Wie viel Meinungsfreiheit brauchen wir? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Redefreiheit

Foto von Brian Wangenheim auf Unsplash

Einige sehen die Meinungsfreiheit in Europa in Gefahr. Interessanterweise sind es gerade konservative Kräfte, die sich aktuell eingeschränkt fühlen und manches als ungerechtfertigte Zensur empfinden. Unvergessen bleibt die letztjährige Kritik von J. D. Vance an Europa in puncto Meinungsfreiheit auf der Sicherheitskonferenz in München. Auch gewisse Christinnen und Christen sehen es als ihre fromme Pflicht, gegen die angeblich schwindende Meinungsfreiheit in Europa aufzubegehren. Dass dies aus christlicher Perspektive ein neueres und eigentlich untypisches Anliegen ist, dazu später mehr.

Der Anspruch auf Meinungsfreiheit ist ein Stellvertreterkonflikt

Betrachten wir zuerst den Anspruch auf Meinungsfreiheit. Ich sehe diesen kritisch bzw. als unrealistisch an. Eine absolute Meinungsfreiheit kann es gar nicht geben. Diese müsste auch Reden schützen, die ihre eigene Abschaffung fordern.

Die Forderung nach Meinungsfreiheit ist ein vorgeschobenes Argument, welches den eigentlichen Kern des Konflikts verfehlt. Es wird eine Diskussion um Prinzipien angestossen, wobei es eigentlich um Machtkonflikte geht. Denn Redefreiheit wird meist dann eingefordert, wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die Meinungsfreiheit sehe ich daher nicht in Gefahr. Vielmehr haben sich die Grenzen des Sagbaren und Unsagbaren in unserer Gesellschaft verschoben, sodass sich nun neue Gruppen in ihrer Redefreiheit mit Kritik konfrontiert sehen, die es so früher nicht gab.

Solche Veränderungen empfinde ich als normal und gesund. Jede Gesellschaft definiert, was sagbar ist und was nicht gesagt werden darf oder soll. Diese Unterscheidung ist keine Unterbindung der Freiheit, sondern Ausdruck vorherrschender Werte. Sie zeigt, was als schützenswert gilt, wo Verletzungen beginnen und welche historischen Erfahrungen nicht relativiert werden dürfen. Und am wichtigsten: Sie zeigt, wer aktuell über die Macht in einer Gesellschaft verfügt, den Sprachdiskurs zu prägen, und wessen Einfluss hier ins Hintertreffen gerät.

Exemplarisch illustriert dies der schwindende Einfluss des Christentums in der Gesellschaft.

Die Bibel ist keine Verteidigerin von Redefreiheit

Die Bibel selbst ist keine gute Begründung für uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Sie kennt klare Grenzen der Rede. Im Alten Testament gilt Gotteslästerung nicht als legitime Meinungsäusserung, sondern als schwerer Verstoss gegen die Ordnung des Gemeinwesens (Lev 24). Sprache, besonders die Rede über Gott, ist hier keine Privatsache, sondern eine öffentliche Handlung mit Konsequenzen.

Im Neuen Testament verschiebt sich der Akzent, aber nicht das Prinzip. Jesus erklärt, dass nicht das Äussere, sondern das, „was aus dem Mund kommt“, den Menschen verunreinigt (Mt 15,11). Der Jakobusbrief spricht drastisch von der Zunge als einem kleinen Glied mit zerstörerischer Macht. Und Paulus fordert eine Rede, die „aufbaut“ und nicht verletzt (Eph 4,29). Hier wird also keine Meinungsfreiheit propagiert. Im Wissen um die Kraft der Sprache werden Gläubige ermutigt, ihre Rede freiwillig und bewusst zu zensieren: «Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.» (Epheser 4,29)

Die biblische Tradition verteidigt also keine unbeschränkte Rede, sondern verantwortete Rede. Und als die Kirche dies noch konnte, forderte sie dies auch im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein. Dies zeigt der Ursprung des Begriffes der Zensur: Dieser bezeichnet die Kontrolle von Äusserungen und Publikationen, um sie an Normen und Wertevorstellungen auszurichten. Historisch wurde Zensur zunächst von kirchlichen Autoritäten definiert, bevor moderne Staaten Zensur als staatliche Funktion übernahmen.

Die eigentliche Frage: Wer hat die Macht über Sprache?

Damit sind wir beim Kern der Debatte: Zensur ist nicht einfach eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sie ist Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft schützen will – und davon, wer die Macht besitzt, diese Ansprüche durchzusetzen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, sondern: Wer definiert die Grenzen des Sagbaren – und auf welcher Grundlage.

Historisch hatte die Kirche über Jahrhunderte hinweg erhebliche Macht über Sprache. Sie definierte, was als gotteslästerlich, ketzerisch oder moralisch verwerflich galt. Sie entschied, welche Worte gesagt, welche Texte gelesen und welche Gedanken öffentlich geäussert werden durften.

Diese Macht hat die Kirche heute nicht mehr. Auch staatliche Institutionen, Gerichte und staatliche Medien verlieren hier Einfluss. Vermehrt bestimmen soziale und digitale Netzwerke sowie gesellschaftliche Mehrheiten die sprachlichen Spielregeln. Das ist eine tiefgreifende Machtverschiebung, die durchaus schmerzlich und auch problematisch sein kann.

Die unbequeme Frage nach der kirchlichen Glaubwürdigkeit

Umso auffälliger und fragwürdiger ist es, wenn vermeintlich christliche Stimmen heute mit grosser Vehemenz die Meinungsfreiheit verteidigen. Das wirkt nicht selten heuchlerisch.

Wo waren diese Stimmen, als christliche Tabus sprachlich gebrochen wurden? Als satirische oder künstlerische Darstellungen Jesu Proteste auslösten? Als Theaterstücke wie Corpus Christi oder popkulturelle Provokationen als Blasphemie verurteilt wurden? Als Karikaturen, Filme oder Performances kirchliche Empörung hervorriefen und Verbote gefordert wurden?

Versteht mich nicht falsch – ich finde es auch problematisch, wenn etwa Schweizer Politikerinnen unreflektiert auf Jesusfiguren schiessen; ich bin aber auch kein Verfechter uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Vielmehr glaube ich, dass eine gute Zensur wesentlich ist für eine gesunde Gesellschaft. 

Was aus meiner Sicht heuchlerisch ist, ist, sich dann für Meinungsfreiheit einzusetzen, wenn die eigene Meinung zensiert wird. Und genau hier treiben Leute wie Vance ein falsches Spiel. Denn, sobald sie können, setzen sie sich nicht für Meinungsfreiheit ein, sondern treiben die eigene Zensur voran. Oder was genau hat der Golf von Amerika mit Meinungsfreiheit zu tun?!

Eine Einladung zum ehrlichen Diskurs

Darum ist es mir ein Anliegen, dass wir nicht über Meinungsfreiheit streiten, sondern einen Diskurs darüber führen, wer und was unsere Sprache definiert. Ich glaube, hier liegt der eigentliche Kern und die Chance dieses Disputs. Wenn wir erkennen, dass es um die Hoheit über die Sprache geht, können wir die wesentlichen Fragen stellen: Was soll in unserer Gesellschaft unsagbar sein – und warum? Wer entscheidet darüber? Und wie können wir einen transparenten, demokratischen und lernfähigen Diskurs über das Sagbare und Unsagbare führen?

Dabei scheint mir eines besonders wichtig: Die Frage, wie wir sprechen, ist oft entscheidender als die Frage, was wir sagen. Eine Sprache, die differenziert, respektvoll und dialogfähig bleibt, schützt mehr Freiheit als jede Tabuisierung von Themen oder schrille Berufung auf absolute Freiheitsrechte.

Christlicher Glaube könnte hier einen Beitrag leisten – nicht als moralische Instanz vergangener Macht, sondern als Übung in verantworteter Rede. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss gesagt werden. Aber alles, was gesagt wird, sollte in Liebe gesagt werden.

Vielleicht beginnt Meinungsfreiheit genau dort: nicht im Recht auf jedes Wort, sondern in der Bereitschaft zum gemeinsamen Ringen um eine Sprache, die Leben ermöglicht und Liebe fördert.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Preacher Slam – Was heisst Christ sii? Als Christin im normale Trott, dür’s Läbe ga mit Gott?

Wihnachtszyt
bereits alti Erinnerig, 
grau u starr.
Scho wieder isch Februar.

Übergang im Chilejahr.
Advent isch verbii
Faste due mer no ni.

Hie, züsche de Fescht,
i dere Zyt im Jahreskreis,
wo dr Alltag reist
frag i üs:

Was heisst das: Christ sii?
Als Christin im normale Trott,
dür’s Läbe ga mit Gott?

I ha zwöi Wort drbi.
Beidi fange si a mit I.
U es dritts 
Stell dir vor; o mit I.
Das würdi gärn ersetze mit K.
Wie Kaki.
Oder Kiwi.

S erschte Wort 
im Früchtechorb:
I wie Intuition.

Die sitzt bekanntlech im Buch.
Öb ä maximali Ranzespanni
hilft intuitiver z sii?
I weiss es ni.
probiers mal us…

Intuition, uf jede Fall
isch ke Magie.
Ke Zauber.
Meh Ä Ahnig.
Für das, wo stimmt.

Entscheide drbi:
dir sälber vertroue.
di dim Buchgfüeu avertroue.
u druf boue,
dass dis Innerste
scho wird wüss, 
wies seu witer ga. 

Darf me da?
Grad als Christin.
unbedingt!

Es isch ä fromme Blödsinn
we du versuechsch dür Gott z ersetze,
was du nid bereit bisch
dir sälber z gä:

Vertroue.

Je nach Prägig cha das überrasche.
„Was söu die unfrommi Masche?“
Mir si doch Sünder.
U Gfüeu si doch chrank,
u sicher nid g’sünder.

Genau. Sünder si mir au.
Doch hoffentlech
isch das i Christus verbii.

No immer mach i Sache falsch.
Aber die gueti Nachricht isch doch die:
i all üsne Fähler,
i mim Versäge,
schafft Christus
ä Uswäg,
ä Heiweg,
zrugg zum Ursprung,
is Hus vo Gott.

U dört hets ä fetti Badewanne.

Wer sech hie regelmässig wischt,
het ke Grund
sech sälber nid z vertroue.
Wer es neus Härz het,
cha tue, was er gspürt.

Wie dr alt Augustinus seit:
„Lieb Gott
u mach, was de wosch.“

De a das darfsch gloube:
dä Gott gloubt a di.
Er rechnet mit dir.

Drum grad als Christ:
isch dis Buchgfüeu ke Mist.
Also Vertrou dir.
Das heisst Intuition.

Denn chunnt s zweite I.
Inspiration.

Hie 
redt Gott –
nid d Seel.

Ganz trenne lat sech das nie.
Aber s si unterschidlichi Bewegige:

Intuition seit: gang los du chasch da.
Inspiration flüstert: la los.

d Sicherheit.
d Kontrolle
La di selber los.

Will Inspiration
chunt nid vo dir.
Es Gschenk vo us.
wo Platz suecht i mir.

Doch wie söll das gaa:
sech la inspiriere?

Üs Schwizer fautt das schwär.
Meh im Norde cheus is besser.
Gloub mers – i rede us Erfahrig:
I läbe ä schwizerdütschi Ehe,
i Schwizer,
si Dütschi.

U mit de Dütsche isch es so:
Die lose nid.

Das darf i so pauschal säge.
De es isch ä Fakt.

Dütschi lose nid.
Deutsche hören.

Das wiederum mache mir Schwizer nid.
wir hören nicht
Mir lose.
U ja, mir ghöre.

Mir ghöre d Muetter schreie,
u lose nid, was si seit.

U will mir Schwizer nid höre,
sondern lose,
merke mir gar nid,
wie tief das Wort ghöre isch.

Ghöre isch zwöidütig.
Wie s Bärli:
das us Gummi zum ässe,
us verknaute am plätze.

Mir ghöre dr Lärm.
U mir ghöre zu Bärn

Also ja zumindes I…
uf jede fall

Ghöre mir dert zue,
wo mir häre lose.

