beschränkt Wittgenstein die Aufgabe der Philosophie dahingehend; „Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft“. Und unter Punkt 7 kommt er darauf aufbauend zu seinem berühmten Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.

[4] Vgl. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (1984): PU 23.

[5] Vgl. Arns, Religiöse Sprache (2009): 43.

[6] Oosterhuis, Die zweite Sprache (1994): 242f.

[7] Vgl. Grötzinger, Reden von und über Gott (2017): 95f.

[8] Dem widerspricht Bloomberg. Er geht davon aus, dass das metaphorisch Gesagte nicht ohne inhaltlichen Verlust in begriffliche Sprach übertragen werden kann. Vgl. Ebd.: 99.

[9] Ebd.: 100f.

[10] Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen (2020): 76.

Dieser Text basiert auf einer Seminararbeit zum Thema „Religiöse Kommunikation – Erkundungen an den Grenzen von Theologie und Literatur“ vom 16. Januar 2021. Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Was, wenn das Pendel zurückschlägt?

Foto von Edward Cisneros auf Unsplash

Punkto Glaube und Kirche bewegt sich etwas in der Gesellschaft. Die aktuellen Meldungen sind bemerkenswert: Junge Menschen zeigen vermehrt Interesse am christlichen Glauben und an der Kirche. So liessen sich etwa in der Osternacht 2025 in Frankreich rund 18’000 Menschen in der katholischen Kirche taufen[1], in Grossbritannien berichten Medien über stark steigende Bibelverkäufe[2], und in Schweden wird gar von Jesus Christus als „einflussreichstem Influencer“ gesprochen.[3]

Auch hier in Zürich höre ich von Pfarrkolleginnen und -kollegen, dass sich Jugendliche für den Glauben interessieren. Selbst erlebe ich, wie sich einzelne Jugendliche eigenständig für den Konfirmationsunterricht anmelden oder sich nach der Erwachsenentaufe erkundigen.

Als Pfarrer freue ich mich über diese Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube eine wichtige Ressource für ein gelingendes Leben und eine gesunde Gesellschaft ist. Entsprechend begrüsse ich ein wachsendes Interesse junger Leute an dieser Quelle des Lebens.

Gleichzeitig sehe ich in dieser Entwicklung auch eine Gefahr. Ich frage mich, ob die Kirche und religiöse Gemeinschaften gut damit umgehen werden. Falls nicht, befürchte ich, dass das Pendel bald wieder zurückschlägt. Was meine ich damit?

Warum jetzt dieses Interesse?

Suchen wir zuerst nach Erklärungen für dieses neue Religionsinteresse. Folgende These erscheint mir plausibel: Wir leben in Zeiten grosser Freiheit. In der Postmoderne findet das Ideal, sich von allem zu lösen – Normen, Traditionen, Autoritäten – seinen Höhepunkt. „Richtig“ ist, was ich für mich als stimmig definiere. Diese Freiheit birgt enorme Chancen: individuelle Selbstbestimmung, Kreativität, Vielfalt. Besonders dann erlebe ich sie als bereichernd, wenn ich mich von strikten Regeln, Traditionen und Vorgaben emanzipieren kann. Ein anderes Gefühl weckt diese Freiheit jedoch, wenn ich auf einer „leeren Wiese“ mit ihr konfrontiert werde. Wenn ich nichts als diese Freiheit kenne, kann ich sie als belastend erleben: Entscheidungsdruck, Orientierungslosigkeit, Sinnleere.

Der Psychologe Barry Schwartz bezeichnet dies als Paradox of Choice: Wenn ich zu viele Möglichkeiten habe, wächst die Angst, mich falsch zu entscheiden. Wahlmöglichkeit wird zur Überforderung – die Freiheit zur Last.

In einer solchen Lage fragen viele Jugendliche: „Kann mir nicht etwas oder jemand Orientierung schenken? Wer hilft mir, mich zu entscheiden? Gibt es Werte, die mir sicher zeigen, was richtig und was falsch ist?“
Für solche Fragen haben Kirche und Religion definitiv Antworten parat: Gemeinschaft, Geschichte, Verbindlichkeit, Orientierung. Kein Wunder, dass insbesondere traditionelle Formen mit klaren Strukturen und Ritualen – wie die katholische Kirche – derzeit besonders an Attraktivität gewinnen: Sie stehen nicht nur für Freiheit, sondern auch für Halt und Klarheit.

