Stell dir vor, du bist so um die vierzig Jahre alt. Du sitzt an einem Hotelpool irgendwo am Mittelmeer. Die Sonne scheint. Das Wasser glitzert. Die Menschen um dich herum sind entspannt. Eigentlich solltest du glücklich sein.
Neben dir sitzt deine Partnerin oder dein Partner. Ihr seid seit Jahren zusammen. Ihr streitet selten. Nach aussen wirkt eure Beziehung stabil.
In drei Tagen fliegst du zurück nach Hause. Dort wartet dein Job auf dich. Ein Job, der vernünftig ist. Er entspricht der gängigen Karriere in diesem Bereich. Er bezahlt die Rechnungen. Er bietet Sicherheit. Viele Menschen wären damit zufrieden.
Genauso diese Ferien. Freunde haben dir davon vorgeschwärmt. Hier verbringt man seine Zeit. Es ist ein Urlaub, von dem man erzählen kann. Der andere beeindruckt.
Eigentlich solltest du glücklich sein. Aber du bist es nicht. Denn du realisierst: In dieser Partnerschaft bin ich nur, weil dies von mir erwartet wird. Mein Job war die logische Folge nach dem Studium, das ich gewählt habe, weil dies der Wunsch meiner Eltern war. Und in diesen Ferien bin ich nur, um bei der Arbeit davon zu erzählen.
Und du fragst dich: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Was für ein Leben lebe ich eigentlich? Irgendwie stecke ich fest. An einem Ort, an dem ich eigentlich nicht sein will, in einem Leben, das ich nie so gewählt habe.
Mit solch einem Gefühl bist du nicht allein. Es kann sich dann einstellen, wenn wir zu lange in einer Lebensphase verharren. Das muss nicht so sein. Aber wenn du jetzt eine Lebensanleitung oder ein Rezept erwartest, muss ich dich enttäuschen. Der Weg in ein erfülltes Leben hat mehr mit Hinhören zu tun, als starre Regeln zu befolgen. Was meine ich damit?
Die meisten Menschen stellen sich ihr Leben wie eine gerade Linie vor. Schule, Ausbildung, Beruf, Familie, Karriere, Pensionierung. Schritt für Schritt vorwärts. In der Realität verläuft das Leben selten so geordnet. Manche Menschen werden mit vierzig plötzlich von der Frage eingeholt, ob sie überhaupt ihr eigenes Leben leben. Andere bleiben noch mit sechzig auf der Suche nach sich selbst. Wieder andere haben schon früh Verantwortung übernommen und fragen sich später, ob sie dabei etwas Wesentliches verpasst haben.
Entsprechend berichten uns die Geschichten der Bibel auch nicht von gradlinigen Biographien. Die Bibel arbeitet viel häufiger mit Bildern von Wegen, Scheitern und Lebensphasen, wie etwa Jahreszeiten. Im Hohelied heisst es etwa: „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen.“ Was wäre, wenn wir uns unser Leben in Phasen, in Jahreszeiten vorstellen? Was bedeutet es, im Frühling des Lebens zu sein und aufzubrechen in den Sommer?
Frühling: Die Kunst des Lernens
Der Frühling steht für Wachstum. Alles erwacht zum Leben, spriesst und blüht.
Als Mensch wachsen wir durch Kopieren. Bei der Sprache und den motorischen Fähigkeiten ist uns dies sehr bewusst. Als Kinder lernen wir Reden und Laufen durch Nachahmung. Doch auch Verhaltensweisen, Werte und Vorstellungen übernehmen wir so von den Menschen um uns herum.
Gerade als Jugendliche orientieren wir uns entsprechend stark an Vorbildern. Wir lernen von den Eltern, Lehrpersonen und immer mehr von Freunden und Influencern, wie man sich in unserer Gesellschaft benimmt. Was braucht es, um dazuzugehören? Wie muss ich mich verhalten, um beliebt und erfolgreich zu sein?