Zum das z’ghör 
sött mir viellech säge:
Mir g-lose dert zue.

Dr glych Deep Shit ligt im Uf-höre.
Wer ufhört,
hört uf sälber mache.
Fat a dr ander z’göre
äbe: uf d’Stimm lose.

O das cheu Schwizer schlecht
hey kes Gspür für Pause.
Numme Schaffe, Schaffe

Doch o du
hör uf, lose-uf.
wird eifachXstill
lose-uf d’schaffe.
u loss uf dä wo di inspiriert

Das si si gsi – die zweu I
Intuition u Inspiration
Was no blibt isch I wie Individum,
was i gern würd wandle zum K wie Kollektiv

Ä Christ isch kes Einzelkind
es geit nie drum,
dass I nur mir vertroue
nur i uf Inspiration boue.

Lass üs zäme nach wäge sueche 
üs gägeseitig z’vertroue,
ä kollektive Intution entwickle.

Dass mir gmeinsam häre los
Dass mir üs nid verlüre im I.
Dass mir üs finde im Mir.

U villech isch genau das Glaube:

Vertrouens voll u unsicher
i allem gmeinsam statt einsam vorwärt ga. 

Amen.


Dieser Preacher Slam wurde im Rahmen vom neuen Format „Einfach X Still“ von NeoPaleo – dem partizipativen Kirchenprojekt im Kirchenkreis drei – vorgetragen. Herzliche Einladung bei diesem Gottesdienst vorbei zu schauen. Infos und Daten findet ihr unter neopaleo.ch

Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Wie ist die Gewalt in der Bibel – besonders im Ersten Testament – mit einem liebenden Gott vereinbar?!

Foto von Marco Bianchetti auf Unsplash

Die konkreten Aufforderungen zur Gewalt bis hin zum Aufruf zum Völkermord in der Bibel sind eine der grössten Anfragen an den christlichen Glauben. Wie sollen solche Texte zu einem liebenden Gott passen?

Sicher: Es ist eine Tatsache, dass der Mensch zur Gewalt gegenüber anderen neigt. Die Bibel ist hier erschreckend realistisch. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Gott selbst fordert an manchen Stellen direkt zur Gewalt auf. Ein drastisches Beispiel findet sich ein Kapitel später in 1. Samuel 15,3. Dort lesen wir:

„So zieh nun hin und schlage Amalek und vollstrecke den Bann an allem, was sie haben. Schone ihrer nicht, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Schaf, Kamel und Esel.“

Hier ruft Gott selbst zum Genozid auf – zur Tötung von unschuldigen Tieren und hilflosen Kindern und Säuglingen. Das lässt sich nicht einfach überlesen oder spirituell schönreden.

Für mich zeigt sich hier eines der grössten Missbrauchspotenziale von Religion: Gott wird für die eigene Partei oder Position beansprucht. Mit Gott an seiner Seite wird daraus das Recht abgeleitet, anderen Gewalt anzutun. Physisch. Aber auch argumentativ oder psychisch.

Diese Logik ist erschreckend aktuell: Gott ist mit mir – darum gehört dieses Land nun mir.

So wurde und wird Krieg religiös legitimiert. So werden Menschen entrechtet, weil sie „nicht zu Gottes Volk“ gehören. So werden Minderheiten im Namen Gottes ausgegrenzt. Und so wird bis heute spirituelle Autorität missbraucht: Wenn jemand behauptet, Gottes Stimme gehört zu haben, und diese vermeintliche Offenbarung benutzt, um andere zu kontrollieren, einzuschüchtern oder zu manipulieren.

Gerade deshalb müssen wir fragen: Wie sollen – wie können – wir mit solchen Texten umgehen?

Dies vorweg: Eine abschliessende Antwort habe ich nicht. Ich ringe um dieses Thema. Aktuell gibt es fünf Gedanken bzw. Ansätze, die ich bedenkenswert finde, die ich mit euch teilen möchte und die einladen, weiterzudenken.

1. Es geht nicht, das Problem ins „Alte“ Testament abzuschieben

Die Texte können nicht als „alttestamentlich“ abgetan werden. Dies ist eine weit verbreitete Lösung: die Gewalt als ein alttestamentliches Problem darzustellen. Im Neuen Testament, insbesondere durch die Lehre Jesu und seine Betonung der Liebe, sei dieses überwunden: „Früher wusste man es halt nicht besser, aber Jesus hat uns das wahre Wesen Gottes als liebenden Vater gezeigt.“

Diese Argumentation führt dazu, zwischen dem Gott im Ersten Testament und im Zweiten Testament zu unterscheiden. Doch so einfach ist es nicht. Die christliche Tradition hat immer wieder betont, dass der Gott des Neuen Testaments ein und derselbe ist wie im Ersten.

Dazu kommt, dass auch das Neue Testament harte und verstörende Texte kennt – man denke nur an Gerichtsbilder oder die Offenbarung. Und die Kirchengeschichte macht schmerzhaft deutlich: Auch Christen haben Gewalt religiös legitimiert, Kreuzzüge geführt, Kolonialismus betrieben und Menschen im Namen Gottes unterdrückt.

2. Alles hängt an unserem Bibelverständnis

Entscheidend ist, wie wir die Bibel lesen und verstehen. Das ist ein umfassendes Thema, das ich hier nur kurz anreissen kann.

Wichtig ist: Die Bibel erhebt nicht den Anspruch, eins zu eins Gottes Willen wiederzugeben. Sie ist keine Sammlung zeitloser, wörtlicher Aussagen oder gar Anweisungen Gottes, die sich direkt auf heute übertragen liessen. Sie ist auch kein Diktat Gottes – wie dies der Koran beansprucht – bei dem jedes Wort unmittelbare göttliche Selbstoffenbarung wäre.

Die Bibel ist eine komplexe Sammlung unterschiedlichster Texte, verfasst und redigiert über die Jahrhunderte hinweg von etlichen Autoren, die verschiedenste Stilmittel und Textgattungen verwendeten und immer eingebettet in ihre Zeit und Kultur schrieben. So plural ist der Kontext der biblischen Erfahrungsberichte: Menschen erzählen auf ihre Art, wie sie Gott in ihrer Kultur und Zeit erlebt haben – und deuten diese Erfahrungen theologisch. Dabei werden nicht nur positive Beispiele erzählt. Oft berichtet die Bibel schonungslos ehrlich von falschem Umgang mit Gott und unrechter Deutung seines Wesens und seines Willens.

Gerade deshalb ist der Kontext so wichtig. Einzelne Verse oder Erzählungen lassen sich nicht isoliert verstehen. Sie müssen immer im grösseren Zusammenhang gelesen werden – literarisch, historisch und innerhalb der gesamten biblischen Erzählung. Dies trifft auch auf die gewaltvollen Stellen der Bibel zu.

3. Viele Gewalttexte entstehen aus Trauma und Ohnmacht

Betrachten wir den Kontext vieler gewaltsamer Texte, so fällt auf, dass diese nicht aus einer Position der Übermacht, sondern meist aus Verletzung und Schwäche heraus entstanden sind. Die Philister waren militärisch überlegen. Später kamen die Grossmächte der Assyrer und der Babylonier. Jerusalem wurde zerstört, der Tempel niedergebrannt, grosse Teile der Bevölkerung verschleppt.

Insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft, in der Erfahrung von Ohnmacht und Leid, erinnerten sich die Israeliten an die vergangenen Heldentaten von Mose, Samuel und David. Viele der alten Geschichten fanden hier zu neuer Wichtigkeit, wurden verschriftlicht, redigiert und im Schatten der erlebten Katastrophen neu gedeutet.

Sicher, das ist bibelwissenschaftlich stark verkürzt und vereinfacht dargestellt. Doch es macht einen Unterschied, ob Gewaltgeschichten von Siegern erzählt werden – oder von Menschen, die Verlust, Vertreibung und Ohnmacht erlebt haben.

Die drastischen Texte können so als Ausdruck von Schmerz, von der verzweifelten Suche nach Sinn im Angesicht von Leid verstanden werden: Wo war Gott? Warum ist das passiert? Wie können wir trotzdem weiterleben und glauben?

Trauma spricht oft in absoluten Bildern. Angesichts von unfassbarem Leid und Ungerechtigkeit ist es nachvollziehbar, dass man den Feinden, die einem dies angetan haben, im Namen Gottes nur das Schlimmste wünscht. Auch das gehört zur Ehrlichkeit der Bibel.

4. Auffällig ist: Die Gewalt wird Gott überlassen – Gott ist dabei weder parteiisch, noch bejaht er durchgehend die Gewalt. Dies zeigt sich am Ende in Jesus Christus.

So verstörend viele Texte sind: Etwas fasziniert mich zugleich.

Die Bibel legt die Gewalt bewusst in Gottes Hände. Israel nimmt die Rache nicht einfach selbst in Anspruch. Jonathan überlässt es etwa in 1. Samuel 14 Gott selbst, ob er ihm im Kampf gegen die Philister beisteht. Und in den blutrünstigen Psalmen, wie etwa Psalm 137, richtet sich der Verfasser mit seinen rachsüchtigen Vergeltungsfantasien direkt an Gott und überlässt ihm dadurch letztlich die Vergeltung und Gewalt.

Dadurch zeigt die Bibel, dass erfahrene Gewalt kein Freibrief für menschliche Vergeltung ist. Gott wird die Verantwortung als Richter zugesprochen. Das Gottesbild ist für uns heute oft schwer auszuhalten, doch darin wird etwas Entscheidendes im Umgang mit Gewalt deutlich: Der Mensch soll die Rache nicht selbst in die Hand nehmen. Biblisch gesehen liegt die Autorität für Gewalt und Vergeltung in Gottes Hand.

Dabei fällt auf: Gott stellt sich in der Bibel erstaunlich oft nicht auf Israels Seite. Immer wieder verlässt Gott sein eigenes Volk. Er lässt Niederlagen zu. Er kritisiert militärischen Hochmut und Machtmissbrauch. Die Propheten warnen davor, Sicherheit in Waffen zu suchen.

Parallel dazu zieht sich eine starke Kritiklinie gegenüber Gewalt und Krieg durch das Erste Testament: ein grundsätzliches Aufbegehren gegen Krieg, Gewalt und Rache. Visionen, in denen Schwerter zu Pflugscharen werden. Träume von globalem Frieden. Segenszuspruch nicht nur für Israel, sondern für alle Völker – sogar für die Feinde.

Diese Linie ist entscheidend. Sie bildet die Grundlage für das Handeln und die Lehre Jesu. Jesus stellt somit keinen Bruch mit dem Ersten Testament dar. Im Gegenteil: In ihm findet diese Deutung ihre konsequente Fortführung und ihren Höhepunkt. Gerade im Angesicht der römischen Besatzungsmacht verweigert er sich der Logik von Vergeltung. Er geht nicht den Weg der Gewalt. Stattdessen durchbricht er den Kreislauf von Hass und Rache durch seine Hingabe, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung.

5. Eine allegorische Spur: Diese Texte erzählen auch von unseren eigenen Kämpfen

Angesichts dieser Überlegungen dürfen und sollen wir uns mit allen Texten der Bibel – auch den unklaren, schwierigen und gewaltvollen – auseinandersetzen und darin Schätze und Weisheiten für unseren Alltag finden.

Ein Weg – der letztlich in den meisten Predigten gewählt wird – ist, über den historischen und literarischen Kontext hinaus die Texte allegorisch zu deuten. Wir dürfen die Berichte über Kämpfe und Auseinandersetzungen auch symbolisch verstehen und daraus Prinzipien für unsere alltäglichen Herausforderungen und Konflikte ableiten. Nicht jede Schlacht muss äusserlich gedeutet werden. Vieles lässt sich auf innere Prozesse beziehen: Angst, Mut, Versuchung, Vertrauen.

In dieser Perspektive können selbst schwierige Geschichten geistlich fruchtbar werden.