Der christliche Glaube bietet kein zeitloses Wertesystem

Das steigende Interesse an Religion könnte also so erklärt werden: In Zeiten von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und gesellschaftlichen Umbrüchen sehnen sich viele nach klaren Regeln und festen Werten. Sie schenken Stabilität, Sicherheit und Halt – und sie können die Angst lindern, die mit der Freiheit eigener Entscheidungen einhergeht. Denn Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Und Verantwortung kann überfordern.

Wie gehen wir nun als Kirche und als Christinnen und Christen mit dieser Sehnsucht um? Es gibt Stimmen, die sagen: Endlich findet die Jugend zurück zur Wahrheit. Endlich wird erkannt, dass die wichtigen Dinge nicht individuell wählbar sind und schon gar nicht von unseren Gefühlen und Vorlieben abhängen. Es gibt zeitlose Wahrheiten, die immer und für alle gelten.[4]

Tatsächlich – manches ist universell gültig. Das Schachspiel funktioniert seit Jahrhunderten nach denselben Regeln, und der Satz des Pythagoras bleibt wahr, egal in welcher Epoche oder Kultur. Diese Ordnung hat etwas Tröstliches: Sie vermittelt Verlässlichkeit.

Doch der christliche Glaube ist keine mathematische Formel und kein magisches Regelwerk, das man nur auswendig lernen müsste, um das Leben zu „lösen“. Der christliche Glaube bietet kein zeitloses Wertesystem. Der Kern des Glaubens ist Beziehung – zu Gott, zu mir selbst, zu anderen Menschen. Und Beziehungen sind nicht statisch und sie sind nicht delegierbar. Ich kann nicht für jemand anderen Ehe oder Freundschaft leben, und genauso kann ich nicht für andere beten, glauben oder ethische Entscheidungen treffen. Beziehung braucht persönliche Auseinandersetzung, Zustimmung, Emotion und Beteiligung. Wer glaubt, kann nicht einfach übernehmen – er muss sich selbst auf seinen Glaubensweg machen.

Gerade darin liegt die Spannung: In einer Zeit, in der wir es gewohnt sind zu konsumieren – Produkte, Meinungen, auch Sinnangebote –, kann man leicht in die Versuchung geraten, auch Glauben zu konsumieren. Man nimmt ihn an, weil er Sicherheit verspricht. Regeln und Werte geben Orientierung – und sie entlasten, weil ich nicht ständig neu entscheiden muss.

Doch genau das kann gefährlich werden, wenn dieser Schritt zu schnell oder zu unreflektiert geschieht. Wer sich an klare Strukturen klammert, um die Last der Freiheit loszuwerden, läuft Gefahr, die Inhalte nur äusserlich zu übernehmen. Ich kann Regeln befolgen, ohne sie innerlich verstanden zu haben. Ich kann Mitglied einer Gemeinschaft sein, ohne ihre zentralen Überzeugungen persönlich nachzuvollziehen. Ich kann glauben, ohne je gefragt zu haben: Warum eigentlich?

Wer Regeln übernimmt, ohne ihr Warum zu kennen, macht sie leicht zum Selbstzweck. Dann wird die Regel zum Ziel – statt zum Werkzeug. Gute Regeln haben aber immer einen Sinn. Eine rote Ampel ist kein Selbstzweck – sie ist da, damit ich nicht überfahren werde. Wenn jedoch eine rote Ampel an einer Strasse steht, auf der nie ein Auto vorbeifährt, macht es irgendwann keinen Sinn mehr, sie zu beachten.

So ist es auch im Glauben: Wenn ich nicht investiere, den Sinn und Zweck hinter Werten, Geboten und Traditionen zu verstehen, bleiben sie leer. Früher oder später – spätestens bei der nächsten Generation – wird die Frage auftauchen: Wozu eigentlich? Und wenn es hier keinen Raum zum Hinterfragen und zur Selbstreflektion gibt, werden Regeln nicht mehr als Orientierung erlebt, sondern erneut als Gefängnis, aus dem es gilt, auszubrechen.

Darum braucht es die persönliche Auseinandersetzung: das eigene Warum. Nur wer versteht, kann auch tragen. Nur wer Sinn erkennt, kann Regeln mit Überzeugung leben. Und nur wer selbst Verantwortung übernimmt, wird Freiheit nicht als Last, sondern als Geschenk erfahren.