So hilfreich dieses Nachahmen zu Beginn ist, so problematisch wird es, wenn wir diese Phase nie hinter uns lassen. Wer sich immer nur an anderen orientiert, kann mit vierzig unglücklich am Pool enden.
Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, Erwartungen zu erfüllen. Sie wählen einen Beruf, weil andere ihn für sinnvoll halten. Sie übernehmen politische oder religiöse Überzeugungen, ohne sie jemals zu hinterfragen. Gerade in religiösen Fragen kommen viele nie über diese Phase hinaus. Man ist gläubig oder eben nicht religiös, weil dies dem eigenen Umfeld entspricht.
Im Frühling des Lebens wird Erfolg darüber definiert, was Anerkennung bringt. Von aussen betrachtet kann ein solches Leben sehr erfolgreich aussehen. Doch irgendwann taucht eine unangenehme Frage auf: Lebe ich eigentlich mein eigenes Leben?
Wer dauerhaft im Frühling bleibt, entwickelt zwar Anpassungsfähigkeit, aber keine eigene Stimme. Deshalb gehört zum Erwachsenwerden mehr als Lernen. Irgendwann muss aus Übernahme Eigenverantwortung werden.
Sommer: Die Kunst des Suchens
Der Sommer ist die Zeit der Entfaltung. Alles wächst und trägt seine volle Pracht. Im Leben ist dies die Phase des jungen Erwachsenseins. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Die Welt steht offen. Genau deshalb ist diese Lebensphase so spannend und zugleich so herausfordernd.
Viele Ratschläge unserer Zeit lassen sich auf einen Satz reduzieren: „Du musst einfach deinen eigenen Weg finden.“ In dieser Lebensphase ist dies ein passendes Mantra. Es ist die Zeit der Loslösung – nicht nur vom Elternhaus, sondern von übernommenen Lebensentwürfen. Es geht darum, zu finden, was wirklich dein eigener Weg ist. Dinge zu tun, nicht nur weil sie erwartet werden oder Erfolg versprechen. Sondern weil du spürst: Das muss ich tun, hier führt mein Weg mich durchs Leben.
Das braucht Mut. Und genau dies ist einer der häufigsten Zusprüche Gottes in der Bibel: Sei mutig! Fürchte dich nicht. Die biblische Geschichte zeigt: Gott begleitet dich auf neuen Wegen, auch wenn deine Reise für andere ungewohnt ist.
Dabei verläuft nicht immer alles wie geplant. Fehler sind kein Betriebsunfall. Sie gehören dazu. Viele junge Erwachsene fürchten sich vor Entscheidungen, weil sie denken, sich durch Fehlentscheidungen die Zukunft zu verbauen. Es stimmt nicht, dass man keine Fehler machen darf, wenn man erfolgreich sein will. Im Gegenteil, erfüllte Menschen machen Fehler und lernen daraus.
Falsche Entscheidungen gehören dazu. Sie sind nicht das Ende. Vergebung ist hier eine zentrale christliche Botschaft. Sie ist kein Freibrief für konsequenzloses Handeln, sondern eine Befreiung, sich nicht von Fehlern definieren zu lassen, sondern daraus zu lernen und sie nicht mehr zu machen. Vergebung heisst, dass Fehler nicht die Macht bekommen, unsere Identität zu bestimmen. Diese Haltung schafft Freiheit. Freiheit zu lernen. Freiheit zu wachsen. Freiheit, Neues zu wagen.