Ein schönes Beispiel ist etwa 1. Samuel 14: Jonathan und sein Waffenträger wagen einen mutigen Schritt, obwohl die Lage aussichtslos scheint. Daraus lässt sich Entscheidendes über echten Mut, Vertrauen und die entscheidende Kraft des zweiten Mannes ableiten.

Das ist jedoch Stoff für einen anderen Blog – hier kannst du nachlesen was wir aus 1. Samuel 14 über echten Mut lernen können.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Wenn Worte scheitern – Über Leid, Gott und Crans-Montana

Foto von Valentin Karisch auf Unsplash

Hugo Stamm hat es wieder einmal getan. Er hat erneut zu einem Rundumschlag gegen etliche religiösen Exponenten der Schweiz ausgeholt. Und wieder kommt er zu seiner altbekannten Schlussfolgerung: Religion schadet, und ihre Verkündiger verursachen nur Leid und Verwirrung.[1] Diese immer gleiche Leier mag ihren Unterhaltungswert haben – doch nun, da sie auf die Tragödie und das Leid von Crans-Montana angewendet wird, ist sie schlicht fehl am Platz.

Scheitern die kritisierten Erklärungsansätze? Ja, grösstenteils. Verfehlen sie es allen Familien, insbesondere religiös Distanzierten, Trost zu spenden? Höchstwahrscheindlich. Doch was ist die Alternative? Auf Stamms Kritik folgt auch dieses Mal kein eigener Lösungsansatz. Kritisieren ist das eine, selbst tätig zu werden das andere. Um Worte zu ringen in einer unaussprechlichen Situation – das ist schwierig und mutig. Und hier gäbe es für Herrn Stamm viel Arbeit zu tun.

Wer Religion kritisiert, soll bitte auch eigene und neue Antworten liefern. Wie kann ohne Glauben mit einer solchen Tragödie umgegangen werden? Wie können die Schuldigen, die in den nächsten Tagen gnadenlos mit den Folgen ihres Fehlverhaltens konfrontiert werden, Vergebung finden? Und auch über das aktuelle Leid hinaus sind Verfechter einer säkularen Gesellschaft mit grossen Fragen konfrontiert, auf die ich selten bis nie Antworten höre – geschweige denn ein Bewusstsein für diese Fragen.

Fragen wie: Mit welchem Narrativ, wenn nicht mit dem christlichen, entwickeln Gesellschaften ein gesundes Wir-Gefühl, ohne dabei ausgrenzend zu werden? Wie lässt sich Menschenwürde als Grundlage der Menschenrechte begründen? Was schenkt dem Menschen Sinn? Und falls es gar keinen Sinn braucht – wie sieht dann ein gutes Leben ohne Sinn aus? Wie lassen sich Moral und Ethik ohne Gott begründen und einfordern?

Auf diese und viele weitere Fragen könnten Kritiker wie Herr Stamm sich um Antworten bemühen. Doch dazu fehlt wohl der Mut. Denn wer dies wagt, wird scheitern – und macht sich angreifbar.

Ich für meinen Teil will nicht bei der Kritik stehen bleiben. Ich reihe mich gern in die Reihe der Menschen ein, die um Worte ringen und mit ihren Antworten scheitern. Denn einfache und richtige Worte gibt es im Angesicht solchen Leides nicht. In vielem gibt es keine Antwort. Meist bleibt nur das Schweigen. Und doch – trotz des Wissens, dass es keine Worte gibt, die dieser Situation gerecht werden – möchte ich es wagen, ein paar Gedanken zu formulieren. Es ist ein Versuch. Ein Ringen um Worte, die in aller Schwäche das Schweigen und damit auch die Einsamkeit zu überwinden versuchen. Denn wenn alles Reden scheitern muss, so schafft es zumindest Nähe.

Dabei schenkt ein Blog nie die Nähe, die Opfer und Angehörige jetzt dringend brauchen. Das ist hier nicht meine Aufgabe und nicht mein Ziel. Ich bin dankbar für die unzähligen Menschen, die in den letzten Tagen den Betroffenen nahegestanden sind und sie in diesem unfassbaren Leid begleiten.

Die nachfolgenden Überlegungen werden der Situation nicht gerecht. Die skizzierten Antworten versuchen das Leid nicht „wegzuerklären“. Sie sind ein Ringen darum, dem Geheimnis näherzukommen, wie wir mit Leid in dieser Welt umgehen können. Vielleicht finden wir darin auch Wege, unserem eigenen Leid zu begegnen – und darüber hinaus andere in ihrem Leid zu begleiten.

Die Frage der Theodizee

Die Frage nach dem Leid und nach Gottes Gerechtigkeit – die sogenannte Theodizeefrage – begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. In der Bibel, in unserer Tradition, aber auch in persönlichen Gesprächen stossen wir auf viele Versuche, dem Rätsel des Leidens beizukommen. Doch selten finden wir eine allumfassende Antwort.

Nachfolgend stelle ich drei mögliche Kategorien von Antworten vor, mit jeweiligen Spielarten. Ich verdanke diese Überlegungen der Theologieprofessorin Veronika Hoffmann, die sie mir in ihrer Dogmatik-Vorlesung zur Theodizee nähergebracht hat. Jede Antwort kann einen Beitrag leisten – zugleich scheitert jede und kann im falschen Kontext mehr Schmerz als Trost verursachen.

1. „Leid hat einen Sinn / eine Funktion“

Ein Ansatz ist, dem Leid in dieser Welt einen Sinn zuzuschreiben. Leid kann so verstanden werden, dass es eine Funktion in unserem Leben hat – ja, dass Gott sich des Leids bedient, um ein grösseres Ziel zu verwirklichen.

a) Unser Handeln hat Konsequenzen (Tun-Ergehen-Zusammenhang)

Die Bibel lehrt uns an vielen Stellen, dass unser Tun Folgen hat. Im Buch der Sprüche lesen wir:

„Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück.“ (Sprüche 26,27)

So wie es Naturgesetze gibt, existieren auch Beziehungsgesetze: Wenn wir lügen, betrügen oder andere verletzen, wirkt sich das früher oder später auf uns selbst aus. Dieser Zusammenhang erklärt manches Leid, das wir durch eigenes Fehlverhalten auslösen.

Auch die Katastrophe von Crans-Montana hat menschliche Ursachen. Barbetreiber und Behörden haben Fehler gemacht, die diese Tragödie mitverschuldet haben.

Gleichzeitig stellt die Bibel diesen Zusammenhang infrage. Das Buch Hiob zeigt uns einen Gerechten, der leidet, obwohl er kein Unrecht getan hat. Jugendlichen die Schuld für ihr Sterben in der Silvesternacht zu unterstellen, zeigt die drastische Grenze dieser Erklärung.

Zugleich: Im Neuen Testament übersteigt Jesu Gnade das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“. Gott sprengt in Jesus Christus die engen Grenzen von Ursache und Wirkung und schafft so die Grundlage zur Vergebung. Gnade durchbricht Karma. Diese Gnade und Vergebung wird für die Schuldigen dieser Katastrophe zentral sein, wenn sie den Weg zurück ins Leben finden wollen.

b) Leid als Strafe Gottes

Eine andere Deutung ist die Vorstellung, Leid sei Gottes Strafe für unsere Sünden. Im Buch Josua heisst es:

„Wenn ihr den Herrn verlasst und fremden Göttern dient, dann wird er sich von euch abwenden, wird Unglück über euch bringen…“ (Josua 24,20)

Religionsgeschichtlich ist diese Sichtweise bedeutsam. Das Volk Israel suchte – anders als viele andere antike Kulturen – die Ursache von Katastrophen nicht bei fremden Göttern oder dämonischen Mächten, sondern bei sich selbst. Sie hielten an ihrem Gott fest, auch in Niederlagen und im Exil. Unglück wurde als Anlass zur Selbstprüfung verstanden, nicht als Beweis für die Schwäche Gottes. Diese Sicht nimmt die Israeliten in eine Selbstverantwortung und spricht ihnen die Möglichkeit zu, ihre Situation selbstbestimmt zu verändern. Sie sind nicht das Opfer ihrer Unterdrücker, sondern können mit Gottes Hilfe ihre leidvolle Situation verändern.

Ist es sinnvoll, durch die Katastrophe das überhebliche Selbstverständnis der Schweiz, alles im Griff zu haben und mit Organisation vermeintliche Sicherheit zu schaffen, zu hinterfragen? Vielleicht.

Doch darf das Leid der Jugendlichen als Strafe Gottes gedeutet werden? Auf keinen Fall.
Hier wird diese Erklärung destruktiv und unmenschlich. Den Hinterbliebenen würde zusätzlich unerträgliche Schuld aufgebürdet. Das Gottesbild des zornigen Strafenden ist seelsorgerlich schädlich und missbräuchlich.

c) Leid als Erziehung

Der Psalmist bekennt: „Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte.“ (Psalm 119,71)

In manchen Biografien führte erfahrenes Leid zu einer Kehrtwende, die viel Positives ermöglichte. Manche sehen darin einen „Weckruf“. Manche Christinnen und Christen erleben, dass sie in Krisen eine neue Tiefe im Glauben finden. Aus Leid zu lernen, ist weise.  Sich aus gegebenem Anlass bewusst auf den neuesten Stand beim Verhalten von Bränden zu bringen, ist sicher eine wichtige Lektion.

Leid pädagogisch zu begründen ist jedoch fehl am Platz. Direktbetroffenen zu sagen, die erfahrene Situation sei eine Chance etwas Wichtiges zu lernen, ist lieblos und verletzend. Die Erkenntnis, aus dem erfahrenen Leid positive Schlüsse zu ziehen, kann nur jede und jeder zu seiner Zeit für sich selbst entdecken. Und wenn das Leid so gross ist wie der Verlust eines eigenen Kindes, ist es menschlich gesehen unmöglich, darin eine lebensfördernde Lektion zu erfahren.

2. „Leid ist nicht vermeidbar“

Die zweite Kategorie von Antworten entspringt philosophischen Überlegungen. Eine Welt, die dem Menschen die Freiheit des eigenen Willens zuspricht, ist nur so konzipierbar, dass Leid in ihr möglich sei

a) Leid als Folge des freien Willens

Menschen fügen einander und sich selbst Leid zu. Um den freien Willen zu achten, verhindert dies Gott nicht. Ohne die Freiheit zur Liebe gäbe es auch nicht die Freiheit zum Bösen – wir wären nur Marionetten. In dieser Sicht ist Leid als Verschuldung der Menschen selbst zu verstehen. Leid entsteht, weil wir unsere Freiheit missbrauchen.

Doch was ist, wenn jemand unschuldig Leid erfährt aufgrund des Fehlverhaltens anderer?
Was ist mit systemischem Unrecht, mit Strukturen, die Leid hervorbringen? Wie lassen sich so Naturkatastrophen erklären, die niemand direkt „verschuldet“ hat? Die Rede vom freien Willen erklärt dieses systemische Leid nicht.

b) Leid durch Naturgesetze

Ein weiterer Gedanke ist, dass Gott eine Welt geschaffen hat, in der verlässliche Naturgesetze herrschen. Diese Verlässlichkeit, wie die der Gravitation, ist nötig für Leben und Freiheit. Wie soll ich mein Leben gestalten, wenn ein Stein mal zu Boden fällt und ein anderes Mal einfach in der Luft hängen bleibt?

Zugleich führen die Naturgesetze zwangsläufig auch zu Erdbeben, Stürmen oder Krankheiten. So gesehen ist das Leid die Folge der verlässlichen Naturgesetze. Manche Theologen argumentieren daher, diese Welt sei „die bestmögliche aller Welten“. Leid wird so als notwendige Kehrseite einer verlässlichen und dadurch freien Welt verstanden.

Doch gerade persönliches und seelisches Leid lässt sich so nicht erklären. Zudem ist diese Sicht im seelsorgerlichen Einzelfall kalt und herzlos. Der verstorbene Partner oder auch die Hunderte von Menschen, die durch eine Naturkatastrophe sterben, werden als Opportunitätskosten für eine verlässliche Welt und die menschliche Freiheit hingenommen.

