Wie viel Meinungsfreiheit brauchen wir? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Redefreiheit

Einige sehen die Meinungsfreiheit in Europa in Gefahr. Interessanterweise sind es gerade konservative Kräfte, die sich aktuell eingeschränkt fühlen und manches als ungerechtfertigte Zensur empfinden. Unvergessen bleibt die letztjährige Kritik von J. D. Vance an Europa in puncto Meinungsfreiheit auf der Sicherheitskonferenz in München. Auch gewisse Christinnen und Christen sehen es als ihre fromme Pflicht, gegen die angeblich schwindende Meinungsfreiheit in Europa aufzubegehren. Dass dies aus christlicher Perspektive ein neueres und eigentlich untypisches Anliegen ist, dazu später mehr.

Der Anspruch auf Meinungsfreiheit ist ein Stellvertreterkonflikt

Betrachten wir zuerst den Anspruch auf Meinungsfreiheit. Ich sehe diesen kritisch bzw. als unrealistisch an. Eine absolute Meinungsfreiheit kann es gar nicht geben. Diese müsste auch Reden schützen, die ihre eigene Abschaffung fordern.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist ein vorgeschobenes Argument, welches den eigentlichen Kern des Konflikts verfehlt. Es wird eine Diskussion um Prinzipien angestossen, wobei es eigentlich um Machtkonflikte geht. Denn Redefreiheit wird meist dann eingefordert, wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die Meinungsfreiheit sehe ich daher nicht in Gefahr. Vielmehr haben sich die Grenzen des Sagbaren und Unsagbaren in unserer Gesellschaft verschoben, sodass sich nun neue Gruppen in ihrer Redefreiheit mit Kritik konfrontiert sehen, die es so früher nicht gab.

Solche Veränderungen empfinde ich als normal und gesund. Jede Gesellschaft definiert, was sagbar ist und was nicht gesagt werden darf oder soll. Diese Unterscheidung ist keine Unterbindung der Freiheit, sondern Ausdruck vorherrschender Werte. Sie zeigt, was als schützenswert gilt, wo Verletzungen beginnen und welche historischen Erfahrungen nicht relativiert werden dürfen. Und am wichtigsten: Sie zeigt, wer aktuell über die Macht in einer Gesellschaft verfügt, den Sprachdiskurs zu prägen, und wessen Einfluss hier ins Hintertreffen gerät.

Exemplarisch illustriert dies der schwindende Einfluss des Christentums in der Gesellschaft.

Die Bibel ist keine Verteidigerin von Redefreiheit

Die Bibel selbst ist keine gute Begründung für uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Sie kennt klare Grenzen der Rede. Im Alten Testament gilt Gotteslästerung nicht als legitime Meinungsäusserung, sondern als schwerer Verstoss gegen die Ordnung des Gemeinwesens (Lev 24). Sprache, besonders die Rede über Gott, ist hier keine Privatsache, sondern eine öffentliche Handlung mit Konsequenzen.

Im Neuen Testament verschiebt sich der Akzent, aber nicht das Prinzip. Jesus erklärt, dass nicht das Äussere, sondern das, „was aus dem Mund kommt“, den Menschen verunreinigt (Mt 15,11). Der Jakobusbrief spricht drastisch von der Zunge als einem kleinen Glied mit zerstörerischer Macht. Und Paulus fordert eine Rede, die „aufbaut“ und nicht verletzt (Eph 4,29). Hier wird also keine Meinungsfreiheit propagiert. Im Wissen um die Kraft der Sprache werden Gläubige ermutigt, ihre Rede freiwillig und bewusst zu zensieren: «Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.» (Epheser 4,29)

Die biblische Tradition verteidigt also keine unbeschränkte Rede, sondern verantwortete Rede. Und als die Kirche dies noch konnte, forderte sie dies auch im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein. Dies zeigt der Ursprung des Begriffes der Zensur: Dieser bezeichnet die Kontrolle von Äusserungen und Publikationen, um sie an Normen und Wertevorstellungen auszurichten. Historisch wurde Zensur zunächst von kirchlichen Autoritäten definiert, bevor moderne Staaten Zensur als staatliche Funktion übernahmen.