Doch auch der längste Sommer kommt zu seinem Ende. Wer immer nur sucht, findet nie. Manche Menschen verbringen Jahrzehnte damit, sich alle Optionen offen zu halten. Sie springen von Projekt zu Projekt, von Beziehung zu Beziehung oder von Idee zu Idee. Sie wollen sich nicht festlegen, weil jede Entscheidung andere Möglichkeiten ausschliesst. Doch genau darin liegt das Problem. Ein Leben, das immer nur der nächsten Möglichkeit nachjagt, bleibt oft erstaunlich oberflächlich. Die Freunde, die sich mit weit über vierzig noch immer jedes Wochenende abschiessen und auf jeder Party dem nächsten kurzen Rock hinterherspringen, illustrieren dies. Irgendwann braucht Wachstum Wurzeln.
Herbst: Die Kunst der Begrenzung
Den Herbst verbinden viele mit Verlust. Die Blätter fallen. Die Tage werden dunkler. Dabei entsteht gerade im Herbst etwas Entscheidendes. Die Bäume hören auf zu wachsen und konzentrieren ihre Energie auf die Früchte.
Ähnliches geschieht auch im Leben. Mit zunehmender Erfahrung wird klar: Wir können nicht alles gleichzeitig sein. Wir haben nur begrenzt Zeit, begrenzte Energie und begrenzte Aufmerksamkeit.
Hier tritt die Frage „Was könnte ich alles machen?“ in den Hintergrund. Wichtiger wird: „Wofür möchte ich mein Leben einsetzen?“
Wer seine Grenzen akzeptiert, kann beginnen, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Der Schriftsteller Charles Bukowski formulierte es so: „Finde, was du liebst, und lass es dich töten.“ In diesem harschen Zitat steckt die Aufforderung, unser Leben auf eine Sache zu konzentrieren und dafür all unsere Energie aufzuwenden.
Vielleicht ist das einer der grössten Unterschiede zwischen Jugend und Reife. Jugend fragt: Welche Türen stehen mir offen? Reife fragt: Welche Türen sind es wert, dass ich hindurchgehe?
Das gilt für Beziehungen genauso wie für Arbeit, Freundschaften oder Engagement. Eine gute Ehe lebt nicht davon, dass zwei Menschen permanent überlegen, ob es irgendwo noch eine bessere Option gäbe. Sie lebt davon, dass zwei Menschen lernen, füreinander der richtige Partner zu werden.
Dasselbe gilt für Berufungen. Irgendwann geht es weniger darum, den perfekten Platz zu finden, sondern den Platz, an dem man steht, gut zu gestalten, voll und ganz auszufüllen.
Doch auch die Fokussierung, die Konzentration des Herbstes kommt zu ihrem Ende. Beziehungsweise birgt auch diese Lebensphase ihre Gefahr, wenn wir zu lange in ihr verharren. Wer gelernt hat festzuhalten, muss irgendwann wieder lernen loszulassen.
Winter: Die Kunst des Loslassens
Der Winter ist wahrscheinlich die am meisten unterschätzte Jahreszeit.
In unserer Kultur und Gesellschaft sind seine Attribute mehr als negativ behaftet: Stillstand. Verlust. Alter. Schwäche. Ende.
Deshalb versuchen viele Menschen, den Winter möglichst lange hinauszuzögern. Wir leben in einer Zeit, in der alle jugendlich sein wollen. Auch die Alten. Wir kämpfen gegen das Älterwerden. Gegen das unausweichliche Ende, den Tod. Doch gerade darum, um gut sterben zu können, geht es in dieser letzten Lebensphase, dem Winter. Es gilt loszulassen, unsere Rollen, unseren Einfluss und unsere Kontrolle gehen zu lassen. Dies kann Angst auslösen, insbesondere die Angst vor Bedeutungslosigkeit.
Hier hilft uns der Blick in die Natur. Im Winter stirbt nicht einfach alles. Der Winter schafft Raum für Neues. Das alte Blatt muss fallen, damit im Frühling Neues wachsen kann. Darin liegt eine besondere Weisheit und Chance des hohen Alters: zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie unersetzlich man sich macht.
Der Sinn eines Lebens besteht nicht nur darin, alles festzuhalten, sondern zur rechten Zeit die Dinge weiterzugeben. Erfahrungen weiterzugeben. Verantwortung weiterzugeben. Wissen weiterzugeben. Ressourcen weiterzugeben. Liebe weiterzugeben. Das heisst für mich, gut alt zu werden: den Mut zu entwickeln, Platz für andere zu machen. Und vielleicht ist genau das die letzte Form von Fruchtbarkeit.
Warum Selbstoptimierung allein nicht reicht
Sicher ist dies eine verkürzte Sicht auf die Vielfältigkeit des Lebens. Das Leben ist komplexer und vielschichtiger und läuft nie genau nach diesen Phasen ab. Was ich trotz dieser Vereinfachung an dieser Perspektive spannend finde, ist Folgendes:
Viele Selfhelp-Ratgeber gehen davon aus, dass das Leben ein Problem ist, das gelöst werden muss. Wenn du nur die richtige Strategie findest, die richtigen Gewohnheiten etablierst oder die richtige Methode anwendest, wirst du erfolgreich und erfüllt leben. Oft begegnet mir dieselbe Einstellung im christlichen Gewand: Die Bibel ist eine Bedienungsanleitung. Du musst sie nur richtig befolgen, und alles funktioniert wie geschmiert.
Das Leben in Jahreszeiten zu betrachten zeigt: Die Realität ist komplizierter. Jede Lebensphase stellt andere Fragen. Die Stärke in der einen Phase kann zugleich zur Herausforderung für den Übergang in die nächste werden. Was im Frühling beim Lernen hilfreich ist, kann später den eigenen Findungsprozess behindern. Nachahmen hilft beim Lernen, muss aber ins eigene Finden übergehen. Der Sommer eröffnet viele Möglichkeiten, kann am Ende jedoch die notwendige Fokussierung erschweren. Die Konzentration des Herbstes bringt Klarheit, macht es aber unter Umständen schwer, später wieder loszulassen. Im Winter wird das Loslassen zur letzten Form der Verantwortung für die Nachfolgenden. Am Ende gilt es, auch diese Verantwortung gehen zu lassen.
Es gibt keine zeitlose Formel für ein gelungenes Leben. Genau deshalb versteht das Christentum Glauben nicht primär als Regelwerk. Die Bibel erzählt von einem Gott, der Menschen begleitet. Nicht mit einem fertigen Drehbuch. Nicht mit einer allgemeinen Betriebsanleitung. Sondern in einer lebendigen Beziehung. Im Buch der Sprüche heisst es: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg.“ Bemerkenswert ist, dass dort nicht steht: Ich gebe dir alle Antworten. Sondern: Ich begleite dich auf dem Weg.
Glaube kann so als Begleitung verstanden werden, die in jeder Phase neu Orientierung gibt, ohne den Weg festzuschreiben. So gesehen könnte Kirche ein Ort sein, an dem unterschiedliche Lebenszeiten Platz haben und Menschen einander auf ihrem je eigenen Lebensweg und in den unterschiedlichsten Lebensphasen unterstützen und voneinander lernen.
Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am Konf-Gottesdienst vom 31..05.2026 in der Kirche Bühl. Die Konf-Klasse bestimmte für den Gottesdienst das Thema: „Erwachsenwerden – Frühling als Aufbruch in den Sommer des Lebens.“ und wählte folgende Bibelverse als Grundlage für die Predigt aus: „Ich lehre dich, weise zu handeln, und zeige dir den richtigen Weg. Wenn du dich daran hältst, wird kein Hindernis deine Schritte aufhalten; selbst beim Laufen wirst du nicht stolpern.“ (Sprüche 4, 11–12) „Die Regenzeit ist vorbei, der Winter ist gegangen! Die Blumen blühen, die Vögel singen, die Turteltaube ist zu hören.“ (Hohelied 2, 11–12). Die mündlich gehaltene Predigt wurde mithilfe eigener Predignotizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.