3. „Es gibt keine Antwort auf das Warum“

Eine dritte Kategorie von Antworten entzieht sich der Frage nach dem Warum von Leid. Diese Antworten versuchen, einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Weg vom begründenden Warum hin zum ermöglichenden Wozu.

a) Gott leidet mit uns – Gott ist da in unserem Leid

Besonders tröstlich ist für mich die Botschaft, dass Gott mit uns mitleidet. Am Kreuz ruft Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

In Jesus wird Gott selbst zum Leidenden, er kennt Verlassenheit, Schmerz und Tod. Das kann uns in unserem Leid auf eine tiefe Weise berühren: In Jesus Christus kennt Gott den Schmerz dieser Welt. Im Leiden ist er uns nahe und spricht uns zu: „Ich weiss, wie es dir geht. Ich leide mit dir.“

Doch manche fragen: „Was hilft es mir, wenn Gott mitleidet, aber mein Leid nicht beendet?“ Mitleiden bietet vielleicht keinen Ausweg aus dem Leid, doch die Erfahrung zeigt: Trost beginnt oft damit, dass uns jemand versteht und mit uns fühlt – und Gott versteht uns wie niemand sonst. Dieser Zuspruch, dass Gott uns im Leid nahe ist und mitleidet, ist für mich zutiefst tröstlich. Christus als der mitleidende Gott ist für mich einer der grössten Schätze des christlichen Glaubens.

b) Leid ist zu bekämpfen – unser Auftrag, Leid zu lindern

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Aufruf, das Leid nicht hinzunehmen, sondern es zu bekämpfen. Eine biblische Vision sagt:
„Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind … Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ (Jesaja 65,25)

Unsere Welt entspricht nicht diesem Bild. So ist die Theodizeefrage eine „Rückfrage“ an Gott: „Warum lässt du das zu? Gott, die Welt ist nicht so, wie du sie versprochen hast!“ – So kann uns das Leid ins Gebet führen, wo wir mit Gott um diese Fragen ringen.

Doch nicht nur im Gebet soll unser Glaube aktiv werden im Protest gegen das Unrecht und das Leid dieser Welt. Wir sind gerufen, selbst aktiv zu werden und diese Welt gerechter und barmherziger zu machen. Das Leid ist nicht da, um es zu verstehen, sondern um es zu bekämpfen. Statt uns in theoretischen Erklärungen zu verlieren, sollten wir das Leid sehen und es lindern, wo immer wir können.

c) Die Unverstehbarkeit Gottes

Letztlich können wir Gott nicht vollständig begreifen. Der Prediger sagt:
„Was Gott tut und auf der Welt geschehen lässt, kann der Mensch nicht vollständig begreifen … So sehr er sich auch anstrengt, alles zu erforschen, er wird es nicht ergründen!“ (Prediger 8,16–17)

Gott bleibt grösser als unser Verstand. Die Unbegreiflichkeit des Leidens ist ein Teil des Geheimnisses Gottes. Karl Rahner betont, dass wir Gott als das „unverfügbare Geheimnis“ annehmen und zugleich das Leid in seiner Unerklärlichkeit stehen lassen müssen. Erst wenn wir dies aushalten, werden wir Gott wirklich als Gott begegnen und nicht als blossen Idee, die wir uns zurechtlegen.

Doch wer Leid zu schnell als unbegreiflich abtut, macht es sich zu einfach. So einsichtig dies sein mag. Erst am Ende allen Redens, Fragens und Betens kann diese Erklärung tröstlich und heilsam sein. Kommt sie zu früh, ist sie verfehlt.

Leid stellt Gott in Frage

Am Ende bleibt für mich das Leid – trotz aller Erklärungsversuche – eine Anfrage an Gott. Das Leid stellt Gott, konkret mein Bild von Gott, in Frage.

Für mich selbst ist das Bild von Gott als allmächtiger Superman im Angesicht von Leid, wie dem von Crans-Montana, nicht haltbar. Gott ist kein Wesen, das getrennt von dieser Welt existiert und stoisch über allem steht, stets bereit, mich mit aller Macht aus Gefahr und Bedrohung zu erlösen.

Nein, ich finde Gott in Jesus Christus, dem gekreuzigten und leidenden Messias. Dies ist ein Gott, der sich mit dieser Welt identifiziert, bis hinein ins grösste Leid, in den Tod selbst. Durch die Jahrhunderte hindurch haben Christinnen und Christen im Gebrochenen, Ausgeschlossenen und Leidenden durch Christus Gott gefunden. So möchte ich mich immer wieder aufs Neue durch das Leid herausfordern lassen, um Gott selbst im Leid, Zerbruch und Unbegreiflichen zu begegnen. So möge uns Gott auch im Leid von Crans-Montana beistehen. 


[1] https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/556360408-crans-montana-troestende-pfarrer-sind-oft-fehl-am-platz

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Weihnachten: Als die Macht den Palast verliess und die Grundlage entstand, in allen Menschen Herrscher ihres eigenen Lebens und Schicksals zu sehen

Foto von Robert K Samuel auf Unsplash

Konfirmandenunterricht kurz vor Weihnachten. Wir beschäftigen uns mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas.
„Gibt es Fragen?“

Die Hand einer Konfirmandin schnellt in die Höhe:
„Jesus, von der Jungfrau Maria geboren – das kann nicht sein. Eine menschliche Geburt ohne männliche Zeugung widerspricht allem, was wir über Biologie wissen.“

Was nun?
Soll ich darauf beharren, dass Wunder geschehen und Gott Naturgesetze durchbrechen kann? Sicher: Biblische Geschichten rechnen mit dem Eingreifen Gottes. Die biblische Welt ist – anders als unsere moderne – nicht in sich abgeschlossen. Aber ist das wirklich der Punkt der Geburtsgeschichte Jesu?

Was wollten die biblischen Texte überhaupt sagen?

Ich glaube: Wenn wir die Geburtsgeschichte Jesu als naturwissenschaftlichen Bericht lesen, verfehlen wir ihren Kern. Weder das Matthäus- noch das Lukasevangelium sind medizinische Protokolle. (Im Übrigen sind dies die einzigen beiden Schriften, die überhaupt von einer wundersamen Geburt berichten – die anderen Evangelien und auch die Briefe des Neuen Testaments greifen dieses Motiv nicht auf.)

Die Jungfrauengeburt ist kein biologischer Befund, sondern eine theologische Erzählform.
Sowohl moderne Kritik, die fragt „Wie soll das gegangen sein?“, als auch eine fromme Apologetik, die auf dem Wunder beharrt, verfehlen aus meiner Sicht die eigentliche Intention der Weihnachtsgeschichte.

Denn diese Geschichte stammt aus einer anderen Zeit. Antike Menschen stellten andere Fragen:

  • Wer ist dieser Mensch?
  • Woher kommt seine Autorität?
  • Warum sollte man ihm folgen?

Matthäus sah die Antworten auf diese Fragen darin, dass Jesus der angekündigte Messias war. Jesus seine Legitimation und Autorität lag darin, dass er die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllte. Gerade auch durch die Umstände seiner Geburt. Doch darauf gehe ich hier nicht weiter ein.

Für mich spannend ist – die aussergewöhnliche Zeugung ist ein bekanntes literarisches und religiöses Motiv der damaligen Zeit. Solche Geschichten dienten jedoch nicht primär dazu, ein Wunder zu feiern. Ihr Zweck war politisch – Herrschaft zu legitimieren.

Ein paar Beispiele:

Der römische Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), der zur Zeit der Geburt Jesu herrschte, liess verbreiten, seine Mutter Atia sei im Tempel des Apollo vom Gott Apollo höchstpersönlich geschwängert worden. Augustus sei somit Sohn eines Gottes.

Über Alexander den Grossen (356–323 v. Chr.) erzählte man, Zeus selbst sei sein Vater.

Die Stadt Rom berief sich darauf, dass ihre Gründer göttlicher Abstammung seien: Romulus und Remus stammten laut Überlieferung von der Vestalin Rhea Silvia, einer geweihten Jungfrau, die vom Kriegsgott Mars geschwängert wurde. Rom erhielt so eine göttliche Gründungsurkunde.

Und schon lange vor Rom galten ägyptische Pharaonen als Söhne Gottes. Tempelreliefs zeigen, wie der Gott Amun-Ra die Königin besucht und den zukünftigen Herrscher zeugt.

Mit diesem Hintergrund zeigt sich die Radikalität der Weihnachtsgeschichte.
Hier wird es theologisch brisant.

Christinnen und Christen nahmen den Zeugungsmythos ihrer Zeit auf und beanspruchten: Christus ist der wahre Kaiser, der wahre Pharao, der wahre Herrscher dieser Welt.

Will ich damit sagen, Jesus sei nicht von einer Jungfrau geboren?
Persönlich vertraue ich auf Wunder. Zudem ist die Jungfrauengeburt von tiefer theologischer Bedeutung. Doch, sich für oder gegen diese Frage auszusprechen, verfehlt den eigentlichen Punkt.

Was ich weiss: Das Christentum hat die Machtstrukturen der antiken Welt auf radikalste Weise unterwandert – und damit ein Fundament gelegt für unsere freie westliche Welt, für Demokratie und Menschenrechte.

Antike Herrscher unterdrückten ihr Volk und nahmen dafür göttliche Legitimation in Anspruch.
In Jesus Christus begegnet uns ein Herrscher – ja Gott selbst –, der von seinem Thron steigt, zu den Menschen kommt, um ihnen zu dienen, ihnen zu helfen und für sie da zu sein.

Jesus wird nicht als Sohn eines Gottes präsentiert, der über der Welt thront, sondern als einer, der Teil der Welt ist, ihr dient und sie befreit.

Am deutlichsten zeigt sich mir dies darin, dass diese göttliche Legitimation im Christentum nicht exklusiv bei Jesus Christus stehen bleibt.
In der Antike konnte es immer nur einen Sohn Gottes geben: nur der Kaiser, nur der Pharao war göttlich legitimiert.

Christinnen und Christen erblickten jedoch durch Jesus Christus Gott im Gegenüber. Sie waren überzeugt: Wenn sie einem Menschen helfen, dienen sie Gott selbst.

Besonders deutlich wird das in der Taufe.
Als Pfarrer vollziehe ich bei jeder Taufe – theologisch gesprochen – ein Inthronisationsritual. Was früher nur einzelnen Herrschern vorbehalten war, spreche ich jedem Kind zu. Normale Bürgerinnen und Bürger erkläre ich zu Kindern Gottes – im Vertrauen auf Jesus Christus.

Ich spreche ihnen zu:
Du bist Träger göttlicher Würde.

Das ist keine religiöse Romantik.
Das ist eine radikale Umwertung von Macht.

Darum ist Weihnachten für mich kein harmloses Fest, das von Wundern erzählt, an die nur Kinder glauben können.
Nein – aktueller denn je ist Weihnachten eine Zumutung für jede Form von Herrschaft, die sich über Menschen erhebt. Es ist eine Absage an alle Bewegungen und Ideologien, die Menschen einteilen wollen in höhere und niedrigere, in göttliche und normale.

Denn wenn Gott im Kind in der Krippe erkannt wird,
dann muss Gott auch im Gesicht meines Gegenübers erkannt werden.

Und das verändert alles.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Kann Sprache die Realität verändern? Über die Kraft der Glaubensrede

Foto von Jason Leung auf Unsplash

Nichts ist ohne Sprache.
Sprache ist zentral.

Es gibt unzählige Sprachen auf der Welt – und nichts ist ohne Sprache.
Wenn ich den Sinn der Sprache nicht kenne, bin ich für den Sprecher ein Fremder, wie der Sprecher für mich.[1]


So schrieb Paulus an die Korinther.

Sprache macht die Welt benennbar.
Dadurch wird sie greifbar und real.
Dank der Sprache können wir uns in der Welt orientieren und miteinander kommunizieren.
Sprache erschliesst uns die Welt – und zugleich verschliesst sie sie auch.
Dort, wo ich den Sinn der Sprache nicht kenne, wird mir die Welt fremd – und ich ihr.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ [2]
So sagt es Wittgenstein.