Die eigentliche Frage: Wer hat die Macht über Sprache?

Damit sind wir beim Kern der Debatte: Zensur ist nicht einfach eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sie ist Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft schützen will – und davon, wer die Macht besitzt, diese Ansprüche durchzusetzen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sondern: Wer definiert die Grenzen des Sagbaren – und auf welcher Grundlage.

Historisch hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg erhebliche Macht über Sprache. Sie definierte, was als gotteslästerlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich galt. Sie entschied, welche Worte gesagt, welche Texte gelesen und welche Gedanken öffentlich geäussert werden durften.

Diese Macht hat die Kirche heute nicht mehr. Auch staatliche Institutionen, Gerichte und staatliche Medien verlieren hier Einfluss. Vermehrt bestimmen soziale und digitale Netzwerke sowie gesellschaftliche Mehrheiten die sprachlichen Spielregeln. Das ist eine tiefgreifende Machtverschiebung, die durchaus schmerzlich und auch problematisch sein kann.

Die unbequeme Frage nach der kirchlichen Glaubwürdigkeit

Umso auffälliger und fragwürdiger ist es, wenn vermeintlich christliche Stimmen heute mit grosser Vehemenz die Meinungsfreiheit verteidigen. Das wirkt nicht selten heuchlerisch.

Wo waren diese Stimmen, als christliche Tabus sprachlich gebrochen wurden? Als satirische oder künstlerische Darstellungen Jesu Proteste auslösten? Als Theaterstücke wie Corpus Christi oder popkulturelle Provokationen als Blasphemie verurteilt wurden? Als Karikaturen, Filme oder Performances kirchliche Empörung hervorriefen und Verbote gefordert wurden?

Versteht mich nicht falsch – ich finde es auch problematisch, wenn etwa Schweizer Politikerinnen unreflektiert auf Jesusfiguren schiessen; ich bin aber auch kein Verfechter uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Vielmehr glaube ich, dass eine gute Zensur wesentlich ist für eine gesunde Gesellschaft. 

Was aus meiner Sicht heuchlerisch ist, ist, sich dann für Meinungsfreiheit einzusetzen, wenn die eigene Meinung zensiert wird. Und genau hier treiben Leute wie Vance ein falsches Spiel. Denn, sobald sie können, setzen sie sich nicht für Meinungsfreiheit ein, sondern treiben die eigene Zensur voran. Oder was genau hat der Golf von Amerika mit Meinungsfreiheit zu tun?!

Eine Einladung zum ehrlichen Diskurs

Darum ist es mir ein Anliegen, dass wir nicht über Meinungsfreiheit streiten, sondern einen Diskurs darüber führen, wer und was unsere Sprache definiert. Ich glaube, hier liegt der eigentliche Kern und die Chance dieses Disputs. Wenn wir erkennen, dass es um die Hoheit über die Sprache geht, können wir die wesentlichen Fragen stellen: Was soll in unserer Gesellschaft unsagbar sein – und warum? Wer entscheidet darüber? Und wie können wir einen transparenten, demokratischen und lernfähigen Diskurs über das Sagbare und Unsagbare führen?

Dabei scheint mir eines besonders wichtig: Die Frage, wie wir sprechen, ist oft entscheidender als die Frage, was wir sagen. Eine Sprache, die differenziert, respektvoll und dialogfähig bleibt, schützt mehr Freiheit als jede Tabuisierung von Themen oder schrille Berufung auf absolute Freiheitsrechte.

Christlicher Glaube könnte hier einen Beitrag leisten – nicht als moralische Instanz vergangener Macht, sondern als Übung in verantworteter Rede. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Aber alles, was gesagt wird, sollte in Liebe gesagt werden.

Vielleicht beginnt Meinungsfreiheit genau dort: nicht im Recht auf jedes Wort, sondern in der Bereitschaft zum gemeinsamen Ringen um eine Sprache, die Leben ermöglicht und Liebe fördert.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

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