Es begann unscheinbar. Wir sassen im Auto, wie immer bestimmten die Kinder den Soundtrack unserer Fahrt. Es liefen Kinderlieder – vertraute Themen, eingängige Melodien. Und doch stellte sich nach und nach eine leise Skepsis ein. Die Stimmen waren zu makellos, die Übergänge zu glatt und die Texte irgendwie schief und flach.
Da dämmerte es uns: Diese Lieder waren nicht einfach produziert. Sie waren KI-generiert.
Meine erste Reaktion war klar: So etwas will ich nicht hören.
Und fast gleichzeitig regte sich ein zweiter Gedanke: Aber selbst zu versuchen, ein Kinderalbum zu produzieren – das fände ich spannend.
Die Idee setzte sich in mir fest, und mit ihr die beiden Regungen von Ablehnung und Neugier.
Wichtige und richtige Einwände
So eine Idee nicht umzusetzen – dafür gibt es berechtigte Gründe.
Da ist zum einen der ökologische Preis: Hinter jeder scheinbar mühelosen Generierung stehen energieintensive Prozesse, deren Auswirkungen real sind, auch wenn sie im Moment des Hörens unsichtbar bleiben. Schon längst haben Grossfirmen wie Google, Microsoft und Co. ihre Nachhaltigkeitsziele relativiert, weil sie mit der Weiterentwicklung von KI kaum vereinbar scheinen.
Und auch die Frage nach dem Urheberrecht ist brisant: KI-Systeme wurden mit Inhalten und Werken trainiert, deren ursprüngliche Schöpferinnen und Schöpfer oft weder gefragt noch beteiligt wurden. Hinzu kommt eine zweite Ebene: Plattformen wie Suno sichern sich weitreichende Rechte. In den Nutzungsbedingungen wird festgehalten, dass Prompts, Songtexte und generierte Audiodateien weiterverwendet werden dürfen – nicht nur für das Training der Modelle, sondern potenziell auch zur Weitergabe an Dritte.
Diese Einwände lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie gehören zu dieser Technologie dazu.
Vom Verlust zur Einübung: Eine andere Sicht auf „Deskilling“
Ein weiteres Problem von KI ist das sogenannte Deskilling, also der Verlust eigener Fähigkeiten. Dies geschieht dort, wo wir Aufgaben an die KI delegieren. Maschinen übernehmen, was Menschen einmal gelernt haben. Kreativität wird ausgelagert, eigenes Können verkümmert.
Doch in Bezug auf Musik stellt sich die Situation – zumindest für mich – anders dar.
Ich kann nicht besonders gut singen. Ich komponiere keine Musik im klassischen Sinne. Die Schwelle, überhaupt ein Lied zu schreiben und zu veröffentlichen, wäre für mich ohne technische Hilfe hoch.
Gerade hier eröffnet KI einen anderen Zugang: nicht als Ersatz vorhandener Fähigkeiten, sondern als Eröffnung neuer Möglichkeiten – und als Einübung in neue Prozesse.
Ich müsste lernen:
- wie man musikalische Stimmungen beschreibt und anleitet, um gute Prompts zu schreiben
- wie ein Lied aufgebaut ist
- wie die rechtliche Lage für Musik im Allgemeinen und KI im Besonderen aussieht
- wie die Veröffentlichung von Musik auf Plattformen wie Spotify oder Apple Music funktioniert
Das klassische Songwriting würde ich teilweise umgehen – dafür aber Fähigkeiten im Bereich der Musikproduktion entwickeln: kuratieren, arrangieren, gestalten.
Die leise Faszination
Und vor allem könnte ich eine Fähigkeit ausbauen, die mir liegt und mir Freude macht: das Schreiben von Texten.
Ich wollte schon lange einmal Musik machen. Nicht unbedingt im Sinne vollständig ausgearbeiteter Kompositionen – aber gute Liedtexte schreiben oder eigene Gedichte vertonen, das hat mich schon länger gereizt.
Beginnen würde ich wohl mit Kinderliedern. Nicht zuletzt, weil ich diesen Prozess mit meinen eigenen Kindern teilen könnte:
- gemeinsam Worte finden
- Themen entdecken
- Rückmeldungen einholen
- erleben, wie aus Ideen Lieder werden
Ein solches Familienprojekt – ein gemeinsamer Weg – würde mir Freude machen.
Darüber hinaus reizt mich der Gedanke, bestehende geistliche Texte neu zum Klingen zu bringen:
- alte Kirchenlieder behutsam umzuschreiben
- Psalmen in eine heutige Sprache zu übertragen
- Texte aus dem Neuen Testament neu zu vertonen
Hier würde ich meine eigentliche Aufgabe sehen: im sorgfältigen Umgang mit Sprache, im Ringen um Worte, die tragen.
Wäre das meine Musik?
Über KI und Authentizität habe ich an anderer Stelle bereits nachgedacht. Die Frage stellt sich auch hier: Wären das meine Lieder?
Unser Verständnis von Authentizität ist oft eng gefasst. Authentisch erscheint nur, was unmittelbar aus einer einzelnen Person hervorgeht – möglichst unbeeinflusst, möglichst „rein“.
Doch ein Blick in die Tradition zeigt ein anderes Bild.
Auch die Texte, die unseren Glauben prägen, sind nicht das Werk isolierter Einzelner. Sie sind gewachsen, überarbeitet, weitergegeben worden. Verschiedene Stimmen haben sich in ihnen eingeschrieben. Autorschaft war immer schon ein vielschichtiger Prozess.
Vielleicht müsste man daher vorsichtiger formulieren:
Nicht alles, was mit Hilfe entsteht, ist weniger wahr oder gar weniger wert.
Produzieren und Hören – eine Unterscheidung
Nach all diesen Überlegungen bleibt meine ursprüngliche Irritation im Auto bestehen. Denn das Problem liegt für mich weniger im Herstellen als im Hören.
Beim Produzieren kann ich mich verorten:
- Ich weiss, was ich tue
- Ich trage Verantwortung für den Prozess
- Ich bin aktiv und kreativ am gestallten
Durch das Hören von KI generierter Musik fördere und unterstütze ich mit meinen Klicks die bereits genannten Probleme. Dabei bin ich selbst nur Passiv. Beim Produzieren nehme ich die Probleme zu Gunsten des Mehrwertes des eigenen Lernprozesses in kauf.
Deshalb würde ich – bei aller eigenen Neugier – vermutlich sagen:
Den Prozess des Musikmachens mit KI würde ich vielen empfehlen.
Das unreflektierte Hören eher nicht.
Ist es sinnvoll, etwas zu tun und gleichzeitig davon abzuraten, das Ergebnis zu hören? Wahrscheinlich nicht.
Wenn ich es dennoch nicht lassen könnte, würde ich mein Endresultat wohl unter einem Pseudonym veröffentlichen – um einen Raum zu schaffen, in dem experimentiert werden kann, ohne sofort bewertet zu werden.
Vielleicht würde es dann so klingen und erscheinen wie bei einem fiktiven Kinderchor – etwa dem „Kinderchor Lichtenau“ unter der Leitung von „Pfarrerin Mara Keller“.
So – oder so ähnlich – würde ich es wohl machen.
Wenn da nur dieses „Wenn“ nicht wäre…
Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit KI-gestützten Werkzeugen. Der Autor hat Inhalte, Struktur und Formulierungen eigenständig konzipiert und redaktionell bearbeitet.