Das gilt gerade auch für den Glauben.
Religion ist eine Sprache, die gelernt werden will.
Wer sie spricht, dem eröffnet sich eine neue Welt.
Religion und Sprache sind tief miteinander verbunden.
Religionen leben von Sprache.
Sie entstehen aus sprachmächtigen Gestalten und heiligen Schriften.
Religion wird wie Sprache vorgefunden.
Wir werden in sie hineingeboren, wir erlernen sie – und werden dadurch Teil unserer Kultur.

Zwei Funktionen von Sprache

Wie prägend Sprache für unser Denken ist, zeigte Ludwig Wittgenstein.
Seine erste Schrift, der Tractatus logico-philosophicus, war streng und klar.
Sprache hat eine Aufgabe.
Einen richtigen Gebrauch.
Sie beschreibt, was ist. Punkt.[3]
Mehr soll und kann Sprache nicht.
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Danach schwieg Wittgenstein –
um 25 Jahre später eine ganz neue Sicht auf Sprache zu entwickeln.
Er verwarf die Reduktion auf das blosse Beschreiben.
In den Philosophischen Untersuchungen zeigt er:
Sprache hängt vom Kontext ab – von der jeweiligen Tätigkeit oder Lebensform.
Sprache kennt viele Formen.
Sie spielt unterschiedliche Spiele. [4]
Die Anzahl von Sprachspielen bleibt bei Wittgenstein offen.

Die Sprachakttheorie von Austin und Searle unterscheidet zwei Funktionen:
propositional und illokutive.
Inhalt und Absicht. [5]  
Auch hier:
Sprache beschreibt die Wirklichkeit nicht nur.
Sie hat eine Absicht:
Sie greift schaffend in sie ein.

Es gibt zwei Sprachen in der Sprache.
Sprache kennt zwei Funktionen.
Die Erste ist die beschreibende der Logik und Empirie:

„Sprechen heisst dann: das Rätsel enträtseln, etwas definieren, abgrenzen.
Dieses Ding ist so und nicht anders: Wasser ist kein Dampf, kein Eis.
Hier ist nicht dort. Eins ist eins, zwei ist zwei, tot ist tot.“ [6]

Die Zweite ist mehrdeutig, doppelsinnig und paradox –
die Sprache der Bilder und Metaphern.
Sie weckt Vorstellungen.
Sie erschafft Gefühle, die sich dem rein Beschreibbaren entziehen.

Hier ist die religiöse Sprache zu Hause.
Sie bewirkt, was sie sagt.
Sie will nicht nur informieren – sie will transformieren.

2. Sprachformen in den Gleichnissen Jesu

Dieses Verständnis von Sprache ist nicht selbstverständlich.
Aber zentral.
Wem es fehlt, verfehlt die Absicht der Bibel.

Wir kommen aus der Moderne – dem Zeitalter der Vernunft.
Was zählt, ist der Logos.
Zu überwinden ist der Mythos.
Hinter den Bildern soll der eindeutige Begriff liegen.

So dachte man lange auch über die Gleichnisse Jesu.
Nach Adolf Jülicher (1857–1938) lassen sich Gleichnisse in einen Bild- und Sachanteil zerlegen. [7]
Jülicher folgte Aristoteles:
In einem Gleichnis werden Worte auf andere Worte übertragen –
„Achill, der Löwe.“
Ein Gleichnis wird richtig verstanden,
wenn man die Bildsprache auf die sachliche Ebene zurückführt.[8]
Es gilt, den wahren logischen Gehalt aus der Symbolhaftigkeit zu bergen.

Doch das stimmt nicht ganz.
Ein wichtiges Element der Metapher wird dabei übersehen.
In der Metapher wird nicht nur ein Wort in ein Bild übertragen –
das Bild verändert auch das Wort.
Ein neuer Textzusammenhang entsteht.
Ein neuer Sinn wird erschaffen.

Die Metapher wirkt in beide Richtungen:

„Nicht nur Achill ist wie der Löwe, sondern zugleich dieser auch wie Achill.“[9]

Die Metapher ist keine vereinfachte Darstellung eines Inhalts.
Sie ist ein sinnschöpfender Akt.
Sprache schafft und entdeckt neues Wissen.

So auch in den Gleichnissen Jesu.
Sie nehmen die alltäglichen Erfahrungen der Menschen auf
und lassen sie zum Gleichnis der Gottesherrschaft werden.
Der Acker wird zum Reich Gottes.
Die Ernte zum Gericht.
Der Alltag erscheint im neuen Licht.

Jesu Sprache lässt die Gottesherrschaft sichtbar werden –
hier und jetzt.
Sie macht das Göttliche präsent.

Wer nur die sachliche Ebene sucht,
verpasst diese schöpferische Kraft.
Der Mythos ist keine kindliche Vorstufe der Logik.
Religiöse Rede greift das Wirkliche auf
und lässt es in neuem Licht erscheinen.
Sie erschafft einen Realitätsüberschuss –
und lässt den Hörer eine göttliche Wirklichkeit entdecken.

Persönliches Fazit

Diese Sicht zeigt die besondere Kraft religiöser Sprache.
Glaubenssprache ist kein naiver Rest aus alten Zeiten.
Sie ist Urkraft.
Sie erschafft.

Peter Sloterdijk nennt das Theopoesie.[10]
Theopoesie betont die empfundene Wirklichkeit des Menschen,
sich selbst zu überschreiten.
Sprache verselbständigt sich.
„Es“ beginnt im Menschen zu reden –
über die Dinge, die ihn selbst übersteigen.
Das ist die Seite der Sprache,
die den Himmel zum Klingen bringt.

Diese Sprache ist kraftvoll –
für das Gute
und das Böse.

Gottesdienst, Konfirmandenunterricht und Theologiestudium vermitteln diese Sprache.
Die Kirche schult uns darin.
Und ihre Tragweite ist gross.

Darum suche ich nach Glaubenssprache –
in und für die heutige Zeit.
Dabei sind mir Gedichte wichtig.

Im Dichten erfahre ich die Macht der Sprache –
und ihre Ohnmacht.
Oft bleibt das rechte Wort aus.
Dichten ist Scheitern.
Ein Ringen, das oft im Schweigen endet.

Beim Schreiben spüre ich:
Die poetische, metaphorische Sprache steht an der Grenze des Sagbaren.
Vom Göttlichen zu sprechen, muss einem geschenkt werden.
Der Überschuss der Wirklichkeit lässt sich nicht in Worte zwingen –
sondern nur stammelnd ertasten.


[1] 1. Korinther 14, 10f

[2] Wittgenstein, Tractatus (19685): 89.

[3] Vgl. Wittgenstein, Tractatus (19685): 115. Unter Punkt 6.53 beschränkt Wittgenstein die Aufgabe der Philosophie dahingehend; „Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft“. Und unter Punkt 7 kommt er darauf aufbauend zu seinem berühmten Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“.

[4] Vgl. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (1984): PU 23.

[5] Vgl. Arns, Religiöse Sprache (2009): 43.

[6] Oosterhuis, Die zweite Sprache (1994): 242f.

[7] Vgl. Grötzinger, Reden von und über Gott (2017): 95f.

[8] Dem widerspricht Bloomberg. Er geht davon aus, dass das metaphorisch Gesagte nicht ohne inhaltlichen Verlust in begriffliche Sprach übertragen werden kann. Vgl. Ebd.: 99.

[9] Ebd.: 100f.

[10] Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen (2020): 76.

Dieser Text basiert auf einer Seminararbeit zum Thema „Religiöse Kommunikation – Erkundungen an den Grenzen von Theologie und Literatur“ vom 16. Januar 2021. Der Text wurde eigenständig vom Autor verfasst, ohne Einsatz von KI.

Warum brauchen wir heute mehr Demut als Gewissheit? Die Kraft eines schwachen Glaubens

Foto von Joshua Brown auf Unsplash

Wir leben in kuriosen Zeiten.
Religion verstummt.
Die Gesellschaft wird religiöser.
Eine seltsame Spannung:
Der Glaube an Gott schwindet,
das Denken in absoluten Wahrheiten wächst.
Mit Inbrunst werden die eigenen Überzeugungen vertreten.

Glaubenskriege ganz ohne Gott?
Politik,
Ernährung,
Klima –
sind dies die neuen Glaubensfragen?
Die eigene Sicht erscheint absolut richtig.
Wer anders denkt –
moralisch abgewertet
oder gar ausgeschlossen.

Darum glaube ich,
wir brauchen nicht mehr,
sondern weniger,
keinen starken,
sondern
einen schwachen Glauben.
Was heisst das?
Antworten finden sich bei Lukas,
Kapitel 18, Verse 9–14:
das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer.

1. Zwei Ebenen der Geschichte

Erste Ebene: Zwei Arten des Glaubens

Zuerst
das Unmittelbare,
der Inhalt selbst.
Zwei unterschiedliche Glaubensformen,
zwei ungleiche Arten des Gebets.
Zwei Männer gehen in den Tempel, um zu beten.
Der Pharisäer spricht:

„Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier. Zwei Tage in der Woche faste ich, und ich gebe den zehnten Teil von allem, was ich kaufe.“

Abseits. Still.
Der Zöllner.
Traut sich nicht, zum Himmel aufzublicken.
Schlägt sich an die Brust

„Gott, vergib mir! Ich weiss, dass ich ein Sünder bin.“

Zwei Arten, vor Gott zu stehen.

Der Pharisäer braucht Gott,
missbraucht Gott für sich selbst,
um sich absolut zu setzen –
eigenständig,
unangreifbar,
losgelöst von anderen.

Gott – Mittel zum Zweck,
um die eigene Position,
die eigene Ansicht,
den eigenen Lebensstil
als unantastbar richtig zu deklarieren.

Zurück bleibt er allein.
Besser als alle,
getrennt von allen.
Die Beziehung bricht,
zu Gott,
zum Mitmenschen.

Sein Glaube – ein abgeschlossenes System.
Gott wird relativ,
fassbar,
klein genug
für seine eigene Hosentasche.

Ein Gott,
zugeschnitten
auf die eigene Meinung,
die eigene Lebensform.

Anders der Zöllner.
Gott übersteigt
jedes Denken,
jede Gewissheit,
jede Lebensform.
Im Angesicht Gottes
begrenzt er sich selbst.

Nicht Gott,
er selbst wird relativ.
Relativ meint Relatio – Beziehung.

„Sei mir Sünder gnädig.“

Die Gnadenbitte öffnet.
Seine Haltung:
die der offenen Hand.
„Hilf mir,
beschenke mich,
ich brauche dich.“

Dieser schwache,
abhängige,
suchende Glaube ist paradox stark –
weil er Raum schafft für Beziehung.
Der Pharisäer lebt einen absoluten Glauben,
der Beziehungen zerstört.
Der Zöllner lebt einen relativen Glauben,
der Beziehungen ermöglicht.

Zweite Ebene: An wen Jesus die Geschichte richtet

Die zweite Ebene:
der Kontext der Geschichte.

„Einige der Leute waren davon überzeugt, dass sie gerecht vor Gott lebten. Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig. Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis.“

Jesus spricht zur religiösen Elite,
kritisiert seinesgleichen,
weist sein eigenes Team zurecht.
Er kritisiert Religion – von innen heraus.
Dies wird oft übersehen.
Christentum ist Religionskritik.
Manche sagen, Marx und Co. brachten nichts Neues.
Schon die alten Propheten erhoben ihre Einwände.
Von Amos bis Jesus –
die Bibel ist eine wichtige Quelle für Glaubenskritik.
Dies ist eine Stärke des Christentums:
Die Kirche hat nicht nur die Aufgabe,
Glauben zu fördern,
sondern auch dessen Ausübung kritisch zu reflektieren.

Wichtiger Punkt,
gerade heute an diesem Taufsonntag.
Die Verpflichtung der Eltern,
ihr Kind in der christlichen Tradition zu erziehen,
beinhaltet die Glaubensvermittlung
und die Schulung in dessen Kritik.

Gehen wir weiter
zur Frage der Relevanz.

2. Relevanz für heute

Wo liegt die Bedeutung für heute?
Hierzu: ein spannendes Interview bei Sternstunde Religion.
Ich mag das Format.
Bernd Stegemann im Gespräch –
Dramaturg und Theaterwissenschaftler.
Er sagt:

„Der moderne Mensch führt Glaubenskriege, ohne an Gott zu glauben.“

Wir leben in einer säkularen Welt –
dennoch verhalten wir uns religiös.
Nicht, dass die Leute beten
oder gar in die Kirche gehen würden.
Es ist die Haltung:
Wir setzen Meinungen absolut
und erklären Andersdenkende zu Ungläubigen.

Diese Dynamik zeigt sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen.
Ohne den folgenden Beispielen ganz gerecht zu werden,
hier vier Themenfelder, die dies verdeutlichen:

  1. Die Bewegung der „Letzten Generation“.

    Das Anliegen,
    ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen,
    ist wichtig und richtig.

    Ihre Kommunikation
    trägt religiöse Züge.
    Der Name „Letzte Generation“
    ist eschatologische,
    endzeitliche Sprache.

    Die eigene Zukunftsvision ist definitiv,
    es gibt nur einen möglichen Verlauf.
    Wer dies anders sieht,
    liegt falsch,
    trägt die Schuld
    am unvermeidlichen Ende.

    Dialog mit Andersdenkenden
    wird schwierig,
    gar unmöglich.
    Nochmals: Ich verstehe das Anliegen,
    doch die verwendete Sprache sehe ich kritisch.

  2. Die politische Spaltung.

    In vielen Ländern,
    besonders in den USA,
    verhärten sich die Fronten:
    links gegen rechts,
    liberal contra konservativ.

    Die politische Haltung wird zum religiösen Bekenntnis:
    das eigene Programm – der Weg zum Heil.
    Der Präsident:
    der Messias oder der Teufel.
    Das eine oder das andere,
    je nach Partei.
    Doch beide Seiten stehen im Extrem.
    Es geht nicht um die Sache,
    sondern um Treue zum Lager.
    Der Diskurs stirbt,
    Zusammenarbeit ausgeschlossen,
    denn beide Seiten setzen ihre Wahrheit absolut.

  3. Der Nahostkonflikt.

    Das Thema ist heikel.
    Wir sehen zwei Flaggen:
    Palästina und Israel.
    In uns regen sich Emotionen.
    Wir sind mitten im Konflikt.
    Egal, wo wir stehen –
    wenn wir die eine oder die andere Flagge sehen,
    spricht wahrscheinlich der innere Pharisäer:

„Wie kann man nur!
Gott sei Dank bin ich nicht wie diese Leute.“

Auch hier:
Ich teile das Anliegen.
Völkermord und Terrorismus sind zu verurteilen.
Doch bei jedem Streit gilt:
religiöse Haltung ist destruktiv.
Nie kämpfen reine Gute gegen absolut Schlechte.
Alle tragen Schuld.
Beide haben Gründe.

  1. Ernährung und Lebensstil.

    Essen.
    Ich liebe es
    und geniesse es.
    Doch auch hier spriesst das Religiöse.
    Ernährung kann moralische Kategorie sein.
    Vegan ist der Weg zur Gesundheit.
    Das Heil liegt in der richtigen Diät.
    Und so kann Nahrung trennen.
    Gemeinsames Essen,
    Austausch und Beziehung
    werden so schwierig.

Was nun?
Neben der Diagnose findet sich bei Bernd Stegemann auch ein Lösungsansatz:

„Nur wenn wir anerkennen, dass unsere Ansprüche kein göttlicher Wille sind – wenn wir die Demut dem Bescheidwissen vorziehen –, können wir die Welt bewahren oder sogar besser machen.“

Mich erinnert dies an den Zöllner.
Ein relativer, schwacher Glaube,
der die Gesellschaft offen hält.
Wer seine Überzeugung relativiert,
wer Demut übt,
dem anderen zuhört,
der baut Brücken –
und rettet damit das,
was uns verbindet.

3. Zwei Anwendungen im Alltag

Wie kann das konkret aussehen?
Diese Predigt kann ich nicht von anderen einfordern.
Sondern nur auf mich und meine Bubble anwenden.

  1. Differenzierte Selbstkritik üben.

    Ich möchte mich in differenzierter Selbstkritik üben.
    Es liegt eine Kraft darin,
    die eigene Position zu hinterfragen,
    Kritik am eigenen Lager zu üben.

    Die Menschen,
    die die Grenzen und Schwächen,
    die Fehler und Sünden
    bei sich selbst
    und im eigenen System kennen und benennen,
    das sind die wichtigen Stimmen unserer Zeit.
    Konservative, die rechte Übertreibungen erkennen.
    Linke, die um die eigenen Abgründe wissen.
    Israelis, die Missstände in Israel ansprechen.
    Palästinenser, die den eigenen Umgang mit Gewalt thematisieren.
    Umweltaktivistinnen, die um die Schwierigkeiten einer radikalen Umweltpolitik wissen.

Paradox:
Diese Stimmen schwächen ihr Anliegen nicht.
Im Gegenteil:
Wer die eigenen blinden Flecken kennt,
um die Schwächen seiner Position weiss,
ist glaubwürdiger und reifer.
Hier zeigt sich, wer sein Gebiet wirklich beherrscht.

  1. Einen „schwachen Glauben“ leben.

    Zweitens
    möchte ich mich
    in einem „schwachen“
    bzw. „relativen“ Glauben üben.

    Was meine ich damit?
    Das schwache Denken von Gianni Vattimo erklärt es:

„Aus dem schwachen Denken ergibt sich auch eine bestimmte Haltung anderen gegenüber: Weil ich mir meines Seins und der Welt nicht sicher bin, höre ich zu und komme ins Gespräch, statt Letztbegründungen und Wahrheiten zu verkünden. Mit dieser Haltung kann ich in einer pluralistischen Gesellschaft leben.“

Diese Haltung wünsche ich mir.
In aller Selbstüberzeugung
die eigene Position,
das eigene Sein
offen halten,
relativ zu sein –
im Sinne von:
Raum schaffend
für andere und ihre Sicht.

Dies ist für mich gelebtes Christentum –
aus zwei Gründen.

Erstens verkünden wir
einen allumfassenden
und dabei
unfassbaren Gott.
Gott übersteigt jede Position,
ist grösser als jedes Denken
und Sprechen.
Kann Gott nie erfasst werden,
ist er immer mehr als meine eigene Perspektive.
Folglich:
Gott ist immer auch beim anderen zu finden.
Auch der,
der ganz anders denkt,
hat mir etwas zu lernen.

Zweitens:
In Jesus Christus zeigt sich Gott
als der, der sich selbst zurücknimmt,
sich beschränkt,
um Raum zu schaffen für andere.
In Jesus Christus begrenzt sich Gott,
relativiert sich Gott.
Darin,
in Jesus Christus,
liegt die Grundlage zur Gottesbeziehung
und zur Beziehung zu unseren Mitmenschen.

Darin liegt die Kraft eines schwachen Glaubens.
Er könnte die Grundlage zu einer gesunden und pluralen Gesellschaft sein.

Amen.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 26.10.2015. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Du willst genau wissen was das heisst? Hier findest du den gesamten Chatverlauf als PDF: https://christiangfeller.org/wp-content/uploads/2025/11/Dok10-1.pdf

Was, wenn das Pendel zurückschlägt?

Foto von Edward Cisneros auf Unsplash

Punkto Glaube und Kirche bewegt sich etwas in der Gesellschaft. Die aktuellen Meldungen sind bemerkenswert: Junge Menschen zeigen vermehrt Interesse am christlichen Glauben und an der Kirche. So liessen sich etwa in der Osternacht 2025 in Frankreich rund 18’000 Menschen in der katholischen Kirche taufen[1], in Grossbritannien berichten Medien über stark steigende Bibelverkäufe[2], und in Schweden wird gar von Jesus Christus als „einflussreichstem Influencer“ gesprochen.[3]

Auch hier in Zürich höre ich von Pfarrkolleginnen und -kollegen, dass sich Jugendliche für den Glauben interessieren. Selbst erlebe ich, wie sich einzelne Jugendliche eigenständig für den Konfirmationsunterricht anmelden oder sich nach der Erwachsenentaufe erkundigen.

Als Pfarrer freue ich mich über diese Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube eine wichtige Ressource für ein gelingendes Leben und eine gesunde Gesellschaft ist. Entsprechend begrüsse ich ein wachsendes Interesse junger Leute an dieser Quelle des Lebens.

Gleichzeitig sehe ich in dieser Entwicklung auch eine Gefahr. Ich frage mich, ob die Kirche und religiöse Gemeinschaften gut damit umgehen werden. Falls nicht, befürchte ich, dass das Pendel bald wieder zurückschlägt. Was meine ich damit?

Warum jetzt dieses Interesse?

Suchen wir zuerst nach Erklärungen für dieses neue Religionsinteresse. Folgende These erscheint mir plausibel: Wir leben in Zeiten grosser Freiheit. In der Postmoderne findet das Ideal, sich von allem zu lösen – Normen, Traditionen, Autoritäten – seinen Höhepunkt. „Richtig“ ist, was ich für mich als stimmig definiere. Diese Freiheit birgt enorme Chancen: individuelle Selbstbestimmung, Kreativität, Vielfalt. Besonders dann erlebe ich sie als bereichernd, wenn ich mich von strikten Regeln, Traditionen und Vorgaben emanzipieren kann. Ein anderes Gefühl weckt diese Freiheit jedoch, wenn ich auf einer „leeren Wiese“ mit ihr konfrontiert werde. Wenn ich nichts als diese Freiheit kenne, kann ich sie als belastend erleben: Entscheidungsdruck, Orientierungslosigkeit, Sinnleere.

Der Psychologe Barry Schwartz bezeichnet dies als Paradox of Choice: Wenn ich zu viele Möglichkeiten habe, wächst die Angst, mich falsch zu entscheiden. Wahlmöglichkeit wird zur Überforderung – die Freiheit zur Last.

In einer solchen Lage fragen viele Jugendliche: „Kann mir nicht etwas oder jemand Orientierung schenken? Wer hilft mir, mich zu entscheiden? Gibt es Werte, die mir sicher zeigen, was richtig und was falsch ist?“
Für solche Fragen haben Kirche und Religion definitiv Antworten parat: Gemeinschaft, Geschichte, Verbindlichkeit, Orientierung. Kein Wunder, dass insbesondere traditionelle Formen mit klaren Strukturen und Ritualen – wie die katholische Kirche – derzeit besonders an Attraktivität gewinnen: Sie stehen nicht nur für Freiheit, sondern auch für Halt und Klarheit.

Der christliche Glaube bietet kein zeitloses Wertesystem

Das steigende Interesse an Religion könnte also so erklärt werden: In Zeiten von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und gesellschaftlichen Umbrüchen sehnen sich viele nach klaren Regeln und festen Werten. Sie schenken Stabilität, Sicherheit und Halt – und sie können die Angst lindern, die mit der Freiheit eigener Entscheidungen einhergeht. Denn Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Und Verantwortung kann überfordern.

Wie gehen wir nun als Kirche und als Christinnen und Christen mit dieser Sehnsucht um? Es gibt Stimmen, die sagen: Endlich findet die Jugend zurück zur Wahrheit. Endlich wird erkannt, dass die wichtigen Dinge nicht individuell wählbar sind und schon gar nicht von unseren Gefühlen und Vorlieben abhängen. Es gibt zeitlose Wahrheiten, die immer und für alle gelten.[4]

Tatsächlich – manches ist universell gültig. Das Schachspiel funktioniert seit Jahrhunderten nach denselben Regeln, und der Satz des Pythagoras bleibt wahr, egal in welcher Epoche oder Kultur. Diese Ordnung hat etwas Tröstliches: Sie vermittelt Verlässlichkeit.