Die Versuchung der Kirche

Der Prophet Jeremia beschreibt in Kapitel 31 einen neuen Bund, den Gott mit den Menschen schliesst. Dieser Bund unterscheidet sich grundlegend vom alten: Das Gesetz wird nicht mehr von aussen vermittelt, nicht mehr über Mittler wie Mose, sondern direkt ins Herz der Menschen geschrieben. Es ist ein innerer, persönlicher Überzeugung – kein System, das man einfach übernehmen kann, sondern eine Beziehung, die wächst.

Gerade hier liegt für die Kirche – und besonders für uns als geistlich Verantwortliche – eine grosse Herausforderung. Wenn junge Menschen heute wieder nach Sinn, Glauben und Orientierung fragen, ist die Versuchung gross, ihnen wie Mose entgegenzutreten: „Komm zu mir – ich sage dir, was richtig und falsch ist. Ich nehme dir die Last der Entscheidung ab. Folge meinen Regeln, dann findest du Ruhe für deine Seele.“
Das klingt fürsorglich, ist aber gefährlich. Denn wer anderen ihre Verantwortung abnimmt, nimmt ihnen zugleich die Möglichkeit, den Glauben zu verinnerlichen.

So entsteht kein lebendiger, tragender Glaube, sondern ein gelernter, äusserlicher. Ein Glaube, der so lange hält, wie die Autorität stark bleibt – und der bricht, sobald sie hinterfragt wird. Das Pendel schlägt dann unweigerlich zurück. Menschen übernehmen Regeln, die nicht ihre eigenen sind, und verlieren irgendwann das Interesse.

Der neue Bund, von dem Jeremia spricht, ist jedoch von anderer Qualität. Hier wird das Gesetz ins Herz geschrieben – also in die Mitte der Persönlichkeit, dort, wo Verstand, Gefühl und Wille zusammenkommen. Glaube wird nicht mehr auferlegt, sondern eingeübt. Er wird Teil des Lebens, innerlich verankert, erfahrbar.

Ein gutes Bild dafür ist die Musik: Wer ein Instrument lernt, übt zunächst mühsam die Regeln – Noten, Tonleitern, Griffe. Doch mit der Zeit werden diese Regeln verinnerlicht. Irgendwann spielt man frei, improvisiert, und die Musik wird Ausdruck des eigenen Inneren. Nicht, weil man die Regeln vergessen hätte, sondern weil man sie verstanden und in Fleisch und Blut überführt hat.

So ähnlich ist es auch mit dem Glauben. Wer lernt, im Dialog mit Gott zu leben – in der Auseinandersetzung mit der Bibel, im Gebet, in der Gemeinschaft –, entdeckt nach und nach, wie Freiheit und Orientierung zusammengehören. Nicht als Gegensätze, sondern als Spannungsfeld, in dem sich reifer Glaube bewegt.

Mein persönliches Fazit

Ich wünsche mir, dass wir als Kirche junge Menschen auf genau diesen Weg mitnehmen – nicht, indem wir ihnen die Last der Freiheit abnehmen, sondern indem wir sie begleiten, die Freiheit, ihr Leben und ihren Glauben verantwortlich zu gestalten. Wir können ihnen helfen, Wege zu finden, wie sie selbständig, reflektiert und ehrlich glauben lernen.

Dieser Weg befreit nicht von der Last der Freiheit. Aber er zeigt, dass Freiheit und Glaube sich nicht ausschliessen. Im Gegenteil: Der Glaube befreit dazu, diese Freiheit bewusst zu leben.

Darin liegen die Schönheit und die Herausforderung des christlichen Glaubens: dass Gott nicht Kontrolle sucht, sondern Beziehung. Und dass er uns zutraut, mit ihm im Gespräch zu bleiben – mit Kopf, Herz und Händen.

Ich glaube, wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit. Denn dieser Glaube – ein persönlicher, verantworteter, freier Glaube – ist vielleicht gefragter als je zuvor.


[1] https://cathnews.com/2025/04/14/france-to-see-a-record-17800-catechumens-baptised-at-easter/

[2] https://www.e-n.org.uk/uk-news/2025-04-bible-sales-soar-in-the-uk

[3] https://www.citychurch.ee/will-jesus-be-swedens-most-popular-influencer-in-2025/

[4] Mit dieser Sichtweise argumentierte Johannes Hartl an der ICF-Konferenz 2025. Der vorliegende Blogbeitrag versteht sich als reflektierte und kritische Weiterführung seiner Überlegungen. Sein Vortrag ist hier zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=l5EE2J5fBik

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.