Doch der christliche Glaube ist keine mathematische Formel und kein magisches Regelwerk, das man nur auswendig lernen müsste, um das Leben zu „lösen“. Der christliche Glaube bietet kein zeitloses Wertesystem. Der Kern des Glaubens ist Beziehung – zu Gott, zu mir selbst, zu anderen Menschen. Und Beziehungen sind nicht statisch und sie sind nicht delegierbar. Ich kann nicht für jemand anderen Ehe oder Freundschaft leben, und genauso kann ich nicht für andere beten, glauben oder ethische Entscheidungen treffen. Beziehung braucht persönliche Auseinandersetzung, Zustimmung, Emotion und Beteiligung. Wer glaubt, kann nicht einfach übernehmen – er muss sich selbst auf seinen Glaubensweg machen.

Gerade darin liegt die Spannung: In einer Zeit, in der wir es gewohnt sind zu konsumieren – Produkte, Meinungen, auch Sinnangebote –, kann man leicht in die Versuchung geraten, auch Glauben zu konsumieren. Man nimmt ihn an, weil er Sicherheit verspricht. Regeln und Werte geben Orientierung – und sie entlasten, weil ich nicht ständig neu entscheiden muss.

Doch genau das kann gefährlich werden, wenn dieser Schritt zu schnell oder zu unreflektiert geschieht. Wer sich an klare Strukturen klammert, um die Last der Freiheit loszuwerden, läuft Gefahr, die Inhalte nur äusserlich zu übernehmen. Ich kann Regeln befolgen, ohne sie innerlich verstanden zu haben. Ich kann Mitglied einer Gemeinschaft sein, ohne ihre zentralen Überzeugungen persönlich nachzuvollziehen. Ich kann glauben, ohne je gefragt zu haben: Warum eigentlich?

Wer Regeln übernimmt, ohne ihr Warum zu kennen, macht sie leicht zum Selbstzweck. Dann wird die Regel zum Ziel – statt zum Werkzeug. Gute Regeln haben aber immer einen Sinn. Eine rote Ampel ist kein Selbstzweck – sie ist da, damit ich nicht überfahren werde. Wenn jedoch eine rote Ampel an einer Strasse steht, auf der nie ein Auto vorbeifährt, macht es irgendwann keinen Sinn mehr, sie zu beachten.

So ist es auch im Glauben: Wenn ich nicht investiere, den Sinn und Zweck hinter Werten, Geboten und Traditionen zu verstehen, bleiben sie leer. Früher oder später – spätestens bei der nächsten Generation – wird die Frage auftauchen: Wozu eigentlich? Und wenn es hier keinen Raum zum Hinterfragen und zur Selbstreflektion gibt, werden Regeln nicht mehr als Orientierung erlebt, sondern erneut als Gefängnis, aus dem es gilt, auszubrechen.

Darum braucht es die persönliche Auseinandersetzung: das eigene Warum. Nur wer versteht, kann auch tragen. Nur wer Sinn erkennt, kann Regeln mit Überzeugung leben. Und nur wer selbst Verantwortung übernimmt, wird Freiheit nicht als Last, sondern als Geschenk erfahren.

Die Versuchung der Kirche

Der Prophet Jeremia beschreibt in Kapitel 31 einen neuen Bund, den Gott mit den Menschen schliesst. Dieser Bund unterscheidet sich grundlegend vom alten: Das Gesetz wird nicht mehr von aussen vermittelt, nicht mehr über Mittler wie Mose, sondern direkt ins Herz der Menschen geschrieben. Es ist ein innerer, persönlicher Überzeugung – kein System, das man einfach übernehmen kann, sondern eine Beziehung, die wächst.

Gerade hier liegt für die Kirche – und besonders für uns als geistlich Verantwortliche – eine grosse Herausforderung. Wenn junge Menschen heute wieder nach Sinn, Glauben und Orientierung fragen, ist die Versuchung gross, ihnen wie Mose entgegenzutreten: „Komm zu mir – ich sage dir, was richtig und falsch ist. Ich nehme dir die Last der Entscheidung ab. Folge meinen Regeln, dann findest du Ruhe für deine Seele.“
Das klingt fürsorglich, ist aber gefährlich. Denn wer anderen ihre Verantwortung abnimmt, nimmt ihnen zugleich die Möglichkeit, den Glauben zu verinnerlichen.

So entsteht kein lebendiger, tragender Glaube, sondern ein gelernter, äusserlicher. Ein Glaube, der so lange hält, wie die Autorität stark bleibt – und der bricht, sobald sie hinterfragt wird. Das Pendel schlägt dann unweigerlich zurück. Menschen übernehmen Regeln, die nicht ihre eigenen sind, und verlieren irgendwann das Interesse.

Der neue Bund, von dem Jeremia spricht, ist jedoch von anderer Qualität. Hier wird das Gesetz ins Herz geschrieben – also in die Mitte der Persönlichkeit, dort, wo Verstand, Gefühl und Wille zusammenkommen. Glaube wird nicht mehr auferlegt, sondern eingeübt. Er wird Teil des Lebens, innerlich verankert, erfahrbar.

Ein gutes Bild dafür ist die Musik: Wer ein Instrument lernt, übt zunächst mühsam die Regeln – Noten, Tonleitern, Griffe. Doch mit der Zeit werden diese Regeln verinnerlicht. Irgendwann spielt man frei, improvisiert, und die Musik wird Ausdruck des eigenen Inneren. Nicht, weil man die Regeln vergessen hätte, sondern weil man sie verstanden und in Fleisch und Blut überführt hat.

So ähnlich ist es auch mit dem Glauben. Wer lernt, im Dialog mit Gott zu leben – in der Auseinandersetzung mit der Bibel, im Gebet, in der Gemeinschaft –, entdeckt nach und nach, wie Freiheit und Orientierung zusammengehören. Nicht als Gegensätze, sondern als Spannungsfeld, in dem sich reifer Glaube bewegt.

Mein persönliches Fazit

Ich wünsche mir, dass wir als Kirche junge Menschen auf genau diesen Weg mitnehmen – nicht, indem wir ihnen die Last der Freiheit abnehmen, sondern indem wir sie begleiten, die Freiheit, ihr Leben und ihren Glauben verantwortlich zu gestalten. Wir können ihnen helfen, Wege zu finden, wie sie selbständig, reflektiert und ehrlich glauben lernen.

Dieser Weg befreit nicht von der Last der Freiheit. Aber er zeigt, dass Freiheit und Glaube sich nicht ausschliessen. Im Gegenteil: Der Glaube befreit dazu, diese Freiheit bewusst zu leben.

Darin liegen die Schönheit und die Herausforderung des christlichen Glaubens: dass Gott nicht Kontrolle sucht, sondern Beziehung. Und dass er uns zutraut, mit ihm im Gespräch zu bleiben – mit Kopf, Herz und Händen.

Ich glaube, wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit. Denn dieser Glaube – ein persönlicher, verantworteter, freier Glaube – ist vielleicht gefragter als je zuvor.


[1] https://cathnews.com/2025/04/14/france-to-see-a-record-17800-catechumens-baptised-at-easter/

[2] https://www.e-n.org.uk/uk-news/2025-04-bible-sales-soar-in-the-uk

[3] https://www.citychurch.ee/will-jesus-be-swedens-most-popular-influencer-in-2025/

[4] Mit dieser Sichtweise argumentierte Johannes Hartl an der ICF-Konferenz 2025. Der vorliegende Blogbeitrag versteht sich als reflektierte und kritische Weiterführung seiner Überlegungen. Sein Vortrag ist hier zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=l5EE2J5fBik

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Wie kann ich meinen Platz im Leben finden?

Foto von Eugene Chystiakov auf Unsplash

Wie unbeschwert sind die Kinderjahre.
Kein Hinterfragen.
Kein Vergleichen.
Wohnort, Freunde, Tagesablauf –
alles ist so, wie es eben ist.
Sicher mal langweilig.
Mal besser, mal schlechter.
Aber kein Kind hinterfragt seinen Platz in der Welt.
Da, wo das Kind ist, ist es zu Hause.

Erwachsenwerden heisst,
dass sich diese Frage plötzlich stellt.
Schritt für Schritt entwachsen wir dem Elternhaus.
Wer aus dem Nest fällt,
muss schauen, wohin ihn seine Flügel tragen.

Wo ist mein Platz?
Jesus erzählt im Lukasevangelium (Kapitel 14, Verse 7 – 14) eine Geschichte zu dieser Platzsuche:

Den richtigen Platz finden

7 Jesus beobachtete,
wie sich die Gäste die Ehrenplätze am Tisch aussuchten.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis:
8 »Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist,
such dir nicht den Ehrenplatz aus.
Denn es könnte ein Gast eingeladen sein,
der vornehmer ist als du.
9 Sonst wird euer Gastgeber kommen und dir sagen:
›Mach ihm bitte Platz!‹
Dann musst du beschämt
auf den entferntesten Platz wechseln.
10 Nein! Wenn du eingeladen bist,
geh hin und wähle den entferntesten Platz.
Dann wird der Gastgeber kommen und zu dir sagen:
›Lieber Freund, rück doch näher zu mir.‹
So wirst du vor allen anderen Gästen geehrt.
11 Denn wer sich selbst gross macht,
den wird Gott niedrig und klein machen.
Aber wer sich selbst niedrig und klein macht,
den wird Gott gross machen.«
12 Dann sagte Jesus zu dem Gastgeber:
»Wenn du ein Mittag- oder Abendessen gibst,
lade keine Leute ein, die wiederum dich einladen –
deine Freunde, deine Brüder,
deine Verwandten oder reichen Nachbarn.
Sonst ist deren Einladung dein ganzer Lohn.
13 Wenn du zu einem Mahl einlädst,
lade vielmehr Arme, Verkrüppelte,
Gelähmte und Blinde ein.
14 Glückselig wirst du sein,
denn sie können dir nichts zurückgeben!
Du wirst aber deinen Lohn bekommen,
wenn Gott die Gerechten vom Tod auferweckt.«

Worin liegt die Relevanz dieser Geschichte für unser Leben heute?

Die Sehnsucht nach Heimat,
das Verlangen, unseren Platz in dieser Welt zu finden,
ist eines der grössten Themen unserer Zeit.

Nach Hartmut Rosa ist dies eines der zentralen Anliegen der Moderne:
„Dass wir hinausziehen können in die Welt, um den Platz zu finden, der ›uns anspricht‹, an dem wir heimisch werden können, den wir zu dem unseren machen dürfen – das ist die Verheissung der modernen Freiheitsvorstellung. ›Unseren Platz finden‹ meint dabei das Herstellen von lebendigen Beziehungen in allen Dimensionen: Der physische Ort, der uns Heimat werden kann, gehört ebenso dazu wie der Beruf, der Lebenspartner, die ästhetischen Praktiken, die religiöse, politische oder sonstige Weltanschauungsgemeinschaft usw.“
(Hartmut Rosa, Resonanz)

Dabei ist dieses Anliegen nichts Neues.
Die Suche nach Heimat ist so alt wie die Menschheit selbst.
Neu ist die Freiheit, die wir in dieser Suche haben.
Wir haben die Freiheit, unseren Platz selbst zu wählen.
Wir müssen nicht denselben Beruf erlernen wie unser Vater.
Niemand schreibt uns vor, ob und wen wir heiraten sollen.
Grundsätzlich steht uns jede Ausbildung und jeder Wohnort offen.

Durch diese einmalige Freiheit wird die Sehnsucht zum Anspruch.
Das Mantra lautet: Streng dich genug an, und du wirst ankommen.
Es hängt von dir ab, welchen Platz du in dieser Welt bekommst.

Die Worte Jesu scheinen hier keinen Sinn mehr zu machen:
»Nimm dir deinen Platz nicht selbst.
Setz dich lieber weiter unten hin.
Warte.
Lass dir deinen Platz schenken.«

Wer so handelt,
bleibt auf der Ersatzbank sitzen.
Wir können und wollen nicht warten.
Die Suche nach unserem Platz können wir nicht andere überlassen.
Schon gar nicht Gott.

Rosa bezeichnet dies als den Wunsch, die Weltreichweite zu vergrössern:
„Unser Leben wird besser, wenn es uns gelingt, (mehr) Welt in Reichweite zu bringen – so lautet das unausgesprochene, aber im Handeln unablässig reiterierte und reifizierte Mantra des modernen Lebens: Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite grösser wird.“
(Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit)

Dieses »Mehr-Welt-Mantra« prägt uns tiefer, als wir denken.
Wir sehnen uns nach allem, was einen besseren Platz verspricht:
nach Geld – weil es uns Möglichkeiten eröffnet,
nach Mobilität – weil wir frei sein wollen, überall hinzukommen,
nach Ausbildung – weil sie Türen öffnet,
nach dem Leben in der Grossstadt – weil dort alles erreichbar scheint.

Getrieben von diesem Anspruch nach dem bestmöglichen Platz im Leben
schlägt der Wunsch nach Weltreichweite in eine Weltaggression um:

„Das Alltagsleben (…) konzentriert sich und erschöpft sich mehr und mehr in der Abarbeitung von explodierenden To-do-Listen, und die Einträge auf dieser Liste bilden die Aggressionspunkte, als die uns die Welt begegnet: der Einkauf, der Anruf bei der pflegebedürftigen Tante, der Arztbesuch, die Arbeit, die Geburtstagsfeier, der Yogakurs: erledigen, besorgen, wegschaffen, meistern, lösen, absolvieren.“ (Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit)

Wie so oft steckt hinter Aggression Angst:
Wenn wir nicht ständig weitermachen, wachsen, uns steigern,
werden wir unseren Platz nicht nur nicht erlangen,
sondern gar verlieren.

Eltern träumen heute nicht mehr davon,
dass ihre Kinder es einmal besser haben werden –
sie befürchten,
dass es ihnen schlechter gehen wird.

Ich frage mich:
Bekommen wir einen besseren Platz, wenn wir so darum kämpfen?

Zu dieser Frage gibt es ein spannendes Bild von einem Tisch:
Es ist ein sehr grosser Tisch – mit nur zwei Stühlen an den jeweiligen Enden.
Daran sitzen Wladimir Putin und Olaf Scholz.
Zwei Menschen, die je einen der mächtigsten Plätze auf dieser Welt ergattert haben.
Und da sitzen sie –
an ihrem Platz,
an ihrem Tisch,
an der Spitze.
Einsam und allein.

Das ist eine falsche Verwendung eines Tisches.
Es geht beim Tisch – ja, allgemein im Leben –
doch nicht darum, am besten Platz zu sitzen.

Viel wichtiger ist, mit wem ich sitze.
Im Gegensatz zu diesem kalten, leeren Tisch
steht das Bild eines reich gedeckten Tisches,
an dem die unterschiedlichsten Menschen sitzen
und gemeinsam das Leben geniessen.

Wie wohltuend und stimmig dieses Bild doch ist!
Ein Platz an diesem vollen Tisch – ganz egal welcher –
fühlt sich doch viel mehr nach Heimat an
als der einsame Platz an der Spitze.

In dieser Perspektive beginnen die Worte Jesu,
einen neuen Sinn zu entfalten.
Er sagt dem Gastgeber:
Brauch deinen Tisch nicht dazu, um dir selbst einen Vorteil zu verschaffen.
Dein Tisch ist nicht da, damit du den besten Platz hast,
sondern damit du anderen einen Platz schaffen kannst –
und so mit anderen das Leben teilst
und selbst zum Leben findest.

Doch solch ein Platz lässt sich nicht erkämpfen.
Ein Tisch voller Freunde,
ein Abend mit ehrlichen Gesprächen,
mit Lachen, Tiefe und Nähe –
das kann man nicht machen.
So etwas ist unverfügbar.

Wir können den Tisch decken,
das Licht dimmen,
das Essen kochen,
alles perfekt vorbereiten –
aber dass daraus ein wirklicher Abend wird,
einer, der bleibt,
das liegt nicht in unserer Hand.
Es ist ein Geschenk.

Das zeigt sich etwa an Weihnachten:
Wie viele sind Jahr für Jahr
vom gemeinsamen Zusammensein enttäuscht?
Wir wünschen uns Stimmung, Wärme, Frieden –
und gerade dann,
wenn wir sie erzwingen wollen,
entzieht sie sich uns.

Das, was wir erleben möchten,
kommt nur, wenn wir loslassen.

Ein solcher Platz –
wo Nähe, Frieden und echte Begegnung möglich werden –
den kann man sich nicht nehmen.
Er wird einem gegeben.

Und plötzlich werden die Worte Jesus stimmig in unserer Zeit:
„Setz dich nicht auf den besten Platz.“
Nicht, weil du dich klein machen sollst,
sondern weil das Wesentliche
nicht gemacht, sondern geschenkt wird.

Denn der wahre Platz in dieser Welt
ist nicht der, den du dir erkämpfst,
sondern der, an dem du ankommst
und merkst:
Hier bin ich gemeint.

Amen.

Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf einer mündlich gehaltenen Predigt am 31.08.2015. Sie wurden mithilfe eigener Notizen und unter Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen verschriftlicht und redaktionell überarbeitet.

Gewalt und Glaube: Wie Religion Frieden fördern kann

Foto von Sunguk Kim auf Unsplash

Krieg und Konflikte –
Wir werden sie nicht los.
Menschen streiten.
Schon immer.

Warum gibt es keinen Frieden?

Religion ist für viele der Hauptgrund.
Von Belfast bis Bethlehem –
Menschen bekämpfen sich wegen ihrer Religion.

Johann Galtung, Pionier der Konflikt- und Friedensforschung, sieht die abrahamitischen Religionen in der Verantwortung.[1]
Islam, Judentum und Christentum finden Gott ausserhalb des Menschen.
Wer sich Gott als Gegenüber zum Menschen vorstellt, stellt sich Gott räumlich vor.
Wer Gott platziert, kann sich selbst einordnen:
Diese Gruppe ist ihm nah, jene ist ihm fern.
Religionen unterteilen nach Galtung so zwischen den Erwählten und den Anderen.
Die Menschen sind die erwählte Spezies und unterdrücken die Tiere.
Männer unterjochen im Namen Gottes die Frauen.
Die Gläubigen verurteilen die Ungläubigen.
Die Erwählten erheben im Namen Gottes Anspruch auf das Land der Verworfenen.
Diese religiösen Kategorien fördern Krieg.
Da hat Galtung einen validen Punkt.

Was nun?
Religion abschaffen?
Der Kommunismus tat dies.
Was blieb?
Die Gewalt.
Stalin, Mao, die Roten Khmer –
durch sie starben ebenso Millionen.

Vielleicht ist es besser, nicht ohne Religion zu leben,
sondern moderat religiös zu sein.
Es sind ja immer die Fundamentalisten,
die Stress machen.
Je ernsthafter jemand in seinem Glauben ist,
desto diskriminierender und intoleranter scheint er.

Timothy Keller widerspricht:
Das Problem ist nicht zu viel Glaube, sondern zu wenig.[2]
Wer sich im Namen des Christentums über andere erhebt,
nimmt die Quellen seiner eigenen Religion zu wenig ernst.

Gerade die jüdisch-christliche Religion ist eine der wichtigsten Ressourcen für Religionskritik.
Was Karl Marx kritisierte, findet sich bereits bei Amos – und erst recht bei Jesus.
Die Bibel weiss um das Gewaltpotenzial von Religion und kritisiert dies scharf.
Wahre „Fundis“ – Menschen, die ihr Fundament im christlichen Glauben gründen – sind aufgefordert, sich bewusst gegen den Missbrauch von Glauben zum Schüren von Krieg und Gewalt zu wehren.

Zwei Impulse aus dem Christentum erscheinen mir hierbei besonders wichtig:

1. Das Christentum lehrt keinen Dualismus.

Gerade religiöse Menschen sehen die Welt in Schwarz-Weiss.
Hier die Bösen, dort die Guten.
Star Wars kennt diesen Dualismus – die gute Macht gegen die dunkle.
Biblisch ist dieser Dualismus jedoch nicht.
Jüdisch und christlich wird Gott als Schöpfer verstanden.
Gott hat alles geschaffen.
Er hat alles gut geschaffen.
Alles ist grundsätzlich gut.
Selbst der Teufel ist ein gefallener Engel.
Böses ist immer pervertiertes Gutes.
Nichts und niemand ist durch und durch schlecht.
Alles hat einen guten Ursprung – einen richtigen Kern.

Dies ist für mich eine christliche Grundeinstellung:
Andersdenkende, Fremde, selbst mein Feind –
sind nicht das Böse,
das ich zerstören will,
sondern jeder hat einen guten Kern,
von dem ich lernen kann.

Sicher, er mag falsch abgebogen sein,
doch gestartet ist alles und jeder bei Gott.
Auch ich selbst – mit all meinen guten Absichten.
Wie oft ist meine Umsetzung einfach schlecht.
Wir sind alle Kinder Gottes,
die auf die schiefe Bahn geraten sind.

Es kann nicht sein, dass Kontrahenten einfach nur dumm, böse und schlecht sind.
Diesen guten Ursprung immer wieder zu bergen, heisst christlich leben.
Jede Generation hat diesem Dualismus und der daraus resultierenden Spaltung zu widerstehen.
Gott hat alle und alles wunderbar und gut geschaffen.

2. Frieden bedeutet nicht Gleichmacherei.

Ich glaube nicht, dass Frieden bedeutet, dass wir Menschen alle gleich sind.
So sehr ich die Haltung kritisiere, die Gruppierungen schafft, finde ich es auch nicht richtig, alles zu vereinheitlichen.
Es gibt Geschlechter, Völker, Berufsgruppen sowie unterschiedliche Begabungen und Verantwortungen.
Die Bibel spricht hier von Berufung.
Galtung sieht darin das Problem, dass sich die einen über die anderen erheben.
Doch so muss Berufung nicht verstanden werden.

Berufung als Privilegierung wird im biblischen Narrativ durch und durch kritisiert.
Israel wird erwählt –
nicht zum Privileg,
sondern zum Dienst.

Warum können wir heute Hierarchie nur als Diskriminierung verstehen?
Unterschiede müssen nicht automatisch ausgrenzen.
Unterschiede verpflichten zur Verantwortung – für die da zu sein, die anders sind.
Darin sollen wir konsequente Christinnen und Christen sein:
Auserwählung und Berufung immer wieder als Dienst zu verstehen.

„Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung.“
Das wusste schon Spider-Man.

Juden haben eine einzigartige Verantwortung.
Sie leben in einer besonderen Gottesverbundenheit.
Durch Feste, Tradition und Geschichte haben sie eine andere Nähe zum Göttlichen.
Genauso haben Christinnen und Christen durch Jesus Christus ein einzigartiges Gottesbewusstsein.
Daraus resultiert nicht das Recht zur Ausgrenzung oder Überheblichkeit,
sondern zum Dienst in dieser Gesellschaft.

Männer- und Frauenrollen sind fluide und in jeder Gesellschaft neu verhandelbar.
Zeitlos ist die Aufgabe, einander zu dienen – gerade in und mit unseren geschlechtlichen Unterschieden.
Das ist das, was das Christentum und das Judentum unter Berufung verstehen.

Gerade in diesen zwei Punkten haben wir eine Verantwortung, uns für Frieden einzusetzen und das Gewaltpotenzial von Religion immer wieder zu kritisieren.

Ich glaube, Religion ist eine unglaubliche Kraft –
eine unglaubliche Energie zur Beziehung.
Religion kann Menschen verbinden wie kaum etwas anderes.
Jede Kraft – wie etwa Dynamit oder Geld – kann zum Positiven oder zum Negativen genutzt werden.
So gilt es, die Kraft, die das Christentum schenkt, immer wieder neu für den Frieden zu nutzen und sich dagegen zu wehren, dass sie zum Konflikt missbraucht wird.

Amen.


[1] Johan Galtung, “Cultural Violence” in Journal of Peace Research, Vol. 27, No. 3. (1990), S. 291-305.

[2] Timothey Keller, «The Reason for God” (2008), S. 58ff

Der vorliegende Text beruht auf einem Transkript der Predigt vom 5. Oktober 2025 zum Predigttext Matthäus 10, 34-39. Er wurde ohne jegliche Unterstützung durch KI-Systeme – insbesondere beim Redigieren oder Formulieren – erstellt